, ,

Lesung / Buchbesprechung: Daniel Ryser: SLIME. Deutschland muss sterben (13.4.2013, Club Milla)

Deutschland muss sterben, damit wir lesen können!

Lesung des Schweizer Journalisten Daniel Ryser mit einem Akustik-Gig von SLIME

Nachdem man die Bandmitglieder von SLIME schon vorher ohne Berührungsängste oder Starallüren durch das Publikum hat schleichen sehen, kommt Daniel Ryser  pünktlich um 21:00 Uhr auf die Bühne. Mit grünem T-Shirt, Jeans und roten Turnschuhen sieht er weder aus wie der typische Nadelstreifen-Journalist, noch wie ein Punk, noch wie ein Gangster-Rapper – das Musik-Genre, aus dem er nach eigener Aussage eigentlich stammt. Er wirkt wie der Junge von nebenan, und das macht ihn spontan sympathisch.

Er sei sehr aufgeregt, sagt er, auch wenn man ihm das nicht so ansehe, und beginnt mit einer Anekdote von der Lesung in Wiesbaden, wo ein Besucher ständig „Wann gibt‘s endlich Mucke!!!“ rief. Das passiert in München glücklicherweise nicht, das Publikum lauscht gespannt den zahlreichen kleinen Geschichten und Legenden um Deutschlands radikalste und kompromissloseste Punkband und quittiert diese mit Schmunzeln, Lachen und auch mal Zwischenapplaus. Weiterlesen

Rezension: Boulet / Bagieu – Wie ein leeres Blatt

Wer bin ich?

 

wie-ein-leeres-blatt

Stell dir vor: Du sitzt auf einer Bank am Straßenrand, um dich herum Autoverkehr, Fußgänger, die ihrer Wege gehen, der Wind weht durch die Straße, und du weißt nicht, wie du heißt oder wie du hierher gekommen bist, und es will dir auch beim besten Willen nicht einfallen, warum du hier sitzt. Durch den Inhalt deiner Handtasche, die neben dir steht, findest du zu deinem Namen (Eloïse) und dem Haus, in dem sich deine Wohnung befinden soll. Du findest diese nur durch glückliche Umstände, und vor dem Betreten spielt dir deine Fantasie einige Szenarien darüber vor, was sich hinter dieser Türe befinden könnte. Dann der Eintritt in eine dir fremde Umgebung, Du musst dich erst orientieren. Passwort für den Laptop? Fehlanzeige! Igitt, das soll mein Shampoo sein? Weiterlesen

Rezension: Josef Wilfling – Abgründe / Unheil

Mord und Totschlag

Seit dem 5. April 2013 sendet das Bayerische Fernsehen Kriminalgeschichten auf der Grundlage von wahren (versuchten) Mordfällen. Mit Hilfe von Josef Wilfling, ehemaliger Mordermittler im Polizeipräsidium München, wurden in der ersten Folge drei Fälle nachgestellt und dazwischen von ihm kommentiert und zum Teil weiter ausgeführt. Der Kriminalist ist ein sachkundiger Experte für Mord und Totschlag. Dies hat er mit seinen Büchern „Abgründe“ und „Unheil“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Abgründe – Wenn aus Menschen Mörder werden

wilfling_abgruende

Den Anfang zum Erstling bildet die Erinnerung an einen Kindermord und eine Art Anklage an die politischen Entscheidungsträger – ein sehr beeindruckendes Statement. In seinem Vorwort geht Josef Wilfling unter anderem auf den § 211 des Strafgesetzbuchs – Mord – ein und stellt einen Bezug zu den sieben Todsünden aus der Bibel her; dem Leser begegnen viele dieser Verfehlungen in den folgenden Kapiteln.

Im Lauf seiner mehr als 20 Arbeitsjahre ereigneten sich rund 1.000 versuchte und vollendete Tötungsdelikte, involviert war der Mordermittler in ca. 100 davon. Diese werden in Kapiteln wie „Heimtücke“, „Mordlust“, „Wollust“ oder „Gemeingefährlich“ erzählt. Aber hierin geht es nicht einfach nur um die jeweiligen Taten, sondern um die Sichtweise eines Mannes, der jeden Tag mit dem (plötzlich) auftretenden Bösen im Mensch rechnen musste und der nach meinem Ermessen sehr viel psychologisches Feingefühl besitzt.

Weiterlesen

Rezension: Jonathan L. Howard – Johannes Cabal: Das Institut für Angst und Schrecken

Im Traum kann dir kein Leid geschehen …?

Johannes Cabal Das Institut fuer Angst und Schrecken von Jonathan L HowardJohannes Cabal staunt nicht schlecht, als eines Tages drei Herren vor seinem Gartentürchen stehen und ihn auf eine Reise einladen möchten. Sie soll in die mysteriösen „Traumlande“ führen, eine von Träumern (manche mehr, manche weniger wahnsinnig) erdachte Welt, in der die Mitglieder des Instituts für Angst und Schrecken hoffen, die Angst selbst ausfindig zu machen und ein für alle Mal zerstören zu können. Für Abenteuer an sich hat Cabal nicht viel übrig, doch die Aussicht auf neue Erkenntnisse über seine eigene Forschung lässt ihn zusagen. So macht sich die wunderliche kleine Expedition auf in eine Welt, die verrückter kaum sein könnte, und Cabal erregt die Aufmerksamkeit von Mächten, die er wohl lieber in Ruhe gelassen hätte …
Weiterlesen

Rezension: Mischa-Sarim Vérollet – Irgendwas mit Menschen

„Mami, Mami, warum ist Uroma nackt?“


Mischa ist Poetry Slammer und Wortartist, der gerne mal bissig und mit einer guten Portion Zynik seinen Mitmenschen auf die Fingerverollet schaut. In 33 essayartigen Episoden hat er seine Ansichten versammelt und geht dabei teilweise sehr hart mit den Leuten ins Gericht. Dabei beschäftigt er sich auch mal mit Beziehungen. Warum ist er denn nicht romantisch, der Mischa, warum vergisst er denn ausgerechnet den Jahrestag und wie entschuldigt man sich dann am besten? Mit Blumen, der Eroberung der Welt, einem atomaren Feuerwerk, dem man von anderen Planeten aus zusieht und mit Milliarden von Rosen, unter denen man die Liebste begräbt. Doof nur, dass die Liebste eine Rosenallergie hat: „Schatz, wenn ich romantisch wäre, wärst Du jetzt tot.“ – Dafür wird die Entschuldigung erheblich besser, denn wenn die Liebste tatsächlich sauer wäre und lange diskutieren und schmollen und überhaupt – „Schatz. Wenn Du sauer wärst, hätten wir jetzt Sex.“

Rezension: Michael Tsokos – Die Klaviatur des Todes

Über die Schulter geschaut

Kohlenmonoxid, Sexualmörder, seltsame Todesfälle: Darüber schreibt Michael Tsokos in seinem

tsokosneuen Buch Die Klaviatur des Todes. Der Berliner Rechtsmediziner hat einige Fälle aus den vergangenen Jahren herausgesucht, um über seine Arbeit fernab vom doch etwas vereinfachten CSI-Niveau zu erzählen. Dabei gelingt ihm ein sehr guter Mix aus Roman und Sachbuch. Auf der einen Seite stehen die Aussagen der Täter und die Ermittlungsergebnisse, die wie eine fiktive Geschichte anmuten, auf der anderen Seite werden knallharte Fakten genannt und die Ergebnisse der Obduktion präsentiert. Dabei stellt Tsokos klar heraus, welche Erfolge man durch die Rechtsmedizin erzielen kann, wenn es um die Aufklärung eines Mordes geht. Minimale und kaum sichtbare Verletzungen oder auch tiefe Wunden können den Tathergang erzählen, einen zeitlichen Ablauf erklären und letztendlich die endgültige Todesursache feststellen. Dabei muss man viel sehen und ertragen können, alte Menschen wie auch Kinder landen auf dem Seziertisch in der Pathologie und wollen nur eins: Gerechtigkeit, dass ihr Mörder überführt wird – oder aber, dass ein Beschuldigter entlastet werden kann. Weiterlesen

Rezension: Alix Ohlin – In einer anderen Haut

„Steh auf!“

Die Vollblut-Therapeutin Grace stolpert während eines Skiausfluges über einen Mann, der mit einem Strick um den Hals im Schnee liegt. Er hatte versucht, sich zu erhängen. Grace kann diesen schüchternen und geheimnisvollen Mann nicht aus den Augen lassen und entwickelt Gefühle, die weit über die Patienten-Therapeuten-Grenze hinausgehn.
Annie, eine junge Patientin von Grace, beschließt unterdessen ihrem Zuhause den Rücken zu kehren, eine Schauspielkarriere anzustreben und das am Besten ohne sich in ein Unglück zu stürzen.
Grace Ex-Mann Mitch folgt seinem Instinkt und verlässt die Frau, die er liebt, um in der Arktis einer Gemeinde bei deren Problemen zu helfen.

Der Klappentext und der Titel hinterließen bei mir nach dem ersten Lesen einige Fragen. „In einer anderen Haut“ – was verbirgt sich dahinter? Wie passen die Figuren zusammen? Haben sie überhaupt eine Verbindung? Weiterlesen

Rezension: Jonathan L. Howard – Ein Fall für Johannes Cabal: Totenbeschwörer

Über den Wolken …

Ein Fall fuer Johannes Cabal Totenbeschwoerer von Jonathan L HowardMit dem Gesetz hat Johannes Cabal es nicht so, wenn er seine persönlichen Ziele verfolgt. So ist es auch nicht besonders verwunderlich, dass er eines Tages in der Todeszelle landet. Doch er wäre nicht Cabal, wenn er sich nicht aus dieser misslichen Lage herauswinden könnte – dummerweise macht er sich dabei auch gleich ein paar mächtige Feinde mehr. Und so endet ein harmloser Einbruch in einer Bibliothek schließlich damit, dass er mit falscher Persönlichkeit ein Luftschiff besteigt und vor dem Gesetz fliehen muss – schon wieder. Gerade, als er sich in Sicherheit wiegt, holt ihn dann in Gestalt von Leonie Barrow ein Stück seiner Vergangenheit ein, und obendrein geschehen an Bord nicht nur zwei sehr merkwürdige „Selbstmorde“, sondern auch noch ein Anschlag auf sein eigenes Leben. Das kann Cabal natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Weiterlesen

Rezension: Christoph Marzi – Nimmermehr

Echte Geschichten und wahre Lügen

marzi_cnimmermehr_76974Christoph Marzi wird von seinen Fans seit seiner Uralten-Metropole-Reihe als wahrer Meister des Geschichtenerzählens geschätzt. Doch nicht jede Geschichte kann ein mächtiges Epos sein, das das Schicksal der Welt beinhaltet; dennoch sind auch sie es wert, erzählt zu werden. Unzählige Gute-Nacht-Geschichten, Märchen, Sagen und Mythen begleiten uns seit unserer Kindheit und geraten viel zu oft in Vergessenheit. Genau diese „wahren Lügen“ ruft Christoph Marzi dem Leser in 15 Kurzgeschichten ins Gedächtnis und bringt den Zauber zurück, der an kalten Winterabenden den Lesesessel umweht.
In einem ausführlichen Vorwort gibt er außerdem einen schönen Einblick in Hintergründe und Inspiration für seine Geschichten, die ich hier kurz zusammenfassen will. Weiterlesen

Rezension: Johanna Wiesner – Nebelgrund

„Du hast sie im Stich gelassen!“

Jaque Buchner hat den Ersten Weltkrieg überstanden und kehrt auf Wunsch des heimischen Paters in sein Heimatdorf zurück. Doch in der alten heruntergekommenen Familienvilla plagen ihn bald die Erinnerungen aus seiner Kindheit. Vor 20 Jahren kamen seine Schwester und zwei weitere Mädchen grausam ums Leben. Fremde Stimmen und Visionen im Kopf deuten darauf hin, dass sich das fürchterliche Verbrechen wiederholen wird. Die Witwe Anna unterstützt ihn im Kampf gegen das Monster, welches seit Jahrzehnten nur auf diesen Moment gewartet hat.

Die Autorin Johanna Wiesner bat mich um die Rezension zu diesem Buch. Zunächst war ich ein bisschen skeptisch, als ich historischer Schauerroman las. Für Schauer bin ich gern zu haben, historische Geschichten sind nicht so wirklich mein Gebiet. Aber diese Mischung interessierte mich und ich tauchte ein in das Geschehen Anfang der 1920er Jahre. Bereits nach den ersten Seiten hatte mich der bayrische Winter gefangen, ebenso die Sorgen der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Hunger und Inflation werfen einen dunklen Schatten auf das Leben. Weiterlesen