Eine Welt voller Punkte
Wenn man Yayoi Kusama auf ein einziges Motiv reduzieren müsste, wären es Punkte. Sehr viele Punkte. Aber wer denkt, das sei bloß Dekoration, irrt gewaltig – hinter den berühmten Polka Dots steckt eine der faszinierendsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Yayoi Kusama wird 1929 in Matsumoto, Japan, geboren. Schon als Kind leidet sie unter Halluzinationen, bei denen sich Muster, Punkte und Netze über ihre Umwelt legen. Statt daran zu zerbrechen beginnt sie, das Gesehene zu zeichnen. Kunst wird für sie kein Hobby, sondern Überlebensstrategie.
Ende der 1950er geht Kusama nach New York, mitten hinein in die männerdominierte Kunstszene. Während Minimalisten und Pop-Art-Stars berühmt werden, arbeitet sie obsessiv an ihren Infinity Nets, veranstaltet radikale Performances, protestiert gegen Krieg und Machtstrukturen und bemalt ziemlich viele nackte Körper mit Punkten.
Lange Zeit bekommt sie dafür zu wenig Anerkennung, aber sie ist da. In den 1970ern kehrt Kusama nach Japan zurück und zieht freiwillig in eine psychiatrische Klinik, in der sie bis heute lebt. Sie arbeitet weiterhin täglich im Atelier gegenüber. Das klingt tragisch, vielleicht auch ein klein wenig arty, es ist aber ein von ihr selbstgewähltes System, das ihr Stabilität gibt. Ab den 1990ern entdeckt die Kunstwelt sie neu. Spätestens mit den legendären Infinity Mirror Rooms wird Kusama zum globalen Phänomen. Instagram liebt sie, Museen feiern sie, Warteschlangen vor Museen entstehen. Ihre Welt sind Punkte, Muster und Netze, doch was sind ihre Themen?
Es geht immer um Unendlichkeit, Selbstauflösung, Körper, Sexualität und Kontrolle, psychische Gesundheit. Obwohl ihre Kunst verspielt ist und knallbunt, behandelt sie damit immer etwas Existentielles. Sie selbst sagt: „Meine Kunst ist Ausdruck meines Lebens, besonders meiner mentalen Krankheit.“ 96 Jahre ist sie mittlerweile alt, und sie ist eine lebende Legende. Man erkennt sie sofort: knallrote Perücke, Punkte und unerschütterlicher Stil. Sie ist nicht nur Künstlerin, sondern Pop-Ikone, Außenseiterin und Kunst-Pionierin in einem. Sie beweist, dass man aus innerem Chaos etwas schaffen kann, das wunderschön ist und die ganze Welt fasziniert.
Die Ausstellung „Yayoi Kusama“ in der Fondation Beyeler in Basel lief von Mitte Oktober 2025 bis Mitte Januar 2026. Gezeigt wurde eine großartige Retrospektive ihrer Kunst, ihr Leben in Worten und Bildern, ihre Entwicklung. Ein Infinity Room im Garten, schillernde Kugeln in einem Teich, die für sie so typischen Kürbisse, riesige Installationen, in denen man sich bewegen konnte.
Ich hatte das Glück, „Yayoi Kusama“ dort zu sehen. „Yayoi Kusama“ wird von drei großen Museen organisiert, nach Basel hat man noch die Gelegenheit, sie im Museum Ludwig in Köln zu sehen (14. März – 2. August 2026) und danach im Stedelijk Museum in Amsterdam (11. September 2026 – 17. Januar 2027).
Absolut empfehlenswert!
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