Buch: Ariel S. Winter – Mr. Sapien träumt vom Menschsein

Nicht wie erwartet …

Mr Sapien träumt vom MenschseinIn nicht allzu ferner Zukunft existieren auf der Welt kaum noch Menschen. Dafür gibt es mittlerweile Roboter in zweiter und dritter Generation – gebaut von anderen Robotern. Menschengebaute Maschinen sind selten geworden. Eins dieser Exemplare, Mr. Sapien, zieht nach einem Unfall ans Meer, in eine kleine Hütte am Strand, die er von Familie Beachstone mietet. Das Anwesen – Barren Cove – ist alt und scheint viele Geheimnisse zu beherbergen, und auch seine Vermieter kommen Mr. Sapien gehörig merkwürdig vor. Nach und nach erforscht er ihre Familiengeschichte und stößt dabei auf ein jahrzehntealtes Familiendrama, auf Liebe, Hass, Eifersucht und im Zentrum eine Frage, die er selbst sich immer wieder stellt: Wozu existieren sie alle eigentlich?

Ich muss ehrlich sagen, als ich Mr. Sapien träumt vom Menschsein entdeckte, hat der Titel mich eine gänzlich andere Art von Buch erwarten lassen. Ich hatte mit einer bittersüßen, nachdenklichen Hommage an die Natur des Menschen gerechnet (vielleicht so ähnlich wie in Matt Haigs Ich und die Menschen). Der Originaltitel, Barren Cove, weckt dagegen Assoziationen, die dem Buch deutlich näherkommen: Ein Anwesen am Meer, abgeschieden, einsam, mit merkwürdigen Bewohnern und vielen Geheimnissen. Genau das bekommt man.

Mr. Sapien träumt vom Menschsein ist kein „schönes“ Buch. Es tut weh, es ist grausam, es ist gemein, es bricht einem das Herz. Es zeigt eine Welt, in der Menschen nahezu ausgestorben sind und mit ihnen auch die Menschlichkeit dahingeht. Manche Roboter haben einen tiefgreifenden Hass auf alles Menschliche, sie fühlen sich überlegen und sehen in der Vergangenheit die Ausbeutung der Roboter durch die Menschheit. Dennoch beginnen sie, etwas durch und durch Menschliches zu tun: sich fortpflanzen. Roboterpaare bauen neue Roboter, und mit jeder Generation scheinen sie sich weiter von menschlicher Moral und menschlichen Gefühlen zu entfernen, doch damit geht auch etwas anderes verloren: der Sinn, zu existieren. Dadurch entwickeln sie eine geradezu dekadente Langeweile, die sich vor allem in Grausamkeiten aller Art äußert.

Auf der Suche nach einem Sinn ist auch Mr. Sapien, über den wir eigentlich sehr wenig erfahren, doch er ist bei weitem der sympathischste der Protagonisten, doch auch er scheint von der Vergangenheit geplagt zu sein. Doch allen anderen – weder den Robotern noch dem einen Menschen, der überhaupt noch eine Rolle spielt – kann man beim Lesen kaum positive Gefühle entgegenbringen.

Trotz allem ist Mr. Sapien träumt vom Menschsein dann aber doch ein wirklich gutes Buch, das wichtige Fragen stellt. Was passiert mit der Menschlichkeit, wenn die Menschen verschwinden? Was ist Menschlichkeit überhaupt, und wie „lernen“ wir sie? Wozu sind wir überhaupt da? Der Titel der deutschen Übersetzung ist allerdings grob irreführend – niemand träumt hier vom Menschsein, überhaupt kann von Träumen nicht die Rede sein, vieles ist eher alptraumhaft, und das Menschsein scheint eher ein mysteriöses Phantom zu sein, das niemand mehr so richtig versteht. Wenn man die Erwartungen an dieses Buch etwas anpasst, ist es allerdings eine wirklich lohnende Lektüre.

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Ariel S. Winter: Mr. Sapien träumt vom Menschsein
Knaur Verlag, 02.11.2016
240 Seiten
Taschenbuch € 14,99
eBook € 12,99

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