Rezension: Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals

„Nichts ist blöd genug, um nicht mal darüber nachzudenken“
– Sylvia Witt –

Jedes Festival gleicht der Wildnis und die Besucher der bunten Fauna, die man dort antrifft. Keiner weiß das besser als Oliver Uschmann, der in seinem Buch die über Jahre hinweg gesammelten Erkenntnisse vorstellt. Neben den Besuchern, werden auch die Künstler in Kategorien unterteilt, das Festivalessen unter die Lupe genommen und – ganz wichtig: alle Rituale erklärt. Ein Musikfestival ist eine eigene, kleine Welt, mit speziellen Regeln und Gattungen, die hier allesamt ausführlich vorgestellt werden.

Oliver Uschmann ist Musikjournalist und Autor. Er hat sie mitgemacht, die großen Festivals wie Wacken oder Rock am Ring. Die dabei gesammelten Erfahrungen waren viel zu wertvoll, als dass er sie für sich behalten konnte. Gut so, denn nun hat jeder eingefleischte Besucher von Rock im Park oder der schüchterne Neuling beim Summer Breeze den ultimativen Führer. So kann man schnell und einfach herausfinden, welcher Kategorie der Nachbar auf dem Zeltplatz zuzuordnen ist.
Gut: Die Krankenschwester, weil sie alles dabei hat, was man auf jeden Fall braucht; der Kegler, weil keiner großherziger selbstgemachten Nudelsalat und gutes Bier anbietet.
Schlecht hingegen: Der Barbar, der ist dann doch etwas rauer; der Choleriker, weil man von vornherein verloren hat; die Vandalen – da ist es egal, ob sie in direkter Nachbarschaft randalieren oder weiter entfernt: Sie finden immer ihre Opfer, zünden Müllberge und Dixiklos an und vermöbeln gerne mal jemanden. Ihre Trophäen sind die Kabelbinder der Security, mit denen sie endlich dingfest gemacht wurden.
Bereits hier erkennt man sich selbst, seine Mitreisenden und die umgrenzenden Festivalbesucher des letzten Konzertsommers wieder und kann sicherlich uneingeschränkt zustimmen. Uschmann bietet einen besonderen Service: Die fünf Lieder einer jeden Kategorie, das Motto derselben und Verhaltenshinweise, trifft man auf ein Exemplar dieser Spezies.

Weiter geht es mit den Rockern selbst, die auf, hinter, vor der Bühne stehen und das Publikum anschreien, begeistern, ignorieren oder mit lustigen roten Kappen amüsieren.
Da ist die Elfe, die fein über die Bühne schwebt und mit zartem Stimmchen ihre Lieder ins Mikro haucht, etwa eine Katie Melua oder Björk. Daneben steht die Röhre, ebenfalls weiblich, die so manchem männlichen Frontmann die Show stiehlt und ihm zeigen kann, wie man nun richtig growlt – man denke an Bonnie Tyler oder Arch Enemy-Frontfrau Angela Gossow.
Manche Musiker können ohne Nikotin gar nicht mehr überleben, frische Luft würde zum sofortigen Tod führen, daher sieht man Peter Maffay, E-Gitarren-Gott Slash oder Lemmy Kilmister nur mit Glimmstängel im Mund.
Tragisch wird es, so weiß Uschmann zu berichten, wenn man auf die Kategorie Männerherzen trifft: Der Sänger war unsterblich und leider auch unglücklich verliebt. Das gebrochene Herz spiegelt sich fortan in jeder Platte und ausnahmslos jedem Song wider, etwa bei Bruce Springsteen oder Jupiter Jones.
Schließlich wird die Fangemeinde endlich mal aufgeklärt, wie das mit den „Amtlichen Brettern“ ist: Todesbretter, Britische, Satanische, Wahre, Christliche Bretter stehen da auf den Bühnen. Dazu zählen unter anderem Marduk, Korn, Manowar oder Overkill.
Überhaupt glänzt der Autor nicht nur mit viel Wissen über Bands und kategorisiert diese übersichtlich, nein, für den Laien bietet er auch nach jeder Beschreibung eine Auswahl an Musikgruppen und Alben, damit das Einordnen beim nächsten Open Air leichter fällt.

Auch die Verhaltensrituale sind genauestens aufgeführt. Schließlich wäre es kein guter Festivalführer und ein Überleben auf diesen Veranstaltungen unmöglich, kennte man sich nicht mit Dingen wie der Bierrutsche, dem Beflaggen, Crowdsurfing oder gar der Festivalreligion „Helga!“ aus. Wichtig ist auch die richtige Benutzung der aufgestellten Dixiklos, nämlich … genau: Mit dem Einkaufswagen reinfahren, die blauen Häuschen anzünden oder sie einfach ignorieren. Außerdem darf man nicht die Skulpturen, die Beuys Tränen der Rührung in die Augen treiben würden, oder gar die Schilder mit hochgeistigen Sprüchen, wie „Titten raus, es ist Sommer!“ vergessen.

Wenn sich Uschmann um die Ernährung bemüht, denkt man sicherlich lächelnd an die eigenen Vorräte, die unbedingt dabei sein müssen: Bier. Das Grundnahrungsmittel eines jeden Festivalbesuchers. Keine Mixgetränke, denn: „Das vorgefertigte Biermischgetränk ist der Untergang des Abendlandes.“ (S. 263), und untergräbt zudem das strikte Obstverbot auf dem Gelände.
Obst, genau: Obst sieht man teilweise verschüchtert bei Lese-Lauras rumliegen, wird der Genuss desselben aber entdeckt, drohen harte Strafen. Bleiben noch nie verzehrtes Toastbrot, das die Weltherrschaft plant, Fertignudelgerichte, die süchtig machen und das Grillen. Ohne Grillen geht gar nichts! Dazu gehört ordentliches Fleisch. Vegetarier-Weltverbesserer legen lieber Auberginen und Zucchini auf den Rost, eine Freude für Gott, der beide Gemüsesorten nur zum eigenen Amüsement erschaffen hat.

Auch die Schlafplätze sind beschrieben. Dabei sollte man die Finger von 1er-Zelten lassen und alleine in einem 2er-Zelt nächtigen! Sofa nicht vergessen und tunlichst die Nachbarschaft zur lautbrummenden Generatorhölle vermeiden, rät Uschmann.
Ganz zum Schluss kommt die Security: die Sicherheitskräfte der Finsternis und des Lichts. Der Autor behält auch hier recht, sollte sich aber bei zukünftigen Festivalbesuchen vor ersteren in Acht nehmen, möchte er das Gelände lebend verlassen.
Im Anhang befindet sich ein Register aller genannten Bands.

Das kleine Büchlein würde sich schnell lesen lassen, denn es ist flüssig geschrieben. Doch beim Lesen denkt man an vergangene Festivalbesuche und küsst des Öfteren den Boden, weil man vor Lachen vom Stuhl gefallen ist, das unterbricht den Lesevorgang. Mit viel Witz und Charme beschreibt Uschmann das Rockreich. Da kann keiner widersprechen, denn der Autor hat recht: So ist es! Das Buch macht sehr viel Spaß und es erscheint zum richtigen Zeitpunkt, beginnt doch gerade wieder die Festivalsaison, hängen die Tickets für Wacken, Summer Breeze oder RIP schon lange an der Pinnwand und wird bereits fleißig geplant, wer wann wie zum Campingplatz kommt.
Zusätzlich amüsiert Uschmann mit Vor- und Nachwort. Darin sind zwei Dialoge mit seiner Frau Sylvia Witt enthalten.
Um das Beschriebene zu veranschaulichen, enthält das Buch noch ca. 30 Schwarzweißfotos vom Open-Air-Leben.

Ein sehr gelungenes Buch, das jedem Hardcorefestivalbesucher ans Herz zu legen ist, wenn er die Zeit zwischen Wachwerden und der ersten Band, die er sich anhören wird, überbrücken möchte. Aber auch für jeden Grünschnabel, der endlich alt genug ist, um sich in die Hölle zu begeben, ist die Lektüre geeignet, sollte man doch niemals unvorbereitet Neuland betreten.
Vielleicht wird man in diesem Sommer nicht nur bei Lese-Lauras die neue Pflichtlektüre mit entsprechenden Markierungen auf dem Zeltplatz vorfinden.


Zukünftiger Anblick auf Festivals?

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Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals. Expedition ins Rockreich
Heyne Hardcore, 2012
368 Seiten, Broschiert
12,99 €
Oliver Uschmann bei Heyne
Amazon.de

Rezension: Janika Nowak – Das Lied der Banshee

„Mist, ich hörte mich wie eine 10-Jährige an!“

banshee

Die 17-jährige Aileen lebt in Berlin, macht eine Lehre zur Tischlerin und führt ansonsten ein eher langweiliges Leben. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, ihr Vater ist Alkoholiker. Ihre sozialen Kontakte beschränken sich auf Mitbewohnerin Bettina und Kollege Thomas, für den sie zwar schwärmt, dies aber nie zugeben würde.
Als sie nach einem Konzertbesuch mit Thomas von vier Schlägern verfolgt und angegriffen wird, schreit sie sich die Kehle heiser – um dann festzustellen, dass dies die Kerle offenbar abgeschreckt hat. In den nächsten Tagen ereignen sich allerhand Merkwürdigkeiten, mehrere Angriffe auf Aileen durch mysteriöse geflügelte Wesen und die Rettung durch einen Typen namens Macius. Als dann auch noch das ganze Wohnheim von diesen Flatterviechern angegriffen und ihre Mitbewohnerin vor ihren Augen getötet wird, bleibt Aileen und Thomas nur die Flucht zu Macius, der Aileen schließlich in ein jahrtausendealtes Geheimnis einweiht – Fabelwesen gibt es wirklich. Und sie ist eins davon: eine Banshee. Die letzte. Und irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben.
So beginnt für Aileen ein neues Leben, gemeinsam mit Macius feilt sie an ihren Fähigkeiten und ihre Freunde, die Oni Aiko und die Sirene Pheme stehen ihr bald schon im Kampf gegen den verwirrten Wächter zur Seite, der die Götterkinder auslöschen will.

Ich hatte große Hoffnungen in „Das Lied der Banshee“ gesetzt, da der Klappentext mal etwas Neues versprach, statt der ewig gleichen Vampirgeschichten, die im Moment so fürchterlich in sind. Leider stellte sich schnell heraus, dass die Idee zwar gut, doch an der Umsetzung vollkommen gescheitert ist.
Es vergingen beim Lesen keine zehn Seiten, während denen ich nicht das Buch zuklappen und eine Wand suchen wollte, um meinen Kopf dagegen zu schlagen. Ganz fest.
Aileen ist eine 17-jährige Nervensäge, die sich die meiste Zeit über aufführt wie 14. Sie ist paranoid und kindisch, vollkommen überreizt und zuweilen so zickig, dass ich mich ständig gefragt habe, was Thomas eigentlich an ihr findet. Sie schaut fast jedem Kerl nach und versinkt in den unpassendsten Situationen in Schwärmereien. Sie zeigt auch kein Fünkchen Reue, als ganz offensichtlich ihretwegen das Wohnheim angegriffen und neben ihrer Freundin auch noch sechs weitere Studenten getötet werden. Ebenso wenig, als sie durch ihre Paranoia mal eben den Zorn der Gargoyles auf die Gruppe zieht. Sie heult wegen eines Piekses am Finger über Seiten hinweg herum und befürchtet eine Blutvergiftung, beschwert sich dann aber, dass Pheme ihr mit ihrer Art so auf die Nerven geht.
Dieser ach-so-erwachsene Kollege Thomas ist allerdings auch nicht wesentlich besser, neben heldenhaftem Eifer, seine Aileen zu beschützen, zeigt er zuweilen vollkommen unbegründet kindliche Eifersuchtsanfälle, sobald Aileen mit ihrem Mentor Macius übt. Die Hauptfiguren konnten nicht direkt mit Sympathie bei mir punkten, ich erwischte mich sogar dabei, wie ich mir deren baldigen Tod herbeisehnte, um endlich meine Ruhe vor dem ständigen Hin und Her zu haben. Es gibt kaum ein Kapitel, in dem nicht mindestens zweimal erwähnt wird, wie toll Aileen doch Thomas findet, aber dass sie natürlich NUR Freunde und Kollegen sind, und überhaupt nie nicht irgendwas laufen könnte.
Die Nebencharaktere sind zwar sympathischer, allerdings vollkommen überzeichnet. Sie wirken wie aus einem Manga entsprungen. Aiko, die Japanerin, die ständig in ihrer Schuluniform rumläuft, und Pheme, die belesene Automechanikerin (HÄ???), die man stets in Latzhose und mit Schraubenschlüssel antrifft. Ihre Skizzierung bleibt ansonsten bis auf Äußerlichkeiten sehr flach, sodass man keine wirkliche Beziehung zu ihnen aufbauen kann, obwohl sie zweifellos angenehmer sind als Aileen und Thomas.
Die Geschichte ist simpel aus einem einzigen Handlungsstrang konstruiert und leider extrem vorhersehbar, der Schreibstil ist einfach und erinnert zuweilen an durchschnittliche Fanfiction. Es passieren keine groben Schnitzer, doch man spürt deutlich die Unerfahrenheit der Autorin. Es gibt einige Merkwürdigkeiten in der Logik, z.B. dass Thomas zwar am anderen Ende von Berlin lebt, aber innerhalb von „ein paar Minuten“ bei Aileen sein kann. Auch wundert es Thomas kein Stück, als Aileen das Chaos in ihrem Zimmer damit erklärt, dass ein Geier zum Fenster herein geflogen sei. Den Wächter Polyphemos fürchteten angeblich schon die alten Griechen, und das, obwohl jeder Wächter elftausend Jahre schläft und Polyphemos demnach das letzte Mal im Jahr 9000 v.Chr. auf der Welt gewandelt sein muss.
Die Mitbewohnerin Bettina heißt vor ihrem Tod kurz Beate, und die Sirene Pheme verwandelt sich über ein paar Seiten auf mysteriöse Weise in eine Nymphe, sodass ich begann mich zu fragen, ob die Autorin nicht mal selbst durch ihre eigenen Fabelwesen durchsteigt.
Stilistisch ist aufgefallen, dass penetrant oft Punkte statt Fragezeichen am Ende von rhetorischen Fragen gesetzt wurden („Was würde aus Thomas werden.“). Außerdem bemühte sich Nowak zuweilen um einen unnatürlich gehobenen Sprachstil, insbesondere bei Aileen, der weder zu ihrem Charakter passt, noch konsequent durchgezogen wird, so fällt sie allzu oft in eine moderne Jugendsprache zurück, die den vorher benutzten Fremdwörtern kaum angepasst erscheint. Generell hatte ich teilweise den Eindruck, sie hätte gerade ein beeindruckendes neues Wort gelernt und wollte es nun überall benutzen.
Positiv zu bemerken sind die sehr liebevoll und schön gezeichneten Illustrationen, die neben ihrer Ästhetik auch die praktische Auswirkung haben, dass weniger Text auf die Seiten passt. Generell ist „Das Lied der Banshee“ kurzweilig und zum Glück nicht noch länger ausgewalzt, sodass man es zügig durchlesen kann, falls man nicht zu lange Pausen macht, um sich an den Kopf zu fassen. Die Idee ist neu und interessant, und immerhin hat die Autorin gute Recherche betrieben und ein Talent für fantasievolle Verknüpfungen. Die mythologischen Hintergründe sind gut zusammengefügt und ergeben durchaus Sinn, was man von Handlung und Spannungsbögen leider nicht behaupten kann.
Für mich bleibt der Eindruck einer nur bedingt literarisch begabten Schülerin, die die Fantasien aus langweiligen Mathestunden zusammengefasst und niedergeschrieben hat.

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Janika Nowak – Das Lied der Banshee
Pan-Verlag, Hardcover, 2011
479 Seiten
14,99€
Ebook: 12,99€

Das Lied der Banshee bei Pan

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Rezension: Christoph Marzi – Lumen

„Alles ist möglich,“ wiederholte der Engel, „denn dies ist London.“

 

In London häufen sich die Geschichten über einen merkwürdigen Nebel, der die Stadt heimsucht und Menschen in einen tiefen Schlaf versetzt, als Emilys Freund Adam ihr offenbart, dass er nach Paris gehen will, um dort ein erfolgreicher Musiker zu werden. Zurück in die Stadt, in der die beiden sich einst getroffen und verliebt haben – und die Emily dennoch hasst. Niemals würde sie ihn dorthin begleiten, noch dazu wo er sie derart vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. So bleibt sie allein und verletzt in London zurück, nur um den nächsten Schicksalsschlag zu erfahren – in Moorgate Asylum ist ihre Mutter ein Opfer dieser mysteriösen Nebel geworden. Ihre kleine Schwester Mara scheint sie aus unerfindlichen Gründen zu hassen und zu ihrer besten Freundin Aurora hat sie seit Adam bei ihr ist kaum Kontakt. Seit dem Tod Micklewhites hat der arrogante Triastan Marlowe die Bibliothek übernommen und überhaupt scheint gerade die ganze Welt aus den Fugen zu geraten. Lilith sucht in der Hölle noch immer nach ihrem Geliebten, der irgendwie der Schlüssel zu den neuesten Ereignissen zu sein scheint, doch wie weitreichend und verworren die Mysterien Londons noch sein werden, das ahnt niemand…

Lumen als bombastischer Abschluss der Trilogie um Emily Laing und die Uralte Metropole könnte beeindruckender kaum sein.
Man fühlt sich direkt wie bei einem guten, alten Freund. Marzis eigenwilliger Schreibstil voller Vor- und Rückgriffe ist bereits vertraut, und doch spürt man einen ganz essenziellen Unterschied: Emily ist erwachsen geworden. Thematik und Wortwahl sind komplexer geworden, was in Lycidas noch durch die Blume gesagt wurde, wird nun gerade heraus angesprochen. Emily nimmt die Welt nicht mehr mit den Augen des kleinen Waisenmädchens wahr, das sie einst war, sie scheint wacher und aufnahmefähiger als noch im zweiten Band. Die Bedrohungen, derer sie und Wittgenstein sich erwehren müssen, sind längst nicht mehr nur übersinnlich, sondern ganz weltlicher Natur, wie sich spätestens in Prag herausstellt. So setzt Marzi seine Charaktere nun einer ganz neuen Gefühlsregung aus: vollkommener Hilflosigkeit. Dasitzen und warten, nichts in der Hand zu haben und hoffen, dass ein Wunder geschieht – in dieser Situation finden sich die Verbündeten im Kampf gegen den Untergang Londons nicht nur einmal wieder.
Trotz der sehr erwachsenen Themen, schafft Marzi es, die Magie seiner Geschichten nie aus den Augen zu verlieren. So lernen wir in der Stadt der Schornsteine „Londons Efeu“ kennen, den freundlichen Nebel, der von der Themse her die Städte durchstreift und nie weit ist, wie fast jedem Besucher dieser wundervoll mysteriösen Stadt schon einmal aufgefallen ist. In Prag (das keine eigene „Uralte Metropole“ besitzt, weil es selbst eine solche ist) begegnen Emily und Tristan einem Mann mit Papiermund, der Geschichten verkauft und in dessen Büchern eine ganz besondere Magie lebt. Diese liebevollen Details machen Lumen zum wohl zauberhaftesten der drei Bücher.
Der Leser trifft alte Freunde und neue Feinde, manchmal sogar in der gleichen Person, und muss sich einmal mehr der Herausforderung stellen, in Marzis genial gesponnenem Geflecht aus Intrigen und Lügen herauszufinden, was vor sich geht und wem zu trauen ist. Sogar längst vergessene Charaktere tauchen wieder auf, sodass am Ende doch jeder seinen Platz in der Welt und seine Aufgabe zu erfüllen hat – selbst ein kleiner, längst vergessener Waisenjunge…
In Lumen überwiegen die biblischen Motive, der ewige Kampf zwischen den Engeln, den Lucifer mit seinem Aufbegehren angefacht hat, wird schließlich von allen Seiten beleuchtet und mit viel Fantasie ausgeschmückt. Bei einem Setting in Prag dürfen natürlich auch Anspielungen an Franz Kafka nicht fehlen, besonders die Käfer-gesteuerte Bürokratie ist eine witzige Idee.
Nicht nur ist Emily erwachsen geworden, auch fast jeder in ihrem Umfeld erfährt Veränderungen. Nichts bleibt wie es scheint, und manche alten Bekannten scheinen erst jetzt zu begreifen, was das Leben wirklich bedeutet und dass nicht Rache und Missgunst die stärksten Antriebe sind, sondern nur wahre Liebe dazu führt, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen. Und schließlich lernen alle auf die eine oder andere Art, dass alles Kostbare vergänglich ist, denn erst dadurch wird es wirklich kostbar.

Ein traumhaftes Ende für eine so vielschichtige, fantastische und hinreißende Geschichte, die bis zur letzten Seite noch Überraschungen bereithält und den Leser vollkommen in ihren Bann zieht. Ich habe jedes Wort genossen und bin jetzt, da es vorbei ist, tatsächlich ein wenig traurig, mich von Emily und Master Wittgenstein zu verabschieden.
Für Fans der „Uralten Metropole“- Reihe ein absolutes Muss.
Für solche, die noch keine Fans sind, ebenso. Nachdem sie Lycidas und Lilith gelesen haben.

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Christoph Marzi – Lumen
Heyne, Taschenbuch, 2012
798 Seiten
9,99€

Ebook: 8,99€

Lumen bei Heyne

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Christoph Marzi

Rezension: Simon Lelic – Ein toter Lehrer

Nicht nur Kinder können grausam sein

Samuel Szajkowski, der junge Geschichtslehrer, betritt die Aula, die bis auf den letzten Platz besetzt ist. Langsam geht er an den Reihen entlang, aber kaum jemand nimmt Notiz von ihm. Dann hebt er die Waffe – und schießt. An diesem Tag sterben drei Schüler, eine Lehrerin und der Schütze selbst. Die erschütternde Tat an einer renommierten Londoner Schule lässt Schmerz und Fassungslosigkeit zurück. Kommissarin Lucia May soll den Fall abschließen, doch sie kann einfach nicht loslassen, recherchiert, sucht nach Antworten – und enthüllt schließlich die erschreckende Wahrheit…

„Ein toter Lehrer“ ist das Debüt von Simon Lelic und begeistert Massen. Der Autor schreibt schonungslos, mit viel Liebe zu kleinen, zwischenmenschlichen Details und blickt in die Abgründe menschlichen Handelns. Der Roman fesselt, verfolgt, beklemmt – und hinterlässt starke Zweifel an der Zivilisation.

Das Buch hat mich tief berührt, um nicht zu sagen, es hat mich bis ins Mark erschüttert.
Das Monster, so wird Szajkowski nach der Tat genannt, sei ein verhaltensgestörter Psychopath gewesen, der doch schon immer negativ aufgefallen sei. Seine beiden Anzüge, sein stilles Wesen, sein mangelndes Durchsetzungsvermögen – all das war doch schon sehr seltsam, finden die Zeugen im Nachhinein. Für seine Schüler war der Geschichtslehrer das perfekte Opfer. Der „Polacke Scheißkoffski“ (hier ist die Übersetzung schwierig: Im Original heißt es „cuff“ – „husten“ und die Schüler husten an dieser Stelle des Namens, später anstelle der Namensnennung) hat es doch nicht anders verdient und vor allem die Streiche, die Jugendliche nun mal so spielen, überbewertet. Dieser Meinung ist schließlich auch Direktor Travis, der alles tut, um den Ruf seiner Schule zu bewahren. Dabei verliert er jegliches Augenmaß für Recht, Unrecht und die Erfüllung des Erziehungsauftrags.
Dann ist da aber noch Elliot, ein Siebtklässler, der traumatisiert und verstümmelt im Krankenhaus liegt. Niemand hat etwas gesehen, es gibt keine Zeugen für die Tat und der Kleine wird schon darüber hinwegkommen. Man verrät nicht zu viel, wenn Elliots Ende benannt wird: Er begeht Suizid. Tragisch, aber eben nicht zu ändern.
Detective Lucia May ist fassungslos, hilflos, fühlt sich ohnmächtig und gleichzeitig verantwortlich. Doch all ihre Versuche, auf das eigentliche Problem, den Grund für den Amoklauf aufmerksam zu machen, werden abgeblockt: Von Direktor Travis und von ihrem Vorgesetzten Cole. Sie kämpft gegen Windmühlen, muss sich gegen ihren Kollegen Walter behaupten und verliert schließlich.

Die Geschichte hat zwei Ebenen: Zum einen ist da die Schule und alles rund um den Amoklauf und Elliot. Zum anderen wird aus Lucias Leben erzählt: ihr Kampf, ihre Ideale und ihre eigenen Problem.
Mobbing ist das große Thema und eines wird deutlich: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Der Täter kann durchaus auch Opfer gewesen sein, oder gar nicht um seiner Selbst willen handeln.
Lucia ist selbst Mobbingopfer und zweifelt plötzlich an den Institutionen, die doch eigentlich für Recht und Ordnung zu sorgen haben: an der renommierten Schule und der erhabenen Polizei.
Im Buch wird immer abwechselnd eine Zeugenaussage dargestellt, dazwischen rücken die aktuellen Ereignisse und Lucias Ermittlungen ins Zentrum. Krass ist, dass manche gar nicht erkennen, was sie da getan haben, was sie aussagen, wo sie selbst nicht agiert, sondern schweigend zugesehen haben.

„Ein toter Lehrer“ ist absolut erschütternd, aber äußerst lesenswert. Während der Lektüre kann man sich immer wieder selbst kontrollieren: Wie hätte ich an Stelle von Charakter XY gehandelt? Man muss sich selbst hinterfragen und in Anbetracht der Amokläufe von Erfurt, Winnenden und anderen Schulen überlegen: Kann man den Täter rücksichtslos verurteilen? Sind wirklich (nur) die Eltern schuld, weil sie Zugang zu Waffen ermöglichten? Oder haben nicht schon lange vorher ganz andere Leute versagt?

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„Der arme Kerl. Armer Kerl: Was rede ich da? Ein Mörder ist er. Das vergesse ich immer. Er war ein Mörder. Er hat drei Kinder erschossen und eine Lehrerin, eine unschuldige Frau. Und der tut mir leid. Dieser durchgeknallte Psychopath. Ich tue ja gerade so, als müsste man Mitleid mit ihm haben.“ (Ein toter Lehrer, S. 117.)


Simon Lelic – Ein toter Lehrer
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
352 Seiten
Droemer, 2011
16,99 € (Hardcover)
Amazon.de
Droemer Verlag

Rezension: André Wegmann – Sonne des Grauen /Kutna Hora

Horrortrip im Sonnenstudio

Die New Yorkerin Anna Johannson ist zu Besuch bei ihrer Schwester in Maine. Am Tag vor Heilig Abend möchte sie noch Geschenke besorgen und wird auf das Hinweisschild eines Sonnenstudios aufmerksam. Etwas Farbe kann nie schaden und so betritt sie den kleinen Laden, der in den 1970ern stehengeblieben zu sein scheint. Sie wird von einer Frau in eine Kabine gelotst, legt sich unter die Sonnenbank und will sich entspannen, als plötzlich der Strom ausfällt und sie seltsame Geräusche hört…

Das Grauen beginnt, als das Licht wieder angeht und Autor André Wegmann mit Ängsten zu spielen beginnt. Eine Kabine im Sonnenstudio kann verdammt einsam sein und anscheinend auch extrem schalldicht. Ob es nun Ratten sind, Hunde oder doch komische Wesen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen, alles ist möglich. Anna sitzt nicht ängstlich und tatenlos rum, sie versucht zu fliehen, sich zu wehren, aber nach anfänglichen Teilerfolgen sind weitere Bemühungen mit wenig Erfolg gekrönt.
Es fiel sehr leicht, mich in Anna hineinzuversetzen und ich bekam Gänsehaut und blickte mich um. War da was? Hat sich irgendwas im Zimmer bewegt? Geht vielleicht bei mir gleich das Licht aus?
Auch wenn kurze Passagen unrealistisch erscheinen, Wegmann hat plausible Erklärungen für alles. Die anfängliche Skepsis meinerseits à la: „Das ist nun doch etwas zu abgehoben!“ verflog schnell.
Das Debüt des Autors ist sehr gelungen und kurzweilig. Spannung wird von Beginn an aufgebaut und hält sich bis zum Schluss. Kommt Anna frei oder wird sie im Sonnenstudio einen viel zu frühen und grausamen Tod finden? Wer oder was steckt dahinter?
Ein tolles eBook für Zwischendurch.

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André Wegmann – Sonne des Grauens
Kindle eBook (2011)
0,99 €
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Lasset die Spiele beginnen


Randy und Torrie machen Urlaub in der Tschechischen Republik. Während eines romantischen Picknicks auf einer Wiese verschwindet ihr Hund Timmy im Wald. Das Pärchen macht sich auf die Suche und gelangt bald auf das verlassene Gelände eines Jahrmarkts. Als sie sich zwischen den verrottenden Buden und zerstörten Fahrgeschäften umsehen, fühlen sie sich unbehaglich und wollen schnellstmöglich weg. Doch Timmy ist immer noch nicht zurückgekehrt und die beiden wagen sich schließlich in das „House of Horror“. Hier verschwindet plötzlich Torrie und Randy bleibt nicht lange allein…

Der zweite Roman von Wegmann ist nicht minder bedrückend wie „Sonne des Grauens“. In der Gegend um Kutná Hora spielt die Geschichte diesmal und enthält alles, was eine gute Gruselgeschichte braucht: Romantik, Spaß, Sex und böse Überraschungen. Davon gibt es auf dem verlassenen Jahrmarktsgelände genug. Stellenweise sind die Beschreibungen eklig und man fühlt sich an Szenen aus „Hostel“ oder „Saw“ erinnert. Zwar ist absehbar, was passiert, dass Randy und Torrie nicht alleine an dem verfallenen Ort sind und dort Schreckliches geschehen muss. Aber diese Vorahnung nimmt die Spannung keineswegs.
Gekonnt zieht der Autor den Leser in den Bann und schafft es, eine gruselige Stimmung aufkommen zu lassen. Man fiebert mit dem Protagonisten mit, überlegt selbst angestrengt, was in scheinbar ausweglosen Situationen zu tun ist und hofft auf ein gutes Ende. Ob das allerdings eintritt, muss man selbst nachlesen.
Wegmann achtet bei seinen Beschreibungen auch auf kleine Details. So ist es möglich, das „House of Horror“ deutlich vor dem inneren Auge zu sehen, als ginge man neben Randy her. Sehr schön sind die dargestellten Reaktionen und Emotionen, in denen ich mich wiedergefunden habe: Die Anspannung, die Angst, das Erschrecken. Scheinbar Harmloses wird plötzlich zum gefährlichen Gegenüber, bis sich die Atmung beruhigt hat und man wieder klar denken kann.
Zu empfehlen ist das eBook vor allem für Liebhaber des Horror-Genres, Stephen King oder Jack Kilborn sind vergleichbar.

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André Wegmann – Kutná Hora. Kreaturen des Zorns
Kindle eBook (2012)
0,99 €
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Rezension – Maxime Chattam: Alterra. Im Reich der Königin

Das Abenteuer geht weiter!

 

Die drei Freunde Matt, Tobias und Ambre haben die Carmichael-Insel verlassen. Matt wird vom Tovaderon verfolgt, einem unheimlichen Wes978-3-426-28306-6chattam-alterra-2_drucken, das in seine Träume eindringt, der Gemeinschaft der Drei die unheimlichen Stelzenläufer hinterher schickt und immer näher kommt. Als die Drei herausfinden, dass die Zyniks gezielt Jagd auf Matt machen und im Auftrag der Königin Malronce handeln, beschließen sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie machen sich auf den Weg nach Süden, zum Reich der Königin.

Auf dem Weg dorthin treffen sie auf andere Pan-Gemeinschaften, die sich alle organisiert haben, wenn auch ganz anders als auf der Carmichael-Insel. Manche davon scheinen mutiert zu sein, wie die Gaia-Gesellschaft, die auf den Baumwipfeln des Blinden Waldes segelt. Als sie schließlich eine Stadt, einen Ausläufer von Malronces Reich, erreichen, geschieht die Katastrophe: Der steckbrieflich gesuchte Matt wird gefangen genommen, und vor allem Ambre muss ein großes Opfer bringen, damit sie und Tobias dem Schiff, das Matt direkt zu Malronce transportiert, folgen können.

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Rezension: Claudia Brendler – Eiertanz

Landleben mal anders

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Georgina Fernande Zuhlau – genannt Gina – wird von ihrer Chefin Christiane, der Leiterin einer Künstlerbetreuungsagentur, von Köln aus ins tiefste Oberbayern geschickt, um im Haus ihrer verstorbenen Tante nach dem offiziellen Testament zu suchen, das Christiane zur Alleinerbin macht und damit befugt, Haus und Grundstück zu verkaufen. Mehr oder weniger fehlerfrei geleitet von Navigationssystem Bruce, das gerne auch mal beleidigt reagiert, wenn Gina seinen Anweisungen nicht folgt, gelangt sie schließlich ins beschauliche Neuenthal und sieht sich gleich mit dem ersten einer langen Reihe fundamentaler Probleme konfrontiert: Die Einheimischen sprechen eine ihr vollkommen unverständliche Sprache, so dass sie sich mit einem beherzten „Do you speak English?“ behelfen muss, um schließlich zu ihrem Ziel zu kommen, dem alten und riesigen Bauernhaus der verstorbenen Mirl. Geschafft, und so ein Testament finden kann doch auch nicht so schwer sein.
Was Gina nicht weiß: Die gute Mirl war ein Messie, und das alte Bauernhaus ist bis unter den Dachstuhl mit den absurdesten Dingen vollgestopft, so dass Gina hier systematisch vorgehen muss. Leider wird diese Arbeit durch den zweiten Teil des Erbes erschwert: Graupapagei Picco, der Besucher äußerst liebevoll mit „Picco hat oan fahrn lassn, hehehe! Brunza! Schau, dass d’ Land gwinnst! Brunza!“ begrüßt und das Haus als sein ureigenes Revier betrachtet.
Ganz klar – Gina braucht Hilfe. Diese findet sie in der patenten Nachbarin Therese, die neben ihrem Café, dem Lodenmodenladen und einer Tauchschule auch sanften Tourismus in Form von Kuhkuscheln anbietet, dem äußerst knackigen Tauchlehrer und Tierarzt Quirin und sämtlichen anderen Dorfbewohnern, die sich dieser seltsamen, aber irgendwie auch amüsanten Großstädterin annehmen. Da fallen der missglückte Haarschnitt, den Gina im kombinierten Metzgerladen/Friseursalon/Nagelstudio bekommt, oder der quasi nie geöffnete Edeka (die Leiterin Franzi hat einfach immer vui zvui zdoa) kaum mehr ins Gewicht, vor allem als schließlich auch noch Ginas Kollegin und beste Freundin Julia anrückt, ihren aktuellen Lebensabschnittsgefährten Lutz, genannt „das Karöttchen“ im Gepäck, einen veganen Koch, was im hochgradig unveganen Bayern auf blankes Unverständnis stößt. Schließlich ist hier die Devise: „Wie, koa Fleisch ned? Aba a Wurscht dann scho, oda?“
Und natürlich dürfen auch die Liebeswirren nicht fehlen – Gina ist unsterblich in ihren Klienten Mirko verliebt, aber da ist ja dann auch noch der fesche Quirin …

Was auf den ersten Blick wie eine schon hundertmal gelesene, äußerst oberflächliche Chicklit-Story klingt, entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als ein hochamüsantes und richtig gut geschriebenes Buch, das ich innerhalb kürzester Zeit las und wobei ich mich kringelig lachte. Neben den toll angelegten Hauptpersonen Gina, Quirin, Therese und vor allem Papagei Picco überzeugt das Buch vor allem mit einer Fülle an skurrilen und liebevollen Details. Angefangen beim bereits erwähnten Kuhkuscheln, das gestresste Großstädter entspannen soll, und wo auch Gina bei Kuh Regula zwei offene Ohren, ein geduldig kauendes Maul und einen verständnisvoll schwingenden Schwanz für ihre Liebeswirren findet. Eine große Rolle spielt auch der bayrische Dialekt, der sehr, sehr gut wiedergegeben wird (ohne jetzt für einen Nicht-Bayern komplett unverständlich zu sein) und die humoristische, aber respektvolle (Über-)Zeichnung der Dorfbewohner, z.B. der Edeka-Leiterin Franzi, die nebenberuflich als Model für die farbenfrohen Kleiderkreationen ihres Liebsten Özcan arbeitet, seines Zeichens Döner24-Inhaber, oder dem Barbetreiber Nat Wildmoser mit seinem Männer-Chor, der a cappella Rocksongs zum Besten gibt. Nicht zu vergessen die Touristengruppe aus Sachsen, allen voran Judda und Üwe, die nach und nach auch in das Dorfleben integriert werden (auch hier ist der Dialekt sehr gut getroffen).

Dieses Buch lebt natürlich vor allem vom Kulturclash stöckelschuhbewehrte Großstädterin versus skurril-beschauliches Landleben, das ist nichts Neues, aber hier soll das Rad auch nicht neu erfunden werden. Wichtig sind sympathische Hauptpersonen (Gina und Quirin), amüsante Nebenfiguren (Julia und das Karöttchen, Judda und Üwe, Therese und Kuh Regula und und und), eine nicht unbedingt realistische, aber noch nachvollziehbare Handlung und eine Fülle von Gags (Piccos Auftritte, Karöttchens Versuche, eine vegane Schweinshaxe zu kreieren, die spätere Hausbesetzung, bei der sich Therese „wia damois in Wackersdorf, wegtrogn miaßt’s mi!“ ankettet, und die unerwartete Aussprache zwischen Gina und Chefin Christiane, bei der sie einträchtig an den starken Rücken von Kuh Regula gelehnt eine Flasche Wein teilen), die so ein Buch zu einer äußerst kurzweiligen, aber in keinster Weise oberflächlichen Lektüre machen. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert.

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Claudia Brendler ist Musikerin, Autorin und Teil des Comedy-Duos Queens of Spleens und lebt in Frankfurt. Eiertanz ist ihr erster Roman, weitere sollen folgen (natürlich mit Picco).

Verlag: Knaur HC
Format: Klappenbroschur, 332 Seiten (inklusive Glossar mit den wichtigsten bayrischen und sächsischen Ausdrücken)
Preis: € 14,99 (eBook: € 12,99)

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Verlag

Rezension – Maxime Chattam: Alterra. Die Gemeinschaft der Drei

Wo wirst du sein, wenn die Welt untergeht?

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Ein Orkan bricht wie aus heiterem Himmel über New York herein und legt die ganze Stadt lahm. Dem Sturm folgen blaue Blitze, die alles, womit sie in Berührung kommen, auflösen. Als das Unwetter sich gelegt hat, müssen Matt und sein Freund Tobias feststellen, dass der Schaden weitaus größer ist als angenommen: Die Erwachsenen sind verschwunden, die beiden Teenager allein in einer Welt, die ihnen über Nacht fremd geworden ist. Weiterlesen

Rezension: Colin Meloy – Wildwood

„… und ich möchte, dass du dort
nie, nie hingehst.“

 

Die 12jährige Prue traut ihren Augen kaum, als ihr kleiner Bruder Mac auf dem Spielplatz plötzlich von einem Schwarm Krähen in die Luft gehoben und in Richtung Wald getragen wird. Der Wald, den niemand aus dem verschlafenen Nest St. Johns je betreten hat, den man hier nur die „Undurchdringliche Wildnis“ nennt und über den allerhand merkwürdige Geschichten kursieren. Für Prue ist sofort klar: ihren Eltern kann sie diese Geschichte nicht auftischen. Genauso wenig kann sie ohne ihren Bruder nach Hause kommen. Also ist die einzige Möglichkeit, die ihr bleibt, in den Wald zu gehen und Mac allein zurück zu holen. Auf dem Weg dorthin schließt sich ihr ein etwas nerviger Klassenkamerad namens Curtis an, der weder besonders mutig noch sonst irgendwie von Nutzen scheint. Und natürlich werden die beiden auch prompt getrennt, als sie ein Rudel sprechender Kojoten in Uniformen beobachten – Prue kann entkommen, Curtis wird von den Kojoten gefangengenommen und in ihr Lager verschleppt. Im unzivilisierten Wildwald wird er ihrer Herrin, der bezaubernd schönen und freundlichen Alexandra übergeben und unter ihre Fittiche genommen. Sie macht ihn zum Soldaten, und an ihrer Seite kämpft er gegen die Wildwaldräuber, die seiner Retterin und ihren Kojoten immer wieder das Leben schwer machen wollen.
Prue stolpert derweil direkt in die politischen Verstrickungen der Tiere und Menschen des Waldes, muss sich gegen die korrupte Regierung von Südwald wehren und findet Verbündete im Vogelfürstentum und in Nordwald – und erhält überraschende Hilfe von den Wildwaldräubern…
Bald bemerken beide, dass sie in eine viel größere und bedeutendere Geschichte geschlittert sind, als ihnen lieb wäre, und beinahe gerät Macs Rettung etwas in Vergessenheit angesichts der Ausmaße des Übels, das hier bald geschehen soll.

Meloy wirft den Leser mitten ins Geschehen hinein, baut Spannung auf und fällt dann in einen ruhigeren Erzählstil, der die Möglichkeit gibt, sich erst mal mit der Geschichte auseinanderzusetzen und hineinzudenken. Dann geht es aber Schlag auf Schlag weiter. Mit seiner sehr blumigen Sprache unterstreicht er die zauberhafte Wildheit seines Waldes, ohne je kitschig zu wirken. Die aussagekräftigen Bilder, die er mit seinen Worten zeichnet, helfen auch der faulsten Fantasie auf die Sprünge und machen die strategisch platzierten Zeichnungen von Meloys Frau Carson Ellis beinahe überflüssig. Diese muss man wohl mögen, ich tu es nicht, aber da es hier um das Buch geht, soll die Kritik nicht an den Bildern hängen.
„Wildwood“ spielt geschickt mit der Erwartungshaltung und den Klischees des Lesers, verunsichert ihn dann aber immer wieder in seiner Einteilung von Gut und Böse. Man findet sich in einem erstaunlich komplexen Machtgefüge innerhalb des Waldes wieder, in dem es nur schwer gelingt, sich ein klares Bild über die Motive und Charaktereigenschaften der Figuren zu machen, bis man mit der Nase darauf gestoßen wird.
Mitten in der Geschichte schlägt das Buch, an einer Stelle, wo man sich als Leser fragt, wie es jetzt überhaupt noch weitergehen könnte, dann plötzlich einen gewaltigen Haken. Es verwandelt sich von einer bloßen Geschichte in ein Märchen. Die Undurchdringliche Wildnis, die anfangs auf merkwürdige Art und Weise wie ein Spiegelbild der „Außenwelt“ wirkte, bekommt einen Hauch von Magie, der äußere Schein lichtet sich ein wenig und gewährt Einblick auf etwas größeres, das dahinter versteckt lag. War Prue anfangs nur ein „Außenweltmädchen“, das in den Wald kam, um ihren Bruder zu retten, erfährt sie plötzlich, dass die Geschichte viel größere Kreise zieht, bis weit in die Vergangenheit vor ihrer Geburt, und bis hin zu ihren Eltern. Auch Curtis bekommt mehr und mehr das Gefühl, kein dummer Junge aus St. Johns zu sein, sondern irgendwie nach Wildwald zu gehören. Plötzlich fällt alles langsam an seinen Platz und die Welt, die Meloy zeichnet, wird noch etwas zauberhafter und lehnt sich mehr an klassische Märchen und alte Naturreligionen an. Erst ganz am Ende, in der großen Schlacht um Wildwald (die zugegebenermaßen besonders mit dem Eingreifen der Vögel verdächtig an „Der Herr der Ringe“ erinnert) wird endgültig klar, wer auf wessen Seite steht, und wie tapfer die Bewohner des Waldes ihre Kräfte sammeln, um ihre Heimat zu beschützen.
Die Charaktere Prue und Curtis erfahren eine wirklich interessante Entwicklung, die mir so noch nie in einem Fantasy-Roman untergekommen ist. Normalerweise lernt man anfangs den großen Helden kennen, der auch meist der große Held bleibt. Zu Beginn von „Wildwood“ wirkt Prue wie ein fest entschlossenes, tapferes Mädchen, das alles geben würde, um ihren Bruder zurückzuholen. Curtis scheint der lästige kleine Kriecher zu sein, der dem coolen Mädchen nachläuft, um sich ein wenig in ihrem Mut zu sonnen. Es beginnt allerdings eine zunehmend gegensätzliche Entwicklung: Prue wird mehr und mehr müde und ausgelaugt, hat allzu oft den Gedanken, aufzugeben, und knickt schließlich tatsächlich ein, als Alexandra ihr verspricht, ihren Bruder zu finden und zurückzubringen. Zwar kehrt sie in einem zweiten Anflug von Mut und vor allem Zorn zurück und kämpft tapfer weiter, doch diese kleine Schwäche bleibt im Gedächtnis des Lesers. Curtis hingegen mausert sich, manchmal eher zufällig, zum heimlichen Helden, vertritt nach anfänglichen Unsicherheiten zunehmend klarere Standpunkte und kämpft dafür, was er für richtig hält. Natürlich hat auch er als 12jähriger Junge Momente der Schwäche, gibt ihnen jedoch nie nach. Er verwandelt sich vom nervigen Nebencharakter in einen wirklich liebenswerten Kerl, der trotz seiner Ängste tapfer an vorderster Front um den Wald kämpft.

„Wildwood“ ist eine wirklich lohnende Lektüre, und man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass es anfangs teilweise etwas wie eine wenig tiefreichende Gutenacht-Geschichte wirkt. Die Erzählung nimmt immer mehr Fahrt auf und Meloy versteht es prächtig, den Leser mitzureißen. An der durchdachten Entwicklung seiner Charaktere kann sich so mancher moderner Fantasy-Newcomer ein Beispiel nehmen. Er schafft es, aus einem beinahe banalen Märchen eine fesselnde und komplexe Geschichte zu bauen, ohne dabei diesen wundervollen kindlichen Charme zu verlieren.
Ich würde mich freuen, wenn es von Colin Meloy – eigentlich Musiker in einer Band aus Oregon – bald neuen Lesestoff gäbe, sein Talent liegt offenkundig nicht nur darin, seine Klampfe zu zupfen und selbstgeschriebene Texte zu schmettern.

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Colin Meloy – Wildwood
Heyne fliegt, Gebunden, 2011
591 Seiten
19,99€

Ebook: 15,99€
Wildwood bei Heyne

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Colin Meloy

Rezension: Bastian Bielendörfer – Lehrerkind


Der neue Spitzel des Lehrerzimmers

 

Bastian Bielendorfer ist für das schulische Leben gezeichnet: Er ist der Sohn einer Grundschullehrerin und eines Gymnasiallehrers und hat das zweifelhafte Vergnügen, seine 13 Schuljahre als Lehrerkind zu absolvieren – an den Schulen der Eltern. Damit hat er von Beginn an ein Kainsmal auf der Stirn, das sagt: Schlagt mich, quält mich, lasst euren Frust gegen meine Eltern an mir aus. Nicht nur das, denn Papa und Mama sind nicht nur Berufsdidakten, sondern auch zu Hause mit Fleisch und Blut Steißtrommler, was der arme Bastian ertragen muss.

Der Autor schreibt über seine Kindheit und Jugend. Mit viel Sarkasmus gelingt es ihm, die Schwächen und Marotten seiner Eltern für den Leser darzustellen, als wäre er dabei gewesen. Bielendorfer, Jahrgang 1984, hatte es nicht leicht, so schreibt er zumindest, und Mitleid bekommt man allemal. Sein Vater ist ein geborener Scherzkeks, der den Sohn zum Bravsein bringt, indem er von einem armen, gefangenen Markus erzählt, der aufgrund seines Ungehorsams für immer in ein Gefängnis eingesperrt wurde und nichts zu Essen bekommt. Als Bastian mit einer selbstgebastelten Schultüte sein Schulleben beginnt, zerreißt diese auf dem Schulhof und er ist der Loser der Nation. Ein halbes Jahr später steht er in Pumucklunterhose vor der Bildungseinrichtung, aus Solidarität mit den Kindern in Afrika. Dass alle anderen Kinder vollbekleidet zum Unterricht erscheinen, fällt dem kleinen Bastian zu spät auf.
Auch der vermeintliche Urlaub in Russland entpuppt sich als mittlere Katastrophe. Dafür hat der mittlerweile pubertäre Sohn endlich einmal die Chance, sich an seinem pseudowitzigen Vater zu rächen, in dem er „Moskau“ von Dschingis Khan umdichtet.
Das Buch ist sarkastisch, ernst und mit netten Beschreibungen bestimmter Lehrertypen gespickt. 24 Jahre aus dem Leben des Autors werden erzählt und bringen einen oft zum Lachen. Schade ist nur, dass Bielendorfer irgendwann auch sein Abitur erlangt und das Buch trotzdem weiterführt. Man liest noch über den Zivildienst und das Studium, was aber sehr langweilige Sequenzen werden, im Vergleich zum Vorherigen.
Dennoch lohnt sich die Biographie, die nahezu kein Klischee auslässt und wird zum amüsanten Zeitvertreib. Ob einem der Autor leidtut, muss jeder für sich entscheiden. Eines jedoch steht fest: Leicht hatte Bastian es nicht.

„Eins! Ich habe eine Eins!“ […]
„Aha.“ […]
„Gut, na ja, aber du kannst ja nichts dafür, das sind die Gene.“
[Lehrerkind, S. 9f.]

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch2:

Bastian Bielendorfer – Lehrerkind. Lebenslänglich Pausenhof
Piper Verlag 2011.
304 Seiten
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