Buch: Kevin Barry – Dunkle Stadt Bohane

Das Straßenmilieu, ein Generationswechsel und die Liebe

1340_01_SU_Barry_DunkleStadtBohane.inddEine heruntergekommene Stadt in Irland: Bohane liegt am gleichnamigen Fluss, ist durchsetzt von Kneipen, Bordellen sowie deren Betreibern und Personal. Die Bewohner leben in Slums und heruntergekommenen Wohnvierteln. Für Ordnung auf den Straßen sorgt Logan Hartnett (auch „Langer Lulatsch“, „Mr. Aitsch“ genannt), die Polizei hält sich an seine Anweisungen. Nach 25 Jahren kehrt im Spätherbst Gant Broderick (oder sollte man sagen: „der Dschee“, „der Gant“) zurück, der Vorgänger-Pate. Die beiden Männer teilen mindestens immer noch eine Vorliebe: Macu, die jetzige Frau vom Langen Lulatsch. Aber wie es im Straßengewerbe so laufen kann, die nächste Generation rückt nach: Fucker Burke, die gerissene Jenni Ching oder auch der Clan der Cusacks mischen sich ein. Sweet Baba Jay sei der Stadt gnädig.

Ihr braucht gar nicht auf der Landkarte nach dieser Stadt suchen, es gibt sie nicht. Die nach Irland versetzte Dunkle Stadt Bohane ist durchdrungen von Slums, Spelunken, Flittchen aller Couleur, unterschiedlichen Clans, Anweisungsbefugten und Anweisungsbefolgern, Kämpfen jeglicher Art, Trübsinn und vom Rauchen betörenden Krauts. In diesem Straßengewirr herrscht ein rauer Ton, ein eigener Slang, den der Übersetzer sehr gut vom Cork-Irisch-Englische ins Deutsche übersetzt hat (Näheres dazu gibt es im Nachwort zu lesen). Man muss sich erst an die Ausdrucksweise von Kevin Barry gewöhnen, ebenso daran, dass immer wieder die Rede ist von „der verlorenen Zeit“. Und warum erinnern einen die Lebensverhältnisse an längst vergangene Tage? Auf Seite 178 ist man dann schlauer (oder wenn man diezukunft.de liest): Dies ist eine Retro-Zukunfts-Geschichte und spielt im Jahr 2053.
Interessant zu verfolgen ist auf jeden Fall das natürliche Spiel der Generationen, das Vortäuschen, Abwägen und Hintertreiben der Beteiligten. Das perfide Spiel tritt allerdings erst gegen Ende so richtig aus der Deckung und hält mich dazu an, schnell weiterzulesen. Aber Achtung: Prägt euch von Anfang an die Charaktere gut ein, es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten! Die Liebe spielt auch eine kleine Rolle, Macu hat eine eigene Geschichtsebene und ihren eigenen Reiz. Kein Wunder, dass die älteren Herren immer noch um sie buhlen. Herrlich zu verfolgen finde ich auch immer wieder das modische Styling von Checker und Chicks, wenn sie sich auf den Straßen oder im Kampf präsentieren.

Mein persönliches Fazit: Der Erzählstil ist mal etwas ganz anderes, aber mitunter auch sehr gewöhnungsbedürftig. Der Erzählstrang ist stellenweise langatmig, aber zum Ende hin prescht er nur so dahin, wenn sich die Fragezeichen auflösen, die im Text verstreut werden. Die Beschreibungen der Personen, Mode und einer vielleicht uns noch bevorstehenden dunklen Zeit ist sehr gut angelegt, deshalb:
:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

 

Kevin Barry: Dunkle Stadt Bohane
Tropen/Klett-Cotta Verlag, 21.02.2015
304 Seiten
19,95 €
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