Buch: Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben

Eine tiefe Enttäuschung für den Commissario

Brunetti_Ein SohnVerliebt, verlobt, verheiratet und dann Kinder und Glück bis ans Ende aller Tage? Und was, wenn nicht? Diese Fragen gehen Commissario Brunetti in diesen Tagen im Kopf herum. Denn sein Schwiegervater, der Conte Falier, normalerweise ein Ausbund an Diskretion und Verschwiegenheit, bestellt ihn zu sich, um ihn nach einigem Small Talk, oder in diesem Fall eher Long Talk, um eines zu bitten: sich im Leben von Gonzalo Rodríguez de Tejeda ein wenig umzusehen. Denn der langjährige Freund des alten Conte wird in letzter Zeit oft mit einem sehr jungen Herrn gesehen. Sie sind wohl ein Liebespaar, und Gonzalo will ihn adoptieren, da dieser ihn dann im Falle seines Ablebens beerben könnte, und nicht seine Geschwister. Brunetti soll ein wenig Licht ins Dunkel bringen, denn dem Conte, ein wahrer Familienmensch, mit den Traditionen verbunden, bereitet das Sorgen. Wer und wie ist denn dieser junge Mann, ein Marchese zwar aus gutem Hause, bedauerlicherweise aber verarmt? Missbraucht er Gonzalo, oder liebt er ihn wirklich?

Brunetti wendet sich im Präsidium diskret an Signorina Elettra, sie soll einiges recherchieren. Fatal nur, dass die Signorina kurz danach für ganze drei Wochen in Urlaub geht. Wer kümmert sich nun um diese Recherchen? Noch fataler ist, dass Gonzalo kurz vor Signorina Elettras Rückkehr verstirbt. Ein natürlicher Tod, kein Mord. Als dann aber wegen der Bestattung Besuch nach Venedig anreist, wird jemand ermordet. Natürlich gelingt es dem Commissario, diesen Mord aufzuklären, eine Befriedigung ist ihm dies nicht. Menschlich ist er schwer enttäuscht.

1992 erschien der erste Band der Reihe um Commissario Brunetti in Venedig. Dies ist der 28. Fall der mittlerweile 78-jährigen Donna Leon. Hier ist wieder alles irgendwie so wie immer: Es geht mehr um das Privatleben Brunettis mit seiner bezaubernden, intellektuellen Frau Paola, seinen mittlerweile herangewachsenen gescheiten Kindern Raffi und Chiara, seiner Assistentin Signorina Elettra. Ja, sogar Nebenschauplätze wie Straßen, Brücken, Trattorias, Cafés und deren Kellner kommen wieder vor. Dennoch empfinde ich die Grundstimmung als eine andere als sonst: Guido Brunetti wird allmählich älter. Er wird empfindsamer, nachdenklicher, melancholischer. Er befasst sich mit Vergänglichkeit und Älterwerden, er liest griechische Tragödien inbrünstiger denn je, er überlegt bei jedem Wort, ob das seinem Gegenüber gut tut oder nicht. Klar, dass ihn da menschliche Abgründe sehr schwer treffen. Ich weiß nicht, wie lange der Commissario dies noch aushalten wird. Gottseidank wird er einmal sorgenlos in Rente gehen können, denn dank der schwerreichen Herkunft seiner Frau haben alle seine Lieben einmal bis in alle Ewigkeit finanziell ausgesorgt. Ich gönne es diesem integren, sensiblen, großherzigen Mann. Spannung ist anders, aber darum geht es in dieser Krimireihe schon seit langem nicht mehr.

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Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben
Diogenes, 1. Juni 2019
Hardcover Leinen
320 Seiten
24,00 €, als eBook 20,99 €

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