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Benefiz-Lesung mit Krimi-Autor Friedrich Ani, München, 12.11.2014

Hospiz mit Witz: geht das? Ja, es geht.

 

 

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Von meiner Freundin, mit der ich schon viele schöne Events besucht habe, bekam ich zum Geburtstag eine Eintrittskarte zu einer Lesung mit Friedrich Ani. Ich habe mich gefreut, da ich seine Bücher furchtbar gerne lese, ebenso gerne höre ich ihm zu. Das wie, wo, was war mir momentan egal.
Am Tag der Lesung, deren Erlös der Trauerbegleitung des Christophorus Hospizvereins zugedacht ist, kommen wir also zum Pfarrsaal der Pfarrei St. Joseph am Josephsplatz. Kurz nach 18 Uhr gehen wir durch den Eingang neben der Kirche, es ist noch still. Wir steigen eine Treppe hinauf, oben ist eine Dame, die die bestellten Eintrittskarten ausgibt, und wir betreten den Raum. Hier wird mir erst richtig bewusst: Das hier ist keine witzige Buchhandlung, kein mondänes Literaturhaus oder gar ein kracherter und voller Schlachthof, nein, es ist ein Pfarrsaal, das große Kreuz vorne neben der Bühne erinnert mich daran. Die Veranstalter haben etwas zu knabbern bereit gestellt, wie auch Wasser, Saft und etwas Wein.
Wir holen uns eine Kleinigkeit zu essen und ein Gläschen Weißwein, das wir an einem Stehtischchen zu uns nehmen. Das Publikum: wenig junge Leute, viele ältere Herrschaften. Da kommt auch schon Friedrich Ani, der sich noch sehr im Hintergrund hält.

 
Frau Angela Eßer, Mitherausgeberin der Krimi-Anthologie Finsterböses Bayern, moderiert und führt in den Abend ein. Sie fragt nach den ehrenamtlichen Hospizhelfern, diese melden sich, es wird applaudiert, es soll ja auch deren Abend sein. Frau Cornelia Rommée kommt auf die Bühne und wird von Frau Eßer zu ihrer Tätigkeit als Trauerhelferin gefragt, was für mich sehr interessant ist, weil ich mir hierüber noch nie Gedanken gemacht habe. Frau Rommée erzählt, dass die Hinterbliebenen nach einem Todesfall eine Zeitlang Mitleid, Verständnis, Hilfe und Unterstützung erhalten. Nach einer gewissen Zeit wird ihnen aber Unverständnis entgegengebracht, weil „man doch irgendwann mit der Trauer fertig sein muss“. Dieser Gedanke beschäftigt mich, ich will mich unbedingt zu Hause noch näher mit Hospizarbeit und Trauerhilfe befassen, das ist eine wichtige und ehrenvolle Arbeit im Hintergrund, ohne großes Brimborium, aber mit viel Wirkung für den Einzelnen, der diese Hilfe benötigt und in Anspruch nimmt. www.chv.org/unsere-dienste/unterstuetzung-in-der-trauer.htmlDann kommt Friedrich Ani auf die Bühne. Er wird von Frau Eßer vorgestellt. Ich kann nicht abschätzen, wie viele Leute aus diesem Kreis Ani kennen und bin jetzt richtig gespannt auf die Reaktionen. Zuerst einmal muss Ani aber ein bisschen was richten: Das Licht ist nicht optimal, der Wein ist nicht kalt, und so dauert es ein wenig, bis es losgeht. Für mich, die ihn kennt, gehört das klein bisschen bayrische Quengeln aber schon zum Hauptprogramm, es ist – tut mir leid – amüsant.
Für seine erste Geschichte greift er zu dem Buch Finsterböses Bayern. 25 renommierte Autoren haben hierzu je eine Geschichte kostenlos beigesteuert, und der Reinerlös geht zugunsten des Bayerischen Hospiz- und Palliativverbands. Ani: „Bayern allein hätt ja schon gereicht und alles ausgesagt, ist ja klar, „Finsterböses“ Bayern ist ja eigentlich schon ein regelrechter Pleonasmus.“ Die Geschichte „Im Paradies“ beginnt erst einmal ziemlich blutrünstig, bevor es nach ein paar Seiten und einigen Minuten zu einer überraschenden Auflösung kommt. Es ist ein Ohrenschmaus. Ani liest wirklich so, dass man die einzelnen Personen – oder soll ich sagen Charaktere? – in dieser Geschichte heraushört, mit wilden Gesten und ebenso wildem Gesichtsausdruck. Ich schau nach links und rechts: den älteren Herrschaften gefällt’s.
Danach liest Ani noch aus seinem Buch Unterhaltung ein paar Geschichten vor. Die Story um den Makler von Wohnungen in eher ärmeren Gegenden, der aber regelmäßig in Kneipen verkehrt, wo es Glockenbachviertel-Tussis gibt, die Hollerblüten-Prosecco trinken ( „Bioherz mit Bandnudeln“), ist ebenso skurril und makaber wie „Der verzweifelte Erlöser“, in der es um Monika (Moni) Gruber und deren Stalker geht. „Die verunglückte Fahrzeugkontrolle“ aber, mit den zwei (sehr betrunkenen) Polizisten, die einen völlig nüchternen Redakteur beim Bayrischen Rundfunk nach seinen „Babieren“ fragen ist zum Brüllen. Ich habe selten so gelacht! Und das in einem Pfarrsaal, auf einer Lesung zugunsten einer Trauerbegleitung! Nach einer knappen Stunde ist Schluss mit den Geschichten, und Frau Eßer kommt wieder auf die Bühne. Ani und sie scheinen sich gut zu kennen – ich lese später nach, sie haben schon zusammen gearbeitet – denn sie kabbeln sich auf eine liebenswerte Art und Weise, dass es eine Freude ist.
Frau Eßer stellt Ani nun ein paar Fragen aus Marcel Prousts Fragebogen, die er gewissenhaft und überlegt beantwortet:
Wo möchten Sie leben?
An der Nordsee. – Frau Eßer ist überrascht. – Ach was, und das, wo er doch aus dem schönen Kochel am See kommt? Und was ist mit den Bergen? – Berge? Die sind total überbewertet, diese Berge, die eigentlich nur Schatten machen …
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
Jemanden zu haben, den man liebt.
Was ist für Sie das größte Unglück?
Jemanden zu verlieren, den man liebt.
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
Da hat er lang überlegen müssen, der Ani. Die Leute haben geschmunzelt. – Ehrlichkeit ist es, Offenheit.
Ihre Lieblingsfarbe?
Wechselt. Momentan blau.
Ihre Lieblingsblume?
Boah, es gibt so viele schöne Blumen. Eine wilde Blumenwiese.
Ihr Lieblingsvogel?
Ein Beo. Krähen.
Ihre Lieblingsnamen?
Namen? Es gibt so viele Namen. – Er hat keinen genannt.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
Singen können.
Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
Genau das, was er jetzt ist.
Wie möchten Sie gern sterben?
So wie es kommt, so kommt es. Er lebt so, wie er will oder wie es sich ergibt, und der Tod kommt auch so, dass man es hinnehmen wird.
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Er ist angestrengt, aufgeregt … und fragt sich, ob er dem Motto „Hospiz“ gerecht geworden ist.

Das ist sehr nett von Friedrich Ani, es klingt nicht aufgesetzt, es wirkt wirklich so, als wolle er sich dem Thema aufrichtig widmen und nichts falsch machen oder es ins Lächerliche ziehen.

Ach ja, und überhaupt, zum Fragebogen von Marcel Proust: „Ja, der hat ja auch Zeit gehabt, ist in seinem Bett gelegen und konnte sich Gedanken machen.“ Köstlich, diese Anspielung auf Marcel Prousts Mammutwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in dem wirklich nicht viel passiert und die Romanfigur tatsächlich viel Zeit im Bett verbringt, philosophierend natürlich.

Zum Schluss bekommt Herr Ani nicht nur wirklich großen Applaus vom Publikum sondern auch noch einige Geschenke: eine Kleinigkeit für einen FC Bayern Fan – Herr Ani und Frau Eßer sind sich einig, dass es Gott sei dank nicht der Kugelschreiber ist, der die Hymne, Stern des Südens, anstimmt, und einen großen Beutel voll Augustiner Bier, nachdem seine Figuren gar so viel Paulaner- und Löwenbräu-Bier trinken mussten.
Danach hat er sich unters Publikum gemischt, Bücher signiert und – kalten – Weißwein getrunken.

Foto: von der Homepage des Christophorus Hospiz Vereins e.V. München

Finsterböses Bayern – 25 Kriminalgeschichten
Hg. Angela Eßer, Heidi Keller
Allitera-Verlag
268 Seiten
€ 14,90

Friedrich Ani: Unterhaltung
Droemer Verlag, 03.03.2014
Hardcover, 320 Seiten
€ 18
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