Rezension: Thomas Bleskin – Joachim Witt, DOM; Eine Biographie

„Jetzt und ehedem“

 

wittEhedem begann der Lebensweg von Joachim Richard Carl Witt am 22. Februar 1949 in Hamburg. Er ist ein introvertierter Mensch, der schon früh mit Musik in Berührung kommt und sich seinen Zugang zur Musik selbst entwickelt. „Der goldene Reiter“ und „Die Flut“ bilden die musikalischen Erfolge in seinem Leben. Die Arbeit und Geschichte zu seinen Alben, anfangs mit der Band Duesenberg, bis zu dem 2012 erschienen DOM sind keine durchgehend aufsteigende Siegesstraße, sondern haben auch viele Talfahrten. Witt gibt nicht viel Privates preis, aber dafür hat er sich bei seiner Arbeitsweise über die Schulter schauen lassen.

Und wen interessiert diese Biografie? Fans, Freunde seiner Musik, die vielleicht den „Goldenen Reiter“, „Herbergsvater“, „Das geht tief“, „Jetzt und ehedem“, die Alben POP, Eisenherz oder Teile der Bayreuth-Reihe im CD-Regal haben. Vielleicht auch Interessierte, die wissen wollen, wer hinter dem viel diskutierten „Gloria“-Video steckt.
Witts Entwicklung vom kleinen Jungen, der vor der Familie dirigiert, über den ersten Fernsehauftritt beim Musikladen im Jahr 1982, bis zu den vielen musikalischen Misserfolgen, in denen sein Herzblut und unter anderem auch Geld steckte, und dem privaten Herzschmerz, der ihn auf neue Wege gebracht hat, ist in der Rückschau verfolgbar.
Diese Biografie hat mich dazu gebracht so manche LP und manches Video von Joachim Witt anzuhören, anzusehen, hinzuhören und hineinzudenken.

Jetzt bleibt mir nur noch zu sagen: „Danke“, Herr Witt, für einen neuen Blick auf Ihre Musik. Und mein Urteil abzugeben:

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Thomas Bleskin, Joachim Witt – DOM – Eine Biographie [Kindle Edition]
Isabel Regehr (Herausgeber)
44 Seiten
4,11 €
Amazon

Rezension: J.K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall

Der Abgrund in uns

Als Barry Fairbrother an seinem Hochzeitstag ganz plötzlich verstirbt, gibt es nur wenige Menschen in Pagford, die ehrlich trauern. Denn mit dem Tod eines Gemeinderatsmitgliedes wird dessen Stelle frei, und der liberale Barry, der sich für die Integration des Ghettos Fields in den kleinen idyllischen Ort Pagford eingesetzt hatte, hat damit den Gemeinderat in zwei Lager gespalten, die nun um die Vorherrschaft ringen und ihre Ansichten durchsetzen wollen. Schnell stellt sich heraus, dass fast jeder von ihnen seine Leichen im Keller hat, und der unerbittliche Hass von Kindern auf die eigenen Eltern führt schließlich zu einer Eskalation, mit der niemand so recht gerechnet hätte.

Ein plötzlicher Todesfall – in der Tat. Genau genommen überlebt Barry Fairbrother nicht mal die ersten 3 Seiten, man erfährt also nicht viel über die Person, die den schweren Stein ins Rollen bringt, der ganz Pagford erschüttern soll. Rowling steigt zügig ins Geschehen ein, bremst dann jedoch ab und nimmt sich viel Zeit, um die Charaktere und ihre Gedanken zum Tod von Barry zu skizzieren. Samantha und Miles, die bei ihm waren, als er starb, Miles‘ Vater, der seinerseits im Gemeinderat sitzt und Barrys größter Gegner war – beide Generationen eher an Klatsch und Tratsch interessiert. Parminder, enge Freundin und Kämpferin an seiner Seite, die drei ihrer Kinder liebt und eines verachtet. Krystal, das Mädchen mit der heroinabhängigen Mutter, das nur durch das von ihm geleitete Ruderteam jemals Achtung und Integration erfahren hatte, und nun zurückfällt in ein Loch aus Gewaltausbrüchen und sexueller Verwahrlosung. Der Leser wird ausführlich in den Alltag dieser Dorfidylle eingeführt, der hauptsächlich aus Tratsch und dem Wunsch jedes einzelnen besteht, eine Neuigkeit so schnell und aufgebauscht wie möglich weiterzugeben. Den Familienverhältnissen aller Beteiligten widmet Rowling viel Aufmerksamkeit und beweist das Talent, sich in die unterschiedlichsten, noch so unsympathischen Charaktere hineinzuversetzen.
Die Geschichte wird episodisch abwechselnd aus der Sicht aller handelnden Personen erzählt und bleibt so stets in Bewegung. Im Grunde passiert nicht sehr viel, aber die Spannung bleibt allein deswegen erhalten, weil man ständig eine neue Facette einzelner Menschen erhält und sich so nach und nach vollständige Bilder zusammensetzen kann. Vielleicht entwickelt man für jemanden, der am Anfang einfach nur unsympathisch war, schließlich sogar so etwas wie Verständnis.
Ein plötzlicher Todesfall ist düster und erwachsen, nichts wird verschwiegen und nichts beschönigt. Die Sprache ist zuweilen – je nach Charakter – derb, schlägt dann wieder in angenehme Landschaftsbeschreibungen um. Der Kontrast dessen, was hier Fassade ist, und was dahinter läuft, wird dadurch schön unterstrichen.
Ich war ganz unvoreingenommen an dieses Buch herangegangen und hatte anhand des Titels etwas erwartet, das eher in Richtung Krimi geht. Tatsächlich liegt hier eine bitterböse Gesellschaftskritik vor uns, schonungslos und ohne etwas durch die Blume zu sagen. Die gutbürgerliche Fassade der stolzen Mittelschicht wird nach und nach demontiert und mit der Zeit fragt man sich, wer hier eigentlich asozialer ist: Terri, die drogensüchtige Mutter aus dem Ghetto, oder Simon, der seine Familie tyrannisiert und seine halbwüchsigen Söhne verprügelt.
Für einige Charaktere hat die Geschichte fast so etwas wie ein Happy End, andere werden in ihren Grundfesten erschüttert und Welten brechen zusammen. Inwiefern das verdient war, kann sich der Leser selbst überlegen. Ist Ein plötzlicher Todesfall ein schönes Buch? Nein, ganz und garnicht. Eigentlich ist es wirklich furchtbar deprimierend. Ist es ein gutes Buch? Auf jeden Fall! Für mich hat J.K. Rowling bewiesen, dass sie auch ganz anders kann, als kleine Jungs gegen böse Zauberer kämpfen zu lassen. Das Böse ist überall, jeder einzelne von uns trägt es in sich, sogar Kinder zeigen Grausamkeiten, von denen jeder sicher ist: in MEINER Umgebung gibt es sowas doch nicht! So hinterlässt Ein plötzlicher Todesfall ein merkwürdiges Gefühl zwischen Depression und Erleichterung, jedenfalls aber die Gewissheit, ein wirklich gutes Buch gelesen zu haben.

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J.K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall
Carlsen Verlag, Hardcover, 2012
575 Seiten
24,90€
eBook: 19,90€

Ein plötzlicher Todesfall bei Carlsen
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J.K. Rowling

 

Rezension: Renate Ahrens – Ferne Tochter

Was ist passiert?

 

ferne-tochterJudith Velotti lebt zusammen mit ihrem Mann Francesco in Rom. Nach einem Anruf von einer alten Schulfreundin fliegt sie nach 20 Jahren, zwei Monaten und vier Tagen zum ersten Mal wieder nach Hamburg, in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend. Ihr Vater ist tot, ihre Mutter nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim, zu beiden hatte sie keinen Kontakt mehr. Sie muss sich in der alten Heimat ihrer Vergangenheit stellen, den dramatischen Erlebnissen innerhalb ihrer Familie und einem Verlust, der sie seither verfolgt. Außerdem gilt es, das Leben in Italien nicht zu vernachlässigen, was allerdings aufgrund der Geschehnisse in der alten Heimat nicht einfach ist.

Die Ferne Tochter erzählt nicht nur von einer Tochter, es gibt zwei; jede hat viel erlebt, gedacht, gefühlt. Vordergründig werden Judiths Erlebnisse in der Vergangenheit wie auch der Gegenwart eindringlich wiedergegeben. Durch sehr gut beschriebene Rückblicke und Erzählungen ergibt alles ein Ganzes, eine Information baut auf die nächste auf, eine Begebenheit führt zur nächsten und schließlich zum Ziel. Die Schilderungen sind zum Teil bedrückend, manchmal dachte ich: „Kann es das wirklich geben, dass Eltern so herzlos mit ihrer Tochter umgehen?“ Ich widerstand mehrmals dem Gefühl, dieses Buch wegzulegen und habe mich durchgehangelt, jeden Tag ein bisschen weiter – vielleicht wie Judith – und bin froh darüber.

Frau Ahrens präsentiert dem Leser eine intensive Geschichte – keine leichte Kost, aber gut interpretiert und geschrieben.

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Renate Ahrens: Ferne Tochter
Knaur Taschenbuch Verlag, 2012
276 Seiten
9,99 €
Amazon
Homepage von Renate Ahrens
Ebenfalls von der Autorin erschienen: Fremde Schwestern

Rezension: Beth Ditto – Heavy Cross

„All das macht mich zu der Person, die ich bin“

 

ditto_bheavy_crossAm 22. Oktober 2012 erschien die Biografie von Mary Beth Ditto. Sie erzählt darin von ihrer Kindheit in Arkansas, die alles andere als schön war: Die Mutter meist nicht anwesend, ein Vater, der nicht ihr Vater ist, Hunger, kein richtiges Zuhause und Missbrauch durch ihren Onkel. Während der High School stylt sie sich und anderen Mädchen gern die Haare. Durch ihre Körperfülle ist sie dazu gezwungen, ihre Kleider selbst zu schneidern. Weiterlesen

Rezension: Edward Lee – Das Haus der bösen Lust

„Dieses Haus wird ihn lieben.“

Bierspezialist Justin Collier sucht für sein Buch über die besten amerikanischen Biere noch eine spezielle Marke. Ein Hinweis führt ihn in das kleine Städtchen Gast in Tennessee, das in Bürgerkriegszeiten Geschichte schrieb, allerdings nicht nur positive. Es gibt ein Haus, das mittlerweile als Pension dient, in dem in der Vergangenheit schreckliche Dinge passiert sein sollen. Als Justin das Haus betritt, spürt er bereits eine Veränderung an sich, vor allem in seiner Lendengegend. Doch nicht nur seine Libido steigt, Albträume verfolgen ihn und er beginnt zu halluzinieren. Er muss aus diesem Haus raus, so schnell er kann.

Das Haus der bösen Lust, ein Titel über den ich in der letzten Zeit immer wieder stolperte. Zahlreiche gelesene Rezensionen überzeugten und verleiteten mich schließlich, mir dieses Buch zu besorgen. An dieser Stelle geht ein großes Dankeschön an Frank Festa vom Verlag, der mir ein Exemplar zur Verfügung stellte.

Die ersten gelesenen Seiten lassen mich erst einmal kräftig schlucken. Ich erwartete nicht gleich zu Beginn eine geballte Ladung von abgetrennten Körperteilen, Vergewaltigung und Erniedrigung. Natürlich war ich vorbereitet durch andere Leser, aber selbst damit konfrontiert zu werden, ist etwas anderes.
Das Buch erzählt zwei Geschichten in unterschiedlichen Zeiten. Die Rückblenden führen zurück zum Bürgerkrieg, sie beschreiben das Leben der Konföderierten und der Sklaven sowie die Entstehung des Städtchens Gast. Sie erzählen außerdem, was sich hinter dem dunklen Geheimnis der Familie Gast versteckt, schaurige, obszöne Einzelheiten werden offenbart, die den Leser schocken. Die Passagen um den Bürgerkrieg waren recht interessant zu lesen und sehr bildlich beschrieben. Der Autor sieht die Geschehnisse von damals durch verschiedene Charaktere, so dass jede Gesellschaftsklasse ihre Sichtweise darstellen kann.
In der Gegenwart versetzt Edward Lee den Leser recht schnell in die Rolle des Bierkenners Collier. Das Haus, in dem er während seines Aufenthaltes wohnen soll, jagt ihm von Anfang an einen Schauer über die Haut. Ihn verfolgen Albträume, er verspürt vermehrt sexuelle Gelüste und er leidet an Halluzinationen. Auf seiner Suche nach dem letzten Bier für sein Buch erfährt er auch immer mehr über dieses Haus und dessen düsteres Geheimnis.

Wow, was für ein Buch!
Die Verknüpfung von historischen, mystischen, bizarren und obszönen Elementen gelingt dem Autor Edward Lee perfekt. Das Haus der bösen Lust liest sich flüssig und es ist ein Buch, welches man nur schwer zur Seite legen kann, auch wenn einige Passagen den Leser sicherlich hin und wieder dazu verleiten mögen.
Der Verlag warnt auf seiner Seite vor den übertriebenen Darstellungen sexueller Gewalt. Es gab einige Stellen im Buch, die ich als Frau missbillige, die ich auch wirklich eklig fand. Ich hatte definitiv noch Schlimmeres erwartet und war froh, dass sich die wirklich harten Stellen nur auf einzelne Seiten beschränkten. Zudem sollte man sich im Klaren sein, dass Festa keine Märchenbücher verkauft und wahre Fans des Extreme Horrors werden mit Edward Lee sehr gut bedient.

Edward Lee (geboren 1957 in Washington, D.C.). Nach Stationen in der U.S. Army und als Polizist konzentrierte er sich lange Jahre darauf, vom Schreiben leben zu können. Während dieser Zeit arbeitete er als Nachtwächter im Sicherheitsdienst. 1997 konnte er seinen Traum endlich verwirklichen. Er lebt heute in Florida.
Der Autor hat mehr als 40 Romane geschrieben, darunter den Horrorthriller Header, der 2009 verfilmt wurde. Er gilt als obszöner Provokateur und führender Autor des Extreme Horror.
Quelle: (www.festa-verlag.de)

Deutsche Erstausgabe
Broschur 19 x 12 cm, Umschlag in Lederoptik
400 Seiten
Originaltitel: The Black Train
Übersetzung: Michael Krug
ISBN 978-3-86552-149-1
13,95 Euro

Rezension: Carlton Mellick III – Baby Jesus Anal Plug

„Bobby ist ein guter Name für ein Jesukindlein.“

Mit dem Buch  Baby Jesus Anal Plug  holt der Autor Carlton Mellick III ein ganz besonderes Schmankerl für alle Bizzaro-Fiction-Fans aus seiner Schublade. Wer schon einige Werke von ihm gelesen hat, meint vielleicht, dass da nicht mehr viel kommen kann. Doch wer so denkt, täuscht sich gewaltig. Das Buch besteht aus mehreren Kurzgeschichten, über die ich nicht viel verraten werde, einfach weil sich jeder selber eine Meinung bilden sollte. Es sind sechs Erzählungen, die den Leser in die verrückte Welt von CARLTON MELLICK führen. Ich denke, die einzelnen Titel sprechen für sich.

Baby Jesus Anal Plug

New York

Zuckersüß

Die Stahlfrühstückszeit

Einfache Maschinen

Porno im August

Bereits mit der ersten Geschichte  Baby Jesus Anal Plug  geht der Leser auf eine Reise in die Welt der Absurdität. Vorab gab es schon Diskussionen um das Cover. Die Darstellung einer nackten, mundlosen Frau mit einem Jesukindlein im Arm, dessen Brust geöffnet ist und eine Spieluhr offenbart, fand wohl nicht bei allen Buchverkäufern Anklang. Amazon zeigt zum Beispiel eine entschärfte Form, weil es ihnen wahrscheinlich zu anstößig war. Dabei ist dieses Buch echt ein Magnet im Buchregal. Die Titelgeschichte lässt sich kurz zusammenfassen: Es geht um zwei Menschen, die sich ein Jesukindlein kaufen, um es als Anal Plug zu benutzen. Dem nicht genug, spielen Zombies und Klone auch noch eine Rolle. Die Idee und Vorstellung scheint moralisch sehr verwerflich, einige werden sicherlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ich denke, man darf den Autor nicht zu ernst nehmen, natürlich möchte er mit diesem Werk provozieren, aber gleichzeitig macht er die Gesellschaft neugierig. So wie bei dieser Erzählung muss man sich auch bei den anderen einfach darauf einlassen können, sei es die Geschichte von den mundlosen New Yorkern oder dem Knubbel Tyler, dessen Kopf aus einem Lolli besteht. Einen tiefgründigen Hintergrund sucht man vergeblich, dessen sollte man sich von Anfang an bewusst sein. So kann man die Geschichten einfach genießen und sucht nicht ständig nach einer versteckten Nachricht.

Beim Lesen fiel mir auf, dass mich sämtliche Emotionen packten. Einerseits schüttelte ich den Kopf, weil ich mir dachte: Auf welchem Trip ist dieser Mensch, wenn er sich solche Sachen ausdenkt? Auf der anderen Seite wiederum konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen, weil die Ideen so herrlich verrückt waren, wie zum Beispiel in Zuckersüß. Diese Geschichte entwickelte sich während des Lesens zu meinem Favoriten in diesem Buch. Alle Erzählungen fanden nicht Anklang bei mir, mit Stahlfrühstückszeit und Porno im August konnte ich nicht viel anfangen. Das war mir zu verworren und auch zu langweilig.

Carlton Mellick III hat es auch mit diesem Buch wieder geschafft, mich noch neugieriger auf seine weiteren Werke zu machen. Irgendwie möchte man noch mehr von diesem Mann erfahren, mehr von seinen Gedanken, Ideen und seiner bizarren Fantasie. Wer etwas anderes lesen möchte als gewöhnliche Thriller und wer sich auf das Verrückte, Eigenwillige und Wunderliche von Carlton Mellicks Welt einlassen kann, wird mit diesem Buch gut bedient. Nicht umsonst wird Mellick oft als Tim Burton der Literatur beschrieben, und selbst dieser könnte sich bei dem Autor noch eine Scheibe abschneiden.

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Verlag: Festa
224 gelbe Seiten
14,80 Euro

Rezension: Ben Aaronovitch – Schwarzer Mond über Soho

Spuren von Magie, einem Verbrechen und Jazz

 

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Peter hat nur kurz Zeit, um seine verletzte Freundin und Kollegin Lesley am Meer zu besuchen, prompt wird er zurück nach London zu einem mysteriösen Todesfall gerufen. Ein Jazzsaxophonist ist während eines Konzertes in einem kleinen Pub einfach tot umgefallen. Das Mysteriöse an der Sache: Weder war er krank genug für einen Herzanfall, noch ist der magische Nachhall eines Saxophonsolos üblich bei Toten. Noch dazu, wenn es ein Stück spielt, das zufälligerweise gerade lief, als im zweiten Weltkrieg eine Bombe auf einen Jazzclub fiel.

Außerdem scheinen sich Fälle zu häufen, bei denen den ausschließlich männlichen Opfern ihr bestes Stück abgebissen wurde – mit einem weiblichen Körperteil, das eigentlich gar keine Zähne haben dürfte. Da Nightingale häufig nicht zur Verfügung steht, arbeitet Peter mit der Magie gegenüber äußerst skeptischen Kampflesbe von der Mordkommission zusammen und versucht, beide Fälle zu lösen.

Davon abgesehen lacht er sich eine Freundin an, beobachtet glücklich das Wiederaufleben der Jazz-Karriere seines Vaters, muss auf einen übermütigen jungen Flussgott achtgeben und steckt seine Nase in Dinge, die ihn seine Neugier bald bereuen lassen dürften.

Schwarzer Mond über Soho knüpft kurz nach Die Flüsse von London an und steigt direkt ins neue Geschehen ein. Die Thematik Musik, insbesondere Jazz, dominiert das Buch und Ben Aaronovitch beweist großes Wissen und gute Recherche in allen Details. Es ist seinem Vorgänger in Sachen Humor und Niveau ebenbürtig, wirkt aber allgemein ein wenig ernster. Der Leser taucht tiefer in Peters Welt aus Magie und Polizeiarbeit ein, und auch London wird mit dem Einstieg in die Künstlerszene und das In-Viertel Soho detaillierter als noch im ersten Band skizziert.
Peter hat zwar viel gelernt, doch insbesondere ohne Nightingales ermittlerische Anleitung spürt man deutlich, dass er sich oft noch wie ein unreifer Teenager verhält, was ihn allerdings nicht weniger sympathisch macht. Auch seine äußerst amüsante Arbeitsbeziehung zur Chefermittlerin der Mordkommission unterstreicht dieses Gefühl.
In der Zusammenarbeit mit Nightingale allerdings wird schnell deutlich, dass der ältere (bzw. uralte) Polizist Peters moderne Einstellung und sein großes Verständnis für Technik und Wissenschaft durchaus zu schätzen gelernt hat. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die gemeinsam unheimlich witzig und außerdem bemerkenswert erfolgreich sein können.
Schwarzer Mond über Soho scheint, obwohl eine in sich geschlossene Geschichte, bereits die Vorbereitung auf folgende Bände zu sein, deren Handlung wohl wesentlich weitreichender und größer werden wird. Aaronovitch führt Charaktere ein und macht Andeutungen, die darauf schließen lassen, dass das kleine Ermittlerteam des Folly sich bald einem wesentlich größeren Übel gegenüber sehen könnte als der Frage, wer Geisterjägerhund Toby Gassi führen muss.
Es endet nicht mit einem unbefriedigenden Cliffhanger, allerdings macht es unheimlich große Lust auf mehr und ich kann kaum erwarten, dass Teil drei Whispers under Ground in Deutschland erscheint. Wer nicht warten mag, hat die Möglichkeit, die englische Ausgabe auf amazon.de oder amazon.co.uk zu erwerben.

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Ben Aaronovitch – Schwarzer Mond über Soho
Deutscher Taschenbuch Verlag, Taschenbuch, 2012
415 Seiten
9,95€

Ebook: 8,99€

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Ben Aaronovitch

Rezension: Ben Aaronovitch – Die Flüsse von London

Harry Potter meets Metropolitan Police

 

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Das hat dem jungen Peter Grant bei seinem ersten Einsatz als Constable gerade noch gefehlt. Bei der Absperrung des Schauplatzes eines grausigen Mordes trifft ausgerechnet er einen Geist, der ihm auch noch bereitwillig als Zeuge zur Verfügung steht. Allerdings verpufft dieser, als Kollegin Lesley ankommt, und so tut Peter, was ein guter Polizist nunmal tut: Er kehrt am nächsten Tag zurück zu der kleinen Kirche am Covent Garden und geht auf Geisterjagd. Dass er dabei von einem älteren Polizisten gesehen wird, hält er für seine Karriere nicht besonders förderlich, doch am nächsten Morgen wird ihm ein merkwürdiges Angebot gemacht. Die Spezialeinheit der Metropolitan Police für übersinnliche Kriminalität, das Folly, bietet ihm eine Stelle als Zauberlehrling an. Leider besteht diese reichlich angestaubte Institution nur noch aus einem einzelnen, ebenso angestaubten Polizisten, der mit einer etwas mysteriösen Haushälterin im alten Hauptquartier lebt – seit mindestens dem Zweiten Weltkrieg. Sein neuer Chef, Thomas Nightingale, will Peter das Zaubern beibringen und seine Einheit wieder als ernstzunehmenden Teil in das Geflecht der Londoner Polizeiabteilungen einfügen.
So balanciert Peter bald zwischen normaler Polizeiarbeit, dem Büffeln von Lateinvokabeln und dem Fangen eines Mörders, der kein Gesicht zu haben scheint. Nebenbei widmet er sich seinen neuen Folly-Aufgaben wie Vampirnester ausräuchern und – Hallelujah! – die äußerst schwierige Versöhnung von Mama und Papa Themse, die Flussgötter, deren Sippen in einem ständigen Zwist liegen.

Die Flüsse von London ist ein urkomischer, cleverer Krimi, gut recherchiert und macht einfach nur Spaß. Oft überkam mich beim Lesen ein spontaner Lachanfall, der mir merkwürdige Blicke meiner Mitmenschen einbrachte. Aaronovitchs Humor ist tiefschwarz und herrlich englisch, aber er versteht es meisterlich, so auf dem Grat zwischen Fantasykrimi und Slapstick zu balancieren, dass er nie in eine Richtung abrutscht.
Die Geschichte ist geschickt konstruiert und kommt ohne übermäßigen Schnickschnack aus. Es bleibt bei einer Handvoll wichtiger Personen, zu denen der Leser schnell eine gewisse Sympathie entwickelt. Aus der Sicht von Peter geschrieben erhält man natürlich am meisten Einblick in seinen Charakter, doch auch Nightingale und Lesley bekommen von Anfang an ganz eindeutige Charakterzüge, die sich während des Lesens noch vertiefen und sie auf ihre eigene Art durchaus liebenswert machen.
Peter ist eine sympathische Hauptfigur, neugierig und wissenschaftlich begabt, allerdings kein Überflieger der Polizeiarbeit. Er muss hart arbeiten, um Nightingales Anforderungen zu erfüllen, und sein Hintergrund als dunkelhäutiger Junge, dessen Mutter Putzen geht, lassen ihn wirken wie den ganz normalen Typ von nebenan. Er wird in eine Welt geworfen, über deren Existenz er nie auch nur nachgedacht hätte, doch seine Wissbegier helfen ihm, Parallelen zwischen Magie und Wissenschaft zu erkennen und sogar einige „Gesetze“ zu formulieren. Zum Beispiel: „Magie + Handyakku = neues Handy nötig.“
London wird hier nicht als glänzende Weltstadt beschrieben, sondern als das, was es ist: Ein Schmelztiegel von Kulturen, in dem alles (und zwar wirklich ALLES), ob schön oder hässlich, einen Platz hat, und in dem man sich zuweilen wohl anstrengen muss, um das Schöne zu sehen. Aaronovitch als gebürtiger Londoner weiß dies wohl besser als jeder andere.
Die Flüsse von London ist ein lesenswerter Roman, der die Genres Fantasy und Krimi nahtlos vereint und somit insbesondere für Fans von Terry Pratchett und J.K. Rowling, aber auch Arthur Conan Doyle und Agatha Christie interessant sein dürfte. Natürlich fehlt der detektivische Spürsinn der Genies Sherlock Holmes und Miss Marple, dafür punktet Peter mit frechen Kommentaren und einer Begabung fürs Übersinnliche. Aaronovitch pickt sich aus beiden Genres das Beste heraus und garniert es mit seinem einmaligen Humor. Dabei kam ein gelungenes Buch heraus, das nicht umsonst in Deutschland schnell auf die Bestseller-Listen sprang.
Der zweite Teil Schwarzer Mond über Soho ist bereits beim Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen, der dritte Band Whispers under Ground wurde bisher nur auf Englisch veröffentlicht und Nummer vier ist für nächstes Jahr geplant.

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Ben Aaronovitch – Die Flüsse von London
Deutscher Taschenbuch Verlag, Taschenbuch, 2012
478 Seiten
9,95€

Ebook: 8,99€€

Die Flüsse von London bei dtv

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Ben Aaronovitch

Jens R. Willmann – Schuldig!

Der Kommissar und der Mörder

Schuldig

Dieser Krimi birgt einen Mörder, der seine Opfer u.a. im Auftrag einer Organisation durch die sehr alte Methode des Pfahlbindens hinrichtet. Der ermittelnde Hauptkommissar Marc Hartmann, der den Leser an seiner Gefühlswelt und seinen familiären Beziehungen teilhaben lässt, ist dem Unbekannten auf der Spur. Er weiß allerdings noch nicht, dass er den Täter kennt.

In dieser Erzählung wird dem Leser ein tiefer Einblick in das Leben eines erfahrenen Hauptkommissars gegeben. Wir nehmen teil an seinen Winkelzügen, erleben seine Bedrängnis aufgrund der telefonischen Bedrohung hinsichtlich seiner Aussage gegen seinen Exkollegen, der wegen Korruption einsitzt. Sein vorher bearbeiteter Fall einer Mutter, die ihre drei Kinder getötet und sich selbst in seinem Büro erschoss, hat Marc sehr erschüttert. Das nicht einfache Verhältnis zu seiner Tochter Melanie macht die ganze Situation auch nicht besser. Und dann eben dieser neue Fall: Ein Opfer wird an einem Baum durch Pfahlbinden getötet – nicht zum ersten und letzten Mal. Der Täter hat alles akribisch vorbereitet und macht es dem Kommissar und seinen Kollegen schwer, eine Spur zu ihm zu finden. Der Ablauf von der Vorbereitung der Taten, der Durchführung, den Gedanken und Wegen des Mordenden, die hierzu vonnöten sind, werden auf geschickte Art und Weise in den Handlungsverlauf eingewebt.

Das ebook ist absolut lesbar, wenn man mal von der eigenartigen, fehlerhaften Paginierung und einigen Rechtschreibfehlern absieht. Es ist kein typischer Krimi, aber wer auch Interesse an der Geschichte hinter der Geschichte hat, wird hier spannend unterhalten. Trotz der oben genannten Schwierigkeiten hing ich immer wieder stundenlang an dem Stoff, schimpfte über die Paginierung, weil es nicht schnell genug gehen konnte, umzublättern. Die tragische Verwicklung von Melanie, der Anschlag auf und die daraufhin eintretende Veränderung bei Hartmann würzen die Geschichte. Seine Kollegen leiden mit ihm mit, seine Frau versucht ihm beizustehen, aber der Kommissar geht seinen eigenen Weg – und der Leser ist immer dabei.

Jens R. Willmann wurde 1968 in Cloppenburg in Niedersachsen geboren und lebt in Kiel. Er betreibt das Krimi Onlinemagazin Kaliber 9.

Weitere bisher erschienene Bücher des Autors:
Kommissar Hartmann. Der Kronzeuge. Ein Wuppertal-Krimi (2004)
Kommissar Hartmann – Skrupellos und ohne Reue (2005)
Die Kommissar Hartmann Trilogie: Wuppertal Krimi (2010)

 

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Jens R. Willmann – Schuldig!
(Krimireihe Kommissar Hartmann – Wuppertal Krimi)
(14. Juni 2012)
Amazon
Kindle Edition: € 3,08
Broschiert: € 8,90

 

by Horusauge

Rezension: Simone Felice – Black Jesus

Wir begegnen uns, endlich!

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Der junge Soldat Lionel White kommt blind aus dem Irak-Krieg zurück und zieht wieder bei seiner Mutter Debbie ein, die mittlerweile in der aufgegebenen Eisdiele des kleinen Kaffs Gay Paris im Bundesstaat New York lebt. Lionel – den seine Army-Kumpel „Black Jesus“ getauft haben, weil er so hellhäutig ist und an Weihnachten geboren wurde – verbringt seine Tage depressiv, verbittert und zugedröhnt mit Schmerzmitteln, während seine Mutter Debbie zusammen mit ihrem Freund, dem Hilfssheriff und Halb-Mohikaner Joe, ihren täglichen Trödelmarkt vor dem Haus betreibt. Tagein, tagaus der selbe Trott in einem kleinen amerikanischen Ort, in dem alle irgendwie ums Überleben kämpfen.
Bis eines Tages die bildhübsche Gloria auf der Bildfläche auftaucht, Gloria mit der tollen Figur, dem verrückten Wesen und dem gebrochenen Bein. Das hat die aufstrebende Ballerina (und Stripperin) ihrem Ex-Freund Ross zu verdanken, einem neurotisch-wahnsinnigen Musikkritiker der LA Times, der die Tanzerfolge seiner Freundin nicht verkraftete und ihr deshalb mit einem Baseballschläger das Bein brach. Die Flucht vor ihm hat sie auf ihrem Moped von Kalifornien quer durch die USA bis in die Catskill Mountains gebracht. Sie findet Zuflucht bei Lionel und seiner Mutter, und alles ändert sich …

Was wie eine nicht überraschende Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern klingt, ist in diesem Buch jedoch viel mehr, aber auch viel weniger. Lionel und Gloria sind zwar die zentralen Persönlichkeiten der Handlung, doch wird Debbie und ihrem Freund Joe sowie dessen Mutter Bea, die im Altersheim unglücklich ist und bald an Krebs sterben wird, genauso viel Platz eingeräumt wie auch Glorias verrücktem Ex-Freund Ross. Die Liebesgeschichte findet fast nebenbei und kaum erwähnt statt, und doch erlebt man sie als Leser – das ist dem Autor Simone Felice wirklich gut gelungen, ebenso wie einige zarte, melancholische und sehr berührende Momente im Leben dieser ganzen Underdogs. Lionel und Gloria finden sich, doch noch vor den romantischen Gefühlen kommt die Gewissheit, nicht länger allein zu sein in dieser hoffnungslosen Welt und sich einen eigenen Kokon zu schaffen.

Simone Felice hat ein wirklich gutes Auge für Atmosphäre, für skurril-liebenswerte Gestalten, für das „andere“ Amerika. Doch gerade das Einfangen des Momentes hat mich beim Lesen auch ein klein wenig enttäuscht, da die Geschichte eben auch in Momenten erzählt ist, oft zwischen den Hauptcharakteren hin und her springt, immer nur kurze Szenen beleuchtet, viele lyrisch-nachdenkliche Passagen einschiebt, die sich schön lesen, aber nicht handlungsorientiert sind. Das Personal bleibt bei aller Sympathie etwas spröde und fern, ein wirkliches Bild der einzelnen Menschen wird nicht greifbar.
Bei einer Gesamtlänge von sehr großzügig gesetzten 200 Seiten kann man allerdings eine epische Aufbereitung der Handlung nicht erwarten, sondern muss sich einfach auf Simone Felices Stil einlassen. Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert für alle, die Outsider-Geschichten aus Amerika, schräge Charaktere und ungewöhnliche Liebespaare mögen.

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Simone Felice, 35, ist ein amerikanischer Folk/Country-Musiker, der zuerst mit der Gruppe The Felice Brothers, seiner eigenen Band The Duke & The King und zuletzt auch als Solo-Künstler große Erfolge feiern konnte. Er hat neben Black Jesus noch weitere Bücher, Novellen und andere Texte veröffentlicht. Black Jesus ist sein erstes Buch auf Deutsch.

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Black Jesus
Übersetzer: Bernd Gockel
Verlag: Heyne Hardcore, 207 Seiten, Hardcover
Preis: 14,99€ (Kindle-Ausgabe: 11,99€)

Seite des Autors

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Heyne