Buch (e): Matt Haig – How to stop time

Vom Überleben und Leben

Matt Haig-How to stop timeTom beginnt einen neuen Job. Geschichtslehrer an einer kleinen Schule in London. Er sieht aus wie ein fitter Anfang-Vierziger. Flirtet verhalten mit Französischlehrerin Camille. Holt einen Hund aus dem Tierheim. Ist ein ganz gewöhnlicher Mann. Außer, dass er 1581 geboren wurde, an einer seltenen Krankheit leidet, die ihn extrem langsam altern lässt, und er einem Geheimbund angehört. Tom hat sich nach London versetzen lassen, um Ruhe und Frieden zu finden, doch stattdessen muss er lernen, dass Zeit allein nicht alle Wunden heilt und dass man vor dem Leben nicht davonlaufen kann.

Matt Haig hat mich schon mit Ich und die Menschen (The Humans) verzaubert, und auch How to stop time trifft wieder genau diesen Nerv. Es ist eine Hommage ans Leben, ans Mensch-Sein, an Liebe, Musik und all die kleinen Wunder des Alltags, die man zu oft im Stress einfach ignoriert.

Sein ganzes, langes Leben lang hat Tom sich versteckt. Normale Menschen, die er und die anderen seiner Art „Eintagsfliegen“ nennen, fürchten ihn, lehnen ihn ab, behandeln ihn wie einen Freak. Er beginnt früh umherzuwandern, bleibt nie lange an einem Ort, nicht einmal bei der gleichen Persönlichkeit. Sogar wenn er selbst in Sicherheit ist, scheint er geliebten Mitmenschen Unheil zu bereiten. Als er sich deswegen von seiner großen Liebe trennen muss, zerbricht in ihm etwas, das über Jahrhunderte nicht heilt, bis Tom schließlich begreift, dass er zwar 400 Jahre überlebt, aber nicht *gelebt* hat.
In kurzen Kapiteln erzählt Tom in schmerzhaften Flashbacks von seinen Erlebnissen durch die Jahrhunderte. Kommt er einem anfangs nur etwas schrullig vor, bricht einem bald mit jedem emotionalen Rückschlag, den er erleiden muss, das Herz.

Matt Haig hat ein wunderbares Sprachgefühl und ein Auge für Details, die den Leser tief berühren. Er schafft eine bittersüße Melancholie, ohne zu jammern oder sich im Elend zu wälzen. Trotz allem, was Tom durchleiden musste, ist der Knackpunkt: Das Leben passiert, ob du mitmachst oder nicht. Menschen lieben, hassen, sterben, aber im Endeffekt ist das wichtigste, was wir aus jedem einzelnen Tag machen.

How to stop time ist ein wundervolles, berührendes Buch, das viele Gratwanderungen meistert: süß, ohne kitschig zu sein, melancholisch, ohne deprimierend zu sein, und dabei auch immer ein bisschen witzig.

Sprachlich ist How to stop time für fließende Englisch-Leser gemütlich, aber nicht anspruchslos.

Viele von Matt Haigs Büchern wurden auf Deutsch vom dtv Verlag herausgegeben. Aktuell gibt es noch kein Erscheinungsdatum für eine Übersetzung von How to stop time, aber ich denke, die Chancen stehen nicht schlecht. Davon abgesehen ist bereits eine zweite Ausgabe mit bezaubernden Illustrationen von Chris Riddell erschienen, und es gibt bereits Pläne für eine Verfilmung mit Benedict Cumberbatch.

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Matt Haig: How to Stop Time
Canongate, 6. Juli 2017
325 Seiten

Matt Haig

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