Die Vergangenheit stirbt nie

Im beschaulichen Kautokeino im norwegischen Lappland ereignen sich binnen kürzester Zeit zwei schwere Verbrechen: Aus einer Galerie wird eine überaus seltene und wertvolle samische Schamanentrommel gestohlen, und der Rentierzüchter Mattis Labba wird ermordet und verstümmelt neben seiner durchsuchten Behausung aufgefunden.
Der Einheimische Klemet Nango und die frisch nach Lappland versetzte Nina Nansen von der Rentierpolizei Kautokeino werden in die Ermittlungen der regulären Polizei miteinbezogen und müssen sich gegen rassistische Kollegen, einen eifernden læstadianischen Priester und gierige Ausländer durchsetzen, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. Dabei werden wahre Abgründe aufgedeckt, die bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückreichen.

40 Tage Nacht von Olivier Truc ist in zweifacher Hinsicht ein außergewöhnliches Buch: Erstens wurde es von einem Franzosen geschrieben, der allerdings seit zwanzig Jahren als Skandinavien-Korrespondent in Stockholm lebt. Zweitens schildert es mit einer enormen Sachkenntnis und Detailliertheit die Welt der Samen im grenzüberschreitenden Lappland, das leider viel von seiner früheren Eigenständigkeit und Romantik verloren hat. Alte Traditionen sind nahezu ausgestorben, die brutale Christianisierung des 17. Jahrhunderts hat ganze Arbeit geleistet, Lapplands Bodenschätze wurden und werden ausgebeutet, und bis teilweise in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts durften Samen außerhalb der Familie ihre Muttersprache nicht sprechen. Nach und nach haben sich die Samen in Schweden, Norwegen und Finnland weitreichende Mitbestimmungsrechte erobert, doch bekanntermaßen gewinnen gerade in Norwegen und Schweden die rechtspopulistischen Parteien immer mehr Stimmen, was auch die samische Urbevölkerung betrifft.

Vor diesem Hintergrund siedelt Olivier Truc seine Geschichte um die alte schamanische Trommel und die Legende von einer mit einem Fluch behafteten, mysteriösen Goldmine an, und das macht er grundsätzlich gut. Besonders gefallen haben mir die Schilderungen der Rentierzüchter und da vor allem des noch am ehesten nach den alten Traditionen lebenden Aslak, der selbst im tiefsten Winter in einer Kote (einer Zeltbehausung) in der Tundra lebt und seine Rene nur auf Skiern und mithilfe seiner Hunde hütet – die modernen Samen benutzen hierfür Schneescooter und leben weitestgehend in den Städten. Generell erfährt der Leser viel Unbekanntes, so zum Beispiel, wie sehr auch die Verwaltung in Lappland auf die Rentierzucht ausgerichtet ist. Es gibt eine Rentierpolizei, die sich um die Belange und Streitereien der Rentierzüchter kümmert, es gibt Formulare, auf denen bei einem Autounfall mit einem Ren sogar die verletzte Körperstelle des Tieres eingetragen wird. Explorationslizenzen für Bodenschätze werden streng nach dem Weiderhythmus der Rentiere ausgegeben, die Herden dürfen auf keinen Fall gestört werden.
Beeindruckend sind auch die Schilderungen der Natur, der unendlichen Weiten des lappländischen Winters. Minus dreißig Grad sind normal, nach vierzig Tagen Nacht scheint Mitte Januar die Sonne endlich wieder für eine halbe Stunde und erobert sich langsam Tag für Tag den Himmel zurück. Nordlichter zucken über die verschneite Tundra, und ohne Thermooverall und Schneescooter ist man verloren. Man spürt beim Lesen förmlich die Eiszapfen in den Wimpern und Nasenlöchern, atmet die klare Luft, kneift die Augen gegen den grellen Schnee zusammen, hört das Knirschen unter den Fußsohlen.

Soweit, so lesenswert. Leider hat das Buch meiner Meinung nach auch zwei große Mängel: Der Autor hat zu viel in die Story hineingepackt und dabei aber trotzdem verheerende Längen im Text fabriziert. Die Handlung verteilt sich auf Klemet und Nina von der Rentierpolizei, den rechtspopulistischen Bauern Karl Olsen mit seinem Kumpan, dem ebenso rassistischen Polizisten Rolf Brattsen, und deren Intrigen gegen den amtierenden Polizeichef sowie auf den skrupellosen Franzosen André Racagnal, der auf der Suche nach einer mysteriösen Goldmine ist – dazu gehören noch diverse Nebenfiguren, die mal mehr kleinere, mal größere Rollen einnehmen. Darin eingebaut werden die zwei Kriminalfälle, die gestohlene Trommel (deren Diebstahl sich recht unspektakulär aufklärt) und die Ermordung des Rentierzüchters Mattis Labba. Als zusätzliche Ermittlungsebene dienen noch eine Polarexpedition aus dem Jahr 1939 sowie Staudamm- und Explorationsarbeiten im Jahr 1983, die die Grundlage für die heutigen Ereignisse darstellen.

Insgesamt verwebt Truc das auch zu einer runden Geschichte, bei der er allerdings etwas zu viel erzählen will, was gerade in der Buchmitte zu meiner Meinung nach erheblichen Längen führt. Ich hatte mir ein wenig mehr von 40 Tage Nacht versprochen, doch dank der wirklich guten Landschafts- und Gesellschaftsschilderungen und einigen überraschenden Wendungen gen Ende des Buches war es grundsätzlich eine lohnende Lektüre.

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Olivier Truc ist Skandinavien-Korrespondent für die Le Monde und lebt seit 1994 in Stockholm. Seine Arbeit umfasst zahlreiche Reportagen, Dokumentationen und Dokumentarfilme, 40 Tage Nacht ist jetzt sein Debütroman, der in diverse Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet wurde.

Die Galerie Juhl in Kautokeino, aus der die Trommel gestohlen wird, gibt es übrigens tatsächlich: Der Maler Frank und die Silberschmiedin Regine Juhls leben seit vielen Jahren in Kautokeino und haben viel dazu beigetragen, samisches Kunsthandwerk zu bewahren:http://www.juhls.no/

Wer sich in die traditionelle Musik der Samen – das Joiken – einhören will, dem seien zum Beispiel die Künstler Nils-Aslak Valkeapää, Wimme (beide Finnland), Mari Boine (Norwegen) oder Sofia Jannok (Schweden) ans Herz gelegt.

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Verlag: Droemer
Ausgabe: Hardcover, 493 Seiten
Übersetzung: Elsbeth Ranke
Preis: € 19,99, E-Book: € 17,99 (z.B. Amazon)

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