(K)ein Desaster

DEMM-2025Alle Jahre wieder – mittlerweile nun schon zum zwölften Mal – machen sich an Ostern Horden schwarzgekleideter Menschen aus den verschiedensten Ländern auf eine Pilgerreise ins Backstage, und das kann nur eins heißen: It’s that time of the year again! Das (natürlich ausverkaufte) Dark Easter Metal Meeting ruft zur Messe und Anbetung von insgesamt 32 handverlesenen Bands, die an zwei Tagen für mächtig Unordnung in der Frisur sorgen werden und auch immer für die eine oder andere Neuentdeckung gut sind. Ein großer Spaß, den wir – Nekrist und torshammare – uns natürlich nicht entgehen lassen.
DSC_4588Wie immer beginnen die Tage früh beim DEMM, und nach einem stärkenden Mittagessen sind wir pünktlich zur ersten Band um halb drei im Werk. Das Wetter ist dieses Jahr mild und sonnig, weshalb viele noch das immer weitläufigere Backstage-Gelände für Erfrischungsgetränke und Quatschen nutzen, während im Werk Desaster vor einer durchaus ansehnlichen Meute, die allerdings noch nicht ganz auf Festivaltemperatur ist, mit „Learn to love the void“, dem Opener vom letzten Album Churches without saints, loslegen. Das hindert die Black/Thrash-Veteranen aber natürlich nicht daran, sich wie immer sehr sympathisch und mitreißend durch ein Set voll „Teutonic steel“ und „Hellbangers“ zu prügeln. Desaster spielen sich munter durch ihre Diskografie und beschließen ihren ganz und gar nicht desaströsen und vom mittlerweile wirklich gut gefüllten Werk bejubelten Auftritt mit „Metalized blood“. Mit frisch metallisiertem Blut ziehen wir weiter Richtung Halle und Club.

DSC_4637Wie meistens fällt die Wahl zwischen den beiden kleineren Locations, in denen das Programm zeitgleich abläuft, nicht leicht. Ich (torshammare) beginne bei Kohlrabenschwarz im Club, der neuen Band von Constantin König (Lunar Aurora, Bald Anders), bei der er sich mit Dirk Rehfus von Grabnebelfürsten am Mikro sowie diversen anderen bekannten Namen des deutschen Metal-Untergrunds zusammengetan hat (u. a. Skoarth von Wolves Den/Lunar Aurora/Somber Serenity/Odem Arcarum). „Kohlrabenschwarzer“ Metal wird geboten, mit leidenschaftlicher Performance von Dirk, deutschen Texten und ganz viel Geknüppel. Der Sound im erfreulich gut gefüllten Club ist leider nicht ganz ideal, der starke Auftritt der Band zusammen mit Songs wie „Der letzte Schrei“, „Der zerbrochene Spiegel“ oder dem abschließenden Lunar-Aurora-Cover „Dämonentreiber“ bleiben aber definitiv in Erinnerung.

DSC_4685_ImperiumDekadenzImperium Dekadenz liefern parallel in der gesteckt vollen Halle einen wie immer grundsoliden Auftritt im besten Mitnicktempo ab, der von den Fans von Anfang bis Ende abgefeiert wird. Horaz und Vespasian (live wie immer verstärkt von den Vargsheim-Leuten) bieten einen schönen Querschnitt durch ihr Schaffen (z. B. „Aura salivae“, „Aurora“, „Memories … a raging river“) und spielen erhaben-eisigen Black Metal mit atmosphärischen, melodiösen Parts, zu dem bis weit hinten in der Halle die Köpfe bewegt werden. Die Stimmung auf der Bühne wie im Publikum ist familiär und wirklich schön, und nicht umsonst gehört die Band aus den „Schwarzen Wäldern“ von Anfang an zum Dark Easter. Ihr insgesamt vierter Auftritt bei der unheiligen Ostermesse wird sicher nicht ihr letzter gewesen sein.

DSC_4775Wohlig-familiär geht’s auch danach im Werk weiter, denn Empyrium sind mit einem ihrer seltenen Live-Auftritte – noch dazu dem einzigen Deutschland-Gig 2025 – zu Gast. So richtig dunkel ist es im Werk noch nicht, die zahlreichen Kerzenständer verbreiten auf der Bühne aber vor Konzertbeginn dennoch eine andächtige Atmosphäre. Angekündigt ist ein Oldschool-Set, es wird also neben den folkig-ruhigen Klängen auch ein paar harschere Ausbrüche zu hören geben. Und ganz richtig, Ulf Theodor Schwadorf und seine Band – mit Live-Geigerin, die zum Glück auch gut zu hören ist – konzentrieren sich fast ausschließlich auf Songs of moore and misty fields aus dem Jahr 1997 und schaffen es, im alles andere als romantisch-verträumten Werk trotzdem genau diese Stimmung zu erzeugen. Das ist richtig schön und sehr nostalgisch, der Jubel absolut verdient. Wieder einmal zeigt sich, dass in zwei Tagen Geballer definitiv Platz für ruhigere Acts ist und diese auch sehr willkommen sind.

DSC_4824Danach teilen wir uns auf, ich (torshammare) gehe in die Halle zu den Norwegern von In the Woods…, die ich bis kurz vor dem DEMM nur wenig auf dem Schirm hatte, deren aktuelles Album Otra – mit fast neuem Sänger und sehr weit vom ursprünglichen Sound der Band entfernt – bei mir in Dauerschleife läuft. So richtig schwarzmetallisch ist das alles zwar nicht mehr, aber es finden sich trotzdem erfreulich viele Fans und Neugierige in der Halle ein, und gerade in den vorderen Reihen werden Bernt Fjellestad und seine Kollegen euphorisch abgefeiert. Die eingängig-rockigen Songs von Otra – wie das mächtige „The misrepresentation of I“ oder das eindringliche „The crimson crown“ – sorgen für ordentlich Stimmung, und die Band freut sich sichtlich darüber, auf dem Dark Easter spielen zu können. Am Ende packen sie mit „… in the woods“ sogar noch was ganz Altes fürs schwarzmetallische Herz aus. Toll!

Parallel dazu spielen Hangover in Minsk, das nach dem letztjährigen Dark Easter entstandene Nebenprojekt von Dymna Lotva, die morgen noch aufspielen werden, im Club. Der ist brechend voll, so schnell hat sich der Geheimtipp herumgesprochen, und der aktuelle Hype um Dymna Lotva tut sein Übriges dazu. Der Sound ist sicher nicht jedermanns Sache, aber die Performance extrem ausdrucksstark, und Sängerin Nokt stellt ihre beeindruckende stimmliche Bandbreite auch hier unter Beweis. Der Auftritt ist ein Gesamtkunstwerk, das man gesehen haben muss!

DSC_4956Zurück im Werk wird es – trotz der durch die vielen Anwesenden bedingten kuschligen Wärme – nordisch kalt, denn mit Tsjuder steht eine der erbarmungslosesten norwegischen Black-Metal-Bands auf der Bühne, zumindest was den Sound betrifft. Roh und schnell rotzt das Trio (Corpsepaint, beeindruckende Stachelarmbänder, das ganze Programm) in der ersten Hälfte seines Auftritts die Songs ins Publikum, wie man es kennt und liebt, die einzige Abweichung zu sonst ist der Schnauzbart von Draugluin (nein, stimmt nicht, auch hinterm Schlagzeug gab es mit Emil Wiksten einen Besetzungswechsel). Nach so Krachern wie „Prestehammeren“ oder „Mouth of madness“ bitten die „Gods of black blood“ einen ganz besonderen Gast auf die Bühne, nämlich Fredrick Melander, Bassist von Bathory. Nach Tsjuders Tribute-EP mit Bathory-Songs aus dem Jahr 2023 ist die Live-Kooperation nur folgerichtig, und schön, dass wir sie auf dem Dark Easter zu sehen bekommen. Fünf Bathory-Klassiker („Sacrifice“, „Woman of dark desires“, „Satan my master“, „Raise the dead“ und „Burn for burning“) performen Tsjuder mit Fredrick, was wie etwas mildere Tsjuder klingt – also nicht bahnbrechend anders, aber sehr schön anzuhören. Zusätzlich beeindruckend: Dank diverser Verspätungen bei Flug und Bahn kamen Tsjuder erst eine Stunde vor Konzertbeginn in München an – sehr zum Leidwesen ihrer Fans ohne Merch, den sie zurücklassen mussten. Aus dem Stand so einen Auftritt hinzulegen, nötigt einem Respekt ab!

afrarina-DEMM-2025Danach sparen wir uns die Entscheidung, ob wir zu den Kanadiern Spectral Wound in die Halle oder den Schweizern Cân Bardd in den Club wollen, denn der Magen meldet sich lautstark, hinsetzen wäre auch mal fein, und wir legen eine wohlverdiente Essenspause im Auto ein. Nach der ist sogar noch Zeit für das diesjährige Beiprogramm des Festivals. Statt Autogrammstunden gibt es in der Reitknecht Lounge nämlich eine Ausstellung zu sehen: Düsterschön-morbide Illustrationen von Manuel Scapinello sowie View from the Coffin (seit einigen Jahren auch für die DEMM-Illustrationen verantwortlich), außerdem Konzertfotos von afrarina (Afra Catharina von Metal1.info), die das Dark Easter seit vielen Jahren vor und hinter den Bühnen begleitet. Bei ihren fantastischen Fotos schwelgen wir in Erinnerungen an frühere Festivalausgaben, bis es Zeit ist, nach nebenan ins Werk zu gehen.

DSC_5042-Verbessert-RRDort steht nämlich gleich eines unserer absoluten Highlights auf der Bühne: Gaahls Wyrd. Zu Gaahl muss man eigentlich nicht mehr viel sagen – legendärer Sänger von Gorgoroth, God Seed und Trelldom, in deren Anfangstagen auch bei Wardruna aktiv, Künstler, Weinkenner, charismatisch as hell und mit einer der wandelbarsten Stimmen der extremen Metalszene. Mit seinem Soloprojekt Gaahls Wyrd geht er weit über die Grenzen des Black Metal hinaus, live kommt seine harsche musikalische Vergangenheit aber trotzdem nicht zu kurz. Bei Songs von Gorgoroth („Carving a giant“, „Exit through carved stones“, „Prosperity and beauty“), Trelldom („Høyt i dypet“) und God Seed („Aldrende tre“, „Alt liv“) zeigt Gaahl zusammen mit einer Band mal wieder eindrücklich – und wie immer entrückt und majestätisch über die Bühne schreitend -, dass er völlig zu Recht eine Legende des (norwegischen) Black Metals ist. Auch die Songs vom ersten Gaahls-Wyrd-Album GastiR – Ghosts invited („Ghosts invited“, Carving the voices“, „From the spear“, „Through and past and past“) sind herausragend – von The humming mountain oder dem soeben erschienen zweiten Full-length-Album Braiding the stories gibt es leider nichts zu hören. Nichtsdestotrotz ein wie immer beeindruckender Auftritt und ein umjubeltes Debüt auf dem Dark Easter.

DSC_5129Weiter geht’s in der Halle mit Saor aus Schottland, dem früheren Studioprojekt von Andy Marshall, der mittlerweile eine Live-Band um sich geschart hat, darunter auch die wunderbare Ella Zlotos von Ephemeral, die für Gesang, Flöten und Uillean Pipes verantwortlich ist. Caledonian Black Metal spielen Saor nach eigener Aussage, und man fühlt sich wirklich ein bisschen wie in den so rauen wie schönen Highlands. Dank ausgiebigen Tourens in letzter Zeit merkt man auch kein bisschen, dass es sich bei Saor eigentlich um ein Ein-Mann- und früheres Studioprojekt handelt, live funktioniert das wirklich sehr, sehr gut, und der Jubel für diesen Auftritt – in den immerhin vier ganze Songs passen („Amidst the ruins“, „Bron“, „Rebirth“, „Aura“) – ist völlig zu Recht euphorisch.

DSC_5165_ZemialParallel rumpeln die Griechen Zemial durch den Club, was zuerst ein paar Songs lang durchaus ansprechend ist, Bandchef Vorskaath an den Drums hält den Progressive Black Metal seiner Truppe schön zusammen, die Songs – einmal munter durch die Bandhistorie – knüppeln gut, alles fein und sehr launig. Ab der Hälfte gesellt sich dann allerdings Proscriptor McGovern von Absu (die am Sonntag auf dem Programm stehen) am Mikro dazu, und ab da wird das Ganze Geschmackssache in Sachen Performance und Gesang (und Personalie). Unsere Tasse Tee ist das jedenfalls nicht so ganz, und wir verziehen uns an die frische Luft. Dem Fanclub in der ersten Reihe hat‘s jedenfalls gefallen, auch wenn nicht mehr jede und jeder stabil steht.

DSC_5262Zumal es sich vor dem österreichischen Brachialgeschwader Belphegor ja immer lohnt, noch mal die Kräfte zu sammeln, erfahrungsgemäß walzen Helmuth und Co. bereits mit den ersten Riffs alles nieder. Die blasphemische Bühnendeko steht, die Band kommt auf die Bühne, Helmuths Frisur sitzt, das Soundgewitter ist gewohnt unerbittlich, keine Miene wird verzogen – und doch wirkt alles heute blutleerer als sonst. Vielleicht steckt der Band noch die vorausgegangene US-Tour in den Knochen, die allerletzte Vernichtung fehlt jedenfalls heute. Zumal das eines der wenigen Konzerte auf dem Dark Easter ist, bei dem der Ton nicht richtig sitzt. Das Gedröhne wird jedenfalls nicht nur uns zu viel. Natürlich machen „Sanctus diaboli confidimus“, „Lucifer incestus“ oder „Totentanz – Dance macabre“ Spaß und strapazieren die Nackenmuskeln – aber der Tag war lang, und so richtig will der Funke heute weder auf der Bühne noch im Publikum zünden.

DSC_5340_Thy-LightDas tut er allerdings gleich darauf beim absoluten Kontrastprogramm, dem introvertierten Depressive Black Metal der in Schottland ansässigen Brasilianer von Thy Light, die in der proppenvollen Halle den ersten Festivaltag beschließen. Licht, Sound, Atmosphäre, der Auftritt in schwarzen Kutten, alles passt hervorragend zusammen, man kann ganz wunderbar bei stimmungsvollem Kerzenschein in den insgesamt fünf Songs („Infinite stars thereof“, „A crawling worm of lies“, „From where the silence calls“, „The bridge“, „In my last mourning …“) schwelgen und entrückt mitnicken. Mit „From where the silence calls“ gibt es sogar etwas Neues zu hören, was auch auf ein neues Album hoffen lässt.

DSC_5326_Lamb-of-MurmuurParallel beschließen die US-Amerikaner von Lamp of Murmuur um Mastermind M den Tag im Club, roher Black Metal mit Melodien, ganz viel Norwegen-Feeling, ein bisschen Gothic und hohem Spaßfaktor. Das Rad erfinden die in Kutten gewandeten DEMM-Debütanten nicht neu, präsentieren ihr Material aus bisher drei Alben, diversen EPs und Splits (in sechs Jahren Bandgeschichte) aber so mitreißend, dass der bis zum letzten Zentimeter gefüllte Club noch mal richtig steil geht und nicht nur dem „Dominatrix’s call“ folgt. Respekt!

DSC_5537Wer dann noch stehen kann – oder vielleicht sogar wieder frisch energetisiert ist -, findet sich zur Mitternachtsband im Werk ein. Moonsorrow aus Finnland mögen auf den ersten Blick vielleicht eine etwas ungewöhnliche Verpflichtung sein – Pagan (Black) Metal hat man beim DEMM ja sonst eher nicht. Nachdem Moonsorrow aber so weit von bierseligem Geschunkel entfernt sind, wie man es nur sein kann, funktionieren die klirrend kalten, atmosphärischen und überlangen Songs wie „Suden tunti“ oder „Jotunheim“ selbst zu dieser Uhrzeit nach einem langen Tag richtig, richtig gut. Auch das Thou-Art-Lord-Cover „Non serviam“ (auch von Rotting Christ bekannt) trägt zur euphorischen Stimmung im Werk bei, die wie immer sehr engagierte Bühnenpräsenz des Fünfers (Mitja Harvilahti legt Kilometer auf der Bühne zurück und peitscht mit den bewährten Windflügelbewegungen seine Gitarre) tut ihr Übriges. Und wer kann schon trockenem finnischem Humor à la „Go take a shower, you deserve it“ widerstehen? Leider, leider sorgte offenbar die Deutsche Bahn dafür, dass nicht jeder bei zum Schluss bleiben kann, denn auf den letzten Metern wird das Werk dann doch arg leer, weil viele zur letzten S-Bahn müssen. Trotzdem: Kiitos, Moonsorrow!

Danach ist aber wirklich die Luft raus, der Kopf voller Eindrücke, die Beine schwer. Gefühlt war am heutigen Karsamstag irgendwie weniger los als im letzten Jahr, obwohl das Festival ja wie immer ausverkauft ist. Lag‘s am überaus exzellenten Wetter, dass sich viele lieber in den lauschigen Backstage-Biergarten oder gleich an die Isar verzogen haben? Die, die da waren, haben es jedenfalls ordentlich krachen lassen – leider nicht immer im positiven Sinne: Die Damentoiletten im Werk sahen am späteren Abend so aus, als wäre eine Horde Gorillas mit Verdauungsproblemen durchgezogen und hätte nebenbei auch noch die Drücker der Spülkästen von den Wänden gerissen. Das muss doch nicht sein, Leute! Abgesehen davon war’s aber ein rundum gelungener Tag, und wir treten glücklich den Heimweg an.

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  1. […] wird, weiß man zwei Dinge: Erstens, dass man alt ist, und zweitens, dass man einen grandiosen ersten Festivaltag hinter sich hat. Das geht nicht nur uns so, wir wir sehen, als wir es nach dem Mittagessen beim […]

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