Album: The Bedroom Witch – Diaspora

Jeder Baum sieht den andern

diaspora_coverAnfang November, Regen an den Scheiben, draußen geht der hervorragend neblig-trübe Herbsttag seinem frühen Ende entgegen und drinnen ist es der richtige Zeitpunkt, nicht rauszugehen, sondern sich lieber das neue Album von The Bedroom Witch anzuhören. Das Projekt aus Los Angeles existiert bereits seit 2011, seitdem sind vier Longplayer erschienen, ich wurde allerdings erst durch den Sampler Sacred Spells des Labels Psychic Eye darauf aufmerksam (zur Besprechung hier entlang). Der dort vertretene Track „This house is no longer“ machte gewaltig Vorfreude auf ein fünftes Album. Jetzt ist Diaspora also erschienen und wir stellen fest: Die Vorfreude war berechtigt.

Der Opener „Shadow self“ erinnert mit seinem verhaltenen, repetitiv-hypnotischen Synthwerk, den zarten Gesangslinien und dem ungewöhnlichen Aufbau tatsächlich an den Sampler-Beitrag, der sehr spezielle Sog ist sofort wieder da. The Bedroom Witch ist kein zufällig gewählter Projektname, Sepehr Mashiahof verbindet unter diesem Alias die Auseinandersetzung mit einer ungastlichen Welt, mit persönlichen Verlusten und Verletzungen und den Spannungen – positiven wie negativen – der eigenen Herkunft und Identität mit etwas dezidiert Dunklem und Mystischem einerseits, andererseits mit einer warmen, nahen, sehr persönlichen musikalischen Stimmung. Das hört man extrem selten so, und deswegen schreibe ich diese Rezension hier: Wäre sehr schade, wenn jemand eine solche, tatsächlich heilsame musikalische Atmosphäre sucht und nichts von diesem Album wüsste.
Der zweite Track „She told me she feels alone“ bringt noch eine andere Komponente dazu, die sich, mal stärker und mal schwächer ausgeprägt, durch das Album ziehen wird: Das Sounddesign, die Synth-Linien, der Gesang und wie er arrangiert ist, das alles weckt bei mir heftige 80er-Pop-Assoziationen. Das folgende „Sea of insects“ mit seinem schummrigen Anfang fügt sich stimmungsmäßig perfekt ans gerade vorübergezogene Halloween, aber auch hier sind zwischen leicht tribal-angehauchtem Schlagwerk und interessanter Sound-Arbeit wieder einige klassische Elemente aus dem gerade erwähnten Jahrzehnt zu hören. Für mich sind derlei Reminiszenzen an die verschwendete Jugend immer ein etwas gespaltenes Vergnügen, wer aber auf 80er-Synth-Goth-Pop steht, hat hier schon mal den ersten Anspieltipp. „Fountain choir“ setzt nach seinem verhaltenen Intro mit klassischem Synth-Bass und String-Sound ein, und ich sehe schon, aus dem 80er-Ding komme ich auch hier nicht ganz raus, während der Song dahintreibt wie ein kleiner Fluss und nach und nach unter der schimmernden Oberfäche seine Wirbel und Untiefen offenbart.
„Grieving spell“ ist dann wieder ganz anders und eher schlicht, für mich aber umso packender gemacht. Es hat etwas von einer Inkantation, Stimmen und Sounds variieren ein Grundthema über einer runtergepitchten Stimm-Bass-Linie, während hier und da immer wieder neue Elemente eingeflochten werden. Großartig. „At the gates“ führt diesen sparsamen Ansatz weiter, doch die anfangs wenigen Komponenten türmen sich nach und nach zu einer dichten, fast greifbaren Sound-Landschaft auf, durch die die Stimme wandert, auf der Suche nach, wer weiß, Einlass? Erlösung? „Notice me“ erfreut mich auf Anhieb mit seiner 8Bit-Cembalo-Anmutung, unwiderstehlich mitziehendem Beat, schönem Bass und einfallsreichen Details, und die Stimme lullt den Hörer von mehreren Seiten wunderbar ein: perfekter Dunkel-Pop!
Mit „Capricorn“ folgt ein sehr ruhiger Song, mir persönlich vielleicht eine Ecke zu ruhig – die geschichteten Vocals über dem rhythmischen Untergrund haben auf mich den Effekt von Nebel über einer Landschaft, die man, so sehr ich Nebel auch mag, vielleicht auch gerne in ihrer unmittelbaren Schroffheit hören würde. Dafür erinnern mich die leicht klagenden Vocals hier teilweise ein klitzekleines bisschen (und sicherlich sehr subjektiv) an The Smiths, das ist ja nie verkehrt. „Shapeshifter“ legt dann wieder einen Zahn zu, die Rhythmuselemente und Arpeggios dürfen wieder mehr in den Vordergrund, auch dieser Song trägt einen jedoch wie ein Fluss immer weiter und dem abschließenden Track entgegen: „I‘ll never see them dance again“. Wie der Titel schon vermuten lässt, kein fröhlicher Song, aber der passende Schlusspunkt für diese Reise durch die Nacht.

Fazit: Ein sehr schönes Album und bedenkenlos weiterzuempfehlen. Mir persönlich ist es alles in allem, und speziell beim Arrangement der Vocals, trotz aller gegebenen Abwechslung vielleicht doch noch ein bisschen zu homogen, um es am Stück gehört angemessen würdigen zu können, ich höre mir die einzelnen Songs lieber zeitversetzt intensiv an. Woran das genau liegt – schwer zu sagen, denn jeder einzelne Song und jede einzelne Geschichte dahinter ist absolut hörenswert. Letztlich, wie das meiste, Geschmackssache: Manche schätzen eher ein paar Stolpersteine auf dem Weg durch ein Album, andere aber genau diesen ununterbrochenen Fluss. So oder so: Wer dunklen, hypnotischen und ein bisschen geheimnisvollen elektronischen Pop mag, wer sich von Musik gerne einhüllen und wegtragen lässt, wer Musik als eine eigene Art der Magie und als heilenden Kontakt mit dem Anderen begreifen kann, sollte hier unbedingt reinhören.

Anspieltipps: Sea of insects, Grieving spell, Notice me

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

The Bedroom Witch: Diaspora
Psychic Eye, 15. Oktober 2019
Download ab 9,– Euro auf Bandcamp, auch als Kassette und CD erhältlich

Homepage, Facbook und Bandcamp
Lesenswertes Interview mit Sepehr Mashiahof (2017) auf Bandcamp Daily

Tracklist:

01.Shadow self
02. She told me she feels alone
03.Sea of insects
04. Fountain choir
05. Grieving spell
06. At the gates
07. Notice me
08. Capricorn
09. Shapeshifter
10. I‘ll never see them dance again

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