Buch: Josiah Bancroft – Im Turm

Gefangen im Prequel

Bancroft_JIm_Turm_191161Sein Leben lang träumte Thomas Senlin, Schuldirektor in einem kleinen Fischerdorf, vom kulturellen und architektonischen Meisterwerk des Turmes von Babel. Dieses monumentale Bauwerk, das sich so weit in den Himmel erstreckt, dass niemand weiß, wie hoch er eigentlich ist. Das ganze Königreiche beherbergt, und dessen Ringreiche die Krone menschlicher Kultur darstellen sollen. Nach seiner Hochzeit ist es endlich so weit – als Hochzeitsreise will er seiner jungen Braut Marya dieses Wunderwerk der Menschheit zeigen. Mit einem Reiseführer und allen Ersparnissen machen sie sich auf den Weg, doch ihr gemeinsames Glück währt nur kurz. Denn kaum am Markt, der den Turm umgibt, angekommen, verliert Senlin seine geliebte Marya aus den Augen. „Falls wir uns verlieren, treffen wir uns an der Spitze des Turmes!“ hatte sie noch gescherzt, doch in der Menschenmenge ist es unmöglich, irgendjemanden zu finden. Also macht sich Senlin auf, den Turm zu erklimmen, und er muss erkennen, dass dieses Bauwerk nicht das wundersame Utopia ist, das er sich vorgestellt hatte, und er selbst ist auch nicht der furchtsame kleine Dorfschuldirektor, der er sein Leben lang zu sein glaubte.

Im Turm ist ein seltenes Beispiel der Steampunk Fantasy, in dem die Technologie nicht im Vordergrund steht, sondern nur einen exotischen Rahmen für eine ganz andere Art Geschichte bietet. Wir begleiten Senlin auf seiner Reise durch die untersten Ringreiche im Turm, eines verrückter und absonderlicher als das vorige, und bangen mit ihm um sein Leben und seine geistige Gesundheit. Wir beobachten seine zögerliche Entwicklung vom ängstlichen, verstockten Lehrer zum kalkulierenden Fast-Kriminellen, die jedoch seinen fundamentalen Glauben an das Gute im Menschen nicht untergräbt. Senlin ist ein liebenswürdiger, interessanter Charakter mit viel Tiefe, den man gern auf dieser Reise begleitet. Auch seine Weggefährten sind allesamt auf ihre Art charmant, allerdings im Vergleich zu Senlin eher zweidimensional, und ihre Funktion für die Geschichte ist sehr offensichtlich und leicht vorhersehbar.

Der Turm von Babel selbst ist eine geniale Idee, hinter der sich weit mehr verbirgt, als man ursprünglich annimmt. Dass Senlins Reiseführer, der ein wenig an eine nutzlose Version des Reiseführers aus Per Anhalter durch die Galaxis erinnert, vollkommen daneben liegt, wird schnell klar. Doch dass hinter dem Wahnsinn der „Bierusselle“ im ersten Stock, der krankhaften Fixierung des 2. Stockes auf Kaminfeuer und den Bädern im folgenden Ringreich ein System steckt, und wie raffiniert dieses ist, das findet auch Senlin erst deutlich später heraus.

Was leider auch dem Leser erst deutlich später auffällt ist, dass Im Turm nur ein Prequel ist – quasi eine Origin Story für einen Helden, der offenbar in folgenden Teilen der Reihe die Hauptrolle spielen wird (der Originaltitel „Senlin Ascends“, etwa „Senlins Aufstieg“, gibt den Hinweis). Bei aller genialer Ideen und tiefer Charakterentwicklung muss ich zugeben, dass mich das am Ende genervt hat. Senlins Hintergrundgeschichte ist spannend, hätte aber im Endeffekt in Flashbacks abgehandelt werden können, da sich einzelne Teile doch sehr in die Länge ziehen. Wenn der Leser dann mit einem großartigen Abschluss und der Beantwortung aller Fragen belohnt wird, ist das in Ordnung, aber so fühlte ich mich ein wenig an der Nase herumgeführt. Das Ziel, das den größten Teil des Buches grundlegend definiert, wird am Ende einfach fallen gelassen.

Alles in Allem ist Im Turm eine innovative, gut geschriebene Steampunk Geschichte in einer skurrilen, aber genial erdachten Welt und mit einem liebenswürdigen Protagonisten. Ich muss allerdings ehrlich sagen, dass es mich mehr begeistert hätte, wenn es entweder ein eigenständiger Roman geworden wäre, oder aber als gezielte Origin Story nach oder während der eigentlichen Reihe eingebaut worden wäre, um der Geschichte mehr Tiefe zu verleihen. So gerät Bancroft in die Falle, Fragen beantworten zu wollen, die sich der Leser noch gar nicht gestellt hat, und verliert dadurch den Faden.

Tatsächlich ist die Originalausgabe von Im Turm, Senlin Ascends, bereits 2013 erschienen, und ein zweiter Teil, Arm of the Sphinx folgte 2015. Teil drei soll auf Englisch diesen Winter erscheinen. Ich hoffe auf eine baldige Übersetzung der folgenden Teile, denn neugierig auf die eigentliche Geschichte macht Im Turm auf jeden Fall.

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Josiah Bancroft: Im Turm
Heyne Verlag, 13.08.2018
Paperback, 448 Seiten
€ 14,99
ebook: € 11,99

Heyne Verlag

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