Garching meets Woodstock

cimg8124Ich bin zu jung dafür, eindeutig. Der Altersdurchschnitt wird durch eine 29-Jährige massiv gesenkt – und selbst noch durch meine Begleitung, die Ende 40 ist. Brav aufgereiht stehen Tische mit weißen Papiertischdecken im Saal, um sie herum eine ganze Menge roter Stühle, die mit Stoff bezogen sind und bequem genug, um einen Abend darauf zu verbringen – man muss ja auf das Alter achten, da wird man empfindlich. Auf den langen Tafeln liegt eine Speise- und Getränkekarte aus Papier, ebenso Gummibärchen und Schokoladeneuros. Wenn man sich richtig dreht, kann man direkt auf die Bühne schauen, und keiner steht einem im Weg, man schaut ja nach oben. Zwischen den Reihen schlängeln sich Wagen mit Getränken, nur das Essen müsste man sich selbst holen – Chilli con carne, Jambalaya, Hirschgulasch. Ein wenig kritisch wird man gemustert, schließlich ist man jung und schwarz gekleidet – und das sichtbar ohne Trauer zu tragen. Dafür steht „schwarzesbayern.de“ auf dem Shirt, und das ist doch etwas … also ehrlich, das kann nichts Gutes sein. Diese Jugend von heute!Auf der Bühne steht eine Boogie-Rock’n’Roll-Band, deren Name ich nicht kenne und auch erst erheblich später erfahre. Sie gehen ganz gut ab, die Leutchen an den Tischen nuckeln gemächlich an ihrem Bier. Stimmung!
Die Sängerin ist gut, wirkt aber wie eine Mischung aus Desiree Nick und Monika Gruber auf Speed. Teilweise ist sie etwas zu schrill und beginnt schließlich die erste Reihe mit persönlicher Ansprache zu beglücken. Das ändert zwar nix, aber es erfreut die Musikerin, die aufgeregt fragt, ob die ältere Dame ihren Mann geklaut hätte, welche Augenfarbe der Herr am Tisch daneben hat – und warum eigentlich keiner das Tanzbein schwingt.
cimg8138Hand aufs seufzende Herz: Die Band ist musikalisch gut, aber versetzt halt Leute im Altenheimalter in eine vergangene Jugend zurück, in die 1940er und 1950er Jahre, als sich das Land noch von einem sinnlosen Krieg erholen musste und man Frauen in ihren schicken Kleidern noch mit Autokino begeistern konnte. Immerhin raffen sich deren Kinder irgendwann zum Tanzen in der letzten Reihe auf; Mittfünfziger, die den Tanzkurs zur Hochzeit gemacht haben. Nett! Und ehrlich gesagt, sieht es bei manchen richtig professionell aus.
Der Gitarrist schwingt schließlich die Gitarre hinter den Kopf und spielt. Beifall. So etwas weiß man mit etwas Verzögerung dann doch zu schätzen. Auch das Solo der Saxophonistin wird bejubelt. Sie ist gut, beherrscht ihr Instrument, nimmt sich dann aber wieder zurück. Überhaupt stehen die Instrumentalisten im Hintergrund, die Sängerin drängt sich nach vorne und will etwas darstellen, was sie defintiv nicht ist. Klar, sie kann singen, aber von den Besten ist sie weit entfernt, und ihr Ego steht ihr leider im Weg. Weniger Arroganz und mehr Leidenschaft wären durchaus ratsam. Aber es gefällt den alten Leutchen, und das ist ja die Hauptsache. Das Publikum schunkelt Musikantenstadl-artig mit. Als es gegen Ende mitklatschen soll – das Schnipsen zuvor gelang nicht -, passt es weder zum Takt noch zum Doppelklatscher, der vorgegeben ist. Das ist so Rock ’n‘ Roll! Und die Ballroomshakers shaken vor allem eines: Das schwarzweiße Kleidchen der Fronterin.
Erwartet war ein rockiger Bluesabend, vielleicht mit einer dreckigen Rockband als Vorspiel. Das Dreckigste jedoch ist vermutlich der Staub im Piano des nächsten Acts. Während die Discokugel cool langweilig ihre Runden dreht und Lichter an die Wände wirft, klimpert und singt ein Klaviervirtuose auf der Bühne. Es wird noch ermüdender, auch wenn der rechte Flügel des Altenheims lautstark Beifall klatscht. Wie man zugeben muss, ist dies berechtigt. Horst Bergmeyer Pianoman steht irgendwo und verrät mir, dass der talentierte Mann bereits mit Ron Willams und anderen Namhaften auf der Bühne stand.
Wenn es härteren Alkohol als Rotwein gäbe, würde ich mir den ersten Vollrausch meines Lebens ansaufen.
Die Gummibärchen, die auf dem Tisch lagen, sind lang verspeist. So gut er auch sein mag, ich flüchte nur zu gerne aus dem Saal und vertreibe mir die Zeit vor dem Garchinger Bürgerhaus in angenehmer Gesellschaft.
cimg8160Das Drama hat ein Ende, als der Grund meines Erscheinens auf die Bühne tritt. Die Hamburg Blues Band hat Miller Anderson dabei, eine echte Woodstock-Legende. Und Maggie Bell, stimmgewaltige Kampfzwergin.
Zu hart für das Altenheim, ein älterer Herr rockt mit, sonst erstmal nur wir Jungen … aber dafür umso mehr. Denn nun wird endlich Schwung in die Bude kommen, so erwarte ich zumindest, beste Gitarrenklänge und fetzige Bluesrhythmen, die den Saal zum Kochen bringen werden.
Anderson verzaubert mit einer gigantischen Stimme und einem Gitarrenspiel, in das er viel Seele legt. Ein leidenschaftlicher Musiker, der mitreißt und viel drauf hat. Manche hier haben Woodstock miterlebt – die Mehrheit – wer dafür zu jung ist, kann dank Anderson wenigstens einen Hauch der Keef Hartley Band und ihres damaligen Auftritts erahnen. Gänsehaut pur, als er auf seiner Fender ein Solo anstimmt und wundervolle Passagen spielt, die den Musikliebhaber mitten ins Herz treffen. Das ist noch richtige, wahre, einfach echt musikalische Kunst.
Sie sind alle auf dem Boden geblieben und haben dabei ein musikalisches Leben hinter sich, von dem andere nur träumen können. Gert Lange, Hans Walbaum, Michael „Bexi“ Becker – das alleine sind schon drei Namen, die nicht unbekannt verhallen. Gigantisch und einzigartig ist die Kombination aus drei Leadsängern – Bell, Lange, Anderson -, die sich dabei nicht profilieren müssen, nicht mit Starallüren den Rest der Band in den Hintergrund zu drängen versuchen oder gar unnahbar kalt ihre Pflicht erfüllen. Keiner der Fünf braucht ein supermodisches Bühnenoutfit oder sich für mehr Aufmerksamkeit und Stimmung das Shirt vom Leib reißen. Sie alle brillieren allein mit ihrer Musik, die Leidenschaft und Lebenselixier zugleich zu sein scheint, und ihrer Ausstrahlung.
cimg8139Obwohl der Applaus nach den immens leiser gedrehten Songs zwar nachdrücklich ist, sind während der Lieder Altenheim und Weinschorle angesagt, man hört zu, schließlich hat man für den Abend bezahlt, aber bitte etwas leiser, etwas ruhiger, nicht so … rockig. Doch obwohl die Stücke zahm sind und die Stimmung etwas angestaubt, reißt mich die Hamburg Blues Band mit – und ich war bisher kein großer Blues-Fan. Aber diese Natürlichkeit und Ehrlichkeit der Musik machen einfach Spaß und begeistern mich. Man muss gar nicht wissen, ob sie nun Hits spielen und welche das sein sollen, man muss einfach nur genießen, zuhören, mitgehen. Ohne die Bestuhlung würde man entsprechend tanzen und wirklich abgehen, Metal ist nichts gegen diese Power. Aber Headbanging kommt im Altenheim weniger infrage, auch wenn ich super gerne aufgestanden wäre und mitgerockt hätte.
Es gibt nach einer Stunde noch eine Zugabe, in der eine absolut herzliche Maggie Bell noch einmal ihre tiefe Stimme durch den Saal schallen lässt und da wirklich bekannte Gassenhauer ansingt, sogar Kylie Minogues „Can’t get you out of my Head“. Weil sie den Song halt einfach mag und das Publikum wirklich „Na na na“ mitsingt!Das Fazit des Abends fällt doch überraschend positiv aus. Musikalisch waren sie alle gut, aber die Hamburg Blues Band hat mit ihrem Auftritt absolut begeistert. Zu fantastisch war ihr gedrosselter Auftritt und es bleibt abzuwarten, wie die Fünf sind, wenn sie spielen dürfen, was sie möchten! Eine absolute Empfehlung für jeden – und wann kann so junges Gemüse wie ich schon mal einen derjenigen spielen hören, die bei Woodstock auf der Bühne standen?
Setlist Hamburg Blues Band
Rollin
Stony Times
Just to cry
Fog on the Highway
Wishing well
Down in the Hole
As the Years …
I believe I’m in Love
Penicillin Blues
Palace of the Kings
I was in ChainsZugabe:
Respect yourself
Into the Night
Fotos by LJ.

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1 Kommentar
  1. Fannydad
    Fannydad sagte:

    Haaaaaa…… absolut treffend beschrieben das ganze !!
    Miller ist wirklich einer der gefühlsmässig intensivsten Gitarristen die ich in meinen gut 1500 Konzerten seit 1980 je live erleben durfte. Maggie Bell die 1969 mit der Band STONE THE CROWS bekannt wurde ist ausserdem eine meiner 5 absoluten Lieblings-Frauenstimmen. Wem das ganze jetzt live interessiert und die Leutz von der Hamburg Blues Band in Nature sehen will, der kann das ganze am Samstag, dem 4. Januar 2014 im Gasthof zum Bräu in Garching and der Alz miterleben. Leider gibts sonst nix näheres wo man die HBB live erleben kann. Ich werde definitiv wieder mit dabei sein.

    Homepage —> http://www.hamburgbluesband.de/index.html

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