Ansichten eines vorlauten Beuteltieres

Fast jeder kennt sie, wenigstens vom Sehen, von einem kurzen Gespräch vor der Tür, weil einem die Eier für den Kuchen fehlen oder man sie im Wäschekeller trifft: die Nachbarn. Man mag sie oder auch nicht, auf jeden Fall muss man sich mit ihnen arrangieren. Doch hier ist das ein bisschen anders, denn der neue Nachbar vom Ich-Erzähler ist ein Känguru. Es zieht bald einfach ein, es war ja eh schon immer da und nie in seiner eigenen Wohnung, diese ist also völlig unnötig. Mit dem Känguru ist es nicht ganz einfach, beispielsweise hat es etwas gegen Produkte von Lidl wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, und das Hackfleisch muss vom Metzger sein. Geld hat es auch keins, es geht nicht arbeiten, es ist schließlich Kommunist.
So leben der Ich-Erzähler und das Känguru zusammen, und obwohl sie sich erst seit Kurzem kennen, sind sie wie ein altes Ehepaar. Mal streiten sie leidenschaftlich, dann rauchen sie zusammen einen Joint und sind glücklich. Auch das mit den Nachbarn ist wie überall anders auch: die einen mag man, die anderen nicht, was muss auch ausgerechnet ein Pinguin bei ihnen im Haus einziehen?!
Das Känguru, das abgesehen vom Kommunismus auch noch mit dem Anarchismus liebäugelt, hat in seinem Beutel lauter praktische Sachen versteckt, wie beispielsweise einen Bolzenschneider, mit dem man die Fahrradschlösser aufbekommt, wenn man den Schlüssel verloren hat. Außerdem klaut es Aschenbecher, die es auch zu allen Gelegenheiten aus seinem Beutel zieht, und bis zum Ende fragt man sich, was denn noch alles darin Platz hat. Es behauptet immer, dass nur Schlechtes über ihn geschrieben wird, aber damit tut es dem Chronisten unrecht, denn wenn Not am Mann ist steht es immer helfend zur Seite, was auch ausführliche beschrieben wird.

Das Buch besteht aus vielen kleinen Geschichten, die auch einzeln problemlos zu lesen sind, ab und an beziehen sich einzelne Pointen auf vorhergegangene Ereignisse, aber auch ohne diese zu kennen wird das Buch nie langweilig. Daran könnte man merken, dass die Geschichten einzeln geschrieben und im Radio gesendet wurden, erst später wurden sie in Buchform veröffentlicht. Es ist durchaus skurril, was Marc-Uwe Kling so erzählt, und trotzdem ist es wie aus dem Leben gegriffen, wenn darum gestritten wird wer den Müll raus bringen oder das Bad putzen muss. Die Geschichten sind abwechslungsreich, teilweise witzig, teilweise durchaus ernsthaft. Es wird über Politik diskutiert, genauso wie über Schnapspralinen, die das Känguru über alles liebt. Besonders amüsant fand ich auch die Fußnoten, die vom Känguru geschrieben wurden, es kann ja nicht unkommentiert lassen, was der Chronist so schreibt.
Insgesamt ist es ein wunderbar locker-leichtes Buch, das ich zur kurzweiligen Unterhaltung nur empfehlen kann. Ein ums andere Mal kann man sich selbst in den Abenteuern eines Kleinkünstlers und kommunistischen Beuteltiers wiederfinden, auch wenn letzteres nicht gerade feinfühlig ist. Inzwischen ist das Buch zur Kult-Satire aufgestiegen, meiner Meinung nach gerechtfertigt, die Geschichten sind kurz und einprägsam, und auch ohne den Kontext zu kennen immer wieder super witzig. Es fällt schwer die Geschichten vor zu lesen, auch wenn man sie schon einige Male gelesen hat, weil man ständig selbst in Lachen ausbricht.
Achja: Das Känguru hört nie zu, und der Erzähler fragt lieber fünf Mal nach als ein Mal mitzudenken.

 

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Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Chroniken
Ullstein 2009
Taschenbuch 8,99€
Audio-CD 9,99€

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