Buch: Gert Möbius – Halt dich an deiner Liebe fest

Halt dich an deiner Liebe fest

Gert Möbius ist der Bruder von Peter Möbius und Ralph Christiahaltdichandeinerliebefestn Möbius, besser bekannt als Rio Reiser oder als „König von Deutschland“. Zwanzig Jahre nach dessen Tod hat er eine Biographie über ihn geschrieben und darin erstmalig auch persönliche Tagebuchauszüge von Rio veröffentlicht, die einen intimen Blick in sein Seelenleben ermöglichen.

Das Buch folgt inhaltlich nur grob einer chronologischen Reihenfolge, was der Autor im Vorwort auch ungeniert zugibt. Er lässt bisweilen seinen Erinnerungen freien Lauf, sodass spontane Zeitsprünge vor oder zurück immer wieder auftreten. Das wirkt erfrischend ehrlich und nervt zum Glück nicht, und man kann wohl davon ausgehen, dass kein Ghostwriter involviert war. Das gesamte Leben und Schaffen von Rio Reiser wird beleuchtet: Kindheit/Jugend, Ton Steine Scherben und Berlin, die Zeit in Fresenhagen und Rio als Solokünstler bis zu seinem zu frühen Tode.

Gert Möbius holt weit aus und fängt eben nicht nur bei der Kindheit an, sondern bei den Urgroßeltern und der weitläufigen Verwandtschaft. Das ist manches Mal etwas zu viel des Guten, sodass man sich unwillkürlich fragt: „Was hat das jetzt mit Rio zu tun?“ Ebenso wenn er etwas abschweift und quasi aus seiner eigenen Autobiographie erzählt. Natürlich haben sich die drei Brüder gegenseitig künstlerisch beeinflußt, und so schafft er es zwar oft, den Bogen wieder zurückzuspannen, dass der Bezug zu Rio im Nachhinein doch noch klar wird, oft aber auch nicht.

Vielleicht tue ich ihm Unrecht, aber ich habe das Gefühl, dass Gert Möbius sein eigenes künstlerisches Schaffen unterschwellig hervorhebt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es ist aber sicherlich nicht einfach gewesen, oft „nur“ als Bruder von Rio zu gelten, insofern ist das auch irgendwie verzeihbar.

Aber nun mehr zu Rio Reiser:
Mit fünf, sechs Jahren erlebte Rio seine ersten frühkindlichen musikalischen Prägungen, die man durchaus auch in seinem späteren Schaffen heraushören kann: Marlene Dietrich und Hans Albers. Er brachte sich mit „Lili Marlene“ in wochenlanger akribischer Geduld erst das Klavierspielen bei, und als sein Bruder Gert später eine Gitarre hatte, nahm auch Rio diese sofort in Beschlag und konnte seinem Bruder schon ein paar Wochen später Unterricht geben. Ein weiteres Erlebnis, das Rio nachhaltig prägen sollte, ist der Besuch des Dorfkinos im Alter von neun Jahren zusammen mit seinem Bruder Gert, um den Dokumentarfilm über Naziverbrechen Nacht und Nebel zu sehen, mit Musik von Hans Eisler und Texten von Paul Celan.

In der Schule ist Rio mehrfach versetzungsgefährdet, Interesse hat er eigentlich nur an Musik. Nachdem er mit nur zwölf Jahren ein komplettes Krippenspiel alleine für die Schule komponiert hat, wird er mit vierzehn zum Komponisten des Wandertheaters seiner Brüder. Im gleichen Alter hat er auch seinen ersten öffentlichen Auftritt, nach dem anschließend jemand über ihn sagt: „Der Typ, der da singt, wird der zweite Mick Jagger.“

Wir erfahren viel über Rios Entwicklung, woher sein Künstlername stammt, und wie schließlich die legendären Ton Steine Scherben ins Leben gerufen wurden. Aus dieser bewegten Zeit stammen auch die Tagebuchauszüge von 1972 bis 1974. Sie sind wirklich hochgradig interessant, denn zum einen erfährt man viel über die Musikerkommune und die oftmals schwierigen Momente, zum anderen erhält man vor allem einen tiefen Einblick in Rios Seelenleben und kann so seine innere Zerrissenheit und seine Suche nach Liebe nachempfinden. „Es ist nicht meine Krankheit, dass ich Männer liebe. Die Angst, das ist meine Krankheit, und die ist eben lebensgefährlich.“ Immer wieder entdeckt man auch Textfragmente, die später in Songs eingeflossen sind.

Weiter geht es mit dem Umzug in den Bauernhof ins ländliche Fresenhagen, in dem die Kommune zwar bestehen bleibt, die Band löst sich aber langsam auf. Das führt letzten Endes zu Rios Eintritt in die professionelle Musikindustrie. Die neue Zerrissenheit besteht jetzt aus künstlerischem Anspruch gegen kommerzielle Erwartungen.

Die Schilderungen schließlich über den Tod von Rio Reiser und der anschließenden Trauerfeier sind auch zwanzig Jahre später noch immer bewegend. So beendete der Pastor seine Trauerrede mit: „Keine Macht für Niemand, auch nicht für den Tod.“

Irritiert bin ich über die Erwähnung einer ominösen geheimen Freundin namens Doris am Ende des Buches. Was will Gert Möbius damit bezwecken? Will er seinen Bruder damit vom „Stigma“ der Homosexualität reinwaschen, oder ist das eine berechnet platzierte Bombe, um nach dessen platzen eine große mediale Aufmerksamkeit für das Buch zu erzeugen? Beides wäre nicht nötig gewesen.

Fazit: Natürlich kann die Sicht eines Bruders nicht objektiv sein, sie ist immer persönlich getrübt. Das wird auch stellenweise im direkten Vergleich zur Autobiographie deutlich. Trotzdem kommt man der Person Rio Reiser mit diesem Buch vermutlich näher, als dies ein anderer außen stehender Biograph hätte bewerkstelligen können. Für mich war es sehr spannend zu lesen.
Für die kleinen inhaltlichen Schwächen muss ich einen Punkt abziehen, trotzdem ist dieses Buch insgesamt absolut lesenswert. Für jeden Fan von Rio ist es allein schon wegen der Tagebuchauszüge eine Pflichtlektüre.

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Gert Möbius: Halt dich an deiner Liebe fest
Aufbau Verlag, Vö.: 17.06.2016
Gebunden mit Schutzumschlag
351 Seiten
22,95 €
als Ebook 16,95 €
erhältlich über aufbau-verlag.de

Homepage:
rioreiser.detonsteinescherben.de

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