Auf der Suche nach dem letzten Puzzleteilchen

Die junge Ärztin Nina bekommt die Nachricht, dass Tim, ihr bester Freund seit Kindertagen, unerwartet gestorben ist. Sie haben damals Schreckliches zusammen erlebt, im Dorf mit den Wäldern drum herum, und dennoch ist der Kontakt, nachdem Nina mit ihrer Familie wegzog, nie abgebrochen. Nur ins Dorf zurückzukehren, das kam für sie nie mehr in Frage. Doch Tim hat ihr eine letzte Nachricht hinterlassen, die gleichzeitig ein Auftrag ist: Sie soll an den Ort der Kindheit zurück und seine ältere Schwester Gloria finden, die seit langer Zeit in den Wäldern verschwunden ist.

Zusammen mit David, einem guten Freund von damals, macht sie sich dann doch an die Aufgabe, denn dieser hat den gleichen Auftrag von Tim erhalten: Sie müssen ins Dorf zurück und das Monster ihrer Kindheit jagen. Ihnen ist unabhängig voneinander eigentlich all die Jahre klar gewesen, was damals passiert ist. Gloria ist wahrscheinlich nicht nur verschwunden, sie ist wahrscheinlich tot. Auch wer sie umgebracht hat, ist für sie klar, sie müssen nur noch das letzte Puzzleteilchen finden, dann können sie das Böse von damals aufklären und Tims Auftrag erfüllen. Sehr schnell wird die anfänglich schön gruselige Atmosphäre eher zu einem spannenden Road Trip. Die Autofahrt ins Dorf dauert endlos, Erinnerungen kommen hoch, Personen kommen hinzu. Es gibt immer wieder Situationen, die die Protagonisten wie auch den Leser ihre bereits vorgefertigte Meinung hinterfragen lassen. Je mehr es dem Ende zugeht, desto schneller kippen Vorurteile, kommt es zu überraschenden Wendungen.

Schon bevor die Geschichte überhaupt richtig beginnt, erzeugt Melanie Raabe eine Stimmung, als würde man das kleine Rotkäppchen durch den dunklen Wald zur Großmutter schicken. Ein unheimliches Dorf wird heraufbeschworen wie von M. Night Shyamalan im Film The Village. Nach und nach aber ist das Unheimliche nicht die Szenerie, sondern vergangene Erlebnisse in der Kindheit. Das klingt schwer nach Stephen King, nach Es, nach Stand by me und all diesen Geschichten, in denen sich mittlerweile Erwachsene gemeinsam den Dämonen der Vergangenheit stellen müssen. Melanie Raabe spielt hierbei abwechselnd mit Erinnerungen der Kinder und den aktuellen Geschehnissen in der Gegenwart.

Leser monieren hier im vierten Roman von Frau Raabe ihren einfachen Schreibstil. Ich sage, das tut nichts zur Sache, es ist ein atmosphärisch dichter Thriller, den ich mir gut verfilmt vorstellen könnte. Denn was es mit dieser Handvoll seltsamer Menschen im Wald auf sich hat, wird leider nicht geklärt und wäre eine zweite Staffel wert.

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Melanie Raabe: Die Wälder
btb Verlag, 27. Dezember 2019
432 Seiten
Broschiert 16 Euro, eBook 12,99 Euro

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