Buch: Naomi Alderman – Die Gabe

Frauen an die Macht … ?

Alderman_NDie_Gabe_185656Was wäre, wenn nicht der Mann, sondern die Frau das starke Geschlecht wäre? Sicherlich ist diese Frage zu Zeiten von Muschigrapschern, Gehaltsskandalen und #MeToo dem oder der einen oder anderen mal in den Sinn gekommen. Verfolgt man die Rolle der Frau durch die Geschichte zurück, wird bald klar, dass die Grundlage für männliche Dominanz in unserer Gesellschaft höchstwahrscheinlich schlicht auf körperlicher Überlegenheit beruht. Die Männer gehen jagen, die Frauen kümmern sich um Heim und Kinder. Und wenn sie sich nicht den Vorgaben der maskulin geprägten Gesellschaft fügen, werden sie eben bestraft. Warum? Weil Mann es kann. Doch was wäre … ja, was wäre, wenn plötzlich in Frauen eine Kraft erwacht, die sie Männern physisch überlegen macht? Als genau das geschieht, gerät die Welt aus den Fugen. Für Allie, die die Stimme Gottes hört, für die Gangstertochter Roxy, die ihren Vater aus dem Geschäft drängt, genauso wie für die Politikerin Margot und ihre Tochter, und auch für Tunde, den aufstrebenden Journalisten, der die Entwicklungen festhalten will.

Die Gabe ist ein wirklich einzigartiges Buch in der Art, wie es mit Geschlechterrollen umgeht und die gesellschaftliche Ordnung verdreht und hinterfragt. Bereits wenige Jahre, nachdem die Kraft weltweit in Frauen aufgetreten ist, werden die Geschlechterrollen vertauscht, Männer werden mit Schwäche und Unterwerfung assoziiert. Aber der Umschwung verläuft nicht reibungslos: In Internetforen heizen Männer sich gegenseitig auf. Rufe werden laut, man solle diese terroristischen Schlampen einfach erschießen. Verschwörungstheorien werden entwickelt. Das alles seien Pläne der Regierung. Die Juden sind schuld. Unsere Politiker sind alle verweichlichte Schwuchteln, echte Männer sollten wieder für Recht und Ordnung sorgen. Das Phänomen der sozialen Medien hat Alderman hier perfekt eingefangen und nutzt es in ihrem Kontext geschickt, um einige Punkte aufzuzeigen, die erschreckend real und weit verbreitet sind.

Die Welt, die in Die Gabe gemalt wird, ist keine rosarote. Keine dicken, glücklichen Frauen laufen in Schlabberhosen und ohne Makeup herum und knuddeln Kätzchen. Stattdessen werden die alten Machtstrukturen nahtlos übernommen. Ein neues Land spaltet sich von Moldau ab. Eine paranoide Präsidentin erlässt Gesetze gegen Männer. Marodierende Frauenbanden treiben Männer zusammen und vergewaltigen sie. Der Handel mit Waffen und Drogen floriert. Überall flammen Konflikte auf, und die Welt steuert auf eine Katastrophe zu. Und zwischen den Kapiteln eingefügte archäologische „Artefakte“ erzeugen eine unheilvolle Vorahnung.

Die Gabe ist keine Kritik an Männern oder Frauen, es ist keine feministische Hymne auf die Machtübernahme der Frauen. Vielmehr zeigt sie die Probleme der menschlichen Gesellschaft als Ganzes auf, stellt geradezu die gesamte menschliche Natur in Frage. Es ist eine gruselig realitätsnahe Version von SciFi und dadurch gleichermaßen unterhaltsam und tiefgründig. Ich würde dieses Buch uneingeschränkt jedem empfehlen, der sich hin und wieder unsere Welt betrachtet und sich Sorgen macht, in welche Richtung wir steuern. Einziger Kritikpunkt ist für mich ist der leicht mystische Hintergrund, der sich für mich nicht recht mit dem wissenschaftlichen Aspekt verträgt, zumal beide nur oberflächlich behandelt werden, aber angesichts der Genialität des Gesamtwerks tritt das wirklich in den Hintergrund.

Die Gabe ist Naomi Aldermans vierter Roman. Die Rechte für eine Fernsehadaption wurden bereits verkauft, und die Autorin wird als Produzentin beteiligt sein.

Naomi Alderman: Die Gabe
Heyne Verlag, 12.02.2018
Paperback, Klappenbroschur, 480 Seiten
€ 16,99, eBook € 13,99

amazon
Heyne

(408)