Rezension: Carlton Mellick III – Ultrafuckers

 Ausfahrt gesucht!

Tony und Tammy sind auf dem Weg zu einer Dinnerparty. Dazu müssen sie in eine Einfamilienhaussiedlung in Eagle Hill. Dort angekommen suchen sie stundenlang nach der richtigen Adresse. Da aber alles gleich ausschaut und sie auf Hilfe der anscheinend geistig nicht anwesenden Bevölkerung verzichten müssen, irren sie ziellos umher. Dann verschwindet Tammy, ist nicht mehr auffindbar. Tony ist verzweifelt und auf sich alleine gestellt, bis er auf eine merkwürdige Truppe trifft: Die Ultrafuckers.

„Ich schreibe Bücher für aufgeschlossene Menschen“, so lautet Carlton Mellicks Leitmotto. Beeinflusst haben ihn vor allem Kinderbuchautoren, sagt er, zum Beispiel Roald Dahl oder Antoine de Saint-Exupery. In vielen seiner Bücher sieht er auch eher Kindergeschichten für Erwachsene. Gerade das Seltsame und Fremdartige verleitet die Menschen, zu seinen Werken zu greifen. Nachdem ich die „Kannibalen von Candyland“ schon gelesen hatte, wurde es wieder Zeit, den nächsten Mellick in die Hand zu nehmen. Titel und Cover des Buches „Ultrafuckers“ reichten mir schon, um es in meinen Warenkorb zu legen. Zudem sollten dieses Mal die Seiten orange gehalten sein. Wie schon erwähnt: Ungewöhnliches lockt.
Die Geschichte liest sich schnell und flüssig, neugierig und gespannt verfolgt man die Suche Tonys nach seiner Frau und dem Ausgang aus der Siedlung. Einen Moment gab es, an dem ich mich fragte: Wann geht es denn mal los mit Bizarro-Fiction? Diese schlich sich aber dann schließlich zwischen die Zeilen und beruhigt las ich weiter. Nachdem Tony die Ultrafuckers, verrückte japanische Punks, entdeckt, beginnt die Fiction. Eine Welt, gesteuert von Maschinen und Robotern, eine Welt, die sich immer wieder erneuert, immer gleich ausschaut, die Menschen in ihre molekularen Bestandteile umwandelt. Tony und seine neuen japanischen Ultrafuckers versuchen das zu verhindern.
Will der Autor uns damit darauf aufmerksam machen, dass wir selber dabei sind, die Welt zu zerstören, dass wir einfach nur zusehen und nichts unternehmen? Sind wir selber schon zu Robotern geworden, passen uns an? Ist es gut, wenn es solche Gruppierungen gibt, die sich auflehnen und uns wachrütteln? Wir sehen alles als selbstverständlich an, was, wenn die Roboter den Spieß umdrehen?

Mellick gibt mit diesem Werk nur einen kleinen Einblick in sein kreatives und abgedrehtes Hinterstübchen. „Ultrafuckers“ ist ein Buch, welches mich jetzt nicht ganz so faszinierte. Gegenüber dem Roman “Die Kannibalen von Candyland“ fehlt es dem Buch ein wenig an fesselnden Elementen. Wer jedoch ein Mellick-Fan ist, sollte sich schon allein wegen der Geschichte das Buch in sein Regal holen.

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Festa Verlag
Autor: Carlton Mellick III
123 orange Seiten
12,80 Euro (Hardcover)

Rezension: Xinran – Wolkentöchter

Die Liebe einer Mutter ist unendlich

 

xinran

Chinesische Hebammen auf dem Land bekommen für die Geburt eines Jungen den dreifachen Lohn – weibliche Säuglinge müssen sie ertränken oder werfen sie in einen Abfalleimer. Oft muss die Mutter selbst diese Aufgabe übernehmen – ein Mädchen ist eine Schande, keine Hilfe für die Familie, kann kein Land erben, und die chinesische Ein-Kind-Politik ist strikt.
Junge Frauen geben ihre neugeborenen Kinder – fast immer Mädchen – weg, setzen sie vor Waisenhäusern und Krankenhäusern aus, weil sie sich nicht um die Kleinen kümmern können, weil sie Schande über die Familie bringen, weil sie ihre Arbeit verlieren würden.
Selbst Eltern geben gemeinsam ihre Kinder weg – setzen eine Tochter an einem Bahnhof aus, geben eine Tochter zur Adoption frei.

Sind diese Menschen, diese Einwohner eines modernen Chinas, alles herzlose Monster? Nein, im Gegenteil. Jede Mutter, die sich aus welchem Grund auch immer von ihrer Tochter trennen, sie im schlimmsten Fall auf Druck der Familie sogar töten muss, leidet ihr Leben lang Höllenqualen. Von diesen Frauen berichtet die bekannte chinesische Autorin und Journalistin Xinran, die im Laufe der Jahre auf ausgedehnten Recherchereisen durch ganz China die erschütternden Lebensgeschichten gesammelt hat.

Seit den Achtziger- und Neunzigerjahren werden immerhin vermehrt chinesische Mädchen ins Ausland adoptiert, doch aufgrund der katastrophalen Verhältnisse in den örtlichen Waisenhäusern und der nicht existenten Aktenführung wissen diese Mädchen nicht das Geringste über ihre Herkunft und wachsen in dem Glauben auf, ihre chinesischen Mütter hätten sie schlicht nicht gewollt.

Für diese Mädchen hat Xinran Wolkentöchter geschrieben und um den chinesischen Müttern die Chance zu geben, ihre Trauer und die Umstände der Trennung von ihrem Kind zu schildern. Das Buch ist ihr aber auch ein persönliches Anliegen, da sie von beiden Seiten betroffen ist. Zwar kennt Xinran ihre leiblichen Eltern, doch die gaben sie schon als Kleinkind zu Verwandten, um sich voll und ganz der Kulturrevolution und der Umgestaltung des Landes widmen zu können. Xinran weiß also sehr gut, wie es sich anfühlt, nicht gewollt zu sein. Und sie hat eine Tochter verloren – eine wenige Monate alte Waise, die sie einige Zeit als Pflegekind bei sich aufnahm. Adoptieren durfte sie Kleiner Schnee nicht, da sie bereits einen leiblichen Sohn hatte, selbst die Pflege hätte ernsthafte Konsequenzen nicht nur für sie, sondern auch für ihre Kollegen beim Rundfunk gehabt. Schweren Herzens musste Xinran die geliebte Tochter an ein Waisenhaus geben, das schon kurz darauf abgerissen wurde; die Kinder wurden auf andere Institutionen verteilt … die Spur von Kleiner Schnee verliert sich an diesem Punkt.

Wolkentöchter ist ein herzzerreißendes Buch, das stellvertretend am Beispiel einiger Frauen vom Leid ganzer Generationen von Müttern erzählt. Von einer teils immer noch archaischen Gesellschaft – vor allem auf dem Land –, die sich nur langsam wandelt und auch weiblichen Säuglingen Achtung entgegenbringt. Von zwar moderneren Städten und einer moderneren Lebensweise, doch auch sexueller Unaufgeklärtheit und unerwünschten Schwangerschaften. Und von der Möglichkeit der Ultraschalluntersuchung, von den staatlichen Repressionen, wenn die Ein-Kind-Politik nicht eingehalten wird.
Gleichzeitig ist es auch ein wunderschönes Buch, weil darin so viel Liebe enthalten ist – die Liebe von Müttern zu ihren Töchtern. Unbedingt lesenswert!

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Xue Xinran, 1958 in Beijing geboren, war in China eine sehr bekannte Journalistin und Moderatorin einer einflussreichen Radiosendung namens „Verborgene Stimmen“. Seit 1997 lebt die Autorin mit Mann und Sohn in England.
Einen Namen hat sie sich vor allem mit einfühlsamen Interviews gemacht; sie besitzt das einzigartige Talent, dass Chinesen und vor allem chinesische Frauen sich ihr öffnen und ihr ihre Lebensgeschichten erzählen. In ihren Büchern verarbeitet Xinran seit Jahren ihre Erfahrungen, mal in dokumentarischer, mal in romanhafter Form. Alle ihre Werke geben hervorragende Einblicke in eine für uns Westler immer noch sehr fremde Gesellschaft, in ein Land, das wie kaum ein anderes dieser Welt während der Kulturrevolution von Grund auf umprogrammiert wurde und dessen Einwohner sich erst seit einigen Jahren davon emanzipieren.

2004 hat Xinran eine Organisation namens Mother’s Bridge of Love gegründet, die adoptierten chinesischen Mädchen helfen soll, ihre leiblichen Mütter zu finden bzw. ihnen die Gründe zu vermitteln, warum sie in ein Waisenhaus gegeben wurden. Mehr Infos dazu unter: http://www.mothersbridge.org/

Wer mehr von dieser großartigen Autorin lesen möchte: Verborgene Stimmen, Die namenlosen Töchter, Chinesen spielen kein Mao Mao, Gerettete Worte sowie Himmelsbegräbnis (mein persönliches Lieblingsbuch von ihr und auch sonst), sind auf Deutsch erschienen, alle bei Droemer bzw. im Taschenbuch bei Knaur.

http://www.xinranbooks.co.uk/

Titel der englischen Originalausgabe: Message from an unknown chinese mother. Stories of love and loss
Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlag: Droemer
Preis: 18,99 € (HC-Ausgabe) bzw. 16,99 € (Kindle-Ausgabe)

 

Verlag

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Rezension – Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder

 Eine Insel für Kinder mit besonderen Fähigkeiten – und Monster, die auf der Suche nach ihnen sind…

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Cover

Jakob liebt seinen Großvater und dessen abenteuerlichen Geschichten aus dem Waisenhaus über alles: Geschichten von kleinen Mädchen, die schweben können, von Hugh, dem Jungen, in dem Bienen wohnen, und dem unsichtbaren Zimmergenossen begleiten ihn durch seine Kindheit hindurch, bis Jakob zu alt wird, um ihm die Märchen zu glauben. Sein Vater sagt ihm, dass sein Opa durch pures Glück den Nazis und ihrer Vernichtungsmaschinerie entkommen ist und seine augenlosen Monster nicht mehr sind als übersteigerte Phantasien. Weiterlesen

Rezension – Max Barry: Maschinenmann

Der Schmerz ist ein Nebeneffekt des menschlichen Körpers, der so mangelhaft ist, dass man wesentliche Verbesserungen nur erreicht, wenn man das Vorhandene ausrangiert und ganz von vorne anfängt.

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Charlie Neumann ist ein Genie und am liebsten bei der Arbeit. Er entwickelt für den riesigen Techno-Konzern Better Future Kunststoffe, eine Tätigkeit, die es ihm erlaubt, wenig mit anderen Menschen in Kontakt treten zu müssen. Zu dumm, dass er Schlafen, Essen und Kacken muss, überhaupt ist sein Körper seinem Verstand eigentlich nur ein Klotz am zerebralen Bein. Dieser Zustand wird sogar noch schlimmer, als Charlie einen Arbeitsunfall erleidet, bei dem ihm eine riesige Presse ein Bein amputiert. Nicht, dass ihn der Verlust einer Gliedmaße sonderlich nahe ginge, wesentlich schlimmer sind die in seinen Augen vollkommen unzureichenden Prothesen. Warum ein Bein mangelhaft nachbilden, wenn man doch ein besseres bauen könnte? Wieder zurück an seinem Arbeitsplatz demontiert Charlie das verhasste Ersatzbein, um es anschließend zu überarbeiten. Jetzt ist sein künstliches Bein besser als das natürliche, das ihm geblieben ist – der Fall ist klar: Das Bein muss ab! Weiterlesen

Rezension: Christoph Marzi – Lyra

Odyssee und Heimkehr

Das Leben des Musikers Danny Darcy scheint ein Trümmerhaufen. Nachdem sein Bruder Colin ihm in Schottland geholfen hat, aus einem ziemlich blöden Deal herauszukommen, und das Problem mit seiner Mutter anscheinend gelöst ist, kehrt er in seine neue Heimat Minnesota zurück – nur um sich in den Scherben seiner Beziehung wiederzufinden. Kurz nachdem seine Frau Sunny ihm gestanden hat, dass sie ein Kind von ihm erwartet, trennt sie sich, weil sie ihn mit einer anderen Frau gesehen hatte, in einem Café, in dem Danny nie war. Schnell wird klar, dass dies die Lügengespinste seiner Mutter sind, die wieder einmal Gestalt annehmen und so seine Ehe ruinieren. Dannys Hoffnung, mit dem Verschwinden seiner verhassten Mutter würde auch die Lüge sterben, verrinnt schnell, nachdem Sunny sich bei ihm meldet und besorgt mitteilt, dass es „der Kleinen“ nicht gut gehe. Albträume quälen sie und ihr ungeborenes Kind. Durch einen Tipp erfährt Danny, dass er sich an die Sirenen wenden soll, denn nur ihre Macht reicht aus, um eine so starke Lüge aus Sunny zu entfernen. Doch vor diesen Frauen wird nicht grundlos gewarnt, und so wird der Ausflug in die Sümpfe Louisianas bald zur Gefahr nicht nur für Danny, sondern auch für Frau und Kind…

Lyra knüpft dort an, wo Fabula aufhörte: Die böse Mutter ist besiegt und weggesperrt, die Familiengeheimnisse gelüftet und Danny ist gerade nochmal so davongekommen. Nun beginnt der Leser zu verstehen, wieso er überhaupt versucht hat, seine Mutter loszuwerden. Es werden in Rückblicken noch einige offene Fragen geklärt, bevor die Geschichte nach den Geschehnissen in Schottland weitergeführt wird. Danny ist allein in Minnesota, seine Frau ist ausgezogen und spricht nicht mehr mit ihm, aber er hat immerhin einen Plan. Von Musiklegende Tyler Blake bekommt er den Tipp, nach New Orleans zu gehen und dort mit der Suche nach den Sirenen zu beginnen. Leider – und das ist eine der Schwächen des Buches – besteht diese Suche nicht etwa aus mysteriösen Rätseln, die es zu lösen gilt, vielmehr wird Danny noch zig Mal weiter geschickt, ganz nach dem Motto: „Ich kann dir nicht helfen, aber ich kenne jemanden, der‘s kann!“ Dadurch bekommt Lyra unnötige und auf die Dauer eher nervige Längen, da Danny und Sunny im Grunde über die Hälfte des Buches nur mehr oder weniger erfolgreich durch die Weltgeschichte irren. Als jedoch schließlich endlich die richtige Person gefunden ist, geht es Schlag auf Schlag, und einmal mehr überrascht Marzi den Leser mit seiner Fähigkeit, aus scheinbar aussichtslosen Situationen plötzlich eine schlüssige Wendung hervorzuzaubern, die alles zum Guten führt.
Danny sitzt inmitten eines Netzes aus Intrigen und perfiden Plänen seiner Mutter, deren Ausmaß erst ganz am Ende offensichtlich wird, als er erkennt, dass er ihr direkt in die Falle getappt ist. Hier wird schnell der charakterliche Unterschied zu seinem Bruder Colin (um den sich Fabula drehte) klar: Er ist hitzköpfiger, planloser, impulsiver und scheint dadurch eher dazu zu neigen, die Kontrolle über die Geschehnisse zu verlieren und ein hilfloser Spielball in den Plänen seiner Mutter zu werden. Marzi zeigt hier wieder sein Talent zum Schreiben: Fabula und Lyra sind sprachlich und stilistisch an ihre Hauptfiguren angepasst. Der ruhige, bodenständige Colin fällt stilistisch kaum auf, alles ist eher romantisch, während der aufbrausende junge Danny mit reichlich Schimpfwörtern garniert daherkommt und aus der Romantik des Öfteren auch Erotik wird.
Für Danny als Musiker darf natürlich der Bezug zu seiner großen Leidenschaft nicht fehlen, also flechtet Marzi geschickt wie immer diverse Lieder ein – hier auch erstmals selbst geschriebene (bzw. von Danny geschriebene), und zeigt dabei ein echtes Talent zum Verfassen von Songtexten. Eine Sammlung der Texte von Dannys Band „Dylan’s Dogs“ findet sich im Anschluss an die Geschichte.
Die drückend schwüle Atmosphäre der Sümpfe Lousianas mit ihren zahlreichen Gefahren – sichtbar wie auch unsichtbar – wird von Marzi magisch eingefangen und von Seite zu Seite greifbarer, als Danny und Sunny aus der Zivilisation in die gruselige Einsamkeit des riesigen Geflechts aus Brackwasser und Inseln eintauchen. Sie geraten in eine Welt, die geprägt ist von alten Voodoo-Bräuchen und Aberglaube, doch beide sind sich bewusst, dass in jeder Legende auch ein wahrer Kern steckt. Diese bedrohliche Stimmung reißt den Leser spätestens jetzt mit.

Lyra füllt alle Lücken, die Fabula gelassen hat, und bringt die Geschichte zu einem schlüssigen und glücklichen Ende, diesmal für alle beteiligten Charaktere. Marzi spielt dabei geschickt mit dem Bild, das man vom Sumpfland Lousianas hat und garniert es mit seinen zauberhaften Ideen über Geschichten, die niemand mehr erzählt, und altgriechischen Mythen. Durch die Längen am Anfang kommt dieser Teil für mein Empfinden leider etwas zu kurz. Auch ist Dannys charakterliche Entwicklung im Vergleich zu der seines Bruders aus dem ersten Teil eher übersichtlich gehalten, andererseits erwartet man von ihm auch keine besonderen Fortschritte. Alles in allem ist Lyra ein gelungener Fantasyroman und insbesondere, wenn man Fabula gelesen hat, ein Muss. Da Marzi sich selbst allerdings durch Werke wie die „Uralte Metropole“-Reihe, oder auch sein letzter Roman Grimm sehr hohe Maßstäbe setzt, wirkt Lyra im Vergleich eher durchschnittlich.

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Christoph Marzi – Lyra
Heyne, Paperback, 2009
430 Seiten
14,00€

Ebook: 10,99€

Lyra bei Heyne

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Christoph Marzi

Rezension: Christoph Marzi – Fabula

Über die Macht der Geschichten

Colin Darcy führt in London ein langweiliges, aber im Grunde zufriedenes Leben. Zumindest bildet er sich das ein, und besser als seine Vergangenheit in Ravenscraig, dem unheimlichen Schloss seiner Kindheit und Jugend, ist es allemal. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist zerrüttet, das zu seinem Bruder Danny erkaltet, und das letzte Mal war er in seiner schottischen Heimat, als sein Vater beerdigt wurde. So dümpelt Colins Leben vor sich hin, bis sich eines Abends die Ereignisse überschlagen: Die Trennung von seiner Freundin war mehr als überfällig. Doch als ihn danach auch noch die Nachrichten erreichen, dass sein bester Freund und Kollege gerade bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen ist, und dass sowohl seine Mutter als auch sein Bruder spurlos verschwunden sind, bröckelt das perfekte „London Leben“. Ihm bleibt keine Wahl – Colin reist zurück in das verhasste Schloss seiner Vergangenheit, und auf dieser Reise kommen nicht nur die Erinnerungen an all das zurück, was geschehen ist. Warum er seine Mutter hasst, warum er seinen Bruder kaum mehr spricht, all dies und dutzende alte Geschichten werden wieder lebendig…

Fabula braucht etwas, um in Gang zu kommen, da man anfangs nicht wirklich etwas mit dem Lauf der Dinge anfangen kann. Es beginnt eher unspektakulär, nimmt dann aber zügig Fahrt auf und reißt den Leser mit. Wenn man die Geschichte zu fassen beginnt, erinnert sie zunächst ein wenig an „Big Fish“, in dem ein Mann durch seine Geschichten lebt, doch nach und nach wird klar, dass es sich bei den Geschichten von Colins Mutter nicht um charmante Märchen handelt … So kommt Fabula erwachsener daher, als die „Uralte Metropole“-Reihe; düsterer, gruseliger. Colin ist über weite Teile der Geschichte vollkommen hilflos und versteht kaum, in was er da hinein geraten ist. Einzig seine Jugendliebe Livia gibt ihm Kraft und schlussendlich auch den entscheidenden Hinweis auf des Rätsels Lösung.
Die Marzi-typischen Anspielungen fehlen natürlich auch hier nicht, maßgeblich sind in Fabula die Anlehnungen an alte Westernfilme und Schwarzweiß-Schinken der 50er Jahre, und natürlich wie immer allgegenwärtig Bob Dylan. Persönlich kann ich damit weniger anfangen, allerdings ist dies alles so flüssig in die Geschichte eingebaut, dass es auch nicht stört. Für Fans dieser Art von Film und Musik sollte es ein echtes Sahnehäubchen darstellen.
Das Setting in der abgeschiedenen schottischen Kleinstadt, wo sich die Schlinge um Colins Hals enger zieht, weil gleich zwei windige Ermittler ihn für tatverdächtig halten, gibt dem Leser das wohlig-gruselige Gefühl alter Krimis, dekoriert mit einem Hauch von Fantasy. Die mystische Komponente in Fabula bleibt die ganze Zeit über eher dezent. Selbst als man erfährt, dass es Fabelwesen gibt, bleiben sie eher im Hintergrund. Colins Welt ist weniger fantastisch als Emilys „Uralte Metropole“, vielleicht aber auch nur, weil er die Magie aus den Geschichten seiner Mutter über Jahre hinweg erfolgreich verdrängt hat. In seinem „London-Leben“ könnte Colin durchaus der Typ Mensch sein, der den Kampf von Engeln und Trickstern um sich herum überhaupt nicht wahrnimmt. Erst durch die Rückkehr nach Schottland, insbesondere durch das Wiederaufleben seiner alten Liebe zum Friedhofsmädchen Livia, lernt Colin, die Magie der Welt um sich herum wieder wahrzunehmen. Der Leser folgt der Entwicklung seines Charakters unmittelbar, man fühlt sich selbst sogar etwas verloren in dem Strudel der Ereignisse.

Fabula ist ein Märchen über die Macht der Worte und Geschichten, die wohl fast jeden Menschen in seiner Kindheit fasziniert hat. Wer hat sich nicht vorm bösen Wolf oder dem Monster unter dem Bett gefürchtet? Christoph Marzi bringt diese Geschichten zurück und konfrontiert einen Mann damit, der die Ängste seiner Kindheit verdrängt hat und sich fest in der Realität verankert fühlt. Dass hier ein Erwachsener gewählt wird, unterstreicht die Situation – plötzlich kehrt alles zurück und der reife Verstand findet sich in einer Welt wieder, die er so bemüht als Einbildung abgetan hat, dass er sie komplett verdrängt hat. Dieses geschickte Spiel macht Fabula reizvoll und zieht den Leser mit, sodass es nach kurzen Startschwierigkeiten ein absolut lesenswerter Roman ganz in gewohnter Marzi-Manier ist. So ganz kommt es allerdings nicht an die Magie heran, die die „Uralte Metropole“-Reihe inne hatte.
Am Ende dieser Ausgabe gibt es noch eine kleine Kostprobe der Kurzgeschichtensammlung „Nimmermehr“, die Lust auf mehr macht.

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Christoph Marzi – Fabula
Heyne, Paperback, 2007
496 Seiten
14,00€

Ebook: 10,99€

Fabula bei Heyne

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Christoph Marzi

 

Rezension: Karin Hagemann – Totgelebt

Der Erlöser
„Wer bist Du? Wie tickst du? Was soll das?“

 

Die 21-jährige Studentin Lotte und der 15-jährige Schüler Leon werden innerhalb von ein paar Wochen erschossen im Stadtwald aufgefunden. Beide Male liegt Selbstmord vor. Sie haben sich vollständig ausgezogen und die Kleidung sorgfältig neben sich abgelegt. Beide Male steht ein Mann dabei und schaut den Unglücklichen bei ihrem Suizid zu. Er hinterlässt jeweils eine Karte mit einem biblischen Spruch und bezeichnet sich selbst gern als „Erlöser“, der den am Leben Überdrüssigen hilfreich zur Seite steht. Und wie baut er den Kontakt zu seinen nächsten Hilfesuchenden auf? Ganz einfach: durch das Internet und die entsprechenden Chats.

Die Kommissare Paula Franz und Max Dörner sollen Licht in das Dunkel dieser Fälle bringen. Das Privatleben der beiden Ermittler nimmt auch einen großen Raum innerhalb dieser Geschichte ein: Paula verbirgt vor den Kollegen zum Beispiel ihre lesbische Beziehung, möchte ein Kind; Max hat unter anderem wechselnde Beziehungen, möchte sich nicht binden. Beide verbindet nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihr freundschaftliches Verhältnis.

Der Handlungsstrang läuft aber immer wieder zurück zu den wesentlichen Fragen: Wer ist dieser ominöse Erlöser? Warum macht er das? Gibt es weitere Fälle?

Zum großen Teil wird der Roman abwechselnd aus der Sicht der Hauptakteure erzählt und der Leser wird durch die Erzählweise der Autorin sehr gut in die jeweiligen Gedankengänge eingebunden. Die verschiedenen Sichtweisen sind spannend, überraschend, auch traurig und geheimnisvoll. Den Täter kann man sich durch die gute Schilderung der Erzählerin vorstellen.
Verwirrend finde ich den Abschluss der ca. 242 Seiten – oder ist es gar kein Ende? Wird es ein Wiedersehen, -fühlen, -lesen geben? Ich würde es mir wünschen.
Negativ anmerken muss ich allerdings die inkorrekte Interpunktion v.a. innerhalb der wörtlichen Rede. Genauso sollte man den Roman unbedingt nochmal auf die richtige Schreibung des Namens der Freundin von Paula hin überprüfen: Anna – Anne? Ja, was nun?

 :buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

 

Karin Hagemann: Totgelebt
Kindle, eBook, 2011
242 Seiten (geschätzt)
Amazon
€ 1,46
Porträt der Autorin bei Amazon

Rezension: Daniel Krause – Tattoo Krause. Deutschlands prominentester Tätowierer sticht zu

Tattoos sind für alle da

krause

Daniel Krause – dank der Fernsehshow „Berlin sticht zu“ und regelmäßiger Auftritte im Sat1-Frühstücksfernsehen einer der prominentesten Tätowierer Deutschlands – erzählt in seinem Buch aus seinem bewegten Leben und was das Tätowieren und die ganze Szene für ihn bedeuten.

Aufgewachsen in Ost-Berlin, gerät er als Punk schon im Teenageralter mit der Staatsgewalt aneinander und landet schließlich kaum volljährig wegen wiederholter Renitenz im Gefängnis. Dort kommt er zum ersten Mal richtig mit dem Tätowieren in Kontakt und ist fasziniert von der symbolischen Bedeutung, die es über die pure Farbe unter der Haut hinaus gerade in einem DDR-Knast hatte. Sich gegenseitig im Gefängnis zu tätowieren wurde nämlich mit hohen Strafen geahndet, und ein Tattoo war die einzig wahre Form der Rebellion dort. Dennoch sollte es noch eine Weile dauern, bis Daniel Krause sein erstes richtiges (abgesehen von einer stümperhaften Rose mit 16) Tattoo bekommt und voll in die Tätowiererszene, die sich nach der Wende in Ost-Berlin erst etablieren muss, einsteigt.

Die Jahre nach der Wende verbringt er als Reisekaufmann und Türsteher, und vor allem letzterer Job bringt ihn mit der rauen Welt der Rockergangs und zwielichtigen Tattoo-Studios in Kontakt. Doch erst 1999 steigt er als Geldgeber in ein Studio ein, das Tätowiererhandwerk lernt er sogar noch später. Seit 1999 existiert das „Classic Tattoo“ (mittlerweile mit mehreren Filialen in Berlin) in Berlin-Mitte und ist zu einer festen Institution im Kiez und der Berliner Tattoo-Szene geworden. Nicht zuletzt durch die Persönlichkeit von Daniel Krause, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, oft derb, oft großkotzig, aber immer ehrlich und oft auch mit einer Prise Selbstironie; er präsentiert sich als herzlicher Mann, dem seine Nachbarn, sein Studio und seine Kunden alles bedeuten, der sich aber auch von niemandem dumm kommen lässt. Der Mann mit dem auffälligen Äußeren – muskulös, tätowiert bis zu den Handgelenken, Glatze und kleines Zöpfchen im Nacken – ist aber auch Vegetarier, sehr an Spiritualität interessiert und ein sehr nachdenklicher Mensch, der seinen Horizont auf ausgedehnten Reisen um den ganzen Erdball erweitert.

Einen großen Teil des Buches nehmen dann nach Eröffnung von „Classic Tattoo“ Geschichten über Kunden ein, über verrückte Erlebnisse, über die harte Macho-Welt der Tätowierer, über die unzähligen Frauen, die man in den Anfangstagen der Szene vernaschen konnte, generell über die wilden Zeiten damals. In der zweiten Hälfte des Buches wird es dann zum Glück etwas ernster, die hier vorgestellten Episoden handeln von tragischen und berührenden Begegnungen mit Kunden und von Leuten, deren Leben von ihrer Tattoo-Leidenschaft bestimmt wird. Außerdem werden die Zeit der Doku-Soap-Produktion und die enorme Popularität nach ihrer Ausstrahlung beschrieben, die ihm viele prominente Kunden (darunter Sarah Connor und andere Musiker, Schauspieler etc.) einbrachte.

Das Buch ist ein flüssig zu lesender Abriss von Daniel Krauses Leben und Karriere als Tätowierer und Tattoo-Shop-Besitzer, er will das Tattoo aus seiner Schmuddelecke holen und zeigen, wie normal der Körperschmuck mittlerweile geworden ist, dass er ein Ausdruck von Individualität ist und Respekt verdient. Leider erfährt man für meinen Geschmack zu wenig über das Tätowieren an sich, außerdem haben mich neben der extrem schnodderigen Sprache auch seine hobbypsychologischen Exkurse über das Wesen der Frau, Beziehungen und den Sex genervt – ein kleiner Macho ist Daniel Krause schon.
Wenn man das Buch aber mit dem Anspruch liest, etwas über ihn als Menschen zu erfahren und dabei auch über die für viele sicher fremde Welt des Tätowierens, wird man nicht enttäuscht werden.

:buch: :buch: :buch: :buch2: :buch2: (mit Tendenz zu vier Smileys)

Autor: Daniel Krause
Verlag: Droemer Paperback
Format: Paperback mit Klappenbroschur, 248 Seiten
Preis: € 14,99 (eBook: € 12,99)

Classic Tattoo
Berlin sticht zu

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Verlag

Rezension: Lynda Hilburn – Kismet Knight, Vampire lieben länger

Vampire!

 

Kismet Knight ist in der Welt der Vampire, gute wie böse, angekommen. Ihre Arbeit als Vampirpsychologin wird von der Um- wie Unterwelt zur Kenntnis genommen und genutzt. Während eines Radiointerviews mit dem unverschämten Carson Miller meldet sich erstmals der Vampir Lyren Hallow bei ihr. Er gibt an, ein Vampirjäger auf der Suche nach seinem nächsten Opfer zu sein, das aus ihrem Bekanntenkreis kommt. Devereux, ihr so eleganter, beeindruckender Vampirfreund, will sie daraufhin in Gewahrsam nehmen, da er um die Gefährlichkeit von Lyren Hallow weiß. Kismet lehnt dies ab und begibt sich mit ihrer neuen Freundin Maxie Westhaven, Reporterin des National Skeptic, zu einer Vampirpfählung. Dieses Erlebnis verändert mal wieder ihren Lebensweg und bringt sie in so manche Gefahr.

Der zweite Teil der Vampirgeschichte um Kismet Knight enthält eine Ansammlung von bekannten und unbekannten Menschen bzw. Vampiren im Leben der Vampirpsychologin, die durch Kämpfe, Leidenschaft, Widerwillen, Vampirbisse, Blut, Zerstörung, Verwirrung, Liebe, Wandlung und neue Erkenntnisse diese Erzählung beleben sollen. Dies wurde von der Autorin sehr fantastisch (Ableitung von Fantasie!) und monströs niedergeschrieben. Der Witz aus dem vorhergehenden Buch ist nicht mehr so gut beschrieben bzw. vorhanden. Leider konnte ich diesem Teil nicht so viel abgewinnen, wie dem ersten Band: siehe hier.

:buch:  :buch:  :buch2:  :buch2:  :buch2:

Lynda Hilburn: Kismet Knight, Vampire lieben länger
ursprünglich PAN-Verlag / Droemer Knaur Verlag, Dt. Erstausgabe 2011
€ 9,99
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Rezension: Lynda Hilburn – Kismet Knight, Vampirpsychologin

Vampire?

 

Kismet Knight 1Die Psychologin Kismet Knight betreibt eine Praxis in Denver. Zu ihren Patienten gehört unter anderem Midnight, die ihr von ihren Vampir-Freunden berichtet. Kismet ist aus ihrer rationalen Sichtweise heraus nicht bereit, sich auf diese Geschichte einzulassen. Aber die Zusammentreffen mit den vermeintlichen Vampiren Devereux und Bryce, dem FBI-Agenten Stevens, sowie die tote und blutleere Emerald belehren sie eines anderen. Kismet kann sich auch nicht ihrer Eindrücke aus dem Club „Crypt“ und weiterer eigenartiger Vorfälle (u.a. ihrer Entführung, nach der sie in einem Sarg auf einem Friedhof erwacht – Erfahrungen während eines Schutzrituals – die Erlebnisse mit Luzifer) entziehen. Ihre normale, erklärbare Welt wird gehörig auf den Kopf gestellt – und auch ihr Liebesleben profitiert davon.

Lynda Hilburn lässt ihre Hauptdarstellerin in die Welt der Vampire eintauchen. Ihr Widerwillen bzw. Unglauben demgegenüber werden dem Leser amüsant geschildert („Devereux‘ Privatbad! Hätte ich vor der Tür einen Knicks machen sollen?“ S. 262). Dies entlockt einem so manches Lächeln während der Lektüre.
Die Spannung wird immer wieder durch Kismets Gegenspieler und die Vampirkämpfe erzeugt. Wer gewinnt? Was passiert als nächstes?
Schöne, gut gebaute Männer entfachen auch so manche erotische Situationen, die schon mal dazu führen können, seitenweise beschrieben zu werden. Dies würzt sicher die ganze Geschichte, aber für mich hätten diese Beschreibungen gerne kürzer ausfallen können.

Als unerfahrene Leserin von Vampir-Geschichten finde ich diese Erzählung unterhaltend und amüsant. Die Anspannung der Protagonistin ist immer wieder nachvollziehbar und auf einen selbst übertragbar – wird aber nicht überreizt. Mir ist nur so manch andere beschriebene Person zu schön, um nicht zu sagen, „zu kitschig“.

 :buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

 

Lynda Hilburn: Kismet Knight, Vampirpsychologin
ursprünglich PAN-Verlag / Droemer Knaur, 2010
ISBN 978-3-426-28302-
€ 9,95
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