Ein Brief vom Boss

Es gibt Neues vom Boss! Letter to you, sein 20. Studioalbum ist da! Er hat es innerhalb von fünf Tagen live eingespielt, bei sich zu Hause mit der legendären E Street Band, den Musikern und Freunden von Bruce Springsteen, mit denen er schon etliche Alben aufnahm und unzählige Konzertabende verbrachte. Es ist das erste gemeinsam live eingespielte Studioalbum nach Born in the USA. Das ist jetzt 36 Jahre her, dieses Album, das immer noch in aller Munde und in allen Gehörgängen ist mit seinen Klassikern wie dem Titelsong, dann „Glory days“, „I’m on fire“ und „Dancing in the dark“. Man kommt sich schon ein ganz klein wenig alt vor, wenn man das alles schon miterlebt hat. Schließlich ist man nicht mehr die Allerjüngste. Aber das sind die Herrschaften der E Street Band auch nicht. Vor der Veröffentlichung konnte man sich schon auf Youtube einen kleinen Teaser zur Entstehung des Albums ansehen, das die Band zusammen mit ihrem Boss zeigt. In gnädigem Schwarzweiß, in kernige, hemdsärmelige Holzfällerhemden gekleidet sieht man dennoch, dass sie allesamt in einem normalen Berufsleben schon längst Rentner wären, auch der 71-jährige Springsteen, obwohl an ihm der Zahn der Zeit langsamer zu nagen scheint.

https://www.youtube.com/watch?v=KEu8vdgO3CQ&feature=emb_title

Hier ist man gut drauf, hat Lust miteinander seine Gedanken zu teilen und gemeinsam zu spielen, und das erzeugt in mir die Lust, mir das Album anzuhören. Wird er melancholisch sein, auf diesem späten Album? Wird er den „Glory days“ nachhängen? Oder wird er politisch sein und Themen anpacken wie in „Born in the USA“, diesem unglaublich bekannten Song von 1984, der von so vielen Menschen missverstanden wird? Viele denken ja, das sei ein patriotisches Lied. In Wirklichkeit aber distanzierte sich Springsteen mit dem Song inhaltlich vom Vietnamkrieg und dem Verhalten der damaligen Regierung der USA. Wird es jetzt ähnlich sein? Wird Springsteen den orangefarbenen Präsidenten mit der Frisur eines Goldhamsters kritisieren? Ich will mir das Album nun anhören und klicke auf den mir zur Rezension übermittelten Stream.
Der Boss singt wie immer von Gefühlen. Thema ist und bleibt Amerika, Land und Leute, mal persönlich und emotional, mal politisch. In „House of a thousand guitars“ singt er zum Beispiel „The criminal clown has stolen the throne“, in „Rainmaker“ singt er vom Rattenfänger, dem die Menschen auf den Leim gehen. Für Fans der ruhigeren Songs gibt es gleich zu Anfang „One minute you’re here“ oder später „Song for orphans“. Das klingt richtig melancholisch und ein wenig wehmütig. Rockig wird es zum Beispiel beim Titelsong „Letter to you“, bei „Last man standing“ und „House of a thousand guitars“. „Rainmaker“ hat Country-Anleihen, und richtig schmissig wird dann „Burnin‘ train“ und „Ghosts“. Beim letzten Stück zeigt uns der Boss, dass er immer noch Ohrwürmer schreiben kann. Wer zwei-, dreimal „I’ll see you in my dreams“ gehört hat, kann es anschließend im Schlaf mitsummen.

Die E Street Band und ihr Boss (sein Spitzname „The Boss“ entstand übrigens in den 1970er Jahren, als er seinen Bandmitgliedern nach den Auftritten die Gage bar ausbezahlt hat) sind wie gewohnt ein eingespieltes, familiäres Team mit dem für sie typischen Sound: Saxophon, Piano, Akustikgitarre, E-Gitarren, Mundharmonika. Westernsound, Mitwipp-Rock und Mitgröl-Hymnen einfach! Die drei Songs, die ursprünglich in den frühen 70ern entstanden sind, harmonieren perfekt mit dem neuen Material.
Viele haben ein politisches Album erwartet, und das ist es teilweise auch, es ist aber noch mehr persönlich, melancholisch, nachdenklich geworden. Vergänglichkeit, Nostalgie, Tod sind die Themen. Dennoch ist Bruce Springsteen mit seinen 71 Jahren noch kein bisschen müde. Die Stücke machen Lust, sie in einem richtig großen Stadion live zu erleben und mitzugrölen. Man ist musikalisch gleich nach den ersten leisen und dann erst recht mit den lauten Tönen zu Hause.

Mein Fazit: Springsteen jammert nicht, er wettert nicht, er erinnert sich. Er ist nach wie vor kritisch, und seine Fans sind auf YouTube, Instagramm und Facebook fast einhellig einer Meinung: „Solange der Boss zu uns spricht, ist noch nicht alles verloren. Sogar dieses verdammte 2020 ist mit diesem Album ein Stückchen besser geworden.“

Anspieltipps: Burnin‘ train, Janey needs a shooter und Song for orphans (so richtig schön Bob-Dylanesque!)

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Bruce Springsteen: Letter to you
Columbia / Sony Music Entertainment, Vö. 23.10.2020
Länge: 58 Minuten
CD: 14,29 €, Vinyl: 30,99 €

Tracklist:
01. One minute you’re here
02. Letter to you
03. Burnin’ train
04. Janey needs a shooter
05. Last man standing
06. The power of prayer
07. House of a thousand guitars
08. Rainmaker
09. If I was the priest
10. Ghosts
11. Song for orphans
12. I’ll see you in my dreams

 

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