Rezension: Christoph Marzi – Lilith

Eine Geschichte aus zwei Städten

Zwei Jahre sind vergangen in London, seit sich die Welt von Emily und ihrer Freundin Aurora vollkommen verändert hat. Mittlerweile sind sie in einem Leben angekommen, das sie zögerlich als „Zuhause“ empfinden können – Emily wird von Master Wittgenstein väterlich (zumindest auf seine eigene, spezielle Art) aufgenommen und bildet ihre Fähigkeiten als Trickster weiter aus, und Aurora vergräbt sich in Recherchearbeit mit ihrem Mentor Micklewhite. Alles könnte verhältnismäßig normal sein, wäre da nicht die Uralte Metropole, in der sich mal wieder Unheil ankündigt. Menschen verschwinden spurlos, Wiedergänger bevölkern die alten Gänge und als auf einer Reise nach Konstantinopel auch noch Aurora und Micklewhite verschwinden, gerät für Emily vollends die Welt aus den Fugen. So begibt sie sich mit Wittgenstein auf eine Reise in die Stadt der Liebe, wo sie nicht nur selbige, sondern auch Aurora wiederfindet – allerdings nicht in der Verfassung, in der sie gehofft hatte…

Man schlägt „Lilith“ auf und fühlt sich sofort wieder wie zuhause in Marzis London. Orte, Begebenheiten und sein „marzialischer“ Stil voller Vorgriffe und Rückblenden sind schon so vertraut, dass der Leser augenblicklich in die Welt der Uralten Metropole zurückfindet, und sich von ihrem gruseligen Charme einfangen lässt.
Dieses Mal rückt Marzi die biblischen Geschichten ein wenig in den Hintergrund und nimmt sich einer der wohl faszinierendsten Mythen der Welt an – des Vampirs. Geschickt verknüpft er die Legenden von gleich mehreren Kulturkreisen, denn der Vampir ist mitnichten eine mitteleuropäische Schreckgestalt. Ähnliche Wesen findet man bis in die Antike, in den Legenden aus dem Nahen Osten, Ägypten und Mesopotamien (um nur einige Beispiele zu nennen). Seit den Anfängen des Judentums taucht allerdings immer wieder eine Interpretation auf: Die Mutter der Vampire soll keine andere sein als Lilith selbst, die erste Frau Adams, die mit Dämonen eine unheilige Brut in die Welt setzte. So schlägt Marzi gekonnt Haken durch Geschichte und Mythologie, von Ägypten nach Rumänien, vom Roten Meer ins London der Neuzeit und von Fakt zu Fantasie.
Er spielt auf faszinierende Art und Weise mit klassischen Grusel-Szenarien wie dem Irrenhaus, in dem die Patienten mit Drogen und Strom behandelt werden. Ein sehr schrulliger Psychiater kämpft darum, sie zu ihrer richtigen Persönlichkeit zurückzuführen – oder etwa nicht? Man beginnt, sich verloren zu fühlen, denn nie ist genau klar, wer eigentlich welches Spiel spielt und wer auf wessen Seite steht. Micklewhite und Wittgenstein halten sich den Mädchen gegenüber bedeckt wie immer, sodass man mit Emily und Aurora mitfühlt und nie genau weiß, wie viel Information man eigentlich gerade bekommt und was man damit anfangen soll. Alles in Allem hat man durch die Tragweite der Ereignisse fast den Eindruck, dass „Lilith“ trotz der ihm eigenen komplexen Geschichte dazu dient, auf ein noch größeres, bombastisches Finale in „Lumen“ (erscheint am 12. März 2012) hinzuführen.

Natürlich dürfen, wenn Marzi ein Buch über Vampire schreibt, Anspielungen auf Vampirgeschichten nicht fehlen – ergiebig genug ist die Thematik schließlich. So finden wir natürlich den Godfather of Vampirgeschichten: Dracula, nicht nur im tagebuchartigen Schreibstil während der Aufzeichnungen von Eliza Holland, sondern auch in Elementen der Geschichte, Zitaten und sogar den Namen einiger Charaktere. Noch faszinierender sind die kleinen Anspielungen auf den zu Unrecht wenig bekannten Joseph LeFanu, der mit „Carmilla“ die erste richtige Geschichte zum Thema verfasste.

Von den Vampirmythen abgesehen, herrscht ein weiteres Bild in „Lilith“ vor: Die „Schwesternstädte“ London und Paris, die sich so ähnlich und doch so unterschiedlich sind, wofür einerseits vermutlich die Realität verantwortlich sein mag, andererseits sicherlich auch Charles Dickens‘ „Eine Geschichte aus zwei Städten“.
Allgemein ist „Lilith“ erwachsener als sein Vorgänger „Lycidas“, allerdings ohne dabei den Marzi-typischen Charme eines modernen Märchens zu verlieren. Man spürt die zwei Jahre deutlich, die Emily und Aurora von verschüchterten Waisenmädchen in selbstbewusste Teenager verwandelt haben. Die Handlungsstränge sind komplexer miteinander verwoben und bilden viele unvorhersehbare Wendungen, sodass der Leser lange nicht weiß, wie eigentlich alles zusammenpassen soll – bis Meister Marzi sein weißes Karnickel aus dem Hut zaubert und plötzlich alles Sinn macht. Seine Welt scheint düsterer zu werden, die Uralte Metropole, die ihre Fühler bis in die Tiefen der Hölle ausstreckt, ist gefährlicher und offenbart erst langsam all ihre Geheimnisse. Wo „Lycidas“ den Leser zufrieden ließ und zurück in die Friede-Freude-Eierkuchen Welt schickte – das Böse vernichtet, wenn auch mit bitterem Beigeschmack – hat man nach „Lilith“ das nagende Gefühl, dass es eigentlich erst richtig losgeht, und dass die Fantasie von Christoph Marzi wohl noch einige Überraschungen und Abenteuer bereithält.

Eine komplexe Führung durch die Weltgeschichte des Mythos Vampir, die den Leser zunehmend unsicher über Gut und Böse macht und definitiv den Appetit auf mehr Marzi anregt. Ein Augenschmaus, nicht nur für Vampirfans!

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Christoph Marzi – Lilith
Heyne, Taschenbuch, 2012
688 Seiten
9,99€

Ebook: 8,99€

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Christoph Marzi

Rezension: Rebecca Goldstein – Die seltsame Logik der Liebe

Die Logik, das Leben und die Liebe

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Cass Seltzer ist Anfang/Mitte vierzig, Professor für Psychologie – genauer: Religionspsychologie – an der Frankfurter University an der Ostküste der USA. Sein bis dato beschauliches, vom lebenslangen Studieren bzw. Lehren an der Universität geprägtes Leben erfährt einen radikalen Umschwung, als er mit der Veröffentlichung seines Buches [i]Die Vielfalt religiöser Illusion[/i] schlagartig berühmt wird. Der introvertierte Mann weiß gar nicht, wie ihm geschieht, als sein Buch plötzlich in Dutzende Sprachen übersetzt und er im ganzen Land als „Atheist mit Seele“, der sich in das Denken Gläubiger hineinversetzen könne, gefeiert wird, Harvard will ihn abwerben, man lädt ihn zu philosophischen Podiumsdiskussionen mit Nobelpreisträgern ein und und und. Dabei will er doch eigentlich nur in Ruhe seine Studien betreiben, sich über die Welt wundern und mit seiner aktuellen Freundin, der hinreißend schönen und gefährlich intelligenten Lucinda Mandelbaum – ebenfalls Professorin an der Frankfurter University -, das Leben verbringen. Als Lucinda sich dann eine Woche auf einer Tagung in San Francisco befindet, geraten einige Dinge für Cass ins Rollen.

Diese eine Woche bildet den Rahmen für Die seltsame Logik der Liebe, von dem aus Cass’ Vergangenheit als Doktorand bei dem so charismatischen wie unausstehlichen Professor für Glauben, Literatur und Werte Jonas Elijah Klapper und seine früheren Beziehungen zu der ungebärdigen Anthropologin Roz Margolis – die in dieser speziellen Woche nach Jahren wie ein Wirbelwind wieder in sein Leben tritt – sowie der egozentrischen französischen Lyrikerin Pascale erzählt werden. Außerdem taucht der Leser in Cass’ jüdische Herkunft ein, seine Mutter stammt aus einer Valdener Gemeinde – streng orthodoxe Juden –, von der sie sich schon vor Jahren losgesagt hat, zu der Cass über Umwege aber als Erwachsener wieder Kontakt bekommt.

Vorab: Dieses Buch ist ein Phänomen. Auf über 500 Seiten wird der Leser mit einer alles andere als stringent erzählten, ja, eigentlich kaum vorhandenen Handlung konfrontiert, mit seitenlangen philosophischen Exkursen zu den verschiedensten Themen, mit Einführungen in die Kabbalistik und das orthodoxe Judentum (eine ordentliche Portion Jiddisch lernt man auch gleich dazu), mathematischen Höhenflügen und ausufernden Diskussionen, ob sich die Existenz Gottes beweisen lässt oder nicht. Dazwischen lernt der Leser die Hauptfigur Cass und seine Beziehungen zu seiner Umwelt kennen, viel mehr eigentlich aber den unausstehlichen Professor Klapper, aus dessen Fängen sich kaum ein Doktorand je befreien kann, der aber von seinen Studenten geradezu messianisch verehrt wird.
Eigentlich fehlt diesem Buch also alles, was einen süffig und unterhaltend zu lesenden Roman gemeinhin ausmacht – eine bzw. mehrere Hauptfiguren, in deren Leben man eintauchen kann, eine nachvollziehbare und gut aufgebaute Handlung, tatsächliche Ereignisse im Leben der Menschen und und und. Dennoch habe ich mich schon nach wenigen Seiten in dieses Buch verliebt und es begeistert gelesen, habe mich von Cass’ Erinnerungen mitreißen lassen, bin aufmerksam (wenn auch nicht immer erfolgreich) den philosophischen, mathematischen und religiösen Exkursen gefolgt und habe dabei überhaupt nicht gemerkt, wie die Seiten verflogen sind. Rebecca Goldstein kann aber nicht nur über Philosophie schreiben, sie hat auch ein Händchen für punktgenaue Dialoge, Situationskomik und gute Figuren. Diese Seite fällt allerdings zugegeben etwas hinter der „Kopfseite“ des Buches zurück, was es sicher für viele Leser noch schwerer zugänglich macht.

Man könnte darüber hinaus noch diverse weitere Kritikpunkte anführen – die Autorin schreibt nur über das, was sie kennt (sie ist selbst jüdischer Herkunft, „Atheistin mit Seele“ und Philosophie- sowie Psychologieprofessorin) und verliert sich dabei in ihrem Fachgebiet; selbst mit der Rahmenhandlung dieser einen Woche in Cass’ Leben in der Gegenwart ist es nicht immer leicht, den Zeitsprüngen zu folgen und den gerade erzählten Abschnitt aus Cass’ Vergangenheit richtig einzuordnen; die Handlungsstränge um Cass, Roz und Lucinda – vor allem aber um Azarya, einen hochbegabten Jungen aus der Valdener Gemeinde – hätten noch besser ausgebaut werden können; was will das Buch eigentlich vermitteln, worauf will es hinaus?
Doch man kann sich auch einfach darauf einlassen, das Kritteln mal beiseiteschieben und sich daran erfreuen, beim Lesen auch denken zu dürfen. Einige (Grund-)Kenntnisse über Philosophie und das Judentum helfen allerdings, ganz ohne Vorkenntnisse, zum Beispiel diverser jiddischer Ausdrücke, könnte die Lektüre etwas mühsam, wenn nicht gar langweilig werden.
Wer richtig tief einsteigen möchte, der kann sich in die im Anhang ausführlich dargelegten „36 Argumente für die Existenz Gottes“ vergraben.

Ein großes Lob auch an den Übersetzer Friedrich Mader und die nicht genannte Redaktion – das Buch liest sich hervorragend, die sprachliche Virtuosität und Komplexität des Originals ist ausgezeichnet übertragen worden. Chapeau!

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Rebecca Goldstein (geb. 1950) hat in Princeton Philosophie studiert und den Doktorgrad erworben, hat am Barnard College und in Harvard Philosophie und Psychologie gelehrt, ist Autorin diverser philosophischer Abhandlungen und Romane und vielfach ausgezeichnet für ihr Werk. Sie stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie, ihr älterer Bruder ist Rabbi.
Auf Deutsch liegen noch einige ältere Werke von ihr vor, zum Beispiel Die Liebe im logischen Raum oder Die Eigenschaften des Lichts. Ein Roman um Liebe, Verrat und Quantenphysik.
Die seltsame Logik der Liebe ist bereits als Hardcover im Blessing Verlag unter dem Titel 36 Argumente für die Existenz Gottes erschienen.

Verlag: Heyne
Übersetzer: Friedrich Mader
Ausgabe: Taschenbuch, 559 Seiten
Preis: € 9,99

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Verlag

Rezension: Lulu Bachmann – Geschlechtsteilchen

Frisch, frech, fröhlich, freizügig

GeschlechtsteilchenZwölf (oder zweimal Sex) Geschichten über Sex, den Spaß, der damit einhergeht oder einhergehen kann, humorvoll verpackt von einer neuen Autorin, die uns an ihren fantasiereichen intimen Gedanken und Erzählungen teilhaben lässt.
Schon die Eröffnungsgeschichte mit dem Titel „Kopfharem“ hat mich viel grinsen lassen und zeigt einer Frau eine Möglichkeit auf, wie man sich so manche Stunden am Tag vertreiben könnte. Aber die ist eher zum „Warm“-werden.
Bei „Aufpeppen“ wird dem weiblichen Wesen unter anderem erzählt, dass „die Qualität des Sex von der Lust der Frau bestimmt“ wird. Und dass so manches dafür getan werden kann, um selbst eingefahrene Beziehungen im Bett wieder zu erfrischen.
Dann gibt es da noch die zwischenmenschlichen Berührungen einer Hundehalterin und dem Trainer ihres Vierbeiners, obwohl anfänglich nicht klar ist, dass dies so enden könnte.
In „VIP“ wird auch mithilfe von Boshaftigkeit erzählt, wie mit einer guten Portion Fantasie eine sexuell unterforderte Frau in den Mittelpunkt gestellt wird.
Das Highlight für mich war das große Kopfkino in „Geburtstag“. Mit ihrer Sprachgewandtheit und ihrem erotischen Feingefühl hat die Autorin eine Geschichte konstruiert, die viel Spannung und Knistern beinhaltet.

Lulu Bachmanns Wortwitz und ihre sehr gut ausformulierten Situationen sind es wert, gelesen zu werden. Die Frau von gestern, heute und morgen wird daran bestimmt Gefallen finden – ein Buch, das man gerne auch ein zweites Mal aus dem Bücherregal holt.
Einzig der Untertitel hat mich etwas irritiert: Ist eine Frau mit einer so reichen erotischen Fantasie gleich versaut? Ich kann das eindeutig mit „nein“ beantworten und würde mich auf ein Nachfolgewerk der Autorin freuen.

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Lulu Bachmann: Geschlechtsteilchen – Offenbarungen einer versauten Frau
Heyne HardCore Verlag, 2012
€ 7,99
Heyne Verlag
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Rezension: Sonia Rossi – Fucking Berlin

5 Jahre als Studentin, Nutte,
Ehefrau und Geliebte

 

fucking-berlinDie junge Italienerin Sonia Rossi kommt nach Berlin, um Mathematik zu studieren. Die finanziellen Mittel reichen nicht aus, darum verdient sie neben ihrem Studium ihren Lebensunterhalt als Prostituierte in Massagesalons, Bordellen und ähnlichen Etablissements. Im Verlauf dieser Geschichte spielen auch ihr Mann Ladja sowie Milan, ihr Geliebter, und am Ende ihr Sohn eine Rolle. Sie verlässt das Rotlichtmilieu nach fünf Jahren, eine lange Zeit zwischen vielen Männern mit unterschiedlichen Wünschen, verschiedenen Kolleginnen, Erfahrungen in anderen Städten und dem normalen Leben.

Dieses Buch ist ein Erfahrungsbericht über ein Studentenleben in Berlin, gewürzt mit den besonderen Themen „Huren, Freier, Sex u. Co.“. Man kann gut nachvollziehen, dass nach Rossis Ankunft in Berlin nicht alles glatt lief. Nach ihren schlecht bezahlten Jobs, unter anderem als Kellnerin, führt sie ihr Weg über das Internetstrippen in die Welt der Ganzkörpermassage, eines Nightclubs, zur Prostitution in- und außerhalb Berlins (auch in der Schweiz), um den Unterhalt für sich und ihre kleine Familie zu sichern.
Im Laufe der Geschichte lernt man Freund- und Feindschaften („Fotzenneid“) zwischen den Kolleginnen im Sexgeschäft und auch die Alkoholsucht und Drogenabhängigkeit im Bereich der Sexarbeiterinnen kennen. Aber auch die Hilfsbereitschaft einer fremden Kollegin in einem fremden Land, nachdem Sonia ungewollt schwanger wird.
Rossi versucht immer wieder ihren Weg aus der Prostitution zu finden, aber man kann Verständnis dafür aufbringen, dass sie nach Zeiten ohne Geld und des Hungers immer wieder in die Prostitution abrutscht.
Angereichert werden diese Seiten durch die Erzählungen, etwa von einem besonderen Kunden, den sie auch zu Hause besucht hat, weil er freundlich war, Zuwendung brauchte und sich dies im Laufe der Zeit auch bezahlt machte. Nicht wirklich gewundert hat mich die Geschichte über das sehr gute Geschäft mit einem Kunden, der die Vagina einer Schwangeren fotografieren wollte, weil es „nichts Geileres gibt“. Oder das Erlebnis mit einem Freier, der eine besondere Vorliebe dafür hatte, in der Unterwäsche seiner Oma verwöhnt zu werden.
Erschwert wird ihre Arbeit und ihr Leben vor allem durch ihren Mann. Es stellt sich dem Leser öfter die Frage, warum sie diesen Kerl so lange erträgt. Dann ist da noch Sonias Liebe zu Milan, ihrem verheirateten Geliebten, mit allen Vor- und Nachteilen.

Interessant finde ich so manche ihrer Anfügungen zu ihrem Job als Hure, wie zum Beispiel persönliche Bemerkungen zum Outfit und ähnliches, die zu erzielende Wirkung auf die Freier, Besonderheiten im Nightclub, das Preisniveau und den Aufenthalt in einem Laufhaus.
Der Roman ist einfach geschrieben, in der Art eines Erlebnisaufsatzes in der Grundschule. Das Buch gibt heitere und traurige, beklemmende und interessante Zeilen wieder. Man kann es lesen, muss aber nicht.

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Sonia Rossi: Fucking Berlin
Ullstein-Verlag, 2008, 9. Aufl., 2008
€ 8,95
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Rezension: Christoph Marzi – Lycidas

„Alles ist möglich. Dies ist London.“

Als die kleine Emily durch einen Unfall im Londoner Waisenhaus ein Auge verliert, stirbt für sie jede Aussicht auf eine Zukunft außerhalb des Heimes. Die kinderlosen Paare wollen süße Kleinkinder, keine „einäugige Missgeburt“, und genauso wenig ein „Schokoladenmädchen“. Also fristen Emily und ihre beste Freundin Aurora in der „Anstalt für heimatlose Kinder“ ihr tristes Dasein. Bis Emily eines Tages von einer Ratte angesprochen wird, die sie bittet, ein Auge auf eines der neuen Kleinkinder zu haben – das natürlich prompt von einem Werwolf entführt wird. So entkommen die beiden den grauen Wänden des Waisenhauses – dem strengen Blick des Reverends, den Schlägen des Hausmeisters und den Besuchen der unheimlichen „Miss Snowhitepink“, die Kinder mit sich nimmt und wenn überhaupt, dann nur hoch verstört zurückbringt. Plötzlich finden die Freundinnen sich in einer Welt wieder, die sie nie zu träumen gewagt hätten: die „Uralte Metropole“, die Stadt unter der Stadt, in der sich allerhand seltsame Gestalten tummeln und ein Geheimnis nach dem anderen gelöst werden will. Können die Waisen ihren Mentoren Wittgenstein und Micklewhite trauen? Und was ist mit Lord Brewster, der Ratte? Wer ist das Kind, auf das Emily hatte aufpassen sollen, und was hat das ganze eigentlich mit ihr und ihrem Glasauge zu tun?

Meisterlich entführt Marzi den Leser in eine Welt, die an märchenhaften Mysterien und Fantasie kaum zu überbieten ist. Die Uralte Metropole ist ein Gewirr aus Geheimnissen, Intrigen und machtpolitischen Spielchen, in dem das einzelne Leben nur wenig Wert hat. Und mitten drin zwei elternlose Mädchen, die nur mit großer Mühe herausfinden, was all die Erwachsenen eigentlich im Sinn haben.
London ist gekonnt und detailliert beschrieben, was der Geschichte für Kenner der Stadt ein vertrautes Gefühl vermittelt (auch wenn ich persönlich es merkwürdig finde, dass man hier ständig nur Kräutertee trinkt!), außerdem erinnert das britische Setting zuweilen auf charmante Art an Harry Potter. Davon abgesehen baut Marzi, geschickt wie immer, eine Fülle an Anspielungen auf Literatur, Musik und Film ein, die dem Roman und vor allem den handelnden Personen eine erstaunliche Tiefe geben. Es fallen Zitate aus Dracula, Sherlock Holmes, Faust und diverser elisabethanischer Lyrik. Sogar ganze Personen sind angelehnt an die Großmeister der englischen Literatur und Filme, so treffen wir doch auf den bezaubernd schönen Dorian und zwei Jäger mit bemerkenswerter Ähnlichkeit zu Rowan Atkinson.
Auch antike Mythen werden von Marzi eingeflochten, scheinen sich in Reihe und Glied anzuordnen, um sich logisch und sinngemäß in seine Geschichte einzureihen, egal aus welcher Epoche oder Kultur sie auch stammen. Jüdische Sagen treffen alttestamentliche Bösewichte, mit einem Hauch griechischer Mythologie garniert und den Geschichten der Moderne abgerundet. In London tummeln sich nicht nur Elfen, Werwölfe und Irrlichter, sondern sogar Engel und vergessene Götter haben ihren Weg in die Uralte Metropole unter der nicht ganz so alten Metropole gefunden. Und hier unten irgendwo, so munkelt man, sollen sich sogar noch wesentlich ältere und mächtigere Wesen herumtreiben, als die Protagonisten sich vorstellen können…
Den Mädchen, und mit ihnen dem Leser, wird im Lauf der Zeit klar, dass es in dieser Welt weder „Gut“ noch „Böse“ gibt, nur ein breites Spektrum an Graustufen. Vertraute werden zu Verrätern, im Feind scheint doch etwas Gutes zu sein, nicht einmal sich selbst kann man vollends trauen. Nur eins ist klar: Emily und Aurora würden immer zusammen bleiben. Oder? Letztendlich werden sich die Mädchen doch nur immer wieder bewusst, dass sie nichts als kleine Kinder in einer Welt sind, in der die Erwachsenen rücksichtslos nach Macht streben, und selbst die Engel scheinen nicht das zu sein, was sich ein Waisenkind darunter vorstellt.

Lycidas wird vom Ich-Erzähler Wittgenstein erzählt, der sich Emilys nach ihrer Flucht aus dem Waisenhaus annimmt. Dennoch springt Marzi, wo es nötig wird, in einen allwissenden Erzähler über, allerdings immer im Stile Wittgensteins, der seine Erlebnisse in diversen Rückblenden und Vorgriffen schildert. In diesen Stil muss man sich ein wenig einlesen, letztendlich gewöhnt man sich aber schnell und zumindest ich habe großen Gefallen daran gefunden, da sich über ganze Handlungsbögen hinweg der Kreis wieder schließt und letztendlich so die Quintessenz des Buches unterstrichen wird: „Zufälle gibt es nicht!“
Der erste Teil der „Uralte Metropole“ – Reihe besteht im Grunde aus einer Trilogie, mit dem typischen Aufbau des einleitenden Buches mit kleinem Showdown, ruhigem Zwischenteil, der vor allem der genauen Skizzierung der Charaktere dient, und großem Finale im dritten Teil. Marzi spielt hier geschickt mit Vor- und Rückgriffen, stets so subtil, dass er den Leser in ein regelrechtes Déjà-Vu drängt. Oft bemerkt man die eigentliche Handlung kaum, denn er versteht es prächtig, falsche Fährten zu legen und die Aufmerksamkeit genau so lange auf ein Thema zu richten, bis man es für wichtig hält, nur um dann an einem anderen Handlungsstrang weiter zu arbeiten.
Lycidas hat mich von der ersten Seite an gefesselt und nicht mehr losgelassen. Die geschickten Kapiteleinteilungen tragen dazu bei, dass man das Buch einfach nicht aus der Hand legen möchte, und die Geschichte ist zu fantastisch und gekonnt konstruiert, um Langeweile aufkommen zu lassen. Marzi ist ein Meister der Anspielungen und des organischen Erzählens, jede Anlehnung wird absolut nahtlos eingefügt und alles hinterlässt den merkwürdigen Eindruck, als könne es wirklich so sein. Trotz seines Hangs zu jugendlichen Protagonisten driftet Lycidas nie in die Sparte Kinderbuch ab, sondern zeigt schlicht die Hilflosigkeit der Unschuldigen in der heutigen, von Machtgier zerfressenen Welt.
Ein echtes Highlight der modernen Fantasy-Literatur!

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Christoph Marzi – Lycidas
Heyne, Taschenbuch, 2011
862 Seiten
9,99€

Lycidas bei Heyne

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Christoph Marzi

Rezension – Hunter S. Thompson: Der Fluch des Lono

„Welche grausame Macht hat mich veranlasst, für eines der obskursten Magazine in der Geschichte des Verlagswesens über den Honolulu-Marathon zu berichten?“

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Cover

Für das Magazin Running fliegt Thompson nach Hawaii, um über den Honolulu-Marathon zu berichten – auf seine Weise, die wir bereits von seinem Bericht über das legendäre Mint 400 kennen. Er deckt sich mit diversen Rauschmitteln ein, fliegt auf die Insel, mietet einen Bungalow, sieht sogar einen Teil des Marathons vom Straßenrand aus, die Wahrnehmungsfähigkeit unterstützt durch jede Menge Alkoholika und Drogen.
Doch dann kommt ein Hurrikan auf, Thompson und sein Verleger Ralph nebst Familie sitzen fest. Das Chaos nimmt seinen Lauf und steigert sich in einer immer dichter und bedrohlicher werdenden Atmosphäre, bis es schließlich zur Eskalation kommt, als Thompson verkündet, er sei die Inkarnation des Hawaiischen Gottes Lono… Weiterlesen

Rezension: Christoph Marzi – Grimm

Die Geschichte vom gothen Mädchen
und dem Bösen Wolf

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Die 17-jährige Vesper Gold hat es nicht leicht, glaubt sie zumindest. Nach der Scheidung ihrer Eltern soll sie nun bei ihrer Mutter leben, musste von Berlin nach Hamburg ziehen, spricht ihren Vater kaum. Die Mutter – eine weltweit gefeierte Pianistin – ist ständig unterwegs und hat keine Zeit für ihre Tochter, in die Schicki-Micki-Schule für verwöhnte Sprösslinge reicher Eltern passt Vesper, die am liebsten Schwarz trägt, natürlich auch nicht so recht hinein. Ihre einzige Freundin ist Ida,

Ein Märchen über große Liebe und großen Verlust, eingebettet in das Jahr 2010, das ist „Grimm“. Anfangs hatte ich aufgrund des Settings a la 17-Jährige bekämpft die dunklen Mächte die Befürchtung, es könne in ein Kinderbuch abrutschen, wurde allerdings eines Besseren belehrt. Die Geschichte bleibt bis zur letzten Seite fesselnd und voller unerwarteter Wendungen, ich wollte das Buch kaum aus der Hand legen. Marzi versteht es ausgezeichnet, den Leser zu fesseln und immer nur mit gerade so viel Spannung zu füttern, dass er den Bogen nie überspannt. Wo nun eigentlich „Gut“ und „Böse“ liegen, scheint niemand so genau zu wissen…eine alleinerziehende Mutter. Kurzum: Vesper ist ein verlorener Teenager, der sich in eine andere Welt wünscht.
Als sie von einem merkwürdigen Fremden verfolgt wird, ihr Vater unter mysteriösen Umständen stirbt und Vesper schließlich auch feststellen muss, dass ihre Mutter nicht mehr sie selbst ist, beginnt sie, sich ihr langweiliges Leben zurück zu wünschen, doch all dies ist nur der Anfang. Weltweit schlafen Kinder plötzlich ein und sind nicht mehr wachzubekommen. Wölfe streifen durch die Straßen, und scheinen es auf sie abgesehen zu haben. Und wer ist dieser komische junge Mann, den sie im Museum trifft? Die beiden verbindet mehr, als Vesper im ersten Moment gedacht hätte…

Sprachlich befinden wir uns auf einer geradezu märchenhaften Ebene. „Grimm“ liest sich durchweg wie ein modernes Märchen, wunderbar malerische Vergleiche und geradezu poetische Beschreibungen erleichtern es dem Leser, in diese Welt einzutauchen. Der Schreibstil ist zum Teil etwas assoziativ, oft werden Gedanken von Vesper wiederholt und verändert, um Situationen zu unterstreichen. Die Charaktere werden mit viel Liebe zum Detail beschrieben, und ein echtes Schmankerl für Freunde des britischen Fernsehens ist auch dabei: Leander ist der elften Inkarnation des „Doctors“ aus dem BBC Klassiker „Doctor Who“ nachempfunden. Vom Tweedanzug über die Fliege bis hin zu „GERONIMO!!“ passt alles perfekt, was mich mehr als einmal zum Schmunzeln brachte.
Erwähnenswert ist auch, dass Marzi regelmäßig diverse Lieder einflicht, die Vesper in Stresssituationen auf ihrem iPod hört, um sich zu beruhigen. Durch Titel und Texte, die wir alle kennen, fühlt man sich Vesper näher und kann sich so viel besser in ihre Gefühlswelt hineindenken, als in anderen Geschichten möglich wäre. Außerdem rückt die moderne Popmusik das Geschehen näher in die Wirklichkeit, die Welt scheint realer zu werden und man fühlt sich selbst in die Rolle des ganz normalen Mädchens versetzt, das erkennen muss, dass seine Welt nur eine Geschichte war.
„Grimm“ ist ausführlich recherchiert worden, allein die stets logisch eingebundenen Märchenfiguren und der Hintergrund, weshalb sie einst aus der Welt verschwanden, zeigt große Liebe zum Detail und eine sehr flexible Fantasie. Man findet beim genauen Hinsehen etliche Anspielungen, wie den erwähnten Doctor Leander oder ein kleines Zitat aus Shakespeares „Hamlet“. Das alles gestaltet die Geschichte enorm organisch und lebendig, als würde der böse Wolf jeden Moment aus dem Buch springen.
Zusammengefasst also ein irrer Lesespaß für Fans von Terry Pratchett, Neil Gaiman und Märchenbüchern, den man so schnell nicht vergessen wird. Christoph Marzi ist für mich die Entdeckung des Jahres, und ich werde hoffentlich seine anderen Werke verschlingen, so wie ich „Grimm“ verschlungen habe. Disney für Erwachsene!

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Christoph Marzi – Grimm
Heyne fliegt, Gebunden, 2010
556 Seiten
17,99€
Heyne
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Christoph Marzi

Rezension: Airen – I Am Airen Man

Rausch wilder Zeiten

Airen geht nach einem anstrengenden Studentenleben in Berlin und Frankfurt/Oder nach Mexico-City. Hier durchlebt er triste Tage und spannende Nächte. Seine Arbeit vergisst er bald völlig und erkauft sich Atteste für einige Pesos. Im Dauerrausch hat er nur wenige Interessen: Drogen, Alkohol und Sex. Dabei ist er immer wieder auf der Suche nach neuen Eindrücken und ständigem Highsein.

Das Buch ist zusammengestellt aus Blogeinträgen des Autors. Mit derber Sprache beschreibt er sein Leben in Mexico, die Liebe, die Sucht, die Probleme – und all das Schöne, das ihn von der Masse abspaltet. Offen erzählt er, welche Drogen er konsumiert und wie leicht er an diese herankommt. Muss er lügen, so tut er es. Muss er jemanden bestechen, scheut er auch davor nicht zurück. Das Geld geht zwar aus, aber niemals der Stoff und in den Zeiten, in denen er nicht auf Koks, Speed oder ähnlichem ist, betrinkt er sich. Nur immer high sein! Schonungslos ehrlich schildert er seine Exzesse – und dass es gar nicht gut ist, keine Rauschmittel und keinen Alkohol zu haben.
Die Geschichte ist weniger zusammenhängend. Vielmehr sind es Fetzen wie in einem Tarantino-Streifen, mit der Beschleunigung von „Crank“. Krasse Bilder wechseln sich ab mit etwas Vernunft, die ab und zu durchzukommen scheint und am Ende wohl siegt, als Airen wieder zu Hause ist bei den Eltern. Im Schlepptau hat er seine Mexikanische Freundin Lily, die schwanger ist. Zurecht findet er sich allerdings nicht mehr. Die Technozeit ist vorbei und das Leben, das er einmal in Deutschland geführt hat, kann ihn nicht mehr begeistern.
Die krassen Wahnvorstellungen und Paranoiaschilderungen aus Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing“ fehlen hier. Obwohl das Setting ähnlich ist und Airen ebenso wenig wie Thompson seine Erlebnisse und den Drogenkonsum reflektiert, ist „I am Airen Man“ ein eigenständiges Werk. Der Autor hat weniger exzessiv gelebt und jagte nicht dem Amerikanischen Traum nach. Ihm scheint es um die Flucht aus der Realität zu gehen, um ein permanentes Highsein, das sein Leben spannender macht. Dabei ist er sich der Stärke der konsumierten Drogen bewusst und achtet darauf, nicht zu übertreiben, wie die Akteuere in „Fear and Loathing“.
Airen ist kein Unbekannter. Seine Erfahrungen aus dem Berliner Club Berghain schrieb er zuerst in seinem Blog und dann im Debütroman „Strobo“ nieder, der vor allem dadurch Aufmerksamkeit erregte, dass er von Helene Hegemann in „Axolotl Roadkill“ stellenweise geguttenbergt wurde. Der Autor schreibt unter anderem für den Rolling Stone und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Das Werk lässt sich schnell lesen. Gespickt mit viel Ironie, entsetzten Lachern und Widerlichkeiten. Man möchte nicht wissen, was andere auf Toiletten tun, und muss es hier doch lesen. Da hilft es, wenn man sich bewusst ist, dass Airen die Einträge meist in betrunkenem Zustand verfasst hat.
Was einen hier erwartet sind rasant erzählte Momente, voller Rausch und der Suche nach dem nächsten Trip, voller Liebe und Abschätzigkeit und endlosen Exzessen.

„Und dann legst du den Kopf wieder an die Scheibe und wischst das Bild frei, für den nächsten Lebenshappen.“ (I Am Airen Man, S. 135.) 

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Airen – I Am Airen Man
Heyne Hardcore, Taschenbuch, 2011.
176 Seiten
8,99 Euro

Heyne Hardcore
Airen
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Rezension: Petra Busch – Mein wirst du bleiben

„Das Licht ist zurückgekehrt“

 

Nach einem schweren Unfall liegt Miriams Mutter im Koma. Als sie wieder erwacht, sorgt sich die Tochter rührend um Thea und nimmt sie bei sich auf. Scheinbar findet sie schnell wieder ins Leben zurück und kümmert sich um die alten Bewohner im Haus. Doch eines Tages wird Martin Gärtner vergiftet in seiner Wohnung aufgefunden und der Polizei fehlen Spuren und Motiv. Lange tappen sie im Dunkeln, bis eine zweite Person aus dem Wohnhaus stirbt. Auch um sie hatte sich Thea gekümmert. Ist sie eine kaltblütige Mörderin oder alles nur Zufall? Die Kommissare Ehrlinspiel und Freitag sind ratlos. Aber was hat es mit dem seltsamen Nachbarn auf sich, der mit einem Fernrohr die Gegend absucht? Und wieso ist der Arzt der beiden Opfer so nervös?

„Mein wirst du bleiben“ ist der zweite Roman von Petra Busch. Bereits mit ihrem Debüt „Schweig still, mein Kind“ hat sie Erfolge feiern können. Ihre Krimis spielen in Freiburg und Umgebung und haben alles, was das Genre braucht. Zwei befreundete Kommissare mit ihren Eigenheiten – so sammelt Moritz Ehrlinspiel Kochrezepte für seine Kater Bentley und Bugatti. Leichen, die plötzlich irgendwo auftauchen und fehlende Motive. Außerdem ist da noch Hanna Brock, eine Journalistin aus Hamburg, die ihre Nase in alles stecken muss, was sie nichts angeht.
Das zweite Buch von Busch ist flüssig zu lesen. Die Verwicklungen machen Spaß und sorgen für die nötige Spannung. Immer wieder lotst die Autorin den Leser auf eine Fährte, wer der Mörder sein könnte. Man fiebert mit, verdächtigt mal die eine, mal die andere Figur und ist völlig baff, wie Busch die Geschichte auflöst.
Eine gute Ortskenntnis ist zu erkennen und die Beschreibungen der Umgebung machen es einfach, sich alles vorzustellen. Auch werden die Charaktere gut beschrieben. Ihr Innenleben ist mit Liebe zu Details offengelegt. Dadurch wird es möglich gemacht, sich leicht in die einzelnen Personen hineinzuversetzen. Die Neugierde der Presseleute, die Ungeduld der Staatsanwältin, ein träger Polizist und natürlich das Tratschweib aus dem Haus. Weder überzogen noch zu aufdringlich schreibt Petra Busch und man kann sich die Ereignisse gut in der Nachbarschaft vorstellen.
Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen. Ohne lange Aufenthalte beim Pathologen zu schildern und langweilige Erzählungen über zu ausführliche Polizeiarbeit, die man zur Genüge aus „CSI“ kennt. Zu viel will ich aber nicht verraten, sonst ist der Überraschungseffekt weg. Hilfreich scheint allerdings der Blick in „Schweig still, mein Kind“. Damit versteht man die Verbindung zwischen Ehrlinspiel und Brock und weiß, was zwischen beiden bereits geschehen ist und auf welche Ereignisse Bezug genommen wird.
Eine Geschichte, spannend bis zur letzten Seite.

„Doch die Schwingen des Bösen haben sich abermals über dich gebreitet, haben dich davongetragen, dich mir gestohlen.“ (Mein wirst du bleiben, S. 8)

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Petra Busch – Mein wirst du bleiben
Kriminalroman, Knaur Taschenbuch Verlag, 2011.
Seiten: 441.
9,99 Euro

Knaur Taschenbuch Verlag
Petra Busch
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Rezension: Vladimir Sorokin – Der Tag des Opritschniks

Russland der Zukunft?

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Die Opritschnina ist eine Elitegarde im Russland des Jahres 2027, das von einem absoluten Herrscher, dem Gossudar, regiert wird. Mithilfe seiner Elitetruppe, die besondere Befugnisse hat und in offiziellem Auftrag so gewalttätig wie möglich gegen Regimekritiker vorgehen soll, hält er sich an der Macht, hat Russland allerdings auch vom restlichen Europa isoliert. Nur China steht Russland zur Seite, die Bevölkerungen beider Länder haben sich bereits zum Teil vermischt, doch herrscht auch große Rivalität zwischen den beiden Reichen. Geschildert wird ein Tag im Leben eines der Mitglieder der Opritschnina, Andrej Danilowitsch Komjaga, der eine hohe Stellung genießt. Die Gesellschaft, in der er lebt, ist eine seltsame Mischung aus einem zaristischen Russland (erkennbar an Sprache und Kleidung der Leute sowie an geradezu übertrieben anmutender Gottes- und Heiligenverehrung) und Science-Fiction-artigen Elementen wie Sprech-Bild-Blasen, in denen Leute zu einem Gespräch geschaltet werden können, ohne physisch anwesend zu sein.
Der Leser folgt Komjaga durch einen ganzen Tag mit seinen vielfältigen Aufgaben: Das Haus eines Regimegegners wird niedergebrannt, seine Frau dutzendfach vergewaltigt; geplante Opern- und Musikaufführungen werden kontrolliert, ob sie auch dem russischen Geist entsprechen; zwischendurch wird kurz mal ans andere Ende des Reiches geflogen, um die Chinesen über den Tisch zu ziehen und Gewinn für die Opritschnina-Kasse zu machen; und noch viele weitere Einsätze, die die Herrschaft des Gossudaren festigen und für Zucht und Ordnung im Land sorgen sollen. Gleichzeitig wird aber auch die dekadente Seite des Lebens der Opritschniks, der Herrscherelite, geschildert, Drogentrips, Koks, Alkohol und Massenkopulationen.

Das Buch hat keinen großen Umfang und ist flott geschrieben, so dass es sich recht schnell lesen lässt. Doch man sollte sich durchaus Zeit dafür nehmen, um sich die von Sorokin so drastisch skizzierte Zukunftsvision besser vergegenwärtigen zu können, die dann bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so zukünftig wirkt. Er zeichnet ein Russland unter einem absoluten Herrscher, der sich mit einer Leibgarde umgibt, die alle Regimekritiker unerbittlich verfolgt – kommt einem jetzt nicht so unbekannt vor, wenn man an das moderne Russland denkt. Viele Anspielungen werden dem nicht-russischen Leser sicher leider entgehen, doch das Gesamtbild ist sehr deutlich unter der Überzeichnung in Personal und Handlung.
Die Sprache ist eine oft verstörende Mischung aus sehr altmodischen Sätzen und brutalster Umgangssprache, die sicher nicht leicht ins Deutsche zu übertragen war und teilweise auch nicht ganz treffend ist, was allerdings durch die wirklich exzellente Übersetzung einiger sehr langer Gedichte und Lieder im Buch wieder wettgemacht wird.
Personenzeichnung und Charaktere spielen in dieser Art Buch keine Rolle, hier wird Wert auf die Botschaft und die parodistische Überzeichnung gelegt, auch der Plot ist vernachlässigbar, da es ja um die Darstellung eines Tages aus dem Leben eines Vertreters einer bestimmten Gruppe Menschen geht. Nahe kommt einem Andrej Danilowitsch nicht, aber das soll auch gar nicht sein.
Erwähnen sollte man allerdings die sehr expliziten und vollkommen gefühlskalt geschilderten Gewaltszenen, die in ihrer Direktheit und Übertreibung zum Gesamtkonzept passen, doch sicher nicht jedermanns Sache sind, ebenso wie die äußerst rüde Sprache an vielen Stellen.

Keine leichte Kost, meiner Meinung nach auch nicht Sorokins bestes Buch, ganz sicher keines, das man um des Lesegenusses willen konsumiert, aber in seiner Gesamtheit und offenen Regimekritik ein doch wichtiges Buch.

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Vladimir Sorokin, Jahrgang 1955, ist ein russischer Schriftsteller und Dramatiker, der mit seinen Werken und Äußerungen schon seit der Sowjetzeit immer wieder ins Fadenkreuz der russischen Regierung gerät. In Deutschland bekannt geworden ist er vor allem durch die sogenannte „Eis-Trilogie“, bestehend aus den Büchern Ljod, Bro und 23.000, die lesenswerte Beispiele für seinen ganz speziellen Schreibstil und seine gekonnte Vermischung verschiedenster Erzähltechniken darstellen.
Mehr zu Sorokin und seinen Büchern: Perlentaucher.de

 

Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzer: Andreas Tretner
Ausgabe: TB, 221 Seiten
Preis: € 8,95

Verlag – Vorsicht, hier ist noch der alte Preis angegeben.
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