Teilchenphysik der Trauer

Physik der Schwermut_cover„Ich schreibe in der ersten Person, um sicher zu sein, dass ich noch lebe. Ich schreibe in der dritten Person, um sicher zu sein, dass ich nicht nur eine Projektion meines eigenen Ichs bin, dass ich dreidimensional bin und einen Körper besitze. Manchmal stoße ich ein Glas vom Tisch und stelle mit Vergnügen fest, dass es fällt und zerspringt. Also gibt es mich noch und ich rufe Konsequenzen hervor. Wenn mich niemand beobachtet, werde ich mich selbst beobachten müssen, um nicht zu Quantensuppe zu werden.“ Eine tief im Erzähler verankerte Melancholie. Woher stammt sie? Eine Sammlung zufälliger Erinnerungen, vor langer Zeit erzählter Geschichten und Mythen versetzt mit kleinen persönlichen und Familiengeschichten entführt uns auf eine Reise in die Vergangenheit, durch die Gegenwart und in die Zukunft gleichermaßen. Nur nicht sich selbst dabei verlieren …

Physik der Schwermut besticht durch seinen fragmentarischen Erzählstil und die Vielfalt der einzelnen Geschichten. Der Leser wird in die verworrenen Gedankengänge des Protagonisten hineingezogen und erfährt auf diese unkonventionelle und spannende Weise die im Post-Weltkriegseuropa weit verbreitete Melancholie. Dem Leser wird durch die starke Empathie des Erzählers ein Blick in verschiedene Leben aus unterschiedlichen Zeiten ermöglicht. Dieser verkörpert einen kleinen Jungen sowie dessen erwachsenes Selbst im post-kommunistischen Bulgarien von 1968 bis 2011, aber auch seinen eigenen Großvater als Kind 1925 und als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Er ist Tier, Wolke und Staubkorn. Und er ist der Minotaurus, sein symbolisches Alter Ego, der durch das Labyrinth des Romans irrt. Mit viel Geist und beinahe schon poetischem Sprachcharakter, vermischt mit einer kleinen Portion Humor erzählt Georgi Gospodinov die Geschichte eines Jungen, der die tragische Melancholie des Minotaurus der griechischen Mythologie teilt: die Trauer der Verlassenen. Keine leichte Kost und nichts für schnell mal Zwischendurch. Ein roter Faden im Roman ist nicht leicht auszumachen, dafür aber beschäftigt die geistreiche Erzählung noch weit über den Roman hinaus.

Georgi Gospodinov wurde 1968 in Jambol im Südosten Bulgariens geboren. Mit seinem Debütroman Natürlicher Roman, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erlangte er internationales Ansehen. Sein zweiter Roman von 2011, Physik der Schwermut, war für verschiedene Preise nominiert und wurde im Herbst 2016 mit dem Jan Michalski Literaturpreis ausgezeichnet. Zur Preisverleihung hatte der Autor eine äußerst tiefsinnige Rede vorbereitet. Es lohnt sich, einen Blick in Gospodinovs Gedankengänge zu riskieren.

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Georgi Gospodinov – Physik der Schwermut
aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann
dtv Literatur, 11. November 2016
336 Seiten
9,90 €

Rede von Georgi Gospodinov zur Preisverleihung: What can Literature still do?

(1854)