Exit Happyland – exit racism!

230_ogette_exit-racism8_webWer die folgenden versteckt rassistischen und furchtbar alltäglichen Aussagen oft genug in seinem Leben zu hören bekommt, darf die Einleitung gern überspringen, alle anderen seien hiermit eingeladen, sich auf eine Reise ins Happyland zu begeben:
„Rassisten – das sind doch die anderen. Die von den einschlägigen rechten Parteien. Die, die Anschläge verüben wie in Hanau. Oder in Christchurch in Neuseeland. Die, die Ausländer auf der Straße beschimpfen und verprügeln. Pöbelnde Skinheads. Wie gut, dass ich nicht so bin! Mir sind Hautfarben völlig egal, ich sehe nur die Menschen. Natürlich würde ich nie einen Unterschied zwischen meinen Mitmenschen machen, ich komme aus einem guten Elternhaus und wurde so erzogen, alle gleich zu behandeln. Und sind Babys mit schokobrauner Haut nicht unglaublich niedlich? Du, ich interessiere mich einfach ganz ehrlich dafür, wo du eigentlich herkommst. Oh, ich hätte auch so gerne Locken, wie fühlen sich denn deine Haare an, ich darf doch mal, ja? Also, mein farbiger Kumpel lacht über Mohrenköpfe und Negerküsse, jetzt sei doch nicht so überempfindlich, ich meine das doch nicht böse. Hey, ich bin doch echt kein Rassist, wieso nennst du mich so? Ich bin doch ein guter Mensch, wie kannst du mich nur so verletzen?“
Fiktiv zusammengestellte Sätze einer fiktiven Person, die in einer privilegierten Blase in „Happyland“ lebt, wie die Afrikanistin und Antirassismustrainerin Tupoka Ogette den Zustand bezeichnet, in dem Menschen glücklich in einem System leben, dessen Norm sie entsprechen – in unserem Fall als weiße Person in Deutschland. Den wenigsten ist klar, dass unser aufgeklärtes, fortschrittliches, demokratisches Deutschland – gerade nach der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten – im tiefsten Inneren immer noch ein rassistisches Land ist und wir mit diesem Rassismus aufwachsen und ihn verinnerlichen. Und das ist auch kein Wunder, da das Weißsein schon seit vielen Jahrhunderten zum Nonplusultra auf dieser Welt erhoben wird. Sklaverei und Geldgier wurden „wissenschaftlich“ damit gerechtfertigt, dass Schwarze keine richtigen Menschen seien, ebenso wie der Kolonialismus. Selbst unsere ach so aufgeklärten Philosophen wie Immanuel Kant oder Friedrich Hegel waren beinharte Rassisten. Die Spuren einer solchen jahrhundertelangen Indoktrination und Selbstüberhöhung lassen sich natürlich nicht innerhalb weniger Generationen aufdecken, geschweige denn ausmerzen. Dieser systemimmanente Rassismus ist so tief verwurzelt, dass er gar nicht mehr wahrgenommen wird, und genau da muss angesetzt werden. Das ist nicht leicht, denn die wenigsten Menschen wollen sich natürlich aktiv rassistisch verhalten. Sie denken von sich – wie im fiktiven Beispiel in der Einleitung –, doch völlig offen und aufgeklärt zu sein, alle Menschen gleich zu behandeln, und Rassisten sind doch wohl bitte „die anderen, die was Böses tun“. Die instinktive Reaktion auf eine eventuelle Konfrontation mit eigenem rassistischem Verhalten oder Denkmustern ist in den allermeisten Fällen Verletztheit, Rechtfertigung und das Zurückspielen der Empörung („Wie kannst du mir sowas nur vorwerfen??“). Das ist erst einmal nachvollziehbar – niemand gesteht sich gern Schwächen oder Fehler ein -, hilft der Sache aber nicht weiter und lenkt den Fokus wieder einmal von den Menschen weg, um die es gehen sollte: (Black) People of Color. Viel wichtiger und zielführender ist es, Fragen zu stellen, zuzuhören und die eigene Stellung als weißer Mensch zu hinterfragen.

An dieser Stelle kommt Tupoka Ogette ins Spiel. Sie ist Tochter einer weißen, deutschen Mutter und eines Schwarzen, tansanischen Vaters, 1980 in Leipzig geboren, 1988 mit ihrer Mutter nach Westberlin übergesiedelt. In Leipzig hat sie Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Rassismus hat sie von Geburt an am eigenen Leib erlebt, wurde unter anderem als kleines Mädchen als „stinkender N****“ und Ähnliches bezeichnet – auch von gleichaltrigen Kindern wohlgemerkt. Seit einigen Jahren arbeitet sie als Trainerin zu den Themen Rassismus, Diskriminierung, Vorurteile, Stereotype sowie unbewusste und bewusste Machtstrukturen. Sie veranstaltet Seminare und Workshops, arbeitet mit Einzelpersonen und Gruppen, geht in Kitas, Schulen, Unternehmen, Behörden. Sie trifft bei ihrer Arbeit also die gesamte Bandbreite der deutschen Bevölkerung. Mit ihrem Buch exit RACISM möchte sie einen Einblick in ihre alltäglichen Begegnungen und Gespräche geben und aufzeigen, wie tief verwurzelt Rassismus und rassistische Denkmuster in unserer Gesellschaft sind. Das Buch liefert viele wertvolle theoretische Grundlagen und Hintergründe, Raum zur eigenen Reflexion und Zitate von einigen Student*innen, die Seminare von Tupoka Ogette besucht und währenddessen Tagebuch geführt haben. Weiterführendes Material ist jedem Kapitel in Form von QR-Codes beigefügt, über die Artikel und Videos abgerufen werden können. exit RACISM ist also nicht nur Erfahrungsbericht, sondern auch ganz konkretes Arbeitsbuch für all diejenigen, die ihr eigenes Denken und ihre eigenen Verhaltensweisen kritisch hinterfragen und dazulernen wollen. Die die Perspektive der Autorin einnehmen wollen: die einer Schwarzen Frau in Deutschland, einer Mutter von zwei Schwarzen Söhnen, Tochter einer weißen Mutter und eines Schwarzen Vaters, engagierte Trainerin im rassismuskritischen Denken. Die ihr weißes Privileg kritisch hinterfragen wollen. Es ist nicht Ziel des Buches, sich wegen seiner Herkunft schuldig zu fühlen, aber aufzuzeigen, was damit überhaupt verbunden ist und wie selbstverständlich vieles gesehen wird.

Ein erster großer Schritt ist bereits getan, wenn man sich mit dieser Anleitung (oder anderen Büchern zum Thema) auseinandersetzt. Auch wenn man schon einiges an Vorwissen und Wachsamkeit besitzt, wenn man mit den Begriffen „White Fragility“ oder „Derailing“ oder „Othering“ vertraut ist (doch auch sie werden im Buch erklärt), wenn man rassistische Bezeichnungen wie „N****“ oder „farbig“ aus dem eigenen Wortschatz verbannt hat, wenn einem klar ist, dass die eigene gute Intention trotzdem manchmal nicht davor schützt, zu verletzen oder zu diskriminieren, öffnet einem exit RACISM immer noch an vielen Stellen die Augen. Ich kannte zum Beispiel die Bezeichnung „Maafa“ nicht – der moderne Swahili-Begriff für „afrikanischer Holocaust“, sprich die Jahrhunderte der Sklaverei, des Kolonialismus und des Imperialismus. Oder dass der Franzose François Bernier Ende des 17. Jahrhunderts erstmals völlig unwissenschaftlich und unzutreffend Menschen nach „Rassen“ einteilte, was vorher nur fürs Tier- und Pflanzenreich gegolten hatte, und dabei natürlich die Überlegenheit der weißen „Rasse“ manifestierte. Oder dass die Welser und die Fugger als deutsche Kaufmannsdynastien schon Anfang/Mitte des 16. Jahrhunderts in den internationalen Sklavenhandel investierten. Oder wie umfassend die deutschen Kolonien bis 1918 tatsächlich waren. Oder wie brutal und organisiert (Todeslager!) der Völkermord der Deutschen an den Herero in Namibia war. Meine Schulzeit ist zugegeben schon lange her, aber ich kann mich nicht erinnern, diese Seiten deutscher Geschichte gelernt zu haben. Dafür haben wir im Sportunterricht gern „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt – und niemand hat sich in den Achtzigern etwas dabei gedacht.

Mit solchen Mikroaggressionen müssen (Black) People of Color tagtäglich leben. Gedankenlose Ballspiele, der Sarotti-Mohr, fremde Menschen halten plötzlich ihre Handtaschen fester und/oder wechseln den Sitzplatz in der Bahn, die Schwierigkeiten, Job und Wohnung zu finden, der verwehrte Einlass in den Club. „Hautfarbene“ Kosmetik, Pflaster und Kleidung – die aber natürlich weiße Haut meint. Benachteiligung von Kindern in der Schule. Die Frage „Du sprichst aber gut Deutsch. Aber wo kommst du wirklich her?“ Nicht als eigenständige Person, sondern als Schwarz gesehen zu werden. Das gar nicht mikroaggressive Racial Profiling von Polizei und Behörden. Reale Bedrohungen und Angriffe. Eine Welt voller wiederkehrender Verletzungen, die sich Weiße in ihrem privilegierten Happyland oft nicht mal ansatzweise vorstellen können – oder wollen. Auch zu diesen Privilegien gibt exit RACISM wertvolle Hinweise und Denkanstöße. Ein wichtiger Punkt ist auch die Macht der Sprache und weshalb es ein Zeichen des Respekts ist, die von (Black) People of Color selbst gewählten Bezeichnungen zu verwenden und nicht das, was man doch schon immer gesagt hat und überhaupt gar nicht böse meint. Und falls man jetzt beleidigt aufbegehrt, man dürfe ja gar nichts mehr sagen – doch, man darf immer noch alles sagen. Nur sollte man sich eben bewusst sein, was man mit der gewählten Ausdrucksweise übermittelt.

exit RACISM ist ein schlankes Buch, aber voller Informationen, Erklärungen, Perspektivenwechsel und wichtiger weiterführender Literatur. Die Lektüre kann echte Gespräche mit (Black) People of Color oder auch den Besuch eines Workshops bei Tupoka Ogette sicher nicht ersetzen, ist als Grundlage und Augenöffner aber hervorragend geeignet. Das Buch will nicht belehren oder die interessierten Leser*innen kleinmachen, ihnen Schuldgefühle bereiten oder das Gefühl, schlechte Menschen zu sein. Es will helfen, aufmerksamer und selbstreflektiver zu sein und damit für ein besseres Miteinander aller Menschen sorgen. Vielleicht ist die Hautfarbe wirklich irgendwann mal egal, doch bis dahin ist es ignorant, sie nicht zu sehen, denn (Black) People of Color werden von modernen weiß geprägten Gesellschaften immer noch tagtäglich daran erinnert und deswegen diskriminiert.

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Tupoka Ogette: exit RACISM
UNRAST Verlag, Mai 2018
136 Seiten
Buch: € 12,80, eBook: € 7,99, beide direkt über den Verlag oder die üblichen anderen Bezugsquellen erhältlich.

Webseite der Autorin: https://www.tupokaogette.de/

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