Buch: Heike Eva Schmidt – Die gestohlene Zeit

Alpensage trifft Popkultur

Auf einer Wandertour mit einer Schülergruppe in den Dolomiten im Sommer ‘87 findet Studentin Emma einen merkwürdigen Ring. Die Freude über den Fund währt allerdings nicht lange, denn schon wird er ihr von zwei Schülern gewaltsam abgenommen, die sie dann ohnmächtig zurücklassen. Als sie wieder zu sich kommt, wird alles noch schlimmer: sie hat den Anschluss an ihre Gruppe verloren und stolpert verletzt durch die Berge des Rosengartenmassivs, als plötzlich tatsächlich der magische Rosengarten von Zwergenkönig Laurin vor ihr erblüht. Der findet es leider nicht witzig, wenn Fremde seinen Garten betreten, und lässt Emma in sein unterirdisches Reich holen. Dort trifft sie auf Jonathan, den menschlichen Koch, den Laurin ebenso entführt hat, und die beiden entwerfen einen Plan. Doch als ihnen nach drei Tagen im Zwergenreich endlich die Flucht gelingt, fangen die wirklich großen Probleme erst an.

Es ist richtig erfrischend, wenn deutsche Autoren, statt eine hanebüchene Fantasywelt zu erschaffen, einfach mal die mitteleuropäische Sagenwelt durchforsten, denn diese bietet so viel. Die Sage um den Zwergenkönig Laurin und seinen verfluchten Rosengarten hat Schmidt zur Grundlage für eine packende Fantasygeschichte gemacht und holt damit eine der wohl schönsten Legenden des Alpenraums zurück ins Bewusstsein des Lesers. Das Ganze verpackt sie in ein witziges Zeitreise-Abenteuer und garniert es mit genug Spannung und Action, um Die gestohlene Zeit in einen echten Pageturner zu verwandeln.
Die Ring-Symbolik sieht auf den ersten Blick natürlich verdächtig nach Herr der Ringe aus, doch dieses Motiv taucht in der deutschsprachigen Sagenwelt viel öfter auf, als man denken würde, und so schafft Schmidt es, sich von jeglicher Ähnlichkeit mit Tolkien zu befreien. Ausgenommen natürlich den Gollum-haften Abgang des Bösewichts, bei dem man die Autorin förmlich zwinkern sehen kann.
Die Zwerge sind keine nordischen Bartträger und schon gar keine lustigen Disney-Gesellen, die Liedchen schmetternd zur Arbeit gehen. Schmidt wendet sich da von den Klischees der modernen Literatur und Filme ab, indem ihre Zwerge eher einem Haufen äußerst missgestimmter und übelriechender Gnome mit dürren Fingern und Kartoffelgesichtern gleichen und ganz bestimmt keine liebenswerten Bergmännchen sind.
Neben der guten, alten High Fantasy mitteleuropäischer Sagen und einer packenden Geschichte ist Die gestohlene Zeit aber vor allem eins: witzig. Viele Legenden behaupten, dass im Zwergenreich die Zeit anders vergeht, schneller oder langsamer – und als Emma und Jonathan das bemerken, geht der Spaß erst los. Sie werden mit den Irrungen und Wirrungen des 21. Jahrhunderts konfrontiert, und besonders Emma hat schwer damit zu kämpfen, dass Telefone keine Kabel mehr haben. Jonathan indes findet das Prinzip der Kommunikation durch diese kleinen, schwarzen Kästchen höchst faszinierend. Genau wie fließendes Warmwasser und Kutschen ohne Pferd. Es gibt einfach so viele Details, die den Leser fortlaufend zum Schmunzeln und manchmal auch zum laut Auflachen bringen.
Überhaupt sind Emma und Jonathan ein liebenswertes Pärchen. Beide sind auf ihre Art einfach tolle Helden. Die Romanze der beiden schafft wiederum eine schöne Verknüpfung in die Welt der Sagen und Epen, in denen es schließlich auch fast immer um verlorene, gefundene, verbotene oder schwierige Liebe geht.

Schmidt schafft mit Die gestohlene Zeit etwas, das nur wenigen Autoren gelingt: Eine Gratwanderung zwischen Romanze und Fantasy und obendrein etwas Neues, ohne tatsächlich neu zu sein. Ihr Griff zur Rosengartensage erweist sich als wirklich genial, denn auf dieser Grundlage hat sie ein rundherum schönes Buch aufgebaut. Und damit meine ich wirklich: ein SCHÖNES Buch. Nicht tragisch, nicht aufreibend, einfach zum Gutfühlen. Das richtige Buch für diesen Herbst!

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Heike Eva Schmidt – Die gestohlene Zeit
Knaur Verlag, 1. Oktober 2013
Taschenbuch, 448 Seiten
€ 12,99
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Heike Eva Schmidt

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