Buch: Nicole Neubauer – Scherbennacht

Ameisenstraße ins Verbrechen

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In einer verlassenen Ecke im Englischen Garten wird eine männliche Leiche in einem Auto gefunden. Der Tote ist Leo Thalhammer, 29, Kriminalhauptkommissar beim Rauschgiftdezernat. Sandra Benkow, genannt Sunny, ebenfalls eine junge Polizistin, hat ihn dort gefunden. Eigentlich wollte sie sich mit einem Freund treffen, stattdessen hat sie die Leiche vorgefunden. Eine Ameisenstraße führte von einem Gebüsch direkt zu dem Toten im Auto. Kriminalhauptkommissar Waechter wird zum Tatort gerufen, dieser liegt in unmittelbarer Nähe zu seiner Wohnung. Es stellt sich heraus, dass die Ecke im tiefsten Schwabing um die Mandlstraße ein Brennpunkt ist: Demos gegen Gentrifizierung, besetzte Häuser, Polizei kämpft gegen gewalttätige Demonstranten.

Deshalb auch als Support die herbeigerufene Eliteeinheit Unterstützungskommando Bayern, der Sunny angehört. Elli Schuster befragt Sunny, die Ermittlungen kommen nur allmählich in Gang. Es ist nämlich nicht so, dass bei einem Polizistenmord die befragten Kollegen in Plauderlaune sind, im Gegenteil, ein jeder ist äußerst verhalten. Hannes Brandl wird aus dem Krankenstand zurückgeholt. Brandl wäre am Ende des letzten Falls fast gestorben, er war ein psychisches und physisches Wrack und lange krankgeschrieben. Doch nun wird er gebraucht, auch wenn er noch nicht wieder richtig fit ist. Trotzdem verfolgt er einige Hinweise und kommt trotz seiner Unzulänglichkeiten einigem auf die Spur.
Ist der Täter in der alternativen Szene zu suchen, die sich gegen die Gentrifizierung auflehnt? Oder geht es um Drogen? Um Prostitution? Oder geht es gar um Rache? Um einen uralten Fall? Die Ermittlungen gehen in alle Richtungen. Waechter und vor allem Brandl sind sehr schnell zu sehr und zu persönlich in den Fall verwickelt. Der Leser kombiniert und denkt in alle Himmelsrichtungen, aber es bleibt spannend bis ganz zum Schluss.

Nicole Neubauer mit ihren herrlichen Vergleichen (Hannes mit der Seele, roh wie Sushi – Elli mit der Muffinfigur) hat mich auch in ihrem dritten Roman um die Münchner Ermittlertruppe in ihren Bann gezogen. Schicht für Schicht, wie bei einer Zwiebel, kommen immer mehr die Charaktere und auch die Liebenswürdigkeiten heraus. Man muss sie einfach lieben. Waechter, der alte „Silberrücken“ mit seinem verdeckten 1860er Tattoo, sieht, dass er nicht für immer der starke Mann sein wird, dass seine Energien auch einmal zu Ende gehen werden, und er macht sich allen Ernstes Sorgen um seine Katze, für den Fall, dass ihm etwas passieren sollte. HDS, der Hüter des Schweigens, sieht diesmal verliebt aus, und Elli ist es sogar! Hannes, der Brandl, ist verletzt und verletzlich, er ist trotz der vielen Frauen und Kinder um sich herum einsam und nostalgisch, und hofft, einen Freund für sich zu gewinnen, ganz allein für sich, ohne diese Pärchen- oder Eltern-treffen-andere-Eltern-Sache.
Das und die sehr realistisch wirkenden Ereignisse und München-Beschreibungen vervollständigen auf charismatische Art und Weise für mich einen guten Krimi, der bis zum Ende spannend ist. Ich freue mich auf mehr.

Die 1972 in Ingolstadt geborene Nicole Neubauer war zehn Jahre in einer Wirtschaftskanzlei tätig. Nun arbeitet sie freiberuflich als Rechtsanwältin, Lektorin und Autorin. Sie lebt – wie Waechter – mit ihrer Familie mitten im Münchner Stadtteil Schwabing.

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Nicole Neubauer: Scherbennacht
Blanvalet Taschenbuch Verlag, 18. September 2017
384 Seiten
Taschenbuch 9,99 Euro
eBook 8,99 Euro

Nicole Neubauer: Kellerkind

Nicole Neubauer: Moorfeuer

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