Ausstellung: Christoph Niemann: Im Auge des Betrachters – Literaturhaus München

Eine Mohnsemmel als Stoppelkinn

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Christoph Niemann braucht nicht viel, um aus wenigen Pinselstrichen eine Illusion zu erschaffen. Da ist eine Mohnsemmelhälfte, dazu ein Kopf, zwei Hände, ein Rasierapparat: ein stoppeliger Mann im Bad.

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Zwei Bananen – sie werden zu einer perfekten Pferdekörperhälfte;

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eine Dame bei ihrer Zeitungslektüre, die lasziv übereinander geschlagenen Beine sind die Schneiden einer Schere; das Tintenfass, es wird zur Kamera; ein weißer Ballerinaschuh wird am Wasser zum Weißen Hai. Am besten gefällt mir der dramatische, theatralische Ausdruck der verzweifelten Erdbeere.

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Christoph Niemann erzählt auch bildlich von seinen Ängsten als Künstler,

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er lässt uns teilhaben an langweiligen Flugreisen, die er visuell protokolliert, und an seiner Entwicklung zum Kaffeetrinker: herrlich witzige Bilder mit brauner Tinte – wie Kaffee – auf kleinen Servietten.

Christoph Niemann beschäftigt sich aber auch immer wieder mit politischen Fragen: der Klimawandel, die Atom-Katastrophe in Fukushima, die Trump-Regierung, aber auch, was die Digitalisierung mit uns macht.

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Eine Virtual-Reality-Brille, Apps für Kinder und Erwachsene, einige kleine Filme, ein Werktisch mit Alltagsgegenständen und Zeichensachen zum Mitmachen runden die Ausstellung ab. Das eigene kreative Kunstwerk kann man für die Web-Galerie des Literaturhauses an kontakt@literaturhaus-muenchen.de schicken, oder mit dem Hashtag #imaugedesbetrachters auf Instagramm posten. Eine nette und kreative Idee!

Die gelungene Ausstellung „Im Auge des Betrachters“ beschert einen anderen Blick auf die Dinge des Alltags. Nichts ist so, wie es scheint, oder vieles ist anders, als es wirkt. Alles in allem schöne ein bis zwei Stunden. Anschließend ergattere ich nebenan im „Oskar Maria“ noch ein kleines Tischchen für mich und lasse das Ganze bei einem Apérol Spritz sacken. Ein perfekter Spätnachmittag.

Christoph Niemann, 1970 in Waiblingen geboren, ist Zeichner, Graphiker, Autor und Illustrator. Er arbeitete für die Zeitschriften „The New Yorker“ und „The New York Times“. Er schrieb eigene Bücher und versah sie mit seinen Zeichnungen, er bebilderte aber auch fremde Bücher wie von T. C. Boyle oder Erich Kästner („Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“). Nach einem längeren Aufenthalt in den USA lebt er nun mit seiner Familie in Berlin.

Christoph Niemann, Im Auge des Betrachters
https://www.literaturhaus-muenchen.de/ausstellung/christoph-niemann/
Literaturhaus München
Ausstellung von 9.11.2018 bis 3.2.2019
Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro
Mo-Fr 10 bis 19 Uhr
Sa/So/Feiertage 10 bis 18 Uhr

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