Buch: Rick Yancey – Der letzte Stern

Große Erwartungen, nicht ganz erfüllt

Yancey_RDer_letzte_Stern_3_168616Erst kamen die Dunkelheit und die Fluten, dann die Seuche, die den größten Teil der Menschheit vernichtete. Seit Cassie nach dem Ausbruch der 4. Welle und den Silencern, die das Bewusstsein von Aliens in sich tragen, allein durch die menschenleere Ödnis Amerikas irrte und dachte, sie sei der letzte Mensch auf der Welt, ist viel passiert. Sie hat ihren Schulschwarm Ben Parish wiedergefunden und, viel wichtiger, ihren kleinen Bruder Sam. Doch nichts ist dadurch einfacher oder erträglicher geworden: Ben und Sam wurden vom Militär zu Soldaten gemacht, was ihre Beziehung zu beiden belastet. Und dann ist da noch Evan Walker, der Silencer mit dem Gewissen. Der Alien, in dem sich menschliche Gefühle regen. Und neben all dem ist auch die Invasion längst nicht zu Ende – ganz im Gegenteil; um die wenigen übrigen Menschen zu zerstreuen und aufs Land zu vertreiben sollen Bomben auf sämtliche Städte der Erde abgefeuert werden, und Cassie und die anderen haben nur wenige Tage, um sich etwas richtig Gutes einfallen zu lassen.

Als ich vor einigen Jahren den ersten Roman der Reihe, Die fünfte Welle, in die Hand nahm, konnte ich ihn kaum beiseitelegen. So fesselnd, so einfühlsam – Cassie war eine einsame, tapfere Heldin, die nicht nur mit der Welt um sich herum kämpfte, sondern auch damit, dass sie langsam aber sicher vor Einsamkeit wahnsinnig wurde. Das Ganze las sich ein bisschen wie Suzanne CollinsHunger Games, aber mit der ständigen unsichtbaren Gefahr der Aliens und der vollkommenen Ungewissheit, was als nächstes kommen würde.

In Teil zwei wurden viele neue Charaktere eingeführt, die auch schnell wieder verschwanden. Mit über einem Jahr zwischen den Büchern fand ich es dadurch nun beim Finale der Trilogie, Der letzte Stern, unheimlich schwer, mich zu erinnern: wer nun wer war, welche Rolle sie spielten und wie sie gestorben sind. Es war für mich schwierig, mich wieder in Yanceys Welt und Geschichte zurechtzufinden.

Als es dann nach einigen Kapiteln soweit war, rutschte die Geschichte allerdings immer wieder in ein vollkommen übertriebenes Teenager-Drama ab. Cassie, die im ersten Teil eine so großartige Heldin war, wird zur psychisch labilen Drama-Queen, die pseudo-lustige Selbstgespräche in Form ihres Tagebuches schreibt, ihre Charakterzüge sind inkonsistent, und irgendwann wurde sie für mich zu einer nervigen kleinen Tussi. Vielleicht kann man diesen Wandel mit dem enormen psychologischen Druck erklären, der langen Einsamkeit und dann plötzlich zuerst Evan, dann Ben Parish und ihr geliebter kleiner Bruder, der ein eiskalter Soldat geworden ist. Vielleicht ist in Cassie dadurch dieser eiserne, starke Charakterzug verlorengegangen. Leider bleibt nur ein nerviger Teenager über, für den ich keinerlei Empathie mehr empfinden konnte. Man muss Yancey allerdings zugutehalten, dass er letztendlich doch noch eine Wendung fand, die Cassie aus dieser Sackgasse hinaus manövriert und sie schließlich wieder zur Heldin macht.

Hier und da taucht die subtile Poesie von Yanceys Stil wieder auf, und seine philosophischen Überlegungen über die Menschheit, Menschlichkeit und was uns eigentlich ausmacht nehmen einen großen Teil der Handlung ein. Vielleicht etwas zu groß, zumal die Thematik schnell repetitiv wird. Noch dazu ist die These, dass die Menschheit sich selbst und den Planeten vernichtet, weil wir so menschlich sind – weil wir uns in Gruppen wohlfühlen, weil wir zusammen arbeiten um Ziele zu erreichen, weil unsere unmittelbaren Mitmenschen uns näher stehen als Fremde – meiner Ansicht nach sehr gewagt und für Jugendliteratur irgendwie unpassend.
Die Auflösung der ganzen Sache ist dann, trotz einer unerwarteten Wendung, im Großen und Ganzen vorhersehbar, aber immerhin nicht allzu schmalzig.

Alles in Allem hat die Die fünfte Welle Trilogie in meinen Augen leider von Band zu Band nachgelassen. Man liest natürlich weiter, weil man wissen muss, wie alles ausgeht, aber wo Band zwei mich schon nicht mehr so sehr fesseln konnte wie der erste Teil, da war Teil drei vor allem ein verkompliziertes Teenagerdrama. Immerhin ist der Stil aber immer noch sehr flüssig und spannend, sodass man zügig durchkommt und sich nicht langweilt. Der letzte Stern ist anständig geschriebene Jugend-Sci-Fi, mehr sollte man davon nicht erwarten, da es leider die mitreißende Tiefe seiner Vorgänger nicht mehr erreichen kann.

Als Hardcover ist Der letzte Stern bereits erhältlich, das Taschenbuch erscheint im Oktober beim Goldmann Verlag.

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Rick Yancey: Der letzte Stern
Goldmann, 03.10.2016
384 Seiten
€16,99 (gebundene Ausgabe)
€9,99 (Taschenbuch)
€13,99 (eBook)

Goldmann

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