Buch: Michael Muhammad Knight – Taqwacore

Punk und Islam

taqwacoreTaqwacore ist eine Wortschöpfung aus dem arabischen Taqwa für Gottesehrfurcht und der Punkrichtung Hardcore, und damit ist der Kern der Sache schon beschrieben.
Yusef, ein durchschnittlicher Muslim und amerikanischer Collegestudent mit pakistanischen Wurzeln, lebt in Buffalo in einer Hausgemeinschaft muslimischer Punks. Dementsprechend ist dieses Haus mit allerlei schrägen Typen bevölkert. Da ist der Junkie Amazing Ayyub, der immer sein riesiges „KERBELA“-Tattoo auf der Brust präsentiert. Jehangir Tabari trägt einen 30 cm langen gelb gefärbten Irokesenschnitt und betrinkt sich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit. Fasiq Abasa hat orangefarbene Stacheln auf dem Kopf und raucht Joints, während er den Koran liest. Der Sudanese Rude Dawudd ist ein glühender Ska-Anhänger, Anzug, Krawatte und Pork-Pie-Hut. Muzammil ist offen homosexuell und stellt sich die Frage, ob er während des Fastenmonats Ramadan beim Blowjob schlucken darf.

Der strenggläubige Umar trägt zwei große schwarze Straight Edge X-Tattoos auf den Handrücken, Halbmond- und Koranvers-Tattoos auf den Armen und in groß und grün die Ziffern der Sure 2:219 direkt vorn auf dem Hals. Dabei gelten Tätowierungen eigentlich als haram, also als verboten. Die Feministin Rabeya trägt zwar stets eine Burka, hat diese aber mit unzähligen Aufnähern von Punkbands verziert und schwärzt frauenfeindliche Passagen im Koran einfach mit Edding. Außerdem lässt sie sich eine Funktion als weiblicher Imam nicht nehmen. Das Haus wird freitags zur Moschee für allerhand Außenseiter, die in einer normalen Moschee unerwünscht sind. Als Qibla, der Gebetsrichtung nach Mekka, dient ein Loch in der Wand, das mit einem Baseballschläger hineingeschlagen wurde. Darüber hängt eine saudi-arabische Fahne, auf die das Anarchie-Zeichen gesprüht wurde. Nach dem Freitagsgebet steigen stets exzessive Partys mit Alkohol, Drogen und Sex. Sie sind alle gläubige Muslime, leben aber nicht streng dogmatisch und legen den Koran im ihrem Sinne aus. Sie wissen, dass sie Sünder sind, tun aber nicht scheinheilig religiös, sondern gehen offen damit um.
Jehangir Tabari ist an der Westküste gewesen in KALIFornien, wie er sagt, und hat die dortige Taqwacore-Szene kennengelernt, die gegen all die engstirnigen Religionsfanatiker rebelliert und mit den Mitteln des Punk provozieren will. Sid Vicious trug ein Hakenkreuz um der Provokation willen, die Taqwacores tragen Judensterne. Niemand ist ausgeschlossen, auch Frauen und Homosexuelle sind willkommen. Nun will Jehangir alle Bands nach Buffalo holen und ein großes Taqwacore-Konzert veranstalten.
In diesem Umfeld gerät Yusefs Vorstellung vom Islam durch die Sichtweisen und Handlungen der Protagonisten langsam ins Wanken. Basiert seine Religion tatsächlich nur auf einem Buch, das von Menschen geschrieben, abgeschrieben, verändert und verfälscht wurde? Dessen Inhalt von Religionsgelehrten nach ihrem Gutdünken interpretiert wird? Ist es nicht anmaßend zu behaupten zu wissen, was Allah zu allem sagt? Ist es nicht vielmehr so wie Rabeya feststellt: „Irgendwo da draußen gibt es einen coolen Islam, Yusef. Man muss ihn nur finden. Man muss sich durch den ganzen anderen Kram durchackern, aber er ist da.“

Auch wenn Taqwacore „nur“ ein fiktiver Roman ist, hat er doch vieles ausgelöst. Wegen dem aus streng islamischer Sicht gotteslästerlichen Inhalt wurde er von vielen Imamen verboten, was das Buch naturgemäß nur interessanter machte, sodass es zunächst über illegale Fotokopien Verbreitung fand. Taqwacore zeichnet ein anderes Bild vom Islam, als dies in den Medien vorherrscht. Nicht ultrastreng, nicht ultraradikal, sondern mit Menschen, die alles andere als perfekte Muslime sind und trotzdem Allah lieben. Als Außenseiter nehmen sie ihre Religion selbst in die Hand.
Es gab schon vorher islamische Punkbands wie beispielsweise die Fearless Iranians from Hell, aber Taqwacore erweckte eine ganze Szene und gab ihr gleichzeitig einen Namen. Vote Hezbollah hat sich explizit wegen dieses Buchs gegründet, und The Kominas änderten ihren Stil. Sie haben auch die Hauptrolle im Dokumentarfilm Taqwacore – The Birth of Punk Islam von 2009, ein Jahr später wurde auch das Buch selbst unter dem Titel The Taqwacores verfilmt.

Fazit: Niemand kann auf Dauer alle religiösen Regeln erfüllen und noch dazu die eigenen Wünsche und (auch sexuellen) Bedürfnisse unterdrücken. Das macht ihn nicht zu einem schlechten Menschen, insofern ist Taqwacore eine Botschaft und eine Hoffnung für junge Gläubige zugleich. Diese ist universell gültig und lässt sich auch direkt auf alle anderen Religionen übertragen, daher ist Taqwacore für Leser aller Religionen geeignet. Man kann sich aber genauso gut einfach nur von einer Punk-Story unterhalten lassen.

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Michael Muhammad Knight: Taqwacore
Heyne Hardcore, 09.09.2013
Taschenbuch, 306 Seiten
9,99 €, eBook 8,99 €, erhältlich über buecher.de

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