Rezension: Bastian Bielendörfer – Lehrerkind


Der neue Spitzel des Lehrerzimmers

 

Bastian Bielendorfer ist für das schulische Leben gezeichnet: Er ist der Sohn einer Grundschullehrerin und eines Gymnasiallehrers und hat das zweifelhafte Vergnügen, seine 13 Schuljahre als Lehrerkind zu absolvieren – an den Schulen der Eltern. Damit hat er von Beginn an ein Kainsmal auf der Stirn, das sagt: Schlagt mich, quält mich, lasst euren Frust gegen meine Eltern an mir aus. Nicht nur das, denn Papa und Mama sind nicht nur Berufsdidakten, sondern auch zu Hause mit Fleisch und Blut Steißtrommler, was der arme Bastian ertragen muss.

Der Autor schreibt über seine Kindheit und Jugend. Mit viel Sarkasmus gelingt es ihm, die Schwächen und Marotten seiner Eltern für den Leser darzustellen, als wäre er dabei gewesen. Bielendorfer, Jahrgang 1984, hatte es nicht leicht, so schreibt er zumindest, und Mitleid bekommt man allemal. Sein Vater ist ein geborener Scherzkeks, der den Sohn zum Bravsein bringt, indem er von einem armen, gefangenen Markus erzählt, der aufgrund seines Ungehorsams für immer in ein Gefängnis eingesperrt wurde und nichts zu Essen bekommt. Als Bastian mit einer selbstgebastelten Schultüte sein Schulleben beginnt, zerreißt diese auf dem Schulhof und er ist der Loser der Nation. Ein halbes Jahr später steht er in Pumucklunterhose vor der Bildungseinrichtung, aus Solidarität mit den Kindern in Afrika. Dass alle anderen Kinder vollbekleidet zum Unterricht erscheinen, fällt dem kleinen Bastian zu spät auf.
Auch der vermeintliche Urlaub in Russland entpuppt sich als mittlere Katastrophe. Dafür hat der mittlerweile pubertäre Sohn endlich einmal die Chance, sich an seinem pseudowitzigen Vater zu rächen, in dem er „Moskau“ von Dschingis Khan umdichtet.
Das Buch ist sarkastisch, ernst und mit netten Beschreibungen bestimmter Lehrertypen gespickt. 24 Jahre aus dem Leben des Autors werden erzählt und bringen einen oft zum Lachen. Schade ist nur, dass Bielendorfer irgendwann auch sein Abitur erlangt und das Buch trotzdem weiterführt. Man liest noch über den Zivildienst und das Studium, was aber sehr langweilige Sequenzen werden, im Vergleich zum Vorherigen.
Dennoch lohnt sich die Biographie, die nahezu kein Klischee auslässt und wird zum amüsanten Zeitvertreib. Ob einem der Autor leidtut, muss jeder für sich entscheiden. Eines jedoch steht fest: Leicht hatte Bastian es nicht.

„Eins! Ich habe eine Eins!“ […]
„Aha.“ […]
„Gut, na ja, aber du kannst ja nichts dafür, das sind die Gene.“
[Lehrerkind, S. 9f.]

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Bastian Bielendorfer – Lehrerkind. Lebenslänglich Pausenhof
Piper Verlag 2011.
304 Seiten
9,99 € Taschenbuch
Piper Verlag
Amazon.de

Rezension: Lotte und Sören Hammer – Schweinehunde

Selbstjustiz als einziger Weg zur Gerechtigkeit?

 

Fünf Männer werden erhängt und verstümmelt in einer Turnhalle gefunden. Ein Motiv scheint zu fehlen, bis eMails auftauchen, die das Vergehen der Täter anprangern. Während in Dänemark eine unvergleichbare Hetzjagd beginnt und das Volk zur Selbstjustiz greift, steht das Ermittlerteam vor einem Rätsel. Wer ist der Mörder und warum hat er ausgerechnet diese Männer ausgesucht?

„Schweinehunde“ ist eines der Bücher, die vielversprechend beginnen und dann zur Lesequal mutieren. Obwohl Gesichter und Geschlechtsteile verstümmelt sind und die Hände abgetrennt wurden, kommt das angeblich beste Ermittlerteam Dänemarks nicht auf den Gedanken, dass es eine sexuelle Komponente geben könnte. Während Leser, Medien und das gemeine Volk schnell vermuten, dass die Opfer wohl eher Täter waren, tappen Simonsen, die Comtesse und recht unbedarfte Polizisten im Dunkeln. Sogar als merkwürdige eMails verschickt werden, die klar sagen, dass es sich bei den Leichen um Pädophile handelt, dauert es unendlich lange, bis der Kommissar dann doch mal davon ausgeht, dass Vergewaltiger aufgeknüpft wurden.
Unbegründet bekommt Simonsen freie Hand und unerschöpfliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, um den Fall aufzuklären. Dabei fragt sich jeder vernünftig denkende Mensch: Was macht der Mann da? Sinnlos schickt er die Polizisten durch das ganze Land, damit sie dort Informationen einholen, die erheblich schneller und kostensparender per Mail oder Telefon weitergegeben werden könnten – und das geschieht auch. Während Pauline oder wahlweise auch Arne also durch das Land reisen, trudeln im Hauptquartier die angeforderten Infos ein und helfen doch nicht weiter. Immer wieder gibt es Szenenwechsel, die das Agieren der vermeintlichen Täter beschreiben und Dänemark stellt sich gegen die Polizei und schlachtet die nun öffentlich bekannten Pädophilen regelrecht ab.
Aus den USA ist bekannt, dass gegen aus der Haft entlassene Vergewaltiger ähnlich vorgegangen wird, so fremd erscheint einem die Beschreibung also nicht. Und natürlich steht man nicht auf der Seite der Täter – aber man hat doch ein gewisses Maß an Rechtsempfinden.
Das Buch wirkt unzusammenhängend und lieblos. Plötzlich duzen sich zwei Personen, die sich ein paar Sätze weiter im gleichen Gespräch doch wieder siezen. Das Ermittlerteam arbeitet weder zusammen noch effizient, jeder macht, was er will und irgendwie wird der Fall schon gelöst werden. Unvermittelt ist jemand tot und das bereits seit zwei Tagen, konnte aber eben noch aktiv werden. Es ist nicht seltsam, dass Briefe von Verstorbenen versandt werden – das kann durch Dritte geschehen, natürlich, aber der Kommissar wundert sich nicht einmal, versucht nicht, Spuren zu entdecken oder Hinweise auf den Absender. Als schließlich das ganze Land weiß, dass es an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ein großes Interview mit einer involvierten Person geben soll, wissen die Ermittler angeblich immer noch nichts davon, verfolgen keine Mitteilungen auf einschlägigen Homepages und sind überrascht, als am nächsten Tag die Proteste beginnen, zu denen aufgefordert wurde. Ach ja, und Gesetze lassen sich inklusive Gesetzentwurf, Sitzung, Abstimmung etc. binnen weniger als 24 Stunden ändern.
Gefährlich sind zwei Dinge an diesem Roman: Erstens wird zur Selbstjustiz aufgerufen und die Welt strikt in Schwarz und Weiß geteilt. Keine Grautöne, keine Abweichungen. Zweitens, und das finde ich persönlich geradezu dramatisch, werden die Opfer der sexuellen Übergriffe alle gestellt. Zwar gibt es laut Roman eine ungeheuer große Zahl an missbrauchten Kindern, die auch bereit sind, über die Übergriffe zu sprechen. Aber anstatt sie auftreten zu lassen, werden Schauspieler eingesetzt und schließlich kommt raus, vieles ist unwahr. Es wird das Bild einer großen Lüge gezeichnet: Pädophilie existiert kaum, meist sind die Fälle nur ein Produkt reger Fantasie, also ist das alles nicht so schlimm. Das kann absolut nicht Tenor eines Romans sein, der allem Anschein nach auf dieses brisante Thema hinweisen und zumindest fiktiv ein wenig Gerechtigkeit einfordern will.
Die beiden Autoren scheinen leider vollkommen am eigentlichen Ziel vorbeigeschrieben zu haben und gestalteten ein langweiliges Werk, das nur so trieft vor Logikfehlern. Fast erscheint es, als hatten Lotte und Sören Hammer eine Idee und haben ohne Feinabstimmung abwechselnd die Kapitel oder bestimmte Erzählstränge verfasst, die dann einfach aneinandergereiht wurden. Sehr schade, denn die Idee ist gut, die Ausführung jedoch eine glatte Sechs.

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„Es ist nicht genug Platz zum Spielen“, rief er ihr aus der Halle zu.
„Warum nicht?“
„Weil da Männer hängen.“
„Dann spiel um sie herum.“

(Schweinehunde, S. 11)


Lotte und Sören Hammer – Schweinehunde
Übersetzung aus dem Dänischen: Günther Frauenlob
Droemer Verlag, 2011
550 Seiten
16,99 Euro (Hardcover)
Amazon.de
Verlagsgruppe Droemer-Knaur

Rezension: Max Urlacher – Die Putzi-Diaries

„Marianne, bitte, Sie sind eine Dame.“ – „Ich bin keine Dame.“

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„Putzi hatte beschlossen, mich zu mögen. Uneingeschränkt. Bedingungslos. Mit Wucht. So wurde die Putzfrau Marianne Schneider – mit ihren dicken Armen für die Arbeit und ihrem prallen Herzen fürs Übrige – Teil meines Lebens.“

Max Urlacher ist Schauspieler, Single, Mann und von daher schon mal wenig prädestiniert für die makellose Erledigung des Haushaltes, weshalb er sich nach einer Putzfrau umsieht. Empfohlen wird ihm Marianne Schneider. Doch wenn er gedacht hat, ihm müsse die Frau gefallen, die in seiner Wohnung die Herrschaft übernehmen wird, hat er sich getäuscht. Marianne hat Ansprüche und putzt nicht bei jedem, so dass sich Max schwuppdiwupp bei ihr in der Küche zum Antrittsbesuch und zur genauen Überprüfung seiner Persönlichkeit wiederfindet. Zwar redet Marianne die meiste Zeit über sich selbst – und sie hat viel zu erzählen! –, aber irgendwie besteht der eingeschüchterte Max den Test und wird ihr neuer Kunde. Ehe er sichs versieht ist Putzi, wie er sie schon bald liebevoll nennt, Ratgeberin in allen Lebenslagen, Köchin meistens schmackhafter Eigenkreationen und Karriereberaterin, zieht ihn hinein in ihr turbulentes Leben und ihre immer frei Schnauze geäußerten Ansichten, Gefühle und Gedankengänge. Doch so resolut Putzi auf der einen Seite ist, so empfindsam und verletzlich ist sie auf der anderen: Eines Tages bittet sie Max, sie als moralische Unterstützung auf ihr 40jähriges Klassentreffen am Bodensee zu begleiten, weil sie dort ihre verflossene Liebe von damals, Gerhard, wiedertreffen wird, den sie nie vergessen konnte und mit dem sie so gern einen Neuanfang wagen würde. Max kann diese Reise von Berlin an den Bodensee mit einem Reportageauftrag über die Romantische Straße verbinden, und schon geht es los: Das Putzi-Mobil (Max’ Auto) wird bis unters Dach mit lebensnotwendigen Dingen vollgeladen, Putzi quetscht ihre quadratische Figur hinters Lenkrad – Max fährt zu langsam –, und eine turbulente Reise quer durch Deutschland kann beginnen, bei der die beiden zu echten Freunden werden, Haschzigaretten mit einem fast italienischen Eisverkäufer rauchen, zwischendurch einen Freund von Max als Reisebegleitung haben, der gern als Inge-Meysel-Imitator auftritt, in einem Hotel auf eine echte Berühmtheit treffen und schließlich tatsächlich auf dem gefürchteten Klassentreffen landen. Ob Putzi Gerhard wiedertrifft und was aus den beiden wird, soll dann jeder selbst nachlesen, das große Finale sei hier nicht verraten.

Zuerst einmal: Putzi gibt es wirklich! Sie heißt tatsächlich Marianne, allerdings nicht Schneider, putzt bei Max Urlacher, der Theater- und Filmschauspieler ist, und die beiden haben all das, wovon in diesem Buch erzählt wird, erlebt. Vielleicht nicht immer ganz exakt so wie beschrieben, schließlich ist Max auch Schriftsteller, manchmal sollten auch Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben, und manchmal musste Max beim Schreiben die Wahrheit noch entschärfen, weil die Leser ihm sonst gar nichts mehr geglaubt hätten. Was nun letztendlich Tatsache und was schriftstellerische Freiheit ist, bleibt der eigenen Interpretation überlassen, aber das Wichtigste ist sowieso der Mensch Marianne, und der ist eine Wucht. Klein, Anfang sechzig, so breit wie hoch, mit einem (fast) unerschütterlichen Selbstbewusstsein, viel Lebensweisheit, viel Humor, einem durchaus vorhandenen Liebesleben (was für Max immer viel zu viel Information ist) und herrlichen Schrullen.
Max Urlacher schreibt liebevoll und voller Respekt über seine Putzi, sehr selbstironisch über sich selbst und höchst anschaulich über ihre gemeinsame Reise die Romantische Straße entlang. Lesen und sich über den grandiosen Fototeil in der Buchmitte amüsieren!

Zum Weiterlesen gibt es den Putzi-Blog: http://maxurlacher.com/putzi-blog/

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Max Urlacher ist Jahrgang 1971, aus Berlin, hat in München die Otto-Falckenberg-Schule besucht und arbeitet als Schauspieler für Theater und Fernsehen. Er hat bereits zwei Bücher veröffentlicht, 2005 Los Angeles-Berlin, ein Jahr, ein Briefwechsel zwischen ihm und seiner guten Freundin Franka Potente, sowie 2010 Rückenwind, sein erster Roman.

Verlag: Droemer
Ausgabe: Paperback (Klappenbroschur), 207 Seiten mit Fototeil
Preis: € 14,99 (eBook: € 12,99)

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Rezension: Amber Kizer – Meridian. Flüsternde Seelen

Gut gegen Böse

 

Flüsternde SeelenMeridian ist eine sechzehnjährige Fenestra, die sich auf der Suche nach einem gleichgearteten Mädchen befindet. Fenestrae sind eine Mischung aus Mensch und Engel, die dem Tode Geweihten helfen, mittels eines Fensters in die Ewigkeit überzugehen. Begleitet wird Meridian von Tens, der ihr Leibwächter ist. In Juliett, die als Heimkind in einem Altersheim lebt, unter Misshandlungen zu leiden hat und als unbezahlte Pflegerin arbeitet, finden sie die Gesuchte. Allerdings ist es nicht einfach mit ihr in Kontakt zu treten, da diese anfangs alle Bemühungen abwehrt. Sie finden aber auch Verbündete in Rumy, dem Glaskünstler, und Anthony, einem ehemaligen Priester und Freund von Tens Großvater, die ihnen auch weiteres zu ihren Lebensgeschichten erzählen können. Die ganze Handlung wird noch gewürzt durch die ersten erotischen Erfahrungen zwischen Meridian und Tens.

Die fünfzehnjährige Juliett erzählt aus ihrer Sicht ihr Leben im Heim und ihre Sehnsüchte bezüglich ihrer eigenen Vita. Sie wird in ihrem kärglichen Leben als Altenpflegerin und Versorgerin von zwei kleineren Kindern unterstützt von Nicole, die ihr immer wieder hilfreich zur Seite steht. Die täglichen Arbeitsbelastungen und Erniedrigungen durch die Heimleiterin zeigen Erschöpfungszustände bei dem Mädchen. Hinzu kommt der Druck der Erfahrung aus Vorjahren, dass alle Kinder mit 16 Jahren das Heim verlassen müssen und von Ms. Asura, der Jugendamtsmitarbeiterin, abgeholt werden.
Diese zwei Geschichten verbinden sich, als die beiden Mädchen und ihre Freunde gegen ihre Widersacher, die Aternocti, antreten müssen, um Juliett und auch die restlichen Heimkinder aus ihrer misslichen Situation befreien zu können.

Dieses Buch ist die Fortsetzung von Meridian – Dunkle Umarmung. Der Autorin gelingt es aber sehr gut den nötigen Rückblick, der für das Lesen dieses Buches nötig ist, zwischen den Kapiteln zu erzählen.
Ein Großteil der Geschichte handelt von der Findung der Hauptdarstellerin als auf sich gestellte Fenestra und das Entwickeln ihrer erotischen Annäherung zu ihrem Wächter. Tens erfährt sich auch neu in seiner Rolle als Beschützer von Meridian. Selbst zum Schluss haben sie sicherlich noch nicht alles Wissenswerte über ihre Rollen erfahren. Die Erzählung um Juliett ist sehr gut aufgebaut. Selbst ältere Leser können sich leicht in die Lage des armen, geschundenen Mädchens einfühlen, vor allem auch mit dem Wissen um ihre Bestimmung. Überraschend treten dann immer wieder neue Personen in die Geschichte ein, die aber zugleich sehr gut hineinpassen.
Ich kann mir vorstellen, dass die Gegenspieler von Meridian und Juliett im vorangegangenen Buch eine größere Rolle gespielt haben. Die Aternocti werden erst im letzten Drittel der 426 Seiten als wirklich große Bedrohung herausgearbeitet. Der Nervenkitzel wird aber immer wieder durch die bösartige Heimleiterin, die eigenartige Jugendamtsmitarbeiterin und weitere Vorkommnisse erzeugt, so dass der Geschichte die Spannung nicht abhanden kommt.
Ich konnte dieses Buch beizeiten nicht aus der Hand legen und kann es den jugendlichen wie auch den erwachsenen Lesern empfehlen – sofern man sich der Geschichte, in der es auch um Tod und Sterben geht, stellen möchte.

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Amber Kizer: Meridian – Flüsternde Seelen
ursprünglich PAN Verlag / Droemer Knaur Verl., 2011
ISBN 978-3-426-28365-3
€ 14,99
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Homepage von Amber Kizer

Rezension: Christoph Marzi – Lilith

Eine Geschichte aus zwei Städten

Zwei Jahre sind vergangen in London, seit sich die Welt von Emily und ihrer Freundin Aurora vollkommen verändert hat. Mittlerweile sind sie in einem Leben angekommen, das sie zögerlich als „Zuhause“ empfinden können – Emily wird von Master Wittgenstein väterlich (zumindest auf seine eigene, spezielle Art) aufgenommen und bildet ihre Fähigkeiten als Trickster weiter aus, und Aurora vergräbt sich in Recherchearbeit mit ihrem Mentor Micklewhite. Alles könnte verhältnismäßig normal sein, wäre da nicht die Uralte Metropole, in der sich mal wieder Unheil ankündigt. Menschen verschwinden spurlos, Wiedergänger bevölkern die alten Gänge und als auf einer Reise nach Konstantinopel auch noch Aurora und Micklewhite verschwinden, gerät für Emily vollends die Welt aus den Fugen. So begibt sie sich mit Wittgenstein auf eine Reise in die Stadt der Liebe, wo sie nicht nur selbige, sondern auch Aurora wiederfindet – allerdings nicht in der Verfassung, in der sie gehofft hatte…

Man schlägt „Lilith“ auf und fühlt sich sofort wieder wie zuhause in Marzis London. Orte, Begebenheiten und sein „marzialischer“ Stil voller Vorgriffe und Rückblenden sind schon so vertraut, dass der Leser augenblicklich in die Welt der Uralten Metropole zurückfindet, und sich von ihrem gruseligen Charme einfangen lässt.
Dieses Mal rückt Marzi die biblischen Geschichten ein wenig in den Hintergrund und nimmt sich einer der wohl faszinierendsten Mythen der Welt an – des Vampirs. Geschickt verknüpft er die Legenden von gleich mehreren Kulturkreisen, denn der Vampir ist mitnichten eine mitteleuropäische Schreckgestalt. Ähnliche Wesen findet man bis in die Antike, in den Legenden aus dem Nahen Osten, Ägypten und Mesopotamien (um nur einige Beispiele zu nennen). Seit den Anfängen des Judentums taucht allerdings immer wieder eine Interpretation auf: Die Mutter der Vampire soll keine andere sein als Lilith selbst, die erste Frau Adams, die mit Dämonen eine unheilige Brut in die Welt setzte. So schlägt Marzi gekonnt Haken durch Geschichte und Mythologie, von Ägypten nach Rumänien, vom Roten Meer ins London der Neuzeit und von Fakt zu Fantasie.
Er spielt auf faszinierende Art und Weise mit klassischen Grusel-Szenarien wie dem Irrenhaus, in dem die Patienten mit Drogen und Strom behandelt werden. Ein sehr schrulliger Psychiater kämpft darum, sie zu ihrer richtigen Persönlichkeit zurückzuführen – oder etwa nicht? Man beginnt, sich verloren zu fühlen, denn nie ist genau klar, wer eigentlich welches Spiel spielt und wer auf wessen Seite steht. Micklewhite und Wittgenstein halten sich den Mädchen gegenüber bedeckt wie immer, sodass man mit Emily und Aurora mitfühlt und nie genau weiß, wie viel Information man eigentlich gerade bekommt und was man damit anfangen soll. Alles in Allem hat man durch die Tragweite der Ereignisse fast den Eindruck, dass „Lilith“ trotz der ihm eigenen komplexen Geschichte dazu dient, auf ein noch größeres, bombastisches Finale in „Lumen“ (erscheint am 12. März 2012) hinzuführen.

Natürlich dürfen, wenn Marzi ein Buch über Vampire schreibt, Anspielungen auf Vampirgeschichten nicht fehlen – ergiebig genug ist die Thematik schließlich. So finden wir natürlich den Godfather of Vampirgeschichten: Dracula, nicht nur im tagebuchartigen Schreibstil während der Aufzeichnungen von Eliza Holland, sondern auch in Elementen der Geschichte, Zitaten und sogar den Namen einiger Charaktere. Noch faszinierender sind die kleinen Anspielungen auf den zu Unrecht wenig bekannten Joseph LeFanu, der mit „Carmilla“ die erste richtige Geschichte zum Thema verfasste.

Von den Vampirmythen abgesehen, herrscht ein weiteres Bild in „Lilith“ vor: Die „Schwesternstädte“ London und Paris, die sich so ähnlich und doch so unterschiedlich sind, wofür einerseits vermutlich die Realität verantwortlich sein mag, andererseits sicherlich auch Charles Dickens‘ „Eine Geschichte aus zwei Städten“.
Allgemein ist „Lilith“ erwachsener als sein Vorgänger „Lycidas“, allerdings ohne dabei den Marzi-typischen Charme eines modernen Märchens zu verlieren. Man spürt die zwei Jahre deutlich, die Emily und Aurora von verschüchterten Waisenmädchen in selbstbewusste Teenager verwandelt haben. Die Handlungsstränge sind komplexer miteinander verwoben und bilden viele unvorhersehbare Wendungen, sodass der Leser lange nicht weiß, wie eigentlich alles zusammenpassen soll – bis Meister Marzi sein weißes Karnickel aus dem Hut zaubert und plötzlich alles Sinn macht. Seine Welt scheint düsterer zu werden, die Uralte Metropole, die ihre Fühler bis in die Tiefen der Hölle ausstreckt, ist gefährlicher und offenbart erst langsam all ihre Geheimnisse. Wo „Lycidas“ den Leser zufrieden ließ und zurück in die Friede-Freude-Eierkuchen Welt schickte – das Böse vernichtet, wenn auch mit bitterem Beigeschmack – hat man nach „Lilith“ das nagende Gefühl, dass es eigentlich erst richtig losgeht, und dass die Fantasie von Christoph Marzi wohl noch einige Überraschungen und Abenteuer bereithält.

Eine komplexe Führung durch die Weltgeschichte des Mythos Vampir, die den Leser zunehmend unsicher über Gut und Böse macht und definitiv den Appetit auf mehr Marzi anregt. Ein Augenschmaus, nicht nur für Vampirfans!

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Christoph Marzi – Lilith
Heyne, Taschenbuch, 2012
688 Seiten
9,99€

Ebook: 8,99€

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Christoph Marzi

Rezension: Rebecca Goldstein – Die seltsame Logik der Liebe

Die Logik, das Leben und die Liebe

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Cass Seltzer ist Anfang/Mitte vierzig, Professor für Psychologie – genauer: Religionspsychologie – an der Frankfurter University an der Ostküste der USA. Sein bis dato beschauliches, vom lebenslangen Studieren bzw. Lehren an der Universität geprägtes Leben erfährt einen radikalen Umschwung, als er mit der Veröffentlichung seines Buches [i]Die Vielfalt religiöser Illusion[/i] schlagartig berühmt wird. Der introvertierte Mann weiß gar nicht, wie ihm geschieht, als sein Buch plötzlich in Dutzende Sprachen übersetzt und er im ganzen Land als „Atheist mit Seele“, der sich in das Denken Gläubiger hineinversetzen könne, gefeiert wird, Harvard will ihn abwerben, man lädt ihn zu philosophischen Podiumsdiskussionen mit Nobelpreisträgern ein und und und. Dabei will er doch eigentlich nur in Ruhe seine Studien betreiben, sich über die Welt wundern und mit seiner aktuellen Freundin, der hinreißend schönen und gefährlich intelligenten Lucinda Mandelbaum – ebenfalls Professorin an der Frankfurter University -, das Leben verbringen. Als Lucinda sich dann eine Woche auf einer Tagung in San Francisco befindet, geraten einige Dinge für Cass ins Rollen.

Diese eine Woche bildet den Rahmen für Die seltsame Logik der Liebe, von dem aus Cass’ Vergangenheit als Doktorand bei dem so charismatischen wie unausstehlichen Professor für Glauben, Literatur und Werte Jonas Elijah Klapper und seine früheren Beziehungen zu der ungebärdigen Anthropologin Roz Margolis – die in dieser speziellen Woche nach Jahren wie ein Wirbelwind wieder in sein Leben tritt – sowie der egozentrischen französischen Lyrikerin Pascale erzählt werden. Außerdem taucht der Leser in Cass’ jüdische Herkunft ein, seine Mutter stammt aus einer Valdener Gemeinde – streng orthodoxe Juden –, von der sie sich schon vor Jahren losgesagt hat, zu der Cass über Umwege aber als Erwachsener wieder Kontakt bekommt.

Vorab: Dieses Buch ist ein Phänomen. Auf über 500 Seiten wird der Leser mit einer alles andere als stringent erzählten, ja, eigentlich kaum vorhandenen Handlung konfrontiert, mit seitenlangen philosophischen Exkursen zu den verschiedensten Themen, mit Einführungen in die Kabbalistik und das orthodoxe Judentum (eine ordentliche Portion Jiddisch lernt man auch gleich dazu), mathematischen Höhenflügen und ausufernden Diskussionen, ob sich die Existenz Gottes beweisen lässt oder nicht. Dazwischen lernt der Leser die Hauptfigur Cass und seine Beziehungen zu seiner Umwelt kennen, viel mehr eigentlich aber den unausstehlichen Professor Klapper, aus dessen Fängen sich kaum ein Doktorand je befreien kann, der aber von seinen Studenten geradezu messianisch verehrt wird.
Eigentlich fehlt diesem Buch also alles, was einen süffig und unterhaltend zu lesenden Roman gemeinhin ausmacht – eine bzw. mehrere Hauptfiguren, in deren Leben man eintauchen kann, eine nachvollziehbare und gut aufgebaute Handlung, tatsächliche Ereignisse im Leben der Menschen und und und. Dennoch habe ich mich schon nach wenigen Seiten in dieses Buch verliebt und es begeistert gelesen, habe mich von Cass’ Erinnerungen mitreißen lassen, bin aufmerksam (wenn auch nicht immer erfolgreich) den philosophischen, mathematischen und religiösen Exkursen gefolgt und habe dabei überhaupt nicht gemerkt, wie die Seiten verflogen sind. Rebecca Goldstein kann aber nicht nur über Philosophie schreiben, sie hat auch ein Händchen für punktgenaue Dialoge, Situationskomik und gute Figuren. Diese Seite fällt allerdings zugegeben etwas hinter der „Kopfseite“ des Buches zurück, was es sicher für viele Leser noch schwerer zugänglich macht.

Man könnte darüber hinaus noch diverse weitere Kritikpunkte anführen – die Autorin schreibt nur über das, was sie kennt (sie ist selbst jüdischer Herkunft, „Atheistin mit Seele“ und Philosophie- sowie Psychologieprofessorin) und verliert sich dabei in ihrem Fachgebiet; selbst mit der Rahmenhandlung dieser einen Woche in Cass’ Leben in der Gegenwart ist es nicht immer leicht, den Zeitsprüngen zu folgen und den gerade erzählten Abschnitt aus Cass’ Vergangenheit richtig einzuordnen; die Handlungsstränge um Cass, Roz und Lucinda – vor allem aber um Azarya, einen hochbegabten Jungen aus der Valdener Gemeinde – hätten noch besser ausgebaut werden können; was will das Buch eigentlich vermitteln, worauf will es hinaus?
Doch man kann sich auch einfach darauf einlassen, das Kritteln mal beiseiteschieben und sich daran erfreuen, beim Lesen auch denken zu dürfen. Einige (Grund-)Kenntnisse über Philosophie und das Judentum helfen allerdings, ganz ohne Vorkenntnisse, zum Beispiel diverser jiddischer Ausdrücke, könnte die Lektüre etwas mühsam, wenn nicht gar langweilig werden.
Wer richtig tief einsteigen möchte, der kann sich in die im Anhang ausführlich dargelegten „36 Argumente für die Existenz Gottes“ vergraben.

Ein großes Lob auch an den Übersetzer Friedrich Mader und die nicht genannte Redaktion – das Buch liest sich hervorragend, die sprachliche Virtuosität und Komplexität des Originals ist ausgezeichnet übertragen worden. Chapeau!

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Rebecca Goldstein (geb. 1950) hat in Princeton Philosophie studiert und den Doktorgrad erworben, hat am Barnard College und in Harvard Philosophie und Psychologie gelehrt, ist Autorin diverser philosophischer Abhandlungen und Romane und vielfach ausgezeichnet für ihr Werk. Sie stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie, ihr älterer Bruder ist Rabbi.
Auf Deutsch liegen noch einige ältere Werke von ihr vor, zum Beispiel Die Liebe im logischen Raum oder Die Eigenschaften des Lichts. Ein Roman um Liebe, Verrat und Quantenphysik.
Die seltsame Logik der Liebe ist bereits als Hardcover im Blessing Verlag unter dem Titel 36 Argumente für die Existenz Gottes erschienen.

Verlag: Heyne
Übersetzer: Friedrich Mader
Ausgabe: Taschenbuch, 559 Seiten
Preis: € 9,99

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Rezension: Lulu Bachmann – Geschlechtsteilchen

Frisch, frech, fröhlich, freizügig

GeschlechtsteilchenZwölf (oder zweimal Sex) Geschichten über Sex, den Spaß, der damit einhergeht oder einhergehen kann, humorvoll verpackt von einer neuen Autorin, die uns an ihren fantasiereichen intimen Gedanken und Erzählungen teilhaben lässt.
Schon die Eröffnungsgeschichte mit dem Titel „Kopfharem“ hat mich viel grinsen lassen und zeigt einer Frau eine Möglichkeit auf, wie man sich so manche Stunden am Tag vertreiben könnte. Aber die ist eher zum „Warm“-werden.
Bei „Aufpeppen“ wird dem weiblichen Wesen unter anderem erzählt, dass „die Qualität des Sex von der Lust der Frau bestimmt“ wird. Und dass so manches dafür getan werden kann, um selbst eingefahrene Beziehungen im Bett wieder zu erfrischen.
Dann gibt es da noch die zwischenmenschlichen Berührungen einer Hundehalterin und dem Trainer ihres Vierbeiners, obwohl anfänglich nicht klar ist, dass dies so enden könnte.
In „VIP“ wird auch mithilfe von Boshaftigkeit erzählt, wie mit einer guten Portion Fantasie eine sexuell unterforderte Frau in den Mittelpunkt gestellt wird.
Das Highlight für mich war das große Kopfkino in „Geburtstag“. Mit ihrer Sprachgewandtheit und ihrem erotischen Feingefühl hat die Autorin eine Geschichte konstruiert, die viel Spannung und Knistern beinhaltet.

Lulu Bachmanns Wortwitz und ihre sehr gut ausformulierten Situationen sind es wert, gelesen zu werden. Die Frau von gestern, heute und morgen wird daran bestimmt Gefallen finden – ein Buch, das man gerne auch ein zweites Mal aus dem Bücherregal holt.
Einzig der Untertitel hat mich etwas irritiert: Ist eine Frau mit einer so reichen erotischen Fantasie gleich versaut? Ich kann das eindeutig mit „nein“ beantworten und würde mich auf ein Nachfolgewerk der Autorin freuen.

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Lulu Bachmann: Geschlechtsteilchen – Offenbarungen einer versauten Frau
Heyne HardCore Verlag, 2012
€ 7,99
Heyne Verlag
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Rezension: Sonia Rossi – Fucking Berlin

5 Jahre als Studentin, Nutte,
Ehefrau und Geliebte

 

fucking-berlinDie junge Italienerin Sonia Rossi kommt nach Berlin, um Mathematik zu studieren. Die finanziellen Mittel reichen nicht aus, darum verdient sie neben ihrem Studium ihren Lebensunterhalt als Prostituierte in Massagesalons, Bordellen und ähnlichen Etablissements. Im Verlauf dieser Geschichte spielen auch ihr Mann Ladja sowie Milan, ihr Geliebter, und am Ende ihr Sohn eine Rolle. Sie verlässt das Rotlichtmilieu nach fünf Jahren, eine lange Zeit zwischen vielen Männern mit unterschiedlichen Wünschen, verschiedenen Kolleginnen, Erfahrungen in anderen Städten und dem normalen Leben.

Dieses Buch ist ein Erfahrungsbericht über ein Studentenleben in Berlin, gewürzt mit den besonderen Themen „Huren, Freier, Sex u. Co.“. Man kann gut nachvollziehen, dass nach Rossis Ankunft in Berlin nicht alles glatt lief. Nach ihren schlecht bezahlten Jobs, unter anderem als Kellnerin, führt sie ihr Weg über das Internetstrippen in die Welt der Ganzkörpermassage, eines Nightclubs, zur Prostitution in- und außerhalb Berlins (auch in der Schweiz), um den Unterhalt für sich und ihre kleine Familie zu sichern.
Im Laufe der Geschichte lernt man Freund- und Feindschaften („Fotzenneid“) zwischen den Kolleginnen im Sexgeschäft und auch die Alkoholsucht und Drogenabhängigkeit im Bereich der Sexarbeiterinnen kennen. Aber auch die Hilfsbereitschaft einer fremden Kollegin in einem fremden Land, nachdem Sonia ungewollt schwanger wird.
Rossi versucht immer wieder ihren Weg aus der Prostitution zu finden, aber man kann Verständnis dafür aufbringen, dass sie nach Zeiten ohne Geld und des Hungers immer wieder in die Prostitution abrutscht.
Angereichert werden diese Seiten durch die Erzählungen, etwa von einem besonderen Kunden, den sie auch zu Hause besucht hat, weil er freundlich war, Zuwendung brauchte und sich dies im Laufe der Zeit auch bezahlt machte. Nicht wirklich gewundert hat mich die Geschichte über das sehr gute Geschäft mit einem Kunden, der die Vagina einer Schwangeren fotografieren wollte, weil es „nichts Geileres gibt“. Oder das Erlebnis mit einem Freier, der eine besondere Vorliebe dafür hatte, in der Unterwäsche seiner Oma verwöhnt zu werden.
Erschwert wird ihre Arbeit und ihr Leben vor allem durch ihren Mann. Es stellt sich dem Leser öfter die Frage, warum sie diesen Kerl so lange erträgt. Dann ist da noch Sonias Liebe zu Milan, ihrem verheirateten Geliebten, mit allen Vor- und Nachteilen.

Interessant finde ich so manche ihrer Anfügungen zu ihrem Job als Hure, wie zum Beispiel persönliche Bemerkungen zum Outfit und ähnliches, die zu erzielende Wirkung auf die Freier, Besonderheiten im Nightclub, das Preisniveau und den Aufenthalt in einem Laufhaus.
Der Roman ist einfach geschrieben, in der Art eines Erlebnisaufsatzes in der Grundschule. Das Buch gibt heitere und traurige, beklemmende und interessante Zeilen wieder. Man kann es lesen, muss aber nicht.

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Sonia Rossi: Fucking Berlin
Ullstein-Verlag, 2008, 9. Aufl., 2008
€ 8,95
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Rezension: Christoph Marzi – Lycidas

„Alles ist möglich. Dies ist London.“

Als die kleine Emily durch einen Unfall im Londoner Waisenhaus ein Auge verliert, stirbt für sie jede Aussicht auf eine Zukunft außerhalb des Heimes. Die kinderlosen Paare wollen süße Kleinkinder, keine „einäugige Missgeburt“, und genauso wenig ein „Schokoladenmädchen“. Also fristen Emily und ihre beste Freundin Aurora in der „Anstalt für heimatlose Kinder“ ihr tristes Dasein. Bis Emily eines Tages von einer Ratte angesprochen wird, die sie bittet, ein Auge auf eines der neuen Kleinkinder zu haben – das natürlich prompt von einem Werwolf entführt wird. So entkommen die beiden den grauen Wänden des Waisenhauses – dem strengen Blick des Reverends, den Schlägen des Hausmeisters und den Besuchen der unheimlichen „Miss Snowhitepink“, die Kinder mit sich nimmt und wenn überhaupt, dann nur hoch verstört zurückbringt. Plötzlich finden die Freundinnen sich in einer Welt wieder, die sie nie zu träumen gewagt hätten: die „Uralte Metropole“, die Stadt unter der Stadt, in der sich allerhand seltsame Gestalten tummeln und ein Geheimnis nach dem anderen gelöst werden will. Können die Waisen ihren Mentoren Wittgenstein und Micklewhite trauen? Und was ist mit Lord Brewster, der Ratte? Wer ist das Kind, auf das Emily hatte aufpassen sollen, und was hat das ganze eigentlich mit ihr und ihrem Glasauge zu tun?

Meisterlich entführt Marzi den Leser in eine Welt, die an märchenhaften Mysterien und Fantasie kaum zu überbieten ist. Die Uralte Metropole ist ein Gewirr aus Geheimnissen, Intrigen und machtpolitischen Spielchen, in dem das einzelne Leben nur wenig Wert hat. Und mitten drin zwei elternlose Mädchen, die nur mit großer Mühe herausfinden, was all die Erwachsenen eigentlich im Sinn haben.
London ist gekonnt und detailliert beschrieben, was der Geschichte für Kenner der Stadt ein vertrautes Gefühl vermittelt (auch wenn ich persönlich es merkwürdig finde, dass man hier ständig nur Kräutertee trinkt!), außerdem erinnert das britische Setting zuweilen auf charmante Art an Harry Potter. Davon abgesehen baut Marzi, geschickt wie immer, eine Fülle an Anspielungen auf Literatur, Musik und Film ein, die dem Roman und vor allem den handelnden Personen eine erstaunliche Tiefe geben. Es fallen Zitate aus Dracula, Sherlock Holmes, Faust und diverser elisabethanischer Lyrik. Sogar ganze Personen sind angelehnt an die Großmeister der englischen Literatur und Filme, so treffen wir doch auf den bezaubernd schönen Dorian und zwei Jäger mit bemerkenswerter Ähnlichkeit zu Rowan Atkinson.
Auch antike Mythen werden von Marzi eingeflochten, scheinen sich in Reihe und Glied anzuordnen, um sich logisch und sinngemäß in seine Geschichte einzureihen, egal aus welcher Epoche oder Kultur sie auch stammen. Jüdische Sagen treffen alttestamentliche Bösewichte, mit einem Hauch griechischer Mythologie garniert und den Geschichten der Moderne abgerundet. In London tummeln sich nicht nur Elfen, Werwölfe und Irrlichter, sondern sogar Engel und vergessene Götter haben ihren Weg in die Uralte Metropole unter der nicht ganz so alten Metropole gefunden. Und hier unten irgendwo, so munkelt man, sollen sich sogar noch wesentlich ältere und mächtigere Wesen herumtreiben, als die Protagonisten sich vorstellen können…
Den Mädchen, und mit ihnen dem Leser, wird im Lauf der Zeit klar, dass es in dieser Welt weder „Gut“ noch „Böse“ gibt, nur ein breites Spektrum an Graustufen. Vertraute werden zu Verrätern, im Feind scheint doch etwas Gutes zu sein, nicht einmal sich selbst kann man vollends trauen. Nur eins ist klar: Emily und Aurora würden immer zusammen bleiben. Oder? Letztendlich werden sich die Mädchen doch nur immer wieder bewusst, dass sie nichts als kleine Kinder in einer Welt sind, in der die Erwachsenen rücksichtslos nach Macht streben, und selbst die Engel scheinen nicht das zu sein, was sich ein Waisenkind darunter vorstellt.

Lycidas wird vom Ich-Erzähler Wittgenstein erzählt, der sich Emilys nach ihrer Flucht aus dem Waisenhaus annimmt. Dennoch springt Marzi, wo es nötig wird, in einen allwissenden Erzähler über, allerdings immer im Stile Wittgensteins, der seine Erlebnisse in diversen Rückblenden und Vorgriffen schildert. In diesen Stil muss man sich ein wenig einlesen, letztendlich gewöhnt man sich aber schnell und zumindest ich habe großen Gefallen daran gefunden, da sich über ganze Handlungsbögen hinweg der Kreis wieder schließt und letztendlich so die Quintessenz des Buches unterstrichen wird: „Zufälle gibt es nicht!“
Der erste Teil der „Uralte Metropole“ – Reihe besteht im Grunde aus einer Trilogie, mit dem typischen Aufbau des einleitenden Buches mit kleinem Showdown, ruhigem Zwischenteil, der vor allem der genauen Skizzierung der Charaktere dient, und großem Finale im dritten Teil. Marzi spielt hier geschickt mit Vor- und Rückgriffen, stets so subtil, dass er den Leser in ein regelrechtes Déjà-Vu drängt. Oft bemerkt man die eigentliche Handlung kaum, denn er versteht es prächtig, falsche Fährten zu legen und die Aufmerksamkeit genau so lange auf ein Thema zu richten, bis man es für wichtig hält, nur um dann an einem anderen Handlungsstrang weiter zu arbeiten.
Lycidas hat mich von der ersten Seite an gefesselt und nicht mehr losgelassen. Die geschickten Kapiteleinteilungen tragen dazu bei, dass man das Buch einfach nicht aus der Hand legen möchte, und die Geschichte ist zu fantastisch und gekonnt konstruiert, um Langeweile aufkommen zu lassen. Marzi ist ein Meister der Anspielungen und des organischen Erzählens, jede Anlehnung wird absolut nahtlos eingefügt und alles hinterlässt den merkwürdigen Eindruck, als könne es wirklich so sein. Trotz seines Hangs zu jugendlichen Protagonisten driftet Lycidas nie in die Sparte Kinderbuch ab, sondern zeigt schlicht die Hilflosigkeit der Unschuldigen in der heutigen, von Machtgier zerfressenen Welt.
Ein echtes Highlight der modernen Fantasy-Literatur!

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Christoph Marzi – Lycidas
Heyne, Taschenbuch, 2011
862 Seiten
9,99€

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Rezension – Hunter S. Thompson: Der Fluch des Lono

„Welche grausame Macht hat mich veranlasst, für eines der obskursten Magazine in der Geschichte des Verlagswesens über den Honolulu-Marathon zu berichten?“

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Cover

Für das Magazin Running fliegt Thompson nach Hawaii, um über den Honolulu-Marathon zu berichten – auf seine Weise, die wir bereits von seinem Bericht über das legendäre Mint 400 kennen. Er deckt sich mit diversen Rauschmitteln ein, fliegt auf die Insel, mietet einen Bungalow, sieht sogar einen Teil des Marathons vom Straßenrand aus, die Wahrnehmungsfähigkeit unterstützt durch jede Menge Alkoholika und Drogen.
Doch dann kommt ein Hurrikan auf, Thompson und sein Verleger Ralph nebst Familie sitzen fest. Das Chaos nimmt seinen Lauf und steigert sich in einer immer dichter und bedrohlicher werdenden Atmosphäre, bis es schließlich zur Eskalation kommt, als Thompson verkündet, er sei die Inkarnation des Hawaiischen Gottes Lono… Weiterlesen