Rezension: Elspeth Cooper – Die Lieder der Erde

„Einen Hexer oder eine Hexe
sollst du nicht leben lassen…“

Der junge Novize Gair wird der Hexerei beschuldigt und nach langer Folter dem alten Präzeptor Ansel vorgeführt. Der gesamte Rat erwartet die Todesstrafe – doch Ansel entscheidet sich dafür, den Jungen stattdessen zu brandmarken und zu verbannen. In seine Handfläche wird das Zeichen der Hexerei gebrannt und man lässt ihn laufen – allerdings ist er als Vogelfreier nun zum Abschuss freigegeben. Als ein mysteriöser Fremder auftaucht, der Gair seine Hilfe anbietet, hat der Junge kaum eine andere Wahl. Sein geheimnisvoller Begleiter heißt Alderan, und schafft den noch immer verwirrten und verletzten Ex-Novizen außer Landes, natürlich nicht ohne gewisse Schwierigkeiten, denn die Entscheidung des Präzeptors ist unter den fundamentalistischen Mitgliedern der Kirche nicht auf Verständnis gestoßen. So wird ein Hexenjäger auf ihn angesetzt, der Gair und Alderan auf ihrer mühsamen Reise das Leben schwer macht. Endlich außer Landes kehrt ein wenig Ruhe ein und Alderan eröffnet Gair, dass auch er die „Lieder der Erde“ hören kann, der „Sang“, die Grundenergie des Universums, die alles durchfließt, und die wenigen, die diese Lieder hören können, werden zur Magie befähigt. Außerdem bietet er ihm an, ihn mit auf die Westinseln zu nehmen, wo es eine Schule gibt, in der man ihn lehren kann, seine Fähigkeiten einzusetzen, denn bisher war Gair eher intuitiv und zufällig auf den Sang in ihm gestoßen. Da der ehemalige Novize weder Freunde noch Familie hat, entschließt er sich, mit Alderan zu kommen, und trotz weiterer Fallen des Hexenjägers und eines komischen Vogels namens Savin gelangen sie schließlich zu den Inseln.
Hier erhält Gair seine Ausbildung, obwohl sich schon beim Einstufungstest am ersten Tag herausstellt, dass er weit überdurchschnittlich begabt ist. Als sich zeigt, dass er offenbar neben Meisterin Aysha der einzige weit und breit ist, der seine Gestalt wandeln kann, wird diese auf ihn aufmerksam…
Die Zeit könnte schön und ruhig sein, wären da nicht die schrecklichen Nachrichten des Wächters Masen, der berichtet, dass der Schleier zwischen den Welten zerbricht. Als Gair auf einem Ausflug unerwartet angegriffen und lebensgefährlich verletzt wird, wird langsam klar, dass die Kirche, die Jagd auf Hexen macht, eigentlich das geringere Problem ist, und plötzlich scheint ein Kampf unvermeidbar…

„Die Lieder der Erde“ basiert auf einer wunderbaren Idee, die versucht, zwischen realer historischer Inquisition und High-Fantasy zu balancieren. Es wird eine sehr große und komplexe Welt skizziert, doch leider spürt man, je weiter man voran kommt, dass eigentlich außer der Grundidee nicht viel Neues dabei ist. Spätestens ab der Ankunft von Gair und Alderan in der Schule hat man mehr und mehr den Eindruck, dass eine Idee, die für etwa 100 Seiten gereicht hätte, auf 557 gestreckt wurde, und dass für viele Details, die eine Welt lebendig machen, die Ideen fehlten – daher findet man durch das ganze Buch verstreut Szenen, Beschreibungen und Rassen, die verdächtig an „Herr der Ringe“, Terry Pratchett, „Harry Potter“ und sicher noch ein halbes Duzend weiterer Fantasy Romane erinnern. So zum Beispiel die astolanische Prinzessin Tanith, Heilerin, die eine Art Elbin ist, deren Rasse zwischen den Welten lebt und sich aus den Angelegenheiten der Menschen heraushalten möchte, besonders ihr Vater drängt sie dazu, doch sie ist verliebt in den jungen Gair – klingt verdächtig nach Arwen und Elrond. Ebenso Gair und Savin, beide von Geburt an bemerkenswert begabt, doch Savin sein Leben lang böse – ein bisschen Harry und Voldemort?
Auch stilistisch fallen auf den zweiten Blick zum Teil Mängel auf. Cooper versucht, sehr ausdrucksstarke und malerische Vergleiche zu ziehen, meist gelingt das auch gut, aber manchmal passieren dabei einfach grobe Schnitzer. In etwa muss Masen sich beeilen, um vor der Dunkelheit durch eine Schlucht zu reiten, es ist fast Winter und die Sonne geht sehr schnell unter, die ganze Szene vermittelt Hektik und Panik. Der Vergleich, dass das Licht dabei so schnell schwindet, wie die Hitze aus einer abkühlenden Schmiede, ist ziemlich danebengegangen – soll das heißen, es ist nach drei Tagen immer noch hell? Auch kleinere Logiklücken finden sich, so ist zum Beispiel Gair mittags im Bad, und hängt dort ganz allein seinen Gedanken nach (mit der Betonung, er ist ganz allein weil es schon MITTEN am Tag ist!), dann kommt er nach draußen und plötzlich liegt ein Balkon noch im Schatten der Morgensonne.
Oft wird einem einzelnen Handlungsstrang so viel Aufmerksamkeit geschenkt, dass man die anderen vollkommen vergisst und sich dann wundert, wo eigentlich bestimmte Personen hin sind, und man sich dann erst mal wieder erinnern oder gar zurückblättern muss, wer da eigentlich gerade wieder aufgetaucht ist. Generell haben wenige Personen wirklich Tiefe bekommen, die meisten scheinen eher „Füllmaterial“ zu sein.
Gair, der Alleskönner, wirkt etwas zu heroisch. Gerade nach Folter aus der Institution geworfen, die jahrelang sein Zuhause darstellte, von Rittern und Hexenjägern durchs halbe Land gehetzt, kommt er in Hogwa… pardon, im Kapitelhaus an und kann im Grunde so gut wie alles, obwohl er vorher nie geübt hat und seine Fähigkeiten vor der Kirche verstecken musste.
Die Übersetzung ist ebenfalls nur teilweise gelungen, ich kann zwar keine direkten Beispiele anführen, da ich nur die deutsche Version gelesen habe, aber an vielen Stellen klingen Formulierungen holprig, nicht organisch, als hätte man nicht die richtigen Worte gefunden. Auch die Erwähnung eines „Dicken Kusses“ scheint in einem Roman, der versucht, auf einer hohen sprachlichen Ebene zu bleiben (wie es sich für High Fantasy gehört) etwas fehl am Platze, doch derartige Stilbrüche sind nicht selten. Einerseits drückt man sich sehr gewählt und höflich aus, andererseits gleiten dann beinahe flapsige, modern-umgangssprachliche Bemerkungen hinein. Auch einige grammatikalische Fehlerchen haben sich eingeschlichen.
All dies wäre einzeln genommen nicht weiter tragisch, aber wenn man einmal darauf aufmerksam wird, ist es schwer, das Buch weiterzulesen ohne immer mehr zu bemerken, was den Lesespaß zumindest für mich doch gemindert hat.
Zusammenfassend ist „Die Lieder der Erde“ ein durchschnittlicher moderner Fantasy Roman mit einigen wirklich schönen, neuen Grundideen, der dann mittelmäßig ausgebaut wurde. Die Kombination aus alttestamentarischen Elementen des katholischen Glaubens mit einer Tolkien-Welt ist ein sehr interessanter Ansatz, wirkt jedoch nicht organisch umgesetzt. Mich hat es kaum gefesselt, ich konnte das Buch problemlos mehrere Tage zur Seite legen, ohne dieses nagende Gefühl, unbedingt weiterlesen zu wollen.
Natürlich muss man sagen, dass es heutzutage sehr schwer ist, eine wirklich neue Fantasy Geschichte zu schreiben, weil so vieles schon da war. Doch hier sind die Ähnlichkeiten zu gleich mehreren anderen Werken nur mit viel gutem Willen zu übersehen.
Offenbar werden noch 2 Teile folgen, es sind auch einige lose Enden an den Handlungssträngen übrig. Vielleicht wird es ja mit der Übung etwas besser, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Millionen von Menschen sich den nächsten Band um Mitternacht am Erscheinungstag mit Sonderboten von der Post liefern lassen. Der erste Roman von Elspeth Cooper ist okay, kann für mich jedoch höchstens ein erster Versuch sein, und ich hoffe, dass die nächsten Bände in sich stimmiger sein werden.

 :lesen: :lesen: :buch2: :buch2: :buch2:

Elspeth Cooper – Die Lieder der Erde
Heyne, Paperback, 2011
558 Seiten
14,99 €
Ebook: 11,99€

Die Lieder der Erde bei Heyne

Die Lieder der Erde bei Amazon

Rezension: Jack Ketchum – The Lost

Der Charles Manson von Sparta, New Jersey

New Jersey, Juni 1964. Ray ist mit zwei Freunden unterwegs und trifft auf ein – wie er annimmt – junges Lesbenpärchen im Wald. Aus einer Laune heraus schleicht er sich nachts an deren Lager und will sie erschießen. Eine junge Frau ist sofort tot, die andere liegt vier Jahre im Koma, bis sie endlich stirbt. Doch dem Schützen ist nichts nachzuweisen.
August 1969. Mittlerweile ist Ray beliebt bei den Frauen im beschaulichen Sparta und nimmt, was er kriegen kann. Er dealt mit Haschisch, kokst und ist auch sonst kein angenehmer Zeitgenosse. Vor seinen Wutausbrüchen haben vor allem die langjährigen Freunde Tim und Jennifer Angst. Als zwei Frauen ihn abblitzen lassen und Jennifer auch nicht mehr mit Ray ins Bett gehen will, rastet er aus. Sein Amoklauf durch Sparta beginnt und fordert viele Opfer…

„The Lost“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Nur eine Woche nach den Charles-Manson-Morden läuft Ray Pye Amok und tötet sieben Menschen auf grausame Weise. Das Buch beginnt allerdings mit den ersten Morden an den zwei scheinbaren Lesben. Ray hat einfach mal Lust drauf, einen Menschen zu töten, weil er die Macht spüren will. Ein Mädchen kann fliehen und liegt vier Jahre lang im Koma. Ist nicht so gut gelaufen, denkt er. Nicht, weil die junge Frau vielleicht leidet, sondern weil sie vom Tatort flüchten und ihn womöglich als Täter identifizieren könnte – wozu es jedoch nie kam.
In einem langen Teil erzählt Jack Ketchum die Woche vor dem Amoklauf. Pye, seine Freunde und die Frauen Sally und Katherine, die er neu kennenlernt und unbedingt flachlegen will, werden beschrieben. Es gelingt, ein perfektes Bild des Seelenlebens der Hauptakteure darzustellen und ihre Perspektivlosigkeit zu beschreiben. Jennifer hat keinen Abschluss und braucht den spendablen Ray, der Haschisch verkauft, das Tim von einem Postfach abholt. Sally sucht einen Job für den Sommer und schmeißt zweimal hin, zusätzlich hat sie eine Affäre mit einem erheblich älteren Expolizisten. Und Katherine? Ihre Mutter ist schizophren und in einer Klinik, ihr Vater ist wohlhabend und sie scheint sehr genau zu wissen, was sie will. Als ihre Mutter jedoch stirbt und Katherine für Ray nicht verfügbar ist, wird er sauer und ihm fehlt das Verständnis dafür.
Ketchums Erzählung wird immer durchbrochen von kurzen Berichten über Gimp, einer heimatlosen Katze. Das lockert ein bisschen auf. Denn obwohl über zweihundert Seiten nicht wirklich viel passiert, bauen sich Spannung und Unbehagen auf. Man spürt, dass Ray irgendwann ausrasten muss. Er ist latent aggressiv und der Autor kann dies sehr gut vermitteln. Zwischendurch geschehen die Manson-Morde, ein kleine Zwischenspiel scheinbar, doch was alle in Entsetzen stürzt, fasziniert Pye – und als er später ausrastet, scheint er eben genau diese Morde nachstellen zu wollen. Vor nichts und niemandem weicht er zurück, als er die Waffen nimmt, ins Auto springt und seine drei Frauen entführt – eine Blutspur hinter sich herziehend.
Das Buch hat mich gefesselt und berührt. Die Brutalität und die Kälte, die Ray umgeben werden derart drastisch dargestellt, dass man glaubt, man kenne ihn. Ein faszinierendes Werk, für das Ketchum allem Anschein nach viel recherchiert hat, um so weit wie möglich am wahren Geschehen zu bleiben. Im Gegensatz zu „Evil“ ist sein neuester Roman nicht durchgehend grausam, sondern hat zu Beginn und zum Ende hin seine blutigen Momente. Dazwischen gelingt mit viel sprachlichem Feingefühl ein Seelenstriptease der verlorenen Protagonisten.

„Wir sollten sie abknallen. Du warst nie jagen, Jen, deshalb kannst du das nicht verstehen. […]Man sieht es in ihren Augen. In einem Moment ist alles okay […]. Und im nächsten Moment sind sie in der Karnickelhölle.“ (The Lost, S. 13)

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch:


Jack Ketchum – The Lost
Heyne-Hardcore, 2011.
432 Seiten
19,99 €, Gebundene Ausgabe.
Heyne
Ketchum
Amazon

Rezension: Chris Carter – Der Vollstrecker

Rache – Der stärkste Grund zu leben

Detective Robert Hunter wird zu einem Tatort gerufen, der grausiger kaum sein kann. Ein Priester wurde enthauptet und auf dem Rumpf steckt ein Hundekopf. Was zunächst nach einer Einzeltat aussieht, entpuppt sich bald als Werk eines Serienmörders, der seine Opfer auf bestialische Weise tötet und dabei immer deren größte Angst real werden lässt. Nach langer Suche werden Hunter und sein Partner Garcia fündig: Die Morde geschehen aus Rache, doch fehlt vom Täter weiterhin jede Spur. Schließlich treffen sie die siebzehnjährige Mollie, die hellsichtig ist und kurze Momente der Verbrechen miterlebt. Zeitgleich treibt der „Slasher“ in L.A. sein Unwesen und tötet junge Frauen. Werden Hunter und Garcia die nächsten Morde verhindern können?

Das Buch beginnt mit einer Folterszene, bei der ich die Zähne zusammenbeißen musste. Drei Schüsse mit der Nagelpistole ins Knie – da brauch ich nicht mehr den Hinweis des Autors, dass das Opfer schreit. Nicht minder brutal geht es weiter: Immer ekliger und grausamer werden die Morde. Beim zweiten beschriebenen Tötungsdelikt wird nicht nur Detective Garcia übel. Die Beschreibung der verkohlten Leiche und des geschmolzenen Gesichts ist hinreichend ausführlich.
Mit vielen Details beschreibt Chris Carter, was der Täter seinen Mitmenschen antut und wie brutal und rücksichtslos er dabei vorgeht. Aber auch das Seelenleben wird beschrieben. Dabei schöpft der Bestsellerautor wohl aus seinen eigenen Erfahrungen als forensischer Psychologe in L.A.
Ein bisschen seltsam erscheint die Figur Mollie. Passt eine Hellsichtige wirklich in einen Thriller dieser Art? Ja, tut sie. Wenngleich nicht immer ganz logisch in den Verlauf der Handlung eingebunden, ist ihre Rolle für diese Geschichte wichtig. Dafür ist der Protagonist Hunter umso typischer für einen amerikanischen Polizisten. Natürlich erzählt er seinem neuen Captain Barbara Blake nicht alles, setzt sich über deren Anweisungen hinweg, ist gutaussehend und bekommt jede Frau ins Bett – lässt aber die aufdringliche Reporterin abblitzen. Die stirbt übrigens auch, leider bleibt das Motiv auf der Strecke. Außerdem bricht der Polizist mal eben in das Haus eines möglichen Verdächtigen ein, ist eher ein Einzelkämpfer und beschützt die verstörte Mollie. Die Figur des Robert Hunter ist etwas zu trivial, zu sehr wie so viele andere Detectives, sei es Linley aus den Elisabeth George Krimis, Jenner aus Jonathan Hayes‘ Thrillern oder Dr. Hunter aus der Beckett-Reihe.
Dennoch bleibt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend und macht es dem Leser sehr schwer, es wegzulegen. Der Magen sollte allerdings leer sein.
„Der Vollstrecker“ ist das zweite Werk des Brasilianers Chris Carter, der mit „Der Kruzifixkiller“ auf Anhieb einen Verkaufshit landete. Man muss das Erstlingswerk nicht gelesen haben, um alle Zusammenhänge zu verstehen, aber schaden kann es nie.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch:


Chris Carter – Der Vollstrecker
Ullstein-Taschenbuch, 2011
488 Seiten
9,99 Euro

Ullstein
Chris Carter
Amazon

Rezension: Bentley Little – Verderben

„Der LADEN kommt“ –
Ein Einkaufsparadies wird zum Albtraum

 

verderben

Juniper ist eine kleine Stadt in Arizona. Umgeben von unberührter Natur und mit begrenzten Einkaufsmöglichkeiten fühlen sich die Bürger hier wohl. Als der LADEN eine Filiale ankündigt, ist man zunächst begeistert, denn endlich muss man nicht mehr in angrenzende Städte fahren, um das einzukaufen, was in Juniper nicht angeboten wird. Wortwörtlich über Nacht wird eine Wiese planiert und der LADEN errichtet. Er wird zum größten und bald auch einzigen Arbeitgeber in der Stadt, denn alle privaten Geschäfte müssen schließen. Bill Davis ist gegen die neue Einkaufsmöglichkeit, die anscheinend den Stadtrat besticht, der immer seltsamere Gesetze verabschiedet und schließlich geschlossen Suizid begeht – oder war es doch Mord? Dann sind da noch Bills Töchter, die im LADEN jobben und sich immer eigenartiger verhalten. Und wer sind die schwarzen Nacht-Manager, die nach Sonnenuntergang durch das Geschäft und die Stadt schleichen und Bewohner verschwinden lassen? Der LADEN ist omnipräsent und hat bald schon alles unter seine Kontrolle gebracht, einschließlich der Medien und sogar der Polizei. Als Bill zumindest seine jüngste Tochter aus den Fängen des Unternehmens befreien möchte, ist eine Kündigung unmöglich: „Sie ist Teil des LADENS!“
Plötzlich bekommt er einen Termin beim Gründer der Kette, Newman King, und muss erkennen, wer oder was hinter allem steckt. King macht Bill ein Angebot, das er scheinbar nicht abschlagen kann…

Bentley Little hat es einmal mehr geschafft, mich zu fesseln. Er schreibt flüssig und spannend, mit ein bisschen Phantasie kann man sehr gut nachempfinden, was die Hauptakteure zu fühlen scheinen: Angst, Beklemmung und Hilflosigkeit.
Wie bereits bei „Böse“ oder „Fieber“ hat sich der amerikanische Autor eine Situation aus dem täglichen Leben herausgegriffen, die er zum Albtraum werden lässt. Auch in seinem neuen Buch „Verderben“ beschreibt er, wie die Akteure immer mehr an Individualität und Entscheidungsfreiheit verlieren und verstärkt zu Marionetten werden, die einem Etwas folgen. Dass es sich dabei nur beim ersten Blick um einen Menschen handelt, wird bald deutlich. Was ist es, das alles befiehlt und scheinbar übernatürliche Kräfte besitzt? Little beantwortet diese Frage nie komplett. Der Leser kann sich aussuchen, ob es ein Dämon ist oder der Leibhaftige persönlich.
Im Vergleich zu anderen Romanen des Amerikaners hat „Verderben“ einen moralischen Aspekt. Unser Konsumverhalten wird beleuchtet und wir kriegen einen Schlag auf die Finger. Wo kaufen wir denn ein? Beim Tante-Emma-Laden, der seit über 20 Jahren existiert, der aber auch ein paar Cent teurer ist? Oder doch lieber beim Discounter, ein riesiges, günstiges Einkaufsparadies, das alle anderen Einkaufsmöglichkeiten verdrängt? Vielleicht ist dies unbewusst, aber der Leser wird zum Nachdenken aufgefordert und analysiert sein eigenes Kaufverhalten.
Die Einschränkungen der Bewohner Junipers sind zwar deutlich, aber nur unterschwellig drastisch. Obwohl mir die Geschichte sehr gefallen hat, bin ich enttäuscht, dass manche Aspekte in zwei Sätzen angesprochen werden, aber nicht weiter ausgeführt. Auch der Klappentext verspricht etwas Anderes, eine deutlichere Darstellung der negativen Auswirkungen auf den einzelnen Mitarbeiter des LADENS, eine genauere Beschreibung der Nacht-Manager und ähnliches. Aber diese existieren nur, werden hier und da kurz beschrieben, mehr nicht.
Littles Romane ähneln sich. „Verderben“ ist das dritte Buch von ihm, das ich gelesen habe und mir war von Beginn an klar, wie die Geschichte verlaufen wird. Es scheint, als habe der Autor sich ein Schema überlegt und nach diesem schreibt er alles. Dabei wird nur der Ort umbenannt, die Protagonisten bekommen andere Namen und es geht um ein anderes Übel. Ob es nun eine Versicherung ist, die restlos alles versichern kann und will; eine Wohnsiedlung, die alles kontrolliert durch hirnrissige Regeln oder eben ein Discounter, der seine Kunden und Angestellten zu willenlosen Geschöpfen macht. Dennoch werden – und das muss man Little hoch anrechnen – die Bücher nicht langweilig, sondern bleiben konstant ansprechend und spannungsgeladen. Was passiert denn noch, wie weit geht der Autor und hat der Protagonist eine Chance gegen das Böse? Gewinnt er den Endkampf oder gibt er sich der Macht hin? Denn:
„Jede Seele ist käuflich. Was ist dein Preis?“

:buch: :buch: :buch: :buch2: :buch2:


Bentley Little – Verderben
Bastei Lübbe Taschenbuch, 2011.
541 Seiten.
8,99 Euro

Bastei Lübbe
Bentley Little
Amazon

Rezension: David Peace – 1974

Ein Trip durch die Hölle

peace_d_1974_kleiner

Edward Dunford ist ein junger, aufstrebender Gerichtsreporter im Norden Englands, seiner Heimat, in die er nach einigen Lehrjahren in der Londoner Fleet Street – dem Zentrum der englischen Presse – gerade zurückgekehrt ist. Er hat bereits einen großen Fall in seiner Karriere bearbeitet und dafür Ruhm und Ehre eingeheimst. An seinem ersten Arbeitstag im Dezember 1974 in der Redaktion der Yorkshire Post schlägt ihm allerdings wenig Sympathie von den alteingesessenen Platzhirschen entgegen. Außerdem hat er gerade erst seinen Vater beerdigt. Umso energischer stürzt er sich daher in die Recherchen zu seinem vermeintlich ersten bedeutenden Fall hier im Norden: Am Tag vor seinem Dienstantritt ist die zehnjährige Clare Kemplay auf dem Heimweg von der Schule verschwunden, die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren. Doch wieso scheint Eddie der einzige zu sein, der hier Verbindungen zu zwei weiteren in den letzten fünf Jahren verschwundenen kleinen Mädchen sieht? Wieso nimmt ihn keiner seiner Vorgesetzten, niemand Ranghöheres von der Polizei ernst? Als Clare Kemplay kurz darauf missbraucht und grausam ermordet auf einer Baustelle aufgefunden wird, stürzt sich Eddie kompromisslos und auf eigene Faust in die Recherchen und sticht damit in ein Wespennest aus Korruption, personellen Verflechtungen auf höchster Ebene, Erpressung und Gewalt. Seine Ermittlungen führen ihn in die höchsten Kreise von Polizei und Stadtverwaltung, und diese Menschen wollen ihre Geheimnisse um jeden Preis wahren. Nach einem elftägigen Albtraum, in dem Eddie unzählige Male verprügelt, gedemütigt und bedroht wird und viele Menschen sterben, stößt er schließlich auf den wahren Mörder der Mädchen. Frieden bringt ihm dies jedoch nicht.

1974 ist wahrlich kein einfach zu lesendes Buch. Die Handlung ist hart, brutal, erbarmungslos, die Atmosphäre düster und hoffnungslos, die Sprache dementsprechend verknappt, assoziativ, schnell. Ein Hard-boiled-Thriller par excellence, der auf jeder Seite den Geist des großen Meisters dieses Genres, James Ellroy, atmet. Leider mangelt es dieser Verneigung vor dem großen Vorbild meiner Meinung nach massiv an Eigenständigkeit und vor allem der Finesse solcher Romane wie Die schwarze Dahlie, sondern bedient sich allzu sehr der bewährten Versatzstücke des Genres. Ein einzelkämpferischer Ermittler – in diesem Fall ein junger Gerichtsreporter –, der sich gegen alle Widerstände in einen Fall verbeißt und von allen Seiten dafür Schläge und Drohungen kassiert; eine düstere, hoffnungslose Atmosphäre aus Gewalt, Verbrechen, Leid und Brutalität; ein desillusioniertes Menschenbild.

Die dazugehörige Sprache ist dementsprechend wenig feinfühlig, und je öfter ein Fäkalausdruck oder ein Schimpfwort in einem Satz verwendet wird, desto authentischer will sich das Buch geben. Stakkatohafte, verknappte Sätze, häufige Perspektivenwechsel in diesem eigentlich von einem Ich-Erzähler dominierten Text, eine schwer überschaubare Menge an handelnden Personen und hohe Dialoglastigkeit machen es dem Leser anfangs schwer, sich auf das Buch einzulassen. Seine besten Momente hat 1974 aber tatsächlich, wenn es nicht mit Gewalt einen auf dicke Hose machen möchte, sondern fast so etwas wie ein stringent erzählter Journalistenthriller wird, wenn der Autor auch mal erzählt und dem Leser die Chance gibt, Eddies Ermittlungen folgen zu können. Dann entwickelt das Buch etwas von der in vielen Rezensionen angepriesenen Größe, und man kann sich von der höllischen Atmosphäre dieser elf Tage gefangen nehmen lassen.

Schwerer noch als die Sprache fiel mir allerdings, einen Zugang zur Hauptfigur Eddie zu finden – auch wenn dieser Zugang wahrscheinlich gar nicht vorgesehen war und ich nur danach gesucht habe. Das gesamte Personal des Buches handelt oft sehr impulsiv, irrational und grundsätzlich gewalttätig – ob verbal oder tätlich –, und Eddie macht da keine Ausnahme. Er ist das lebende Klischee eines Reporters vergangener Zeiten, sein Leben besteht aus Rauchen, Kotzen, Saufen, Verprügelt werden, niemals Wasser an sich lassen oder gar Schlafen, zwischendurch die von ihm schwangere Freundin abservieren, eine andere Frau vögeln (die ihn trotz seines verwahrlosten Zustandes natürlich sexy findet) und und und. Und der irgendwie nebenher einer wirren Story nachjagt, die der Leser nicht unbedingt in allen Einzelheiten nachvollziehen können muss.

Aber: Ich will das Buch nicht vollkommen verreißen, es ist ein Debüt, von dem aus der Autor sich definitiv noch weiterentwickeln kann. Für James-Ellroy-Jünger ist es auf jeden Fall eine lesenswerte Lektüre, und wenn man die ersten verwirrenden hundert Seiten, in denen einem Personen, Schauplätze und Ereignisse rücksichtslos um die Ohren gehauen werden, hinter sich gebracht hat, liest es sich auch recht spannend. Mir allerdings blieb das Buch – für mich bedingt durch die Sprache des Autors, die an einigen Stellen auch durchaus verbesserungswürdig zu übersetzen gewesen wäre – immer zu sehr an der Oberfläche, hat mich trotz der explizit dargestellten Gewalt nicht berührt. Meine Art von Thriller ist es definitiv nicht, doch davon soll sich niemand abhalten lassen, dem Buch eine Chance zu geben. „Die Zukunft des Kriminalromans“, wie Ian Rankin vollmundig auf dem Cover von 1974 verkündet, sehe ich darin allerdings wirklich nicht.

:buch: :buch: :buch: :buch2: :buch2:
David Peace (geb. 1967) stammt aus Yorkshire, England und schreibt überwiegend Kriminalromane. Er arbeitete lange Jahre als Englischlehrer in Istanbul und Tokio und lebt seit einigen Jahren mit seiner japanischen Frau und zwei Kindern wieder in England. Sein Werk umfasst mittlerweile eine Vielzahl von Romanen – darunter das bekannte „Red Riding Quartett“, dessen Auftakt 1974 bildet –, die alle mehr oder weniger genau auf realen Ereignissen, wie z.B. den Morden des Yorkshire Rippers Peter William Sutcliffe (beim „Red Riding Quartett“) basieren.
Seine Werke wurden international ausgezeichnet, außerdem erhielt er u.a. bereits zweimal den Deutschen Krimipreis.

Verlag: Heyne Hardcore
Format: TB, 384 Seiten
Originaltitel: NINETEEN SEVENTY FOUR
Übersetzung: Aus dem Englischen von Peter Torberg
Preis: € 8,95

 

amazon

Verlag

 

Rezension – Daniel Pyne: Rachezeit

Die Wüste ist ein grausamer Ort

pyne_drachezeit_121114

Die Freundschaft zwischen Jack und Tory wurde bereits mehrfach auf harte Proben gestellt, aber sie hält dennoch schon seit 15 Jahren – und das obwohl der jähzornige Tory seinen besten Kumpel einst bei einem Streit so schwer verletzte, dass Jack auf einem Auge blind ist. Doch jetzt droht der latente Streit zwischen den beiden zu eskalieren, denn Tory findet heraus, dass Jack ein Verhältnis mit seiner Frau hat.

Jack flieht in ein Motel in der Wüste, um der Rache des Psychopathen zu entgehen. Dort trifft er auf die jugendliche Ausreißerin Rachel und die undurchsichtige Mona, die ihn sofort fasziniert. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre, doch Jack weiß, dass er nicht bleiben kann, er muss auf der Hut sein. Bevor es richtig ernst werden kann, verlässt er die dunkle Schönheit und will sich absetzen, nur weg, nur keine Verantwortung, nur nicht noch mehr Komplikationen!

Komplizierter wird es allerdings: Mona wird bestialisch in Jacks Motelzimmer abgeschlachtet, und Jack gerät unter Mordverdacht. Doch er weiß: Torys Rachefeldzug hat gerade erst begonnen…

Weiterlesen

Rezension: Andras – Schatten

Viel Schmerz und nackte Haut

 

schatten

Im verschneiten Wien wird bereits die dritte junge Frau gekreuzigt vorgefunden. Der nackte Körper ist übersät mit Striemen von einer Peitsche. Marcus Wolf, ehemaliger Polizist und durch eine Erbschaft vor acht Jahren Besitzer des bekanntesten SM-Clubs der Stadt wird in die Ermittlungen einbezogen. Alle Spuren führen zu seinem Edel-Bordell und er ist der einzige, der über die nötigen Kontakte zur Szene verfügt, um den Täter zu identifizieren. Doch Wolf plagen plötzlich Zweifel, ob alles, was er im „Dominion“ und mit seinen drei Subs tut so richtig ist. Was hat der Erbonkel zweien von ihnen angetan und welche Verbindungen hatte er, dass ein altes Video einer Kreuzigungssession im Internet auftauchen konnte und nun nachgestellt wird? Ein geplanter Rachefeldzug gegen Wolf oder Sadisten, die keine Grenzen kennen und mit einer unbekannten Substanz ihre Opfer willig machen? Doch viel Zeit für Nachforschungen bleibt nicht mehr, denn über das nächste Opfer wird bereits im Internet abgestimmt und in drei Tagen ist Deadline…

Der Roman fesselt. Gleich mit einem Tatort beginnend, wartet man darauf, dass dieser Strang der Geschichte weitererzählt wird. Doch die Verwicklungen führen in die Vergangenheit, erzählen ein bisschen von damals, vor acht Jahren, als Marcus Wolf noch Polizist war und keinen Kontakt zu seinem Onkel hatte. Bei der Sitte hat Wolf genügend Puffs von innen gesehen, doch das „Dominion“ ist etwas anderes: Ein BDSM-Schuppen, der zu den bekanntesten Wiens gehört.
Dass die ganze Story damit zu tun hat, mag kaum verwundern. Der Umfang jedoch schon – und alle großen und kleinen Geständnisse, die ans Licht kommen.
Andras, der Autor, erzählt sehr feinfühlig, wie es in der BDSM-Welt zugeht. Er beschreibt krasse Sexszenen, malt Sessions in blutigen Farben und irgendwo dazwischen findet sich auch mal Blümchensex unter Stinos. Sein Protagonist Marcus Wolf war auch mal so ein Stino, ein Stinknormaler eben, der mit Peitschen, Handschellen, Ball-Gags und Paddels nicht viel zu tun hatte. Er ist verheiratet mit einer seiner drei Subs und kein Dom aus Leidenschaft. Vielmehr kämpft er mit sich, muss sich teilweise dazu zwingen, Caro, Amber oder Jacqueline wehzutun. Doch nach all den Jahren hat er sich daran gewöhnt und muss feststellen, dass er Gefallen daran gefunden hat, seine Liebsten zu demütigen, ihnen wehzutun oder sie an andere auszuleihen. Was wie ein No-Go klingt, ist in der Szene üblich und gar nicht so verwerflich, wie es erscheint. Durch die Zweifel des Protagonisten an seinen neuen sexuellen Vorlieben, durch seine Angst, die Grenzen zu überschreiten, erfährt der Leser, der mit der Szene nicht viel zu tun hat, dass hinter BDSM keine skrupellose Gewalt steht, keine harten Kerle, die gerne Frauen dominieren, die sich nicht wehren können, sondern genau das Gegenteil: Dahinter stehen starke Frauen, die es kickt, wenn sie geschlagen werden und wehrlos gefesselt eine Nacht auf dem Fußboden verbringen müssen. Dahinter steckt viel Vertrauen und Zustimmung und noch etwas ganz Wichtiges: Liebe. Was Außenstehende nicht begreifen können, ist die gegenseitige Zuneigung und die Verantwortung, die der dominante, sadistisch veranlagte Top für den devoten und masochistischen Partner übernimmt – und dass jeder Bottom Mayday sagen und damit das Spiel sofort beenden kann. Andreas hat ein Tabuthema angesprochen und mit viel Sorgfalt aufgearbeitet.
Dass es auch anders geht, dass Grenzen überschritten werden und ein Save-word eben nicht berücksichtigt wird, ist der unschöne Teil der Geschichte und daraus resultieren die Morde, die ausgepeitschten jungen Frauen an den Kreuzen in Wien.
Manchmal ist es eklig, was beschrieben wird. Ich kann das Buch nicht an einem Nachmittag durchlesen und nur warnen, es kann verstören. Aber spannend ist es von der ersten bis zur letzten Seite und immer wieder für eine überraschende Wendung gut.

Fazit:
Eine gut durchdachte Story, die alles hat, was man erwartet: Viel Sex, ausreichend Crime und kleine Prisen Liebe und Romantik.


Andreas – Schatten
592 Seiten
Heyne Hardcore 2008
9,95 €
Heyne Verlag
Amazon

Rezension: Susan Kay – Das Phantom

Eine der erfolgreichsten Liebesgeschichten unserer Zeit

1831 wird in einem verschlafenen französischen Nest ein Junge mit einer scheußlichen Missbildung geboren. Erik soll der Priester den Knaben taufen, denn einem solchen Ungeheuer kann die junge Mutter Madeleine unmöglich den Namen ihres geliebten verstorbenen Mannes Charles geben. Widerwillig akzeptiert sie ihr Schicksal und fertigt noch in der Nacht seiner Geburt das erste Kleidungsstück an, das Erik je tragen würde: eine weiße Maske.
Erik entwickelt sich wider Erwarten prächtig und erschreckend schnell, und bald stellt sich heraus, dass er neben einer offensichtlichen Hochbegabung viele weitere Talente besitzt, besonders seine Stimme, die von solch engelsgleicher Schönheit ist, dass selbst seine Mutter ihr voller Verzückung lauscht. Erik lernt schnell, dass er mit seiner Stimme Macht ausüben kann und verfeinert seine Fähigkeiten über die Jahre immer weiter. Er wächst eingesperrt auf, da seine Mutter und der Priester ihn vom Hass und Spott der Welt bewahren wollen. In seiner Einsamkeit entwickelt er bemerkenswertes Können als Musiker, Architekt, Zauberer, Physiker… Doch mit dem Alter wächst auch seine Neugier, und sein großartiger Geist erträgt es kaum, dass ihm Grenzen gesetzt werden.
Als seine Mutter schließlich einen jungen Mann kennenlernt, und es für Erik aussieht, als müsse sie sich entscheiden, fasst der 9 jährige einen Entschluss. Er läuft davon und eine jahrzehntelange Reise durch ganz Europa und darüber hinaus beginnt. Zigeuner, Architekten, sogar der Shah von Persien – jeder, der Erik begegnet, ist fasziniert von seinen fast übermenschlichen Fähigkeiten, und doch wird ihm stets Misstrauen und Hass entgegen gebracht. Sein unerschöpflicher Drang, etwas zu erschaffen, treibt ihn schließlich nach Paris, wo die Vorbereitungen für den Bau des neuen Opernhauses getroffen werden. Endlich eine Möglichkeit für Erik, seine Kreativität zu verwirklichen, und sich gleichzeitig ein eigenes Zuhause zu schaffen.

Basierend auf Gaston Leroux‘ Roman „Das Phantom der Oper“ verarbeitet Kay in biographischem Stil die Geschichte des fiktiven Phantoms, das die Pariser Oper in Atem hielt. Der Inhalt des Originals, bekannt auch aus dem gleichnamigen Erfolgs-Musical, wird in „Das Phantom“ nur im letzten Viertel behandelt. So konzentriert sich Kay im Hauptteil des Romans auf die Vorgeschichte. Wie wurde Erik zum Phantom, woher kam dieses Genie? Wie kann man einen so schöpferischen Geist mit den manischen Phasen eines Wahnsinnigen vereinen, ohne ihn als Monster darzustellen? Diese Fragen behandelt Kay sehr ausführlich, durchdacht und gut recherchiert. Dabei hält der tagebuchähnliche Stil die Geschichte stets sehr emotional und hilft dem Leser, sich in jeden der erzählenden Charaktere hineinzuversetzen. Für Leser, denen die Geschichte von Leroux bekannt ist, hält „Das Phantom“ natürlich wenige Überraschungen bereit, aber darum geht es in diesem Roman auch gar nicht. Vielmehr ist er eine sehr emotionale und schlüssige Hintergrundgeschichte, die uns hilft, einen der faszinierendsten fiktiven Charaktere des 20. Jahrhunderts zu verstehen.

Für „Phans“ ein echtes Muss, für Einsteiger eine gute Möglichkeit, sich mit der Geschichte vertraut zu machen und Hintergründe zu verstehen.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch:

Susan Kay – Das Phantom
Fischer Verlag, Taschenbuch, 2005

416 Seiten
9,99€

Das Phantom bei Fischer Verlag
Das Phantom bei Amazon

Rezension: S.A. Urban – Einmal Sinti und zurück

Höhen, Tiefen und ein bisschen Musik

Der neunzehnjährige Pedro ist Mitglied einer Sinti-Familie. Um sein Leben und das der Sippe zu finanzieren, geht er anschaffen. Seine Freier findet er in abends in Clubs und Diskotheken. Doch als er Carla, die Tochter einer Kundin, kennenlernt, gerät seine Welt aus den Fugen. Plötzlich sind da Gefühle, mit denen er nicht recht umzugehen weiß und er kann seinen Job nicht mehr ausführen. Die Sippe verstößt ihn und Pedro findet Zuflucht bei einer flüchtigen Bekanntschaft aus München. Der junge Mann heißt Julian, ist in den Sinti heimlich verliebt und versucht, seine Gefühle im Zaum zu halten. Während Pedro sich langsam an das neue Leben gewöhnt und von seinem Zusammenbruch erholt, beginnt er Fuß zu fassen. Er wird Gitarrist bei der Band „The Picture of Dorian“ und feiert erste Erfolge. Doch als er Carla wiedersieht und auf eine Versöhnung hofft, endet das Treffen anders als erwartet und er droht erneut zusammenzubrechen. Julian kümmert sich aufopfernd um ihn und begleitet Pedro schließlich zu seiner Familie. Doch die Reise endet mit einer Überraschung.
Ohne zu wissen, was mich erwartet, schlug ich das Buch auf und fand mich sofort in einem Gespräch zwischen Pedro und einer Freierin wieder. Keine großartige Einleitung, die erst mal mühsam beschreibt, wo man sich befindet, nein, gleich mitten rein ins Geschehen. Platte Beschreibungen vom Liebesspiel werden aber ausgelassen, stattdessen kann sich der Leser selbst Gedanken dazu machen, oder drüber hinweg lesen.
Die Geschichte ist sehr einfühlsam erzählt und alles andere als rosarot. Negative Erfahrungen und Erlebnisse werden schonungslos beschrieben, der Protagonist hat kein einfaches Leben – und es wird sogar noch schwerer für ihn, ohne dass maßlos übertrieben wird. Das Chaos der Gefühle, das Nichtverstehen der Situation und die Ungewissheit vor einem Neuanfang werden ausdrucksstark geschildert und der Leser kann mit dem jungen Pedro mitfühlen. Außerdem baut Urban viel Spannung auf, man möchte unbedingt erfahren, wie es nun weitergeht und ob dieses Vorhaben erfolgreich ist und jener Plan misslingt.
Gut gefallen haben mir der Bezug zu München und zur Schwarzen Szene, die allerdings nur am Rande beschrieben wird.
Man muss sich bewusst machen, dass der Himmelstürmer Verlag ein kleiner Verlag ist, der auch Abstriche machen muss. Das Lektorat ist nicht fehlerfrei und hin und wieder stört es beim Lesefluss, wenn Verben falsch konjugiert sind und ähnliches.
Irritiert hat mich die Tatsache, dass der Sinti Pedro seinen Körper verkauft, obwohl er noch Teil der Sippe ist. Dies ist eigentlich unüblich, aber darauf muss man sich bei diesem Roman einlassen. Dafür wird auf Kleinigkeiten geachtet, so ist Pedro Analphabet und hat Schwierigkeiten beim Briefeschreiben oder dem Entziffern der Klingelschilder.
Manchmal sind die Zeitsprünge nicht ganz nachvollziehbar und man versteht erst nach einigen Sätzen des neuen Kapitels, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist.

Ein schöner Entwicklungsroman, der trotz aller negativen Erfahrungen deutlich macht: „Das Leben war wirklich voller Überraschungen und einfach wunderbar.“

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch2:

S. A. Urban – Einmal Sinti und zurück
197 Seiten
Himmelstürmer Verlag 2010
15,90 €

Himmelstürmer Verlag
Amazon

Rezension: S.A. Urban – Engelsgesang

Die Macht der Liebe und der Musik

Der noch minderjährige Àngel van Campen flieht vor seinem gewalttätigen Vater nach München und findet dort Zuflucht bei Wolfgang, einem Musiker, der sich in den blonden Jungen verliebt. Diese Gefühle verbirgt er jedoch und ermöglicht Àngel stattdessen das Vorsingen an der Musikhochschule, um ein Stipendium zu ergattern, denn der Junge ist außergewöhnlich: Er beherrscht den klassischen Countergesang. Um Geld zu verdienen arbeitet der 17-Jährige als Aktmodell bei der Professorin Valerie Jugan, die entsprechende Fotos von ihm macht. Dadurch lernt er auch Martin kennen, ein verschlossener Typ, der sich später als Satanist entpuppt. Martin verliebt sich und beginnt eine heiße und leidenschaftliche Affäre mit Àngel, der immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Als sein Vater auf einer Vernissage auftaucht und ihn auf der Toilette missbraucht, brennen bei Martin die Sicherungen durch…

Das Buch ist gefühlvoll geschrieben. Der Leser bekommt Mitleid mit Àngel, was sicherlich gewollt ist. Obwohl es nicht angesprochen wird, ist schnell klar, was Gabriel van Campen seinem Sohn angetan hat. Dieser leidet unter seiner Vergangenheit, dem frühen Tod der Mutter und die Sorge um die Schwester, die er zurücklassen musste. Man erlebt seine erste Liebe mit, das erste Mal als verunglückter Dreier, das erste Mal mit einem Mann, mit Martin, der schon ganz andere Erfahrungen gesammelt hat und sich mit Drogen das Leben schön lügt.
Aber nicht nur die menschlichen Abgründe und alle Schreckenstaten, die aus Liebe getan werden, beschreibt Urban detailliert. Auch ist eine große musikalische Kenntnis vorhanden, werden der Countergesang und seine Besonderheiten vorgestellt, für jeden Laien verständlich. Im Anhang befindet sich eine Liste der Musikstücke, die beim Schreiben begleitet haben.
Positiv ist der Umgang mit der Schwarzen Szene und der satanistischen Gruppierung, die durch ein – nicht näher beschriebenes – Ritual aus dem ängstlichen Protagonisten einen stolzen, mutigen und lebensbejahenden jungen Mann macht. Hier wird nicht mit Klischees gearbeitet, nicht verurteilt oder gerechtfertigt. Wertungen haben in diesem Roman keinen Platz, der Leser kann neutral an die Themen herantreten und diese entweder überlesen oder sich seine eigene Meinung bilden. Vielleicht regen die Umschreibung sogar zu eigenen Nachforschungen an über die Schwarze Szene oder Satanismus.
Mir hat das Herangehen an die Homosexualität gefallen. Die sexuelle Orientierung wird nicht als gut oder schlecht abgestempelt, sie muss nicht zwingen toleriert werden. Der Leser ist hier frei, sich seine Meinung zu bilden. Dennoch werden Probleme geschildert. Zweifel, die Àngel hegt und Ängste vor dem ersten Mal werden beschrieben, aber auch Anfeindungen und Verurteilungen werden dargestellt. Die innere Zerrissenheit des Protagonisten wird deutlich benannt und der Leser kann sie gut nachempfinden. Ebenso die Panik, die Àngel überkommt, als er seinem Vater begegnet ist geradezu greifbar.
Der Roman liest sich flüssig. Wie in ihrem ersten Roman „Einmal Sinti und zurück“ baut Urban Spannung auf und überrascht immer wieder mit Ereignissen, die der Leser nicht erwartet hat. Im Vergleich mit dem Erstlingswerk fällt auf, dass „Engelsgesang“ ohne die irritierenden Zeitsprünge auskommt und in sich geschlossener ist.

Eine einfühlsame Geschichte über Vergangenheitsbewältigung und Selbstfindung.

:buch: :buch: :buch: :buch: :buch2:

S. A. Urban – Engelsang
222 Seiten
Himmelstürmer Verlag 2011
15,90 €

Himmelstürmer Verlag
Amazon