Geständnis eines Serienmörders – der Fall Pleil

„Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir.“

Wer kPleilennt es nicht, dieses Lied über den Serienmörder Fritz Haarmann aus Hannover. Der Name Rudolf Pleil hingegen ist weitgehend unbekannt, dabei ist er der Urheber einer nicht minder grausigen Mordserie, die sich in der Nachkriegszeit vor allem in der Harzregion abgespielt hat. Er behauptete, mit 25 Morden einen mehr als Haarmann begangen zu haben und damit Deutschlands größter Totmacher zu sein. Es konnten ihm jedoch nicht alle Taten nachgewiesen werden. Manche angeblichen Opfer wurden nie gefunden, bedingt durch mangelnde Zusammenarbeit der Polizei über die Besatzungszonen hinweg, oder weil sie anonym waren und nicht unbedingt als vermisst gemeldet worden sind.

Wie es der Untertitel schon andeutet, handelt es sich bei Nur Heringe haben eine Seele um die umfassende Lebensbeichte von Rudolf Pleil, der im Gefängnis wie eine Art nachträgliches Tagebuch ein umfassendes Geständnis seiner zahlreichen Gräueltaten ablegt, um den ihm seiner Meinung nach zustehenden Ruhm zu erhalten und nicht in Vergessenheit zu geraten. Doch nicht nur das, er zeichnet sein Leben von Beginn an nach, als er noch ein kleiner Junge war, und beleuchtet nacheinander seine verschiedenen Lebensstationen. Er verlässt früh das Elternhaus, das von Alkoholismus und Gewalt geprägt ist und fährt auf immer wieder wechselnden Positionen zur See. Mehrmals entgeht er im Krieg knapp dem Tod, bis er die Seefahrt wegen einer ausgeprägten Epilepsie-Erkrankung aufgeben muss. Stattdessen wird Pleil erst Handelsvertreter, dann selbstständiger Schwarzhändler. Trotz Ehefrau und einer Tochter sind Alkoholismus und Gewalt noch immer die bestimmenden Komponenten in seinem Leben und übernehmen schließlich die Oberhand. Seine Handelsreisen bieten das ideale Umfeld für seine zahlreichen Morde. Ohne diesen sadistischen Lustgewinn ist es ihm nicht möglich, zum Höhepunkt zu kommen. Manchmal hat Pleil mit Karl Hoffmann oder Konrad Schüssler einen Komplizen bei den Taten, wenn er gemeinsame Handelsreisen unternimmt. Zu zwölf Jahren verurteilt begeht Pleil schließlich Selbstmord im Gefängnis.
Der Autor Fred Sellin hat nicht nur Pleils Geständnis gebündelt, er hat sich auch durch die zahllosen Gerichtsakten gearbeitet und fügt viele davon an passender Stelle in den Kontext ein, so dass sie als Blick von außen zusätzliche Hinweise und Informationen liefern. Sellin selbst hält sich mit einem Urteil zurück, die Leser*innen müssen also ihre eigenen Schlüsse ziehen. „Nur Heringe haben eine Seele“, natürlich wird die Frage nach dem Warum hierzu beantwortet, und auch über den weiteren Verbleib von Karl Hoffmann und Konrad Schüssler wird am Ende aufgeklärt.

Fazit: Es ist schwierig, das Buch abschließend zu bewerten. Rudolf Pleil ist ein Totmacher, kein Schriftsteller. Man darf also in seiner Lebensbeichte keine Hochliteratur erwarten. Was das Buch für mich lesenswert macht sind zwei Dinge. Zum einen der Einblick in die bisweilen verstörende Seelenwelt von Pleil, zum anderen der Zeitzeugenbericht über das Leben in der Nachkriegszeit in Deutschland. Entvölkert, Mangelversorgung, Überlebenskampf. Und mittendrin Pleil, der all das zu seinem Vorteil zu nutzen weiß. So grausam seine Morde auch sind, kann man seine Entwicklung nachvollziehen und beginnt am Ende die abartige Logik hinter seinen Taten zu verstehen.

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Fred Sellin: Nur Heringe haben eine Seele
Droemer HC, Vö. 02.11.2020
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
20,00 €, als Ebook 16,99 €, erhältlich über Droemer Knaur
Homepage: https://www.droemer-knaur.de/buch/fred-sellin-nur-heringe-haben-eine-seele-9783426278383

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