Noir in Frankfurt

 

Weber_GAsphaltseele_172623Ruben Rubeck ist ein harter Hund: Polizist im verrufenen Frankfurter Bahnhofsviertel, Ex-Soldat, geschieden, nicht mehr jung, nicht mehr schön (oder noch nie gewesen), selten nett zu seinen Mitmenschen und mit einer sehr – sagen wir mal – flexiblen Auslegung der Dienstvorschriften. Nach Arbeitsschluss müssen es zwingend zwei, drei, viele Pilsbiere im „Schlabbekicker“ sein und vielleicht auch noch ein Besuch bei Ina, der Hure mit dem großen Herz. Den Weg nach Hause findet er auch sternhagelvoll noch, er wohnt nämlich mitten im Rotlichtviertel – praktisch, wenn man es nicht weit zur Arbeit hat. An einem dieser Abende gerät er zufällig in eine Schießerei, bei der er eingreifen und den kosovarischen Gangsterboss Gani Palokaj in Notwehr mit zwei Schüssen niederstrecken muss. Das hat natürlich interne Ermittlungen zur Folge, und so viel Aufmerksamkeit ist Rubeck gar nicht recht. Als dann auch noch ein gewisser Nawrocki vom LKA ihn für eine Geheimoperation einspannen will, bei der Palokaj am offiziellen Dienstweg vorbei hinter Gitter gebracht werden soll, ist es mit dem ruhigen Leben endgültig vorbei. Plötzlich muss sich Rubeck gegen eine Vielzahl undurchsichtiger Gegner behaupten, und als er endlich merkt, was wirklich gespielt wird, ist es fast schon zu spät.

Asphaltseele – toller Titel übrigens – nimmt kein Blatt vor den Mund, nie. Unverblümte Sprache, ein hartgesottener, aber auch irgendwie tragischer Underdog-Kommissar, der vom Leben nichts mehr erwartet außer regelmäßiger Pilsbierzufuhr und Dienst nach Vorschrift, ein sich erst nach und nach entwickelnder Fall, dessen Wirrungen der Leser zusammen mit Rubeck folgt – alles Zutaten für einen ziemlich klassischen Hardboiled-Krimi, in dem der Held das Gesetz auch schon mal in die eigene Hand nimmt. Nur eben nicht in New York oder Paris, sondern im an sich unspektakulären Frankfurt. Hier hätte man sicher einen Krimi im Bankenmilieu erwartet, dass Gregor Weber das Rotlichtviertel wählt, ist eine gute Entscheidung. Ein bisschen mehr Lokalkolorit hätte mir gefallen, auch wenn die hessischen Einsprengsel in den „Schlabbekicker“-Dialogen schon sehr schön sind. Der Kriminalfall ist nicht übermäßig komplex, man weiß als Leser schon recht bald, was da nicht mit rechten Dingen zugeht, und so arg viel passiert auch gar nicht. Das muss es aber auch nicht, im Mittelpunkt steht hier eindeutig die Figur Ruben Rubeck mit ihrer Weltsicht und ganz eigenen Persönlichkeit. Bei aller Knarzigkeit ist dieser hart am Alkoholismus entlangschrammende, kettenrauchende Ermittler irgendwie auch sehr sympathisch. Ebenfalls gelungen – weil sehr authentisch wirkend – sind die Dialoge zwischen den Polizisten und die Szenen, die die Erlebnisse von fünf Freunden als KFOR-Soldaten im Kosovo beschreiben. Erst ganz zuletzt erfährt man, dass Ruben einer dieser Gruppe war und er sich im Lauf der Ermittlungen immer wieder an diese Zeit erinnert fühlt.
Alles in allem also ein solider Krimi der härteren Gangart und für Freunde von Hardboiled- und Noir-Krimis empfehlenswert. Die extrem schnoddrige und umgangssprachliche Ausdrucksweise muss man mögen, mir war es manchmal etwas zu viel Slang, aber zu Rubeck passt es.

Gregor Weber, Jahrgang 1968, stammt gebürtig aus dem Saarland und hat dieses auch in zahlreichen Tatort-Folgen als Kommissar vertreten. Comedy-Freunden wird er sicher auch noch als „Stefan Becker“ in der saarländischen Serie Familie Heinz Becker in Erinnerung sein. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Schauspieler hat er auch eine Ausbildung als Koch absolviert und ist Reservist bei der Bundeswehr mit Rang des Feldwebels. 2013 ging er für einige Monate in dieser Funktion nach Afghanistan. Seine Erfahrungen hat er im 2014 erschienenen Krieg ist nur vorne scheiße, hinten geht’s (Droemer Verlag) verarbeitet. Desweiteren hat er ein Buch über seine Zeit als Koch geschrieben (Kochen ist Krieg!, Piper Verlag) sowie noch diverse andere Titel veröffentlicht. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Gauting bei München.

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Gregor Weber – Asphaltseele
Heyne Hardcore, 12. September 2016 (Link zum Verlag)
240 Seiten
€ 14,99, eBook € 11,99

 

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  1. […] Hardcore hat uns dankenswerterweise fünf Exemplare von Gregor Webers Buch Asphaltseele (Rezension) zum Verlosen zur Verfügung gestellt (herzlichen Dank an den Verlag und an Nekrist für die […]

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