Mass genital worship
The Sex Organs haben sich 2014 in Zürich gegründet und avancierten schnell zum Geheimtipp und zur Kultband im europäischen Garage Underground. Letztes Jahr ist das zweite Album We’re fucked – the ultimate Soundtrack to the downfall erschienen. Doch in dieser Rezension geht es noch einmal um das viel zu schnell vergriffene 2016 veröffentlichte Debütalbum Intergalactic sex tourists von der Schweizerin Jackie Brutsche und dem Niederländer Bone, das von Voodoo Rhythm Records frisch neu aufgelegt worden ist.
Es ist nur konsequent den Spaß mit einem “Foreplay” zu beginnen, in dem ein Radiosprecher die Ankunft der Sex Organs beschreibt. Mit “Outer space” klären sie selbst ihre Herkunft, und das mit einem Lo-Fi-Sound. Musikalisch bewegen sie sich im Bereich Garage, der minimale Ansatz versprüht Punk-Spirit, und natürlich ist auch eine Prise Beat dabei. Zum Schluss beschreiben andere Zuschauer die Begegnung, und einer von ihnen klingt lustigerweise nach Snoop Dogg. Flott geht es mit “Tonight” weiter, das deutlich in die Rockabilly-Kerbe schlägt. Gute Laune ist mit dieser Aufforderung zum Sex definitiv gesichert. Und wenn das noch nicht schlüpfrig genug ist, kommt “Lubrication” gerade recht. Musikalisch ist es total simpel, doch gerade diese Einfachheit sorgt für eine gewisse hypnotische Wirkung. Die Textzeilen werden dabei fast zu einem Mantra. “Camel toe twist” legt wieder eine kesse Rockabilly-Sohle aufs Parkett und wird dabei von orgasmischen Schreien begleitet. Die repetitiven Elemente und der monotone Gesang in “Drowning” sind für mich schwer einzuordnen, aber irgendwie fühle ich mich dabei an die experimentelle Frühzeit im Underground der Achtziger erinnert, bevor NDW kommerziell wurde. Auch die Rückkopplungsgeräusche und Radiorauschen am Ende passen dazu.
Mit “I wanna be a pussy” folgt der Knaller, der mir auch von der Live-Show beim Munich Garage Fest bestens in Erinnerung geblieben ist. Der zweistimmige Gesang sorgt für eine besondere Energie, und der textliche Humor ist einfach großartig. Das folgende “Itch” wirkt auf mich, als hätte Iggy Pop zu Zeiten von The Stooges Primitive Rock ‘n’ Roll gemacht. “Orgasms” ist eine sehr coole Kombination aus frühem Punk und Rockabilly, zu der mensch einfach mitgrooven muss. Im Anschluss besitzt auch “Earth blues” einen ordentlichen Groove. Der Grundrhythmus erinnert mich dabei sogar etwas an “Tainted Love” von Soft Cell. Zum Abschluss überrascht “Fuck off” zu Beginn mit leicht staubigem Western Flair, doch dann werden am Ende die Triebwerke gezündet, und das Raumschiff hebt in einer Lärmorgie ab.
Fazit: The Sex Organs! Darauf hatte die Welt gewartet. Natürlich ist das Konzept um Bandname, Optik und Thematik auf Intergalactic sex tourists etwas speziell, aber alles andere als langweilig. Auch ihr Sound ist außergewöhnlich. Garage und Beat, Rockabilly und Noise-Rock, serviert mit Lo-Fi Punk-Attitüde und ohne Bass. Die musikalische Reise der Intergalactic sex tourists beinhaltet Elemente der Sechziger, der Siebziger und der Achtziger und natürlich eine ordentliche Portion Trash. Zwischen den Songs gibt es kurze Einspieler, über die sich sicherlich streiten lässt. Auf der einen Seite sind sie unheimlich lustig (“mass genital worship”) und beschreiben die Reise der Sex Organs und ihrer Fans bzw. Hater, auf der anderen Seite hemmen sie etwas den unmittelbaren Flow des Albums. Außerdem wird manchen die Produktion sauer aufstoßen, die nicht gerade clean ist. Mir gefällt das Schmutzige im Sound aber ausgesprochen gut, und schmutzig passt irgendwie auch viel besser zum Thema.
Natürlich wird es auch Menschen geben, die The Sex Organs auf Pimmelwitze vierzehnjähriger Schüler reduzieren wollen, doch damit liegen sie völlig falsch. Mit ihrer konsequenten Ausreizung des Themas bis hin zur Bühnenshow stehen sie für mich vielmehr in der Tradition der Rocky Horror Picture Show und machen dort weiter, wo diese aufhörte. Und natürlich setzen sie dabei noch eins drauf.
Eine kleine Warnung noch: Die Songs sind dermaßen catchy, dass ich schon mehrmals sehr blöde Blicke bekommen habe, weil ich Textzeilen unbewusst mitgesungen habe.

Anspieltipps: Outer space, I wanna be a pussy, Orgasms
The Sex Organs: Intergalactic Sex tourists
Voodoo Rhythm Records, Vö. 09.05.2025 (Re-Release)
MP3 8,00 €, CD 15,00 €, LP 20,00 € erhältlich über Bandcamp
Links:
https://www.facebook.com/theOrgans/?locale=de_DE
https://www.instagram.com/thesexorgans/
https://thesexorgans.bandcamp.com/
https://voodoorhythm.com/cms/
https://voodoorhythm.bandcamp.com/
Tracklist:
01 Foreplay
02 Outer space
03 Tonight
04 Lubrication
05 Camel toe twist
06 Drowning
07 I wanna be a pussy
08 Itch
09 Orgasms
10 Earth blues
11 Fuck off
(850)
