Buch: Colin Meloy – Wildwood: Das Geheimnis unter dem Wald

Zurück in den Wald

Nach den Ereignissen in der Undurchdringlichen Wildnis (die in Band I, Wildwood beschrieben wurden) geht das Leben für Prue und Curtis weiter. Curtis wird von den Wildwaldräubern zu einem der ihren ausgebildet und genießt sein Leben im Wald. Prue hingegen ist zurück im Alltag. Mit ihren Eltern kann sie kaum über ihre Erlebnisse reden, in der Schule ist sie unkonzentriert, und seit einer Weile hört sie Pflanzen sprechen. Sie glaubt fast nicht mehr daran, den Wald oder Curtis jemals wiederzusehen – doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Curtis holt sie zurück in die Wildnis, beide müssen vor Attentätern fliehen, die es auf ihre Leben abgesehen haben, und die Revolution im Südwald hat keineswegs zu geordneten Verhältnissen geführt. Eine kryptische Prophezeiung führt die beiden Freunde tiefer und tiefer in den Wald, sogar darunter, wo ungeahnte Überraschungen warten.

Wildwood: Das Geheimnis unter dem Wald beginnt kurze Zeit nach dem Ende von Wildwood, steigt aber nicht so sprunghaft ins Geschehen ein wie der Vorgänger. Meloy lässt sich etwas Zeit, um den Alltag von Prue und Curtis zu beschreiben, und nimmt außerdem einen weiteren Faden auf: Curtis‘ Familie, die fieberhaft nach ihrem verlorenen Sohn sucht. Bald wird klar, dass sich der zweite Teil komplexer entwickelt als der erste. Handlungsstränge sind verworrener und führen weniger geradlinig aufeinander zu, was stets die Spannung aufrechterhält, auch wenn das Tempo von Wildwood II etwas langsamer ist.
Der märchenhafte Stil, mit dem Meloy mich bereits in Band I begeistert hat, ist noch stärker ausgeprägt. Absurde Szenarien, wie das Waisenhaus, dessen Bewohner Maschinenteile bauen müssen, muten an wie eine groteske Gutenachtgeschichte, eine verzerrte Wirklichkeit. Das fügt sich perfekt in die generell etwas merkwürdige Welt ein, die auf den ersten Blick wie ein Wunderland wirkt, aber viel zu komplex und politisch für eine Kindergeschichte ist.
Zum Ende hin spürt man deutlich, wie sich die Handlungsstränge einander annähern, doch es wird ebenso klar, dass die verbleibenden Seiten nicht zur Auflösung ausreichen werden. Insofern ist Wildwood: Das Geheimnis unter dem Wald ein typischer zweiter Teil einer Trilogie (oder gar mehr?), in dem viele neue Fäden gesponnen und viele Steine ins Rollen gebracht werden, um dann etwas abrupt aufzuhören. Jedenfalls verspricht es eine spektakuläre Auflösung im nächsten Band der Reihe, der gerade in den USA erschienen ist.
Ich war ein wenig skeptisch bezüglich einer Fortsetzung, da das Ende des ersten Teils eigentlich recht schön in sich geschlossen war. Ich kann nicht sagen, ob Wildwood von vornherein als Reihe geplant war, aber jedenfalls konnte mich Colin Meloy wie schon in seinem Debüt auf ganzer Länge überzeugen. Das Geheimnis unter dem Wald ist ein würdiger Nachfolger für einen genialen Erstling und macht definitiv Lust auf mehr.
Dieses Mal gefielen mir sogar die liebevollen Illustrationen von Meloys Frau Carson Ellis erheblich besser als im ersten Band.

Die Wildwood-Reihe ist eine fesselnde Geschichte über Freundschaft, Durchhaltevermögen und den Unterschied zwischen Schein und Sein. Sie ist empfehlenswert für Fans von Volksmärchen und Sagen, aber dabei komplex und magisch wie ein Epos.
Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte aber auf jeden Fall zuerst Band I lesen, sonst verirrt man sich womöglich in der Undurchdringlichen Wildnis.

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Colin Meloy – Wildwood: Das Geheimnis unter dem Wald
Mit Bildern von Carson Ellis
Heyne Verlag, 2013
592 Seiten
17,99€
eBook: 13,99€

Heyne

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Die Wildwood Chroniken

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1 Antwort
  1. Phoebe
    Phoebe says:

    Das Buchcover würde mich im Buchladen animieren, das Buch in die Hand zu nehmen, und nach dieser Rezension kriegt man Lust darauf, es zu lesen.
    Aber zuerst Band 1, Aye Aye!

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