Album: Automelodi – Mirages au futur verre​-​brisé

Es ist schwierig, Rezensionen zu schreiben, während man tanzen muss

automelodi_2019Sechs lange Jahre waren seit dem letzten Longplayer vergangen, Anfang Mai war es dann so weit: Mit Mirages au futur verre-brisé erschien das dritte Album von Automelodi, dem wohl bekanntesten Alias des ebenso umtriebigen wie wandelbaren Xavier Paradis. Der Projektgründer an Mikro, Bass, Percussion und allem, was ein Synth ist, hat hier Unterstützung von Dillon Steele an Gitarre und, sagt Bandcamp, „luth des glaces“. So eine Glaslaute klingt offenbar sehr gut, alles andere würde auf diesem Album sofort auffallen.

Und wie klingt es sonst so, abgesehen von „sehr gut“? Ein bisschen nach French Pop, auch jenseits der französischen Lyrics (tatsächlich sind Automelodi in Montréal, Quebec zuhause). Ein bisschen nach Wave, vor allem der Opener „La Poussière“ auch durch die Gitarre, die sonst gerne auch durch Effekte gejagt und wie ein weiterer Synth eingesetzt wird. Ein kleines bisschen vielleicht nach Postpunk und deutlich mehr als nur ein bisschen nach 80er-Synth-Pop, im allerbesten Sinne und so, als würde der gerade hier erst erfunden. Nach analoger Wärme und exzellentem, einfallsreichem Sounddesign, das immer wieder auch Industrial-Einflüsse verrät. Nach einer – man entschuldige bitte die abgenutzte Wendung, es ist so – perfekten Symbiose aus dunklem Pop mit experimentellen Elementen, mit auch mal heftigen Passagen, schönen Melodien und einer hervorragenden, warmen, sehr menschlichen Stimme, die all die Maschinen zusammenhält, all die kreuz und quer gesponnenen Fäden verwebt. Und es klingt nach richtig, richtig guter Produktion: Nicht nur das Sounddesign gehört zum Besten, was man so zu hören bekommt, auch Arrangement und Mix sind eine einzige Freude. Xavier Paradis arbeitet mit einer Vielzahl an Schichten und extremer Räumlichkeit, mit ebenso großer Aufmerksamkeit fürs Detail wie fürs Ganze, mit so vielen kleinen, überraschenden Sound-Sprengseln, die kommen und gehen und noch die kürzeste Aufmerksamkeitsspanne bei Laune halten, und mit einem so todsicheren Gespür für Atmosphäre, wie man das alles sonst viel eher bei Musik antrifft, die sich nicht „nebenher“ auch noch auf Songstruktur, Gesang und massiven Tanz-Appeal stützen kann – alles glasklar und transparent gemischt.
Ich spare mir den Einzeldurchgang durch die Songs, sie sind alle einfach gut, nur zweieinhalb Hörhinweise: Freunde des Duetts können sich „Les Métros Disparus“ mit Vocals von Liz Wendelbo auch per Video in surreal angehauchtem Retrolook zu Gemüte führen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit Duetten so meine Schwierigkeiten habe, aber in meinen Ohren ist just diese Vorab-Auskopplung trotz der stimmigen Gast-Performance nicht der stärkste Song des Albums, eher dämpfte sie im Vorfeld meine Erwartungen – ganz zu Unrecht. Die übrigen neun Songs nehmen tendenziell einen Verlauf vom eher Poppigen zum stärker Experimentellen; statt, wie weithin üblich, zwischen Gegensätzen wie schnell/langsam oder komplex/schlicht hin und her zu wechseln, wird dem Hörer hier noch etwas mehr zugetraut, ein großer Bogen gespannt und vielleicht so etwas wie eine Geschichte erzählt.
Ein Album wie eine Nacht in der Stadt, wenn man eigentlich gar nicht weggehen wollte und schließlich – nach diversen Lokalitäten, regennassen nächtlichen Straßen, unwirklichen Fahrten durch seltsame neonbeleuchtete Viertel, möglicherweise einem fremden Bett – erst im Morgengrauen nach Hause kommt.

Automelodi sind übrigens derzeit auf Tour (leider ohne Termine in Süddeutschland) und auf dem kommenden WGT zu Gast. Auf der Bühne ist man erfahrungsgemäß ebenso präzise und perfektionistisch wie im Studio und obendrein mit großer und irgendwie sehr körperlicher Präsenz gesegnet. Auch live wird viel analoge Handarbeit geleistet, und wenn Xavier Paradis seine Maschinen doch mal im Stich lässt, dann nicht, um zu posen, sondern um zu tanzen – man kann ja auch gar nicht anders. Unbedingte Empfehlung: einhören, hingehen, mittanzen!

Anspieltipps:
La Poussière; Feux Rouges, Châteaux Brillants; Art Contraire

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Automelodi: Mirages au futur verre-brisé
Holodeck Records, Vö. 03.05.2019
Download ca. 7,- Euro, LP ca. 19,- $ plus Porto, Casette ca.8,- $ plus Porto (bei Bandcamp oder holodeckrecords.com)
Homepage: https://automelodi.com

Tracklist:

01. La Poussière
02. Les Métros Disparus
03. Feux Rouges, Châteaux Brillants
04. 7bis
05. Toujours De Jamais (hors-temps)
06. Angoisses D’Orléac
07. Art Contraire
08. Dernier D’août
09. GNO5
10. Visions En Forme

 

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