Autorenportrait: Terry Pratchett

Ein Weltenschöpfer

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photo by Christian Thiel

Terry Pratchett – Wem klingt dieser Name nicht in den Ohren? Mittlerweile sicher nicht nur Fantasy-Insidern, denn Terry Pratchett hat sich mit Witz und cleveren Anspielungen in die Herzen seiner Fans auf der ganzen Welt geschrieben. Vor dem Erfolg von J. K. Rowlings Harry Potter der erfolgreichste Autor Großbritanniens, schrieb er bisher rund 50 eigene Romane und zahlreiche weitere in Zusammenarbeit – übersetzt in 37 Sprachen. Seine Fantasie und sein einmaliger Stil brachten ihm Ende 2008 sogar die Ritterschaft der englischen Krone ein. Außerdem wurde eine fossile Urzeit-Schildkröte aus dem Eozän nach ihm benannt: Psephophorus terrypratchetti. Wer kann das schon von sich behaupten?
„Sir Pterry“, wie viele Fans und Freunde ihn nennen (in Anlehnung auf das stumme ägyptische P im Namen der Charaktere aus Pyramiden), blickt auf eine lange Karriere zurück – seine erste Kurzgeschichte veröffentlichte er im zarten Alter von 13 Jahren in einer Schülerzeitung. Zwei Jahre später, 1963, wurde sie im Science Fantasy Magazin gedruckt. Nach diesem glücklichen Start widmete er sich dem Journalismus, dem er, wie er selbst sagt, bis heute treu geblieben ist, denn er „sagt die Wahrheit“ in seinen Büchern, und das ist es doch, was Journalisten tun (sollten). [“I was once a journalist. And I think of myself as a journalist, and that’s it. You tell the truth.“] Und genauso spürt man es in all seinen Geschichten – egal wie abstrus die Handlung, wie sonderbar die Charaktere auch sein mögen. Am Ende ist das alles doch nichts als eine Reflektion der Menschen.

Das Vergessen

Im Jahr 2007 gab Pratchett seine Erkrankung an Altzheimer bekannt. Er leidet an einer langsam fortschreitenden Form, dennoch verlor er kurz darauf die Fähigkeit, seine Romane selbst zu tippen. Seine letzten Bücher wurden bereits vollständig von ihm diktiert und von seinem langjährigen Assistenten niedergeschrieben. Im Allgemeinen schätzt er es nicht, auf seine Krankheit reduziert zu werden. Er ist durch sie zwar zum Aktivisten für selbstbestimmtes Sterben und Sterbehilfe geworden, hat mit der BBC sogar den Dokumentarfilm „Choosing to die“ (etwa: Den Tod wählen) gedreht, doch er schämt sich dafür, dass die Krankheit seine Verkaufszahlen weiter angekurbelt hat. Mittlerweile sieht er sie auch als weniger bedrohlich an. „Einiges geht verloren, aber es scheint nicht groß anders, als wenn Opa fragt „Wo hab ich meine Schuhe gelassen?“ So in die Richtung. Es ist nicht, als ob man in der Straße stünde und nicht wüsste, wo zum Teufel man ist, oder so.“ [„Bits knock off, but it doesn’t seem to be that much different than your granddad saying, “Where did I put my shoes?” It’s that kind of thing. It’s not standing in the street and not knowing where the hell you are, or anything like that.”]
Und genau deswegen sollen hier auch keine weiteren Worte darüber verloren werden.

Die Scheibenwelt

terry-pratchett_witz-und-weisheitSeine bekanntesten Werke sind zweifellos die 39 bisher erschienenen Romane über die Scheibenwelt, jene flache Welt, die unserer Erde so erstaunlich ähnlich ist – nur ganz anders. Auf dem Rücken von vier Elefanten, die auf dem Panzer einer Schildkröte stehen, wird sie durchs Weltall getragen und dabei sind sie und ihre Bewohner mehr oder weniger hilflos den Spielen einer ganzen Reihe von Göttern ausgeliefert. Neben normalen Menschen tummeln sich auf ihr Zauberer und Hexen, Zwerge und Trolle, Vampire, Werwölfe und so ziemlich jedes Wesen, das sich irgendwo in der irdischen Mythologie findet und Terry Pratchett einmal in die Finger geraten ist. In der Tat beweist er eine unheimliche Sorgfalt bei der Recherche für seine Bücher, sowie ein wahrhaftiges Elefantengedächtnis für Details. Keine seiner Geschichten ist je einfach so „ausgedacht“. Jeder Roman enthält unzählige Kleinigkeiten, Anspielungen und Fußnoten, die eine amüsante Kleinigkeit verraten, die exakt eingepasst ist in den Plot.
Für jeden ist etwas dabei in seinen Romanen, vor allem, da man ihn nur schwer in ein Genre pressen kann. Natürlich, Fantasy greift immer. Dennoch hat jede Reihe der Scheibenwelt-Romane ihr eigenes Sub-Genre, von Märchen bis Krimi kann jeder Leser seine Lieblingsgeschichte finden. Jede „Reihe“ – denn die Scheibenwelt-Romane sind thematisch und nach Charakteren zusammengefasst. Ein grober Überblick:

Die Hexen
Das verrückte Trio um Oma Wetterwachs, die Anführerin der Hexen. Nein, halt, Hexen haben natürlich keine derartige Hierarchie, doch Esme Wetterwachs ist die Anführerin, die sie nicht haben. Märchenhafte Abenteuergeschichten, die sich oft um Theater drehen und inspiriert von keltischen Mythen und altenglischen Bräuchen sind.
Als „Ableger“ der Hexen-Reihe entwickelten sich die Romane um Tiffany Weh, eine junge Hexe, die von Esme Wetterwachs unter ihre Fittiche genommen wird. Ihre Abenteuer sind märchenhafter und weniger klamaukig, haben aber den gleichen Charme.

Tod
Die gutmütige anthropomorphe Personifizierung des Schnitters, die stets in Großbuchstaben spricht. Tod hat die Menschen lieben gelernt und ist zutiefst fasziniert von ihrem Einfallsreichtum und ihrer Fantasie, auch wenn manche Details sich ihm einfach nicht erschließen. Zuerst im Alleingang, in späteren Romanen auch mit der Hilfe seiner Enkelin Susan eilt er der Menschheit zu Hilfe. Dabei ist er für mich persönlich eine der liebenswertesten Scheibenweltfiguren überhaupt.

Die Zauberer
Geballte Inkompetenz und Faulheit, regelmäßige und ausufernde Mahlzeiten, schrecklich übermotivierte Studenten und die lästige Bedrohung von allerhand unappetitlichen Monstern aus den Kerkerdimensionen – so in etwa sieht das Leben eines durchschnittlichen Zauberers an der Unsichtbaren Universität aus. Dass hin und wieder auch einzelne helle Leuchten in dieser bunten Lichterkette auftauchen, macht das Ganze umso komischer.
Rincewind, der wohl berühmteste und in zumindest einer Hinsicht auch erfolgreichste Zauberer der Scheibenwelt, bekam gleich eine ganze Reihe eigener Romane, ständig auf der Flucht vor… so ziemlich allem.

Die Stadtwache
Verrückte Kriminalgeschichten um die wohl abgedrehteste Polizeistation, die man sich nur vorstellen kann. Unter Kommandeur Samuel Mumm tummelt sich eine wahrlich illustre Gruppe aus Wächtern: Der gerechtigkeitsfanatische Hauptmann Karotte, seine Freundin Angua, die ein haariges Problem hat, und Korporal Nobby Nobbs, bei dessen artenkundlicher Einordnung selbst Darwin verzweifeln würde, sind nur einige Beispiele.

Ankh-Morpork
Nicht nur Zauberer und Wächter tummeln sich in der größten und bedeutendsten Stadt der Scheibenwelt. Getrennt durch den mächtigen Fluss Ankh, dessen Wasser man nicht trinken, sondern kauen kann, liegt der Moloch, der von dem Patrizier Lord Vetinari gelenkt wird. Ihm verdankt die Stadt auch ihr ausgeklügeltes Gildensystem, denn Vetinari hat erkannt, dass man Verbrechen nicht verbieten kann – also organisiert man es. In Ankh-Morpork spielen viele der Romane, die sich sonst schwer einer Reihe zuordnen lassen.

Mit The Colour of Magic (Die Farben der Magie) begann Terry Pratchett 1983 erstmals, den Leser in die Scheibenwelt zu führen, doch mit dessen Cliffhanger-Ende musste man noch 3 weitere Jahre leben, bis die Fortsetzung The Light Phantastic (Das Licht der Fantasie) erschien. Ins Deutsche wurde der Doppelroman 1985 und 1989 übersetzt. Danach ging es Schlag auf Schlag: im Schnitt veröffentlichte Pratchett zwei Scheibenwelt-Romane pro Jahr, sowie zahlreiche andere Bücher. Aktuell nimmt er sich wegen engen Zeitplänen und seiner Altzheimer-Erkrankung etwas mehr Zeit.
Terry Pratchetts Werke werden in Deutschland aktuell von der Random House Verlagsgruppe herausgegeben.

Die Verfilmungen

Die stetig wachsende Fangemeinde war hellauf begeistert, als 2006 mit Hogfather (Schweinsgalopp) die erste Realverfilmung einer Scheibenwelt-Vorlage veröffentlicht wurde. Der Fernseh-Zweiteiler war mit bekannten Gesichtern des englischen Fernsehens genauso ausgestattet wie mit einer kleinen Rolle von Sir Pterry selbst als Spielzeugmacher.
Mit The Color of Magic folgte zwei Jahre später die nächste Verfilmung, wieder ein zweiteiliger Fernsehfilm, und diesmal konnten für die Hauptrollen sogar Größen wie Sean Astin (vielen bekannt als Sam aus dem Herrn der Ringe) und der wohl überzeugendsten Besetzung für die Stimme von Tod, Christopher Lee, gewonnen werden. Und auch hier ließ Pratchett selbst sich einen kleinen Auftritt selbstverständlich nicht nehmen. Genau wie in Film Nummer drei: Going Postal, in der der heute als Tywin Lannister aus Game of Thrones bekannte Charles Dance einen eiskalten Lord Vetinari zum Besten gab.
Neben diesen Realfilmen gibt es außerdem eine Handvoll Trickfilme zu älteren Werken, außerdem schrieb Terry Pratchett auch einige Episoden für Fernsehserien.

Außerhalb der Scheibenwelt

Mehr als zehn Jahre vor der Geburt der Scheibenwelt erschien mit The Carpet People (ursprünglich Alarm im Teppich-Reich, was den Einfallsreichtum deutscher Übersetzer in den 70ern mehr als deutlich macht; heute auch Die Teppich-Völker) der erste Roman von Terry Pratchett. Ihm folgten unter anderem eine Reihe Science-Fiction Romane, die Nomen-Trilogie und das unvergleichliche Good Omens in Zusammenarbeit mit Neil Gaiman. Außerdem erschienen einige „Begleitwerke“ zum Universum der Scheibenwelt. In der jüngsten Vergangenheit machten außerdem die neuen Romane The Long Earth und Dodger von sich Reden, denen vermutlich auch Fortsetzungen folgen sollen.

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photo by Robin Matthews

Terry Pratchett – ein Name, so viele Geschichten. Ein absolut einmaliges Talent, die Welt zu beobachten und sie mit wenigen Worten so umzuformulieren, dass dem Leser die Absurdität der eigenen Gesellschaft auffällt, ohne dabei je humorlos zu werden. Ein Stil, der einem nicht nur Bauchschmerzen vor Lachen bereiten kann, sondern auch die Schönheit so vieler Details herausarbeitet, die uns im Alltag begegnen und nie wahrgenommen werden. Geschichten ohne Zeigefinger-Moral, aus denen man trotzdem eine tiefe, beinahe romantische und ganz und gar fantastische Philosophie mitnehmen kann, wenn man dazu bereit ist. Und am Ende – was wäre der Mensch denn ohne seine Fantasie? Was wäre eine Welt ohne Menschen wie Terry Pratchett? Ich sags euch: Eine Welt, in der die Sonne nicht aufgeht. Stattdessen würde nur ein Ball aus brennendem Gas sie erhellen.

Terry Pratchett (englisch)
Terry Pratchett (deutsch)
DiscWiki
Terry Pratchett bei Random House
Interview

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