600 Seiten Einleitung

 

Claires kleines Leben scheint perfekt: ein liebevolles Verhältnis zu ihrer Schwester, eine wunderbare Tochter, und ihren Mann Finn liebt sie wie am ersten Tag, trotz langjähriger Ehe. Das kleine Café in Halle läuft gut, und generell ist sie ein rundum zufriedener Mensch. Bis zu dem Morgen, als ihr Mann vor dem Café von einem Unbekannten mit einer Waffe bedroht wird. Claire will ihm zu Hilfe eilen und wird von einem heranrasenden Van überfahren. Ihre letzten Gedanken drehen sich um ihre Familie … bis sie plötzlich wieder aufwacht, in einem fremden Körper, in Leipzig. Schnell stellt sich heraus, dass der Wunsch nach Rache und die Sehnsucht nach ihrer Familie so stark waren, dass ihre Seele nach ihrem Tod in den Körper der Selbstmörderin Lene von Bechstein eingefahren ist – doch dieser Körper war für eine andere Seele bestimmt.

So stolpert Claire zwischen die Fronten eines Krieges, der die Menschheit schon seit Jahrhunderten unsichtbar beeinflusst, und kämpft nicht nur mit ihrem eigenen traumatischen „Tod“, sondern auch mit Erinnerungsfetzen, die nicht ihr gehören. 

Doch das ist noch lange nicht alles. Um alle Handlungsfäden, die Heitz in Exkarnation: Krieg der Alten Seelen verbaut hat, aufzuführen, müsste ich wohl selbst ein kleines Buch schreiben. Doch nur die Geschichte um den mysteriösen Anschlag auf Claire und ihren Mann wird aufgelöst, und nach etwa 500 Seiten voller weiterer Handlungsbögen wurde mir klar, dass da noch ein zweiter Teil folgen muss. 

Aber von vorn. Heitz bleibt wie schon in Oneiros und Totenblick seiner Lieblingsstadt Leipzig treu und fügt die Geschichte wie immer sauber ins aktuelle Zeitgeschehen des Jahres 2013 ein. Das übliche vertraute, halbreale Gefühl, das man schon kennt, rückt den Leser näher ans Geschehen heran. Auch Querverbindungen zu den erwähnten Vorgängerwerken fehlen nicht, so werden die Leichen Claire und Finn vom Bestattungsinstitut Korff abgeholt, und auch Personal Trainer und Laienschauspieler Ares Löwenstein wird erwähnt. Man fühlt sich also wieder wohl im düsteren Leipzig des Heitz-Universums. 

Allerdings wird auch schnell klar, dass Exkarnation doch eher derbe Urban Fantasy ist als ein richtiger Thriller. Ich hatte eher mit der gleichen Art nagender Spannung wie in Totenblick gerechnet, doch als Fantasy-Fan beschwere ich mich natürlich nicht darüber, dass das Augenmerk doch eher auf Seelenwanderern, Vampiren und Dämonen liegt. 

Das Buch beginnt spannend, Claires Tod und ihr Erwachen in einem fremden Körper, die Verwirrung, als sie sich in einem vollkommen anderen Leben wiederfindet, das alles fesselt den Leser ungemein. Ein weiterer Handlungsstrang kommt mit dem Dämonenjäger Eric dazu, und man erwartet jeden Moment, die Verbindung zwischen diesen beiden Schicksalen zu erkennen. 
Doch dann kommt noch ein Handlungsbogen. Und noch einer. Und noch einer. Und irgendwann habe ich einfach komplett den Überblick verloren. Zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, es wären mehrere Bücher in eines gepackt worden. Ich hätte mir fast gewünscht, dass Exkarnation noch ein paar hundert Seiten dicker wäre, damit sich Heitz mehr Zeit bei der Entwicklung der einzelnen Teilgeschichten lassen könnte. Doch so findet man nur schwer in die Geschichte hinein, und auch mit den Charakteren konnte ich mich nicht so recht verbinden. 

Und dann ist es irgendwie einfach aus. Es werden noch ein paar überraschende Ansatzpunkte verstreut, noch mehr Fragen aufgeworfen, und dann hängt man mit einer mehr oder weniger beendeten Geschichte und vielen Fragezeichen im Kopf in der Luft. 
Dass Exkarnation der Auftakt zu einem Mehrteiler wird beruhigt immens und stellt hohe Erwartungen an den nächsten Band. Allerdings hätten Autor und Verlag das ruhig irgendwo verraten können, denn so erwartete ich einen spannenden, in sich abgeschlossenen Heitz’schen Thriller. Was ich bekam, wie man es auch dreht und wendet, waren 600 Seiten Einleitung. 


:buch: :buch: :buch: :buch2: :buch2: 

Markus Heitz – Exkarnation: Krieg der Alten Seelen
Knaur Verlag, 2014
607 Seiten
14,99 €
eBook: 12,99 €
Markus Heitz

(2006)