Thema verfehlt, setzen.

der-letzte-magier-fon-manhattanSeit hunderten von Jahren schwelt ein geheimer Konflikt in der Neuen Welt: der Orden des Ortus Aurea, der sich die Magie auf wissenschaftliche Weise zunutze machen will, bekämpft die Mageus–Menschen, die mit natürlichen magischen Fähigkeiten geboren wurden. Der größte und perfideste Schritt gegen sie war die Errichtung der „Schwelle“, einer unsichtbaren Linie um Manhattan, die Mageus zwar hinein-, aber nicht wieder herauslässt. Über die Jahrhunderte reisen mehr und mehr in ihren Heimatländern verfolgte Mageus in die USA in der Hoffnung auf eine bessere Welt – „Give me your tired, your poor, your huddled masses“ –, nur um dort in einem Netz aus Bandenkonflikten, Armut und ständiger Furcht vor der Willkür des Ordens zu leben.
New York, heute. Eine kleine Gruppe Magier hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Macht des Ordens zu brechen und die Schwelle zu überwinden. In ihrer Mitte ist Esta, eine junge Magierin, deren Gabe es ist, die Zeit manipulieren zu können. Sie wird ausgewählt, das Buch zu stehlen, aus dem der Orden seine Macht und sein Verständnis von Magie zieht, das Ars Arcana. Doch dieses Buch wurde bereits gestohlen – im Jahr 1901, von einer Gruppe Mageus in einem einmaligen Raubüberfall. Doch einer der involvierten Mageus war ein Verräter, und das Buch ist seither verschwunden. Deswegen muss Esta in der Zeit zurückreisen, sich der Gruppe anschließen und selbst zur Verräterin werden, um das Buch an sich zu nehmen und in ihrer eigenen Gegenwart das Elend der Mageus in Manhattan zu beenden.

Zunächst, während die Geschichte sich langsam entfaltet, war ich hin und weg von diesem Stoff. Urban Fantasy, Heist-Movie-Thematik à la Die Unfassbaren – Now You See Me und Ocean’s Eleven (oder auch Twelve, Thirteen oder Eight) und eine Zeit, die man sonst im Fantasygenre selten zu Gesicht bekommt. Wir tauchen ein ins dreckige, bandenbeherrschte New York des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, Konflikte schwelen zwischen den Einheimischen und immer mehr Einreisenden. Das Pflaster ist heiß, und Esta muss mit jedem Schritt aufpassen, sich nicht zu verraten oder an die falschen Leute zu geraten. Das verleiht der Geschichte viel Spannung, doch nach einem unheimlich rasanten Anfang verliert Maxwell plötzlich das Tempo. Gut, im klassischen Heist-Movie erwartet man jetzt die Planungsphase: Der Kopf der Bande sucht seine Leute zusammen, benötigt bestimmte alte Freunde mit bestimmten Talenten, aber einer ist raus aus dem Geschäft und braucht etwas Überzeugungszeit. Da ist langsameres Tempo angemessen, und soweit folgt die Geschichte der „Vorgabe“, doch sie verliert sich bald in Nebenhandlungen, Intrigen, Gefühlsverwirrungen. Vor allem Estas ewiges Hin und Her fand ich anfangs anstrengend, dann nur noch nervig. Nach und nach verschwendet sie damit so viel Zeit, dass die eigentliche Durchführung des Raubes nebensächlich wird und für meinen Geschmack viel zu schnell erledigt ist. So fragt man sich, ob sich das Ganze nicht ohne den ganzen Aufwand vorher hätte machen lassen. Danach kommen die üblichen Wendungen – Esta hatte Erfolg, doch es sieht aus, als hätte jemand anderes einen viel größeren Plan im Hintergrund gesponnen. Das ist wieder ganz typisch Heist-Movie, aber die Wendungen sind teils vorhersehbar, teils ziemlich weit hergeholt, und die Geschichte macht den Eindruck, anders enden zu wollen, als sie es tut.

Maxwell versucht sich an einer spannend erscheinenden Fusion aus Fantasy und Heist-Genre, aber bekommt weder das Erzähltempo noch die so essenziellen Wendungen richtig hin, sodass sich der Leser am Ende nur am Kopf kratzen und mit den Schultern zucken kann. Außerdem hat sie wohl das Gefühl, ihre Welt und ihre Magie geradezu wissenschaftlich erklären zu müssen, und stellt dabei wirre Thesen und merkwürdige Schlüsse her, sodass man das Gefühl hat, die Welt wäre besser unerklärt geblieben. Und natürlich wird gegen Ende klar, dass es einen zweiten Band geben muss, doch Der letzte Magier von Manhattan endet leider nicht mit einem aufregenden Cliffhanger oder einer runden Geschichte, die weitergeführt werden kann, sondern … hört irgendwie einfach auf.

Ich hatte aufgrund der erfrischenden Thematik und des Settings große Hoffnungen, aber für mich ging der Roman vollkommen am Thema vorbei. Eine gute Heist-Geschichte lebt vom richtigen Tempo, cleveren Twists und muss dem Leser immer einen Schritt voraus sein, doch jeder Schritt muss nachvollziehbar sein, damit man sich am Ende an den Kopf fassen und fragen kann, wie man DAS nur nicht hat kommen sehen. Leider habe ich mir hier nur ob der nervigen Hin- und-Her-Drama-Eifersucht-Teeny-Möchtegern-Liebesgeschichte und der zahlreichen Tippfehler an den Kopf gefasst.

Lisa Maxwell: Der letzte Magier von Manhattan
Droemer Knaur, September 2019
576 Seiten
€ 16,99 (Paperback), €14,99 (eBook)

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