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Willkommen in New Crobuzon!

mieville_cperdido_street_station_137410Manche Dinge werde ich nie begreifen, egal, wie sehr ich es auch versuche: Dazu gehört neben allem, was mit Wirtschaftswissenschaften zu tun hat, auch die Frage, wie es sein kann, dass ein fantastischer Autor wie China Miéville in Deutschland nicht gelesen wird. Hört man sich um, zweifelt man nachgerade an der Menschheit: So gut wie keiner kennt ihn und seine Romane, die irgendwo zwischen Science Fiction, Fantasy und Horror pendeln und deren Stil er gerne als „Weird Fiction“ beschreibt. Nominiert war er schon für so ziemlich jeden Preis, der für Fantastische Literatur vergeben wird, gewonnen hat er, teilweise mehrfach, den Arthur C. Clarke Award, Hugo, Nebula, Locus Award, den Kurd-Laßwitz-Preis, den British Fantasy Award und und und. Allerhöchste Zeit also, dass wir uns hier endlich diesem Ausnahmebriten widmen!

Der Heyne Verlag ist wild entschlossen, genau dafür zu sorgen: Mit Perdido Street Station ist im März der erste Miéville-Roman erschienen, der in New Crobuzon spielt, einer Stadt wie einem Moloch, bevölkert von Gaunern, Zauberern, Wassergeistern, lebenden Wasserspeiern, Insektenmenschen, die wunderbare Kunstwerke erzeugen, und verrückten Wissenschaftlern, die auf Gedeih und Verderb ihre Theorien beweisen wollen – manchmal auch mit unlauteren Mitteln. Dem Vogelmenschen Yagharek wurden seine Flügel brutal abgesägt. Obwohl es eine verdiente Strafe war, kann er sie nicht mehr ertragen, zu groß ist die Sehnsucht nach dem Fliegen. Er reist nach New Crobuzon und beauftragt den eigensinnigen Wissenschaftler Isaac Dan dar Grimnebulin, dafür zu sorgen, dass er wieder fliegen kann. Isaac beginnt mit seiner Recherche dort, wo es logisch erscheint: Bei fliegenden Tieren aller Art. Unter seinen Labortierchen befindet sich auch eine bunte Raupe, die mit psychedelischen Drogen gefüttert werden will und rasant wächst, als Isaac endlich die richtige Diät für sie findet. Doch was aus dem Kokon schlüpft, ist ein Alptraum, der fortan die größte, schrecklichste und schönste Stadt der Welt fest im Griff behält …

New Crobuzon ist die heimliche Protagonistin in diesem Roman, der sich herrlich langsam und in Etappen einem Höhepunkt entgegenschraubt, der es in sich hat. Diese Megacity, an zwei Flüssen gelegen und mit London als Patin, liefert mehr als nur einen farbenprächtigen Hintergrund für eine unendlich spannende Handlung, sie wird immer wieder selbst zur Hauptdarstellerin. Mit sichtlicher Freude am Fabulieren bevölkert Miéville die Stadt mit allerlei Gelichter, die sich an skurrilen Details von Seite zu Seite überbieten. Perdido Street Station ist ein Füllhorn an Skurrilität und urbanem Surrealismus, und Miéville verwebt sie nach und nach zu einer ganzen Welt, die einen immer wieder innehalten und staunen lässt. Beachtlich ist dabei auch die Sprache, der Miéville sich befleißigt und die exzellent von Eva Bauche-Eppers ins Deutsche übersetzt wurde. Ich ziehe hier vor der Übersetzerin meinen virtuellen Hut und sage: „Chapeau!“, denn auch nur ein flüchtiger Blick ins Original lässt erahnen, welche Titanen-Aufgabe das gewesen ist. Kostprobe gefällig? Bitteschön:

„Der Fluss windet und biegt sich und bringt uns dann vor das Angesicht der Stadt. Unversehens ragt sie empor, gigantisch, ein Fremdkörper, der Landschaft aufgezwungen. Der Widerschein ihres Lichtermeers bekleidet die Hänge der Bergumwallung mit der Farbe gerinnenden Blutes. Ihre schmutzigen Türme glühen. Ich fühle mich klein. Ich bin versucht, mich in Ehrfurcht zu neigen vor dieser phantasmagorischen Megalopolis, emporgewuchert aus dem Treibgut der zwei Flüsse, die sich hier vereinen. Sie ist ein immenser Giftkessel, ein Gestank, ein misstönender Posaunenstoß. Fette Schlote speien selbst jetzt, in tiefer Nacht, feurige Rußfahnen in den Himmel. Längst ist es nicht mehr die Strömung, die uns zieht, sondern die Stadt selbst, ihre Masse verschlingt uns. Gedämpfte Rufe, hier und dort die Stimmen von Tieren, obszönes Dröhnen und Stampfen aus den Fabriken, wo riesige Maschinen brunsten. Bahngleise durchziehen die urbane Anatomie wie hervortretende Adern. Rote Ziegel und schwarze Mauern, ungeschlachte Kirchen wie steinzeitliche Relikte, flatternde zerschlissene Markisen, das kopfsteingepflasterte Labyrinth der Alten Stadt, Sackgassen, Abwassergräben, die wie profane Katakomben in die Erde schneiden, eine Hügellandschaft aus Müll, Schutthalden, Bibliotheken, gemästet mit vergessenen Folianten, heruntergekommene Hospitäler, Häuserblocks turmhoch, Schiffe und Stahlkrallen, die Lasten aus dem Wasser heben.
[…] Ein Zug pfeift, als er auf Brückengleisen vor uns den Fluss überquert. Ich schaue ihm nach, süd- und ostwärts, und sehe die kleine Lichterkette verschwinden, aufgesogen von diesem Nachtland, diesem Moloch, der seine Bewohner frisst. Bald werden wir die Fabriken passieren. Kräne ragen aus dem Düster wie magere Stelzvögel. Einige sind in Bewegung, um die Schauerleute, die Nachtschicht, mit Arbeit zu versorgen. Ketten schlenkern Lasten wie nutzlose Glieder, scheinen lebendig, wo Zahnräder ineinandergreifen und Schwungräder sich drehen.
Plumpe, lauernde Schatten kreisen am Himmel.
[…] Ich werde den Gleisen der Hochbahn folgen. Ich werde mich in ihrem Schatten halten, wo sie über die Häuser und Türme und Baracken und Büros und Gefängnisse der Stadt hinwegführen; ich werde mich orientieren an den Streben, die sie in der Erde verankern. Ich muss den Weg ins Herz der Stadt finden.
Mein Umhang (schweres Tuch, ungewohnt und schmerzhaft auf der Haut) zerrt an mir, und ich spüre das Gewicht meiner Börse. Das ist es, was mich hier schützt, das und die Illusion, die ich genährt habe, der Ursprung meines Kummers und meiner Schande, des Schmerzes, der mich in diesen riesigen Horst geführt hat, diese aus Gebein und Stein geträumte Stadt, eine Verschwörung von Industrie und Grausamkeit, getränkt mit Vergangenheit und isolierter Macht, diese Wüste jenseits meiner Vorstellungskraft.
New Crobuzon.“*

Perdido Street Station hat schon ganze 14 Jahre auf dem Buckel und wurde in Deutschland auch bereits veröffentlicht (Bastei Lübbe teilte den Roman damals allerdings in zwei Teile, die mittlerweile vergriffen sind). Bei Heyne erschien der Roman des 1972 in Norwich geborenen Autors jetzt erstmals in einem Band – was nur den Beginn einer ganzen Reihe weiterer Miéville-Romane markiert, die demnächst hier erschienen sollen. Perdido Street Station ist jedenfalls schwer aus der Hand zu legen, hat man sich erst einmal in die besondere Sprache eingelesen. Wie New Crobuzon selbst entwickelt das Buch einen Sog, den man bewusst gar nicht richtig greifen kann, der aber ständig präsent ist und an einem nagt, vor allem dann, wenn man keine Zeit zum Lesen hat. Nehmt euch also in Acht vor diesem Buch – es raubt euch Schlaf, Essen und soziale Kontakte, bis ihr damit fertig seid!

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Na, angefixt? Im Januar 2015 erscheint Das Gleismeer, ebenfalls bei Heyne. Viel Spaß beim Lesen!

China Miéville: Perdido Street Station
München, Wilhelm Heyne Verlag, 2014
848 S., € 16,99
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* China Miéville: Perdido Street Station. S. 9-13. 

(1938)