warp time warp

wandschmuck

… time warp. Wir befinden uns in einer Zeit, in der für die großen Herausforderungen der Gegenwart schon mal alle verwirrenden Verunlösungen gefunden worden waren, die eins sich nur verwünschen kann, von künstlicher Intelligenz und von Menschen, wie sie halt so sind – und etwas oder jemand blickt nun darauf (zurück, hinüber, voraus? Wer weiß). Außerdem befinden wir uns in der Villa Stuck und in einer fabelhaften Ausstellung: Under the Wobble Moon zeigt Objekte und Bilder des amerikanischen Künstlers Misha Kahn, laut Begleitheft die bisher umfassendste Zusammenschau seiner Arbeiten. Und auch wenn eins (wie ich) vorher noch nie etwas von ihm gehört oder gesehen hat – wer alter Science Fiction und Jugendstil etwas abgewinnen kann, oder sich fragt, wie das bitte zusammenpassen sollte, oder der Meinung ist, dass weder Kunst noch die Auseinandersetzung mit schwierigen Entwicklungen unbedingt immer unfassbar ernst sein müssen, sollte sich beeilen und noch hingehen.


tischlampe_mit_mädchenBeim Eintreten in den halbdunklen Empfangssalon haben wir den Eindruck, in einem 60er-Jahre-SciFi-Filmset zu sein, auf dem Außerirdische (die leuchten ja bekanntlich auch gerne von innen) in der Villa gelandet sind – etwas Größeres empfängt uns an der Tür, etwas Kleineres lebt statt eines Feuers im Kamin. Bei genauerem Hinsehen erkennt man in den amorphen Formen Ansammlungen von Fundstücken, Abfall, Schrott, Scherben von alten Tassen, buntem Flaschenglas, bemalten Fliesen, Knochen, Federn … trotzdem, hier wohnt doch was? Im nächsten Raum wird es heller und keramischer, eher diffus funktionell als anorganisch-lebendig, später immer aufgeräumter und luftiger, aber das Prinzip setzt sich fort: Die Ausstellung ist in die historischen, an sich schon wunderschönen Räume der Villa Stuck eingebettet, als habe sie schon immer dorthin gehört. Das ist toll gemacht! Tatsächlich ist fast die Hälfte der Exponate neu und speziell für dieses Haus entstanden. Aber ob neu oder älter, Künstler und Kuratorium haben sie alle so harmonisch platziert, dass ich manchmal erst auf den zweiten Blick bemerke, dass da ja noch etwas wohl doch nicht ganz ins ursprüngliche Mobiliar gehört.
Viele der Stücke erscheinen an ihren Plätzen auch ganz sinnvoll, denn tatsächlich könnten sie – theoretisch, irgendwie, auf etwas absurde Weise – irgendeine Funktion erfüllen oder knapp verfehlen: als Lampe oder Tisch, als zweifelhafter Stuhl, als sicher sehr unbequemes Bett. Vielleicht nicht erstaunlich, wenn eins später liest, dass Misha Kahn sein Design-Studium in Möbeldesign abgeschlossen hat, deswegen aber nicht weniger überraschend, was daraus entsteht. Schaut man sich dann beim Weggehen noch einmal um oder betrachtet das Ganze von einem anderen Winkel aus, sieht man statt dem, was gerade noch am ehesten eine Standleuchte aus Metallschienen, Kunststoff und Wolle war, plötzlich ein leuchtaugiges Stelzvogelwesen in der Mauser, das da etwas verlegen in der Ecke steht. Nicht „form follows function“, sondern einer überschäumenden Form, die sich so ziemlich verselbstständigt hat, trödelt irgendwo eine äußerst abgelenkte Funktion hinterher, wenn sie nicht gerade noch das Exponat neben sich angucken muss oder beim Eisessen ist. Und je länger eins die Objekte ansieht, desto mehr sieht eins in ihnen. Es macht einfach Spaß.
enchanteDort, wo sich durch die Fenster der Villa der Blick auf Garten, Mauern oder Dächer öffnet, habe ich den Verdacht, dass sogar diese Ausblicke bewusst mit dem Ausgestellten abgestimmt worden sind, farblich und vom Raumeindruck her (ruhig, weit, gedrängt …). Das ist so ungefähr das Gegenteil davon, Kunst im neutralen Raum zu präsentieren: Die Ausstellung selbst als begehbares Kunstwerk im Kunstwerk.
Spannend ist auch die große Vielfalt an Materialien und Techniken: Es gibt über-organische Formen aus Kunststoff, Metall, Keramik, und was andererseits wirkt wie eine metallene Rakete oder Zeitmaschine aus einem alten B-Movie, ist bei näherem Hinsehen aus dunklem Holz geschreinert.
Vor den Bildern im Obergeschoss, die teils die Formen der plastischen Objekte aufgreifen, teils, durch so etwas wie Morgendunst hindurch, Szenen in verfallenen architektonischen Strukturen zeigen, rätseln wir, wie sie gemacht sind: Einerseits eindeutig mit Farbe und Pinsel auf Leinwand gemalt, wirken die Linien und Flächen andererseits so überpräzise und maschinell wie bei Drucken – wie geht das? AWDie Antwort steht im Innenhof: Ein Roboter mit drei Pinseln am Werkarm und einer Farbpalette neben sich malt hier an einem Bild, wie sie auch drinnen hängen. Leider hat er gerade Pause, als wir da sind. Macht aber nichts, ist auch so cool.

ufoAn der Kasse liegt ein Begleitheft, das auf jeden Fall mitgenommen werden sollte. Wir haben es erst am Ende unseres Rundgangs entdeckt, und einerseits macht es Spaß, die eigenen Eindrücke, Vermutungen, Assoziationen erst im Nachhinein mit einer autorisierten Erzählung zu vergleichen. Andererseits hatten wir uns unterwegs oft die Informationen vor allem über die Namen der Objekte, die verwendeten Materialien und Techniken gewünscht, die eins hier findet (denn in der Ausstellung ist nichts beschriftet oder kommentiert). So oder so, das Lesen lohnt sich auf jeden Fall, denn die Objektbeschreibungen im Stil einer ethnographischen Ausstellung über eine Vergangenheit, die für uns hoffentlich nicht wirklich genau so die Zukunft ist, sind fabelhafte Lektüre.

Misha Kahn: „Under the Wobble Moon. Objects from the Capricious Age“, noch bis 21.08.2022
Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und feiertags 11–18 Uhr
Eintrittspreise: 9,- €, ermäßigt 4,50 €, freier Eintritt für alle unter 18 Jahre

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