Scream louder!

DSC_5584Wenn man mit „Vorhin saß ich am Schreibtisch, da hat mir noch nicht so viel weh getan!“ begrüßt wird, weiß man zwei Dinge: Erstens, dass man alt ist, und zweitens, dass man einen grandiosen ersten Festivaltag hinter sich hat. Das geht nicht nur uns so, wir wir sehen, als wir es nach dem Mittagessen beim Heavy Metal Barpiano im lauschigen Gleisbett-Biergarten erst mal ruhig angehen lassen. Georg Heinle, Deutschlands härtester Barpianist, bekannt von Wacken, Copenhell, Inferno, Rock Hard Festival, diversen Metal-Cruises usw. kredenzt bekannte Metalsongs im Barpiano-Gewand, was zusammen mit einem kühlen Getränk und einem Liegestuhl das perfekte Ankommen im zweiten Festivaltag ist.
DSC_5705_kleinerIm Anschluss daran eröffnen die Niederländer*innen von Dool den Tag im Werk, traditionsgemäß auf diesem Slot ein Act, der nicht gleich gnadenlos losballert, was jedes Jahr wieder eine gute Wahl ist. Dool sind dabei eine besonders gute Wahl, denn die Truppe um Raven van Dorst an Gitarre und Mikro spielt eine fantastische Mischung aus Rock und Psychedelic, die man vor allem live erleben muss. So richtig voll ist das Werk noch nicht, die Stimmung aber schon richtig, richtig gut. Kein Wunder, bei der mitreißenden Performance der Band – diese Energie! – und der Songauswahl (viel vom aktuellen Album The shape of fluidity). Endgültig kollektiv verliebt in Dool dürften alle Anwesenden dann nach der flammenden Ansprache von Raven bezüglich der Rechte ALLER Menschen sein: „What do you do when they want so silence you? You scream louder!“ (Klar bezogen auf das erst ein paar Tage alte Urteil in Großbritannien, bei dem bestätigt wurde, dass die Definition von Geschlecht im Gleichstellungsgesetz binär ist – was eben nicht alle Menschen gleichstellt und Transpersonen ausschließt – aber auch auf einen mit zwei Bands auf dem Festival vertretenen Musiker). Raven wird mit lautem Beifall und Unterstützung bedacht, und das tut gut. Für Transfeindlichkeit ist kein Platz, nirgends. „House of a thousand dreams“ fällt danach noch einmal besonders emotional und leidenschaftlich aus. Die erste Band des Tages gleich ein absolutes Highlight – das muss man auch erst mal schaffen.

DSC_5769Etwas ruhiger und doomiger geht es danach im Club bei Glare of the Sun aus Österreich weiter – fast ein wenig zu ruhig vielleicht, zumal der Club auch eher übersichtlich gefüllt ist (und man trotzdem kaum Luft bekommt). Vielleicht ist es wirklich etwas zu früh am Tag für tiefergelegten Doom mit filigranen Passagen wie die Songs vom Album TAL, aus denen der Auftritt hauptsächlich besteht. Die sind nämlich überhaupt nicht verkehrt und laden dazu ein, sich in andere Sphären beamen zu lassen – was an einem anderen Tag und einem anderen Ort sicher auch gut funktioniert. Heute jedenfalls merken wir uns Glare of the Sun, verziehen uns aber auch wieder an die frische Luft. Anders als die Fans – wohin man blickt, glückliche Gesichter, entrücktes Lächeln und geschwungene Haare.

DSC_5863Ungleich brachialer wird es danach im Werk, als Lucifer’s Child – unsere griechischen Freunde um Ex-Rotting-Christ-Gitarrist George Emmanuel, die 2023 noch in der Halle gespielt haben – auf die Bühne gehen. Astreiner rhythmischer Black Metal, von Räucherstäbchenschwaden durchzogen, wird dem begeistert mitgehenden Publikum um die Ohren geblasen, dazu eine sehr engagierte Bühnenshow – jetzt dürften dann doch alle aufgewacht und im zweiten Festivaltag angekommen sein. Im Gepäck haben die Griechen ihr neues Album The illuminant, aus dem es mit „As bestas“, „Curse“ und „As heavens die“ auch drei starke Stücke zu hören gibt. Den Rotting-Christ-Nachhall merkt man vor allem an den Gitarren, dabei sind Lucifer’s Child alles andere als ein Klon des griechischen Urgesteins, sondern beweisen durchaus Eigenständigkeit. Lucifer’s Child machen mit ordentlich Dampf und Spielfreude heute alles richtig und liefern einen mitreißenden Auftritt ab.

DSC_5920Dass die nachfolgenden Dymna Lotva in der Halle genauso viel Spaß machen, wäre die falsche Formulierung, denn in Klang gegossener Schmerz macht keinen Spaß. Trotzdem sollte man sich die Band aus Belarus um Sängerin Nokt Aeon, die nach 2024 (da noch im Club) gleich noch einmal zu Gast auf dem DEMM ist, nicht entgehen lassen. Keine leichte Kost erwartet einen, man muss bereit sein, sich auf die rohe Emotionalität der Songs und der Darbietung – theatralisch, aber dadurch auch direkt ins Herz gehend – einzulassen. Flucht aus der diktatorregierten Heimat, Verlust, Sehnsucht, Zerrissenheit, Geschichten aus einem gequälten Land vertonen Nokt Aeon und Jauhien Charkasau auf einem Midtempo-Black-Metal-Gerüst, das vor allem von Nokts Gesang (inklusive Flüstern, Kreischen, Schreien, Hauchen …) lebt. „Death kisses your eyes“, „The land under the black wings“ oder „Hell“ (alle Songs sind auf Belarussisch) nehmen das aufmerksam lauschende Publikum auf eine aufwühlende Reise mit. „To freedom“ ist ein weiterer Höhepunkt, denn „we cannot live without freedom“, wie Nokt sagt. Die blau-gelben Bänder am Mikroständer sprechen eine deutliche Sprache, und Nokt betont auch noch einmal die Unterstützung der Band für die Ukraine. Ein wichtiger, berührender und natürlich auch musikalisch überzeugender Auftritt, den es mittlerweile als digitales Album auf der Bandcamp-Seite der Band zum Nachhören/Kaufen gibt.

DSC_6019Parallel zerlegen die Franzosen Lunar Tombfields nebenan den Club mit leichter verdaulicher Kost, die aber trotzdem einen sehr guten Eindruck hinterlässt. Depressive Black Metal mit dem gewissen Etwas gibt es zu hören, den das Duo plus Live-Musiker hier auf die Bühne bringt und der gar nicht so depressiv klingt. Dieses „gewisse Etwas“ in Worte zu fassen, ist gar nicht so einfach, wie wir beim Schreiben dieses Berichts feststellen – am besten selbst reinhören! Bei aller innewohnenden Verzweiflung tönen Songs wie „Solar charioteer“ oder „As iron calls, so pile the dreams“ wuchtig und rasant aus den Boxen, sodass nicht nur auf der Bühne die Haare fliegen, sondern auch im gut gefüllten Club.

DSC_6093Zurück im Werk steht mit Witchery aus dem schwedischen Linköping eine echte Seltenheit auf der Bühne, denn die Band gibt es zwar bereits seit 1997, sie macht sich jedoch live rar, trotz der mittlerweile bereits acht veröffentlichten Alben. Der letzte Abstecher nach Deutschland liegt viele Jahre zurück, und auch in z. B. Schweden sind sie nur gelegentlich zu sehen. Dementsprechend voll ist das Werk dann auch, alle sind neugierig auf den Black/Thrash des Fünfers. Sänger Angus Norder ist im feinen Zwirn und mit der stimmigen schwarz-weißen Schminke Blickfang auf der Bühne und liefert zusammen mit den Bandkollegen eine engagierte Show ab, das Songmaterial ist auch ordentlich (quer durch die Bandhistorie mit leichtem Schwerpunkt auf dem Debütalbum Restless & dead aus dem Jahr 1998), sogar ein Entombed-Cover („Chief rebel angel“) wird geboten, doch irgendwie … rumpelt das alles ein bisschen an einem vorbei. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Band so selten live unterwegs ist und sie den meisten Anwesenden kaum vertraut sein dürfte. Applaus gibt es natürlich trotzdem, und es ist auf jeden Fall schön, Witchery mal gesehen zu haben.

DSC_6186Danach sparen wir uns die Entscheidung, ob wir Attic (mit King-Diamond-Gedächtnisstimme) in der Halle oder DEMM-Urgestein Infestus im Club anschauen wollen, denn irgendwann müssen rasende Reporterinnen etwas essen und sich kurz ausruhen. Frisch gestärkt nach einer Pause im Auto kehren wir dann zurück aufs Gelände zu Aura Noir aus Norwegen, die 2018 schon einmal auf dem DEMM waren, damals noch zu nächtlicher Stunde in der Halle. Jetzt dürfen sie zur Primetime im Werk schreddern, was sich angesichts des Publikumsansturms als genau richtig erweist. Aura Noir – nach eigener Aussage „die hässlichste Band der Welt“ (ganz so schlimm ist es aber nicht) – sind ebenfalls seltene Gäste auf (deutschen) Bühnen, schaffen es aber mit ihrer bodenständigen und offenen Art sofort, die Stimmung im Werk auf Anschlag zu bringen. Der Opener „Black thrash attack“ gibt gleich mal das Motto vor, und danach gönnen Aggressor (performt auf einem Stuhl mit Rollen), Apollyon, Blasphemer und Kristian Valbo an den Drums uns keine Verschnaufpause mehr, abgesehen von diversen launigen Ansagen. Die hervorragende Stimmung hält bis zum Ende des Auftritts an, es gibt sogar ordentlich Bewegung im Pit, und das alles macht richtig, richtig Spaß.

DSC_6235Sehr viel ernster beziehungsweise introvertierter geht es in der Halle mit den Australiern von Austere weiter, deren Depressive Black Metal auf langen Instrumentalpassagen und Tim Yatras’ Wechsel zwischen Klar- und harschem Gesang aufbaut. Das Besondere an der Band (neben der hohen musikalischen Qualität)? Tim Yatras spielt gleichzeitig auch noch Schlagzeug, seine drei Bandkollegen an Gitarren und Bass stehen vorn am Bühnenrand, während er im Hintergrund bleibt. Naturgemäß gibt es dadurch auf der Bühne nicht so arg viel zu sehen, untermalt ist der Auftritt aber von einer wirklich schönen Lightshow, und Songs wie „Time awry“ oder „Sullen“ laden sowieso eher dazu ein, sie mit geschlossenen Augen zu genießen. „This dreadful emptiness“ und „Just for a moment…“ gehen dann noch mal ganz weit in die Bandhistorie zurück, sehr zur Freude der anwesenden Fans.

DSC_6220-Verbessert-RRIntrovertiert geht es derweil parallel auch im Club zu, wenn auch ungleich roher und unmelodiöser. Thomas Eriksen war mit seiner Hauptband Mork bereits zweimal auf dem DEMM zu Gast, dieses Jahr hat er sein Soloprojekt Udåd mitgebracht. Der Norweger spielt mit seinen Live-Kollegen ultratruen, reduzierten Black Metal, Ansagen und Interaktion mit dem Publikum gibt es nicht, meistens verbirgt Thomas sein Gesicht auch hinter den langen, dichten Haaren. Die Midtempo-Songs schleppen sich auch sehr true dahin, Abwechslung gibt es so gut wie keine – was aber auch eine gewisse Faszination ausübt. Die norwegischen Texte sind entsprechend düster und abgründig („Blodnatten“ – „Die Blutnacht“ oder „Vondskapens triumf“ – „Triumph des Bösen“), und insgesamt ist das eine runde Sache für Fans von sehr ursprünglichem und einfach (aber wirkungsvoll) konstruiertem Black Metal.

DSC_6318Wir bleiben in Norwegen, denn im Werk spielt danach ein richtig großer Name des Black Metal auf, die legendären Gorgoroth. Das musikalische Vermächtnis ist riesig, in Erinnerung geblieben ist die Band allerdings nach den glorreichen (und berüchtigten) Anfangstagen eher durch den Ausstieg von Gaahl und King sowie den sich daran anschließenden Prozess um die Namensrechte, den Gitarrist Infernus schlussendlich gewonnen hat. Seither sind drei Alben erschienen, das letzte 2015. Eine Konstante der Live-Band Gorgoroth ist seit vielen Jahren Hoest, wegen dem sicher auch der Großteil des brechend vollen Werks hier ist. Doch auf der Bühne steht dann … nicht Hoest, sondern Atterigner (der Serbe Stefan Todorović), der das letzte Studioalbum Instinctus bestialis eingesungen hat, sonst aber noch kaum mit Gorgoroth in Erscheinung getreten ist. Und genau das merkt man leider auch – wenn man denn im dunkelroten Licht und den dichten Nebelschwaden etwas sieht. Kiloweise Nieten am Outfit täuschen nicht über das unbeholfene Stageacting hinweg, und irgendwie tut er einem fast schon ein wenig leid, zumal er auch mit keinem Wort vorgestellt oder seine Anwesenheit erklärt wird. Die Setlist bietet keine Überraschungen, wenn man Gorgoroth in den letzten Jahren mal live gesehen hat, und die restliche Band wirkt neben Atterigner – der sich wirklich bemüht – maximal lustlos. Was sich recht schnell auf viele der Anwesenden überträgt, die Die-Hard-Fans feiern den Auftritt natürlich trotzdem ab. Alles in allem ist das, was Gorgoroth heute bieten, aber eine Enttäuschung.

DSC_6404Was für ein kilometerweiter Unterschied sind danach Saturnus in der Halle – nicht nur musikalisch, sondern vor allem menschlich. 2013 waren die Dänen das letzte Mal in München, und dementsprechend viele Fans fiebern dem melancholischen und einfach nur wunderschönen Doom der Truppe entgegen. Dass die Band um Sänger Thomas A. G. Jensen – der zwischendurch immer wieder putzige Witze reißt – auch noch unfasslich sympathisch und ständig in Kontakt mit den ersten Publikumsreihe ist, trägt zu dieser ganz besonders poetisch-verträumten Stimmung von Songs wie „The storm within“, „Embraced by darkness“ oder „Breathe new life“ (inklusive dem Versprechen, sich mit einem neuen Album zu beeilen) nur noch bei. Auch an der Interaktion zwischen den Musikern auf der Bühne merkt man die tiefe Freundschaft und den gegenseitigen Respekt, und dass Gitarrist Brian heute auch noch Geburtstag hat, passt einfach perfekt. „He hasn’t changed [since 32] he’s forever young!“, gratuliert Thomas ihm, und die ganze Halle gratuliert mit. Als dann noch ein Ruf nach „Christ goodbye“ von der Galerie erschallt – „because it’s Easter!“ -, kommt die Band dem Wunsch nach, und die Hymne wird von allen mit hingebungsvollem Haareschütteln zelebriert. „Thank you for being kind“, bedankt sich Thomas, und das können wir nur zurückgeben. Mange tak!!

Weil uns Saturnus so sehr zum Träumen (und Lachen) bringen, verpassen wir dadurch leider die Schweden Nazghor im Club, die Berichten zufolge ebenfalls eine fantastische und stilechte Black-Metal-Show hinlegen – schade, dass wir das nicht sehen konnten, beim nächsten Mal dann!

DSC_6548Den Abschluss den zwölften DEMM bildet eine weitere Legende – die noch dazu selten auf deutschen Bühnen zu sehen ist -, und wie schon die Legende zuvor im Werk enttäuscht leider auch diese. Absu aus den USA feiern das dreißigjährige Jubiläum des Albums The sun of Tiphareth, das sie auf dieser Tour zur Gänze auf die Bühne bringen – in Gestalt von Proscriptor McGovern am Mikro und Zemial als Begleitband. Und wie schon in der umgekehrten Konstellation am Tag zuvor hinterlassen Zemial einen guten Eindruck, Proscriptor McGovern hingegen ganz und gar nicht. Das an sich starke Songmaterial könnte Spaß machen, das Rumpelstilzchen-Gehabe und das Fuchteln mit dem Mikrohalter werden leider auch beim zweiten Mal nicht cool. Ebenso wenig cool ist die 2018 offen gezeigte Transfeindlichkeit von Proscriptor McGovern. Nachdem uns zwei intensive Festivaltage in den Knochen stecken, lassen wir es bald gut sein und verziehen uns in die Osternacht.

Nichtsdestotrotz war es aber wieder ein fantastisches Dark Easter, von dem wir noch lange zehren! Das Wetter war sehr gut zu uns, das weitläufige Backstage-Gelände mit dem Biergarten und den vielen Sitznischen (die Bank im Bambus!) ist ein großer Bonus, die Essensituation hat sich durch verschiedene Stände sehr entspannt, entspannt waren auch wie immer Secus und das internationale Publikum (mit vielen lieben Bekannten und Freund*innen). Die Bandauswahl war ebenfalls wie immer top – ein, zwei Ausreißer sind immer dabei, dafür aber umso mehr absolute Highlights -, mit bekannten Namen, Neuentdeckungen und selten zu sehenden Goodies. Auch die Ausstellung der drei Künstler*innen war ein großes Plus, an den Ständen im Werk und im Freien konnte man ausgiebig stöbern (und beim Kauf von Raritäten auch die Ukraine unterstützen). Einzig die begrenzte Kapazität in Halle und Club hat immer wieder für etwas stressige Momente gesorgt, aber daran lässt sich natürlich kaum etwas ändern. Vielen Dank an MRW Concerts und Michael Sackermann, vielen Dank an die fantastische Crew und alle Helfer*innen, vielen Dank ans Backstage und alle Beschäftigten (Bar, Bühnen, Ton, Licht, Secus etc.), vielen Dank an die Bands und ans Publikum für ein friedliches unheiliges Osterfest. Bis zum nächsten Jahr! Für das mit Blackbraid, Triptykon (endlich wieder an Ostern für den Herrgott spielen!) und Ponte del Diavolo bereits drei Hochkaräter feststehen.

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Text: torshammare und Nekrist
Bilder: 

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