Konzerte muss man fühlen können

img_4124Es ist viel los, was ich so gar nicht erwartet hätte. Das Publikum schien mir zu Beginn um die fünfzig zu sein, doch sehr bald muss ich meinen ersten Eindruck revidieren. Es sind auch Jugendliche da, die gebannt auf den Beginn des Konzerts warten. Lachend kommen vier Männer auf die Bühne und nehmen ihre Plätze ein. Einer von ihnen ist Miller Anderson, der seine Gitarre greift und loslegt. Miller war bereits in Woodstock dabei und hat dort mit der Keef Hartley Band Geschichte geschrieben. Heute steht er hier und tut das, was er liebt: Musik machen. Am Mikro, ebenfalls die Gitarre in der Hand, steht Gert Lange, der auch sofort zeigt, was er kann. Daneben strahlt Michael „Bexi“ Becker am Bass. Der Mann scheint heute gute Laune zu haben und spielt mal sehr in sich gekehrt, mal herzlich in die Runde lachend seine Parts. Dahinter sitzt am Schlagzeug Hans Wallbaum, der voll in seinem Spiel aufgeht. Aber der Reihe nach, auch wenn viele Eindrücke und Beobachtungen auf einmal auf mich einprasseln.

Bexi strahlt hinter seinem Bass. Die Konzentration wird gut aufgeteilt: mal versinkt er total in seinem Spiel, schaut versonnen auf die Finger, die über die Saiten gleiten. Dann wieder hebt er den Blick, schaut ins Publikum, verweilt bei den Zuschauern und schafft es, diese zum Mitklatschen zu bewegen, ihnen die Freude zu vermitteln, die er offensichtlich beim Spielen verspürt. Dabei lacht er, dreht sich dann zu seinen Kollegen, kommuniziert nur mit Blicken mit ihnen, aber sie verstehen und nicken oder lachen.

img_4265Kollege Gert singt und begeistert schnell mit seiner Stimme, die ruhig die Lyrics wiedergibt. Ob es sanfte Textzeilen sind, die liebevoll vorgetragen werden, oder auch die härtere Gangart, die dann mit erheblich mehr Nachdruck ins Mikro gesungen wird, Lange kann es und er überzeugt absolut. Im Grunde möchte man nur noch die Augen schließen und lauschen – etwas, das man nur bei sehr wenigen Sängern tun möchte. Auch er kommuniziert viel mir dem Publikum, manchmal sind es nur Blicke, ein Lachen, ein fragender Gesichtsausdruck, manchmal spricht er die Anwesenden aber auch ganz direkt an, freut sich, dass sie gekommen sind, dass sie mitfeiern, fordert sie dazu auf, aus sich herauszugehen. Dabei nimmt er die gesamte Bühne ein, geht hin und her, spielt zusammen mit Bexi oder Miller, wendet sich Hansi zu. Es ist lebhaft auf der Bühne, ohne zu viel zu sein, zu chaotisch zu wirken oder unruhig. Es passt und es ist etwas, das sich auf das Publikum überträgt, das zu Beginn noch etwas verhalten ist, schnell aber aus sich herausgeht, applaudiert, jubelt, mitsingt, klatscht und irgendwann sogar zu tanzen beginnt. Aber wie könnte man auch die Füße still halten, wenn die Hamburg Blues Band auf der Bühne steht und loslegt?

Miller hingegen scheint nur schwer warm zu werden an diesem Abend. Er wirkt müde und blass. Zwar spielt er für meine Ohren fehlerfrei, jedoch bleibt er anfangs sehr zurückhaltend, stark auf sein Spiel konzentriert, als wolle er nur ja keinen Fehler machen. Auch der Gesang ist zuerst eher durchschnittlich. Später erfahre ich, dass dies an starken Rückenschmerzen liegt, die ihn einschränken. Jedoch merkt man ihm bald schon gar nichts mehr an, er lässt die Finger über die Saiten fliegen, spielt fantastische Soli, die bejubelt werden. Plötzlich ist er wieder ganz der Alte, schließt die Augen beim Spielen und genießt den Auftritt. Kaum ein anderer Gitarrist hat mich bisher so sehr in seinen Bann ziehen können, denn Miller beherrscht etwas ganz Wichtiges: Das Spiel mit Seele. Miller Anderson spielt genauso die Stücke, legt Herzblut in die Töne, in jeden einzelnen Griff, was man als Zuschauer spürt und was so unendlich wertvoller ist, als perfekte Technik. Dazu noch die tiefe Stimme, die auch gerne traurige Songs wiedergibt. Einfach perfekt!

img_4306Hansi Wallbaum fasziniert mich durch ein leidenschaftliches Spiel, das selten einen Blick erfordert. Tatsächlich sitzt er meist mit geschlossenen Augen auf der Bühne und bearbeitet mit viel Power sein Drumkit. Dabei ist es egal, wie langsam oder schnell es zugeht, hier stecken Erfahrung und Leidenschaft und man könnte dem Hans stundenlang zuschauen – sogar ohne dass man ihn hört, denn auch er legt viel Leidenschaft in sein Spiel, geht mit dem Oberkörper manchmal mit und sorgt für den richtigen Rhythmus.

Zwischendurch gibt es kurze Anekdoten und amüsante Ansagen, Miller erzählt von Woodstock und seinen Kindern. Es entsteht eine familiäre Atmosphäre, die man so nicht erwartet hätte.
Nach einer Stunde gibt es eine kleine Pause, in der sich die Musiker und auch das Publikum erholen und erfrischen können. Aber es soll noch weitergehen mit einer besonderen Stimme.
Schließlich kommt sie auch, Maggie Bell, Sängerin mit Herz und Seele, die eine unglaubliche Präsenz hat. Bekannt wurde sie in den 1970ern durch Stone the Crows. Jubelnd wird sie empfangen, die Zuschauer sind dichter zusammengerückt und drängen nach vorne. Die Powerfrau legt los mit einer Wahnsinnsstimme, die Gänsehaut erzeugt. Mit Power und Elan begeistert sie, tanzt mit Bexi über die Bühne, bejubelt ihre Kollegen, lacht. Zwischendurch immer wieder herzliche Ansagen, die zeigen: Ich bin hier bei euch und will an diesem Abend nirgendwo anders sein. Maggie Bell versprüht nicht nur richtig gute Laune, sondern auch massive Herzlichkeit und man ist überrascht, wie schnell dieser Teil des Konzert zu Ende ist – war sie nicht eben erst erschienen? Doch Maggie wird rasch zurück auf die Bühne geklatscht und singt eine Zugabe, die in einem Cover von Kylie Minogues „Can’t get you out of my Head“ gipfelt. Ein Song, den sie sehr mag und der stellenweise lauthals vom Publikum mitgesungen wird. Zwischendurch erinnert sie auch an den verstorbenen Phil Everly von den Everly Brothers.

Das Konzert endet mit „Into the Night“, ein wundervoller Song, bei dem ich ein wenig die Feuerzeuge vermisse, der aber für Pärchen genau das Richtige zum Träumen zu sein scheint. Dann heißt es vielen Dank und bis zum nächsten Jahr.

img_4527Die Hamburg Blues Band hat hat alles gegeben und den Laden richtig gerockt. Die Musiker haben allesamt viel geleistet in ihrem Leben und stehen trotzdem bescheiden auf der Bühne, lieben das, was sie tun und vermitteln eine unbändige Freude am Blues. Man merkt nicht nur, wie viel Leidenschaft sie in die Musik bringen und wie viel Spaß ihnen das macht, sie können genau diese Gefühle unbeschreiblich gut transportieren. Außerdem gibt es keine Arroganz und Starallüren. Niemand stellt sich in den Vordergrund oder über alle anderen, sie sind gleich, auf Augenhöhe und bewundern und respektieren sich gegenseitig. Das Zusammenspiel klappt hervorragend, immer wieder werfen sich die Musiker anerkennende Blicke zu oder kommunizieren auf diese Art, wie es weitergeht. Es herrscht eine solche Harmonie zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gruppe, wie man sie selten erlebt. Bewundernswert und etwas, was sich viele Musiker und Bands durchaus abschauen sollten.

Ein tolles und mitreißendes Konzert, eines der besten, die ich bisher erlebt habe.

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Setlist
Rollin
Stony Times
Make Love strong
Little Man dancing
Just to cry
Get off my Back
Fog on the Highway
Howling to the Moon
Rattlesnake Shake

High Tide & high Water
Wishing well
Down in the Hole
As the years…
I believe I’m in Love
Penicillin Blues
Palace of the King
I was in Chains
Zugabe:
Respect yourself
Into the Night

Fotos by LJ.

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