Marieluise Fleißer „Fegefeuer in Ingolstadt“ – Münchner Kammerspiele

Irreale Freakshow

 

Marieluise Fleißer: Fegefeuer in Ingolstadt

Münchner Kammerspiele

 

Wie kann man am Ende eines an Befremdlichkeiten ohnehin nicht armen Theaterabends ein Publikum noch einmal richtig unruhig werden lassen und Teile davon aus dem Saal treiben? Durch schiere Wiederholung: „Blut Christi tränke mich, Wasser der Seite Christi, reinige mich, Leiden Christi, stärke mich …“, dieses Anima Christi genannte und im Stücktext nicht vorkommende erzkatholische Gebet aus dem 14. Jahrhundert wird zum Schluss von allen Akteuren im Chor deklamiert – nicht einmal, nicht zweimal, sondern ein gutes dutzendmal in immer schriller werdender Tonlage. Religiöse Ekstase, die dem Zuschauer gehörig auf die Nerven geht, und eine vielleicht etwas zu offensichtlich kalkulierte Reizung des Geduldsfadens.

In ihrem 1924 entstandenen Erstlingswerk Fegefeuer in Ingolstadt behandelt Marieluise Fleißer die Konflikte innerhalb einer im konservativen katholischen Kleinstadtmilieu aufwachsenden Gruppe Jugendlicher und verarbeitete damit auch eigene Erfahrungen. Fleißer, die von Brecht gefördert wurde und zu recht als frühe Vorläuferin von Autoren wie Sperr, Faßbinder oder Kroetz gelten darf, nannte es selber ein Stück über „das Rudelgesetz und über die Ausgestoßenen“. In einer Sprache, die eine seltsame Mischung aus bayerischer Volkstümlichkeit und extremer Künstlichkeit ist, schildert sie die Geschichte der ungewollt schwangeren Olga, die von ihrem Freund sitzengelassen wurde und um die sich nun der von allen verachtete, weil ungepflegte und fanatisch religiöse Roelle bemüht, der sich selbst für einen Erlöser hält. Weiterlesen

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Rezension: Steam Noir

Das Kupferherz

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Landsberg, eine Insel mitten im Nirgendwo, eine schwebende Scholle. Wir sehen, wie Landsberg im Licht einer warmen Sonne seinen Schatten wirft. Dann nähern wir uns, zuerst dem Königreich Januskoogen, das an der westlichen Seite der Scholle gelegen ist. Weiter auf die Stadt Schierling und das Stadtviertel Brombach. Und dort sehen wir ein Dach, bestückt mit einer seltsamen Gerätschaft. Davor steht ein Mann und kontrolliert Anzeigen. Wir erfahren auch seinen Namen: Heinrich Lerchenwald. Er klettert wieder vom Dach herunter, scheint seine Arbeit beendet zu haben und zumindest einigermaßen zufrieden zu sein. Er füttert seine Fische, alles ist ruhig…
Bis plötzlich seine Tür zersplittert und ein Trupp Soldaten in Rüstung und mit Gesichtsmasken seine Wohnung stürmt. Sie überwältigen den schlanken Mann fast sofort. Es gibt nur eine Frage, die sie interessiert:

Wo ist das Herz?

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Lesung / Buchbesprechung: Daniel Ryser: SLIME. Deutschland muss sterben (13.4.2013, Club Milla)

Deutschland muss sterben, damit wir lesen können!

Lesung des Schweizer Journalisten Daniel Ryser mit einem Akustik-Gig von SLIME

Nachdem man die Bandmitglieder von SLIME schon vorher ohne Berührungsängste oder Starallüren durch das Publikum hat schleichen sehen, kommt Daniel Ryser  pünktlich um 21:00 Uhr auf die Bühne. Mit grünem T-Shirt, Jeans und roten Turnschuhen sieht er weder aus wie der typische Nadelstreifen-Journalist, noch wie ein Punk, noch wie ein Gangster-Rapper – das Musik-Genre, aus dem er nach eigener Aussage eigentlich stammt. Er wirkt wie der Junge von nebenan, und das macht ihn spontan sympathisch.

Er sei sehr aufgeregt, sagt er, auch wenn man ihm das nicht so ansehe, und beginnt mit einer Anekdote von der Lesung in Wiesbaden, wo ein Besucher ständig „Wann gibt‘s endlich Mucke!!!“ rief. Das passiert in München glücklicherweise nicht, das Publikum lauscht gespannt den zahlreichen kleinen Geschichten und Legenden um Deutschlands radikalste und kompromissloseste Punkband und quittiert diese mit Schmunzeln, Lachen und auch mal Zwischenapplaus. Weiterlesen

Review: Dead Space 1 & 2

Tote Räume

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Es ist dunkel und still. Auf dem Boden stapeln sich Kisten, Gegenstände liegen verstreut herum. Es sieht aus, als hätte seit mindestens einer Woche hier niemand mehr aufgeräumt. Wahrscheinlich länger. Eigentlich bist du nur hierher gekommen, um ein Problem mit den Kommunikationsanlagen zu beheben und deine Freundin zu suchen. Sie arbeitet hier. Kein Problem. Eigentlich. Aber hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Es sollten hunderte von Leuten hier arbeiten, doch nicht eine Seele ist zu sehen. Dazu scheint die Kommunikation nicht das einzige Problem zu sein, manche der Türen lassen sich auch nicht öffnen. Na schön, die Lösung dafür liegt auf der Hand. Du gehst in den kleinen Seitenraum, wo sich ein Computer befindet, mit dem du das beheben kannst. Du siehst deine Kollegen, die auf dich warten, noch durch die Sichtscheibe vor dir. Dann berührst du die Taste …
Alarmlichter beginnen zu glühen, eine mechanische Frauenstimme erzählt etwas von Quarantäne. Hektik bricht aus. Irgendwo über dir kratzt etwas. Dann bricht es herunter. Aus einem Lüftungsschacht in der Decke fällt ein Wesen, grob humaoid. Riesige Sicheln springen aus seinen Armen hervor, das Gesicht eine alptraumhafte Fratze. Sofort greift es dich an. Es will dich aufschlitzen. Mit knapper Not entkommst du den tödlichen Waffen, rennst blind in einen offenen Korridor, durch eine Tür, schließt sie in Panik hinter dir. Dein Herz rast, das Blut rauscht in den Ohren, als du versuchst, dich in Sicherheit zu bringen und irgendwas, notfalls auch ein Werkzeug, zu finden, mit dem du dich wehren kannst.

Willkommen auf der USG Ishimura. Willkommen in deinem schlimmsten Alptraum.

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Autorenportrait: Terry Pratchett

Ein Weltenschöpfer

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photo by Christian Thiel

Terry Pratchett – Wem klingt dieser Name nicht in den Ohren? Mittlerweile sicher nicht nur Fantasy-Insidern, denn Terry Pratchett hat sich mit Witz und cleveren Anspielungen in die Herzen seiner Fans auf der ganzen Welt geschrieben. Vor dem Erfolg von J. K. Rowlings Harry Potter der erfolgreichste Autor Großbritanniens, schrieb er bisher rund 50 eigene Romane und zahlreiche weitere in Zusammenarbeit – übersetzt in 37 Sprachen. Seine Fantasie und sein einmaliger Stil brachten ihm Ende 2008 sogar die Ritterschaft der englischen Krone ein. Außerdem wurde eine fossile Urzeit-Schildkröte aus dem Eozän nach ihm benannt: Psephophorus terrypratchetti. Wer kann das schon von sich behaupten? Weiterlesen

Friedhof Neuhausen München

Friedhof Neuhausen

eingangDer Eingang an der Winthirstraße in München ist klein, man betritt die Ruhestätte über einige Stufen und steht vor dem Winthirkirchlein. Der Friedhof tauchte erstmals 1315 urkundlich auf, das derzeitige Erscheinungsbild gibt es seit 1829.

Sarkophag

An der südlichen Außenfassade der Grablege des Seligen Winthir (Iro-Schotte) steht ein kleiner Sarkophag vor einer Erinnerungsplatte, die König Ludwig I. für seinen geistlichen Erzieher Joseph Anton Sambuga in Auftrag gegeben hat.

Von dieser Stelle fällt der Blick auf unterschiedliche Grabstellen, die die lange Zeit des Bestehens des Friedhofs sehr gut wiedergeben: vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute wird die verschiedenartige Kunst von Grabmälern aufgezeigt.

Amvmiller Kopfende des Gebäudes stößt man auf die letzte Ruhestätte der Familie von Miller: Als erstes begegnet man auf dem weiteren Weg an der Kirchenmauer der Darstellung des Erzgießers Ferdinand Freiherr von Miller und am Kopfende und dem gegenüber verteilt die Familie. Dem „Schöpfer des Deutschen Museums“ und Ehrenbürger Münchens Oskar von Miller wurde eine große Grabplatte zugestanden.

Bei der Wendung gen Friedhof zeigt sich ein schöner Anblick: Eine große rechteckige Fläche mit verschiedenen Grabsteinen und -kreuzen, die durch drei Wege begehbar ist. Die von derzeit drei Seiten nah herangerückten Häuser wirken bedrückend, da hilft einem dann nur die Fantasie, um sich die ursprüngliche Lage vorzustellen.

Die kleine Plastik auf dem Brunnen im vorderen Bereich der Grablege ist von der hier bestatteten Künstlerin Ruth Schaumann gestaltet worden. Einzelne Grabsteine wurden vom alten Baumbestand in Besitz genommen, grabdie eisernen Grabkreuze sind farbig durch sakrale Darstellungen oder auch mit Goldfärbungen verziert und vereinzelt sind die alten Inschriften auf den Erinnerungssteinen nachgedunkelt, verwittert und manchmal nicht mehr lesbar. So mancher Ministerialdirektor, Botschafter, Bürgermeister sowie auch eine ehrbare Jungfer, Kleidermacherin etc. kann man hier entdecken. Sigi Sommer (kennt den noch jemand?) soll hier begraben sein und die bescheidene Ruhestätte von Jörg Hube konnte ich auch entdecken.

Dieser Friedhof ist ein 2.600 Quadratmeter großes Gelände, das zum Verweilen, Gedenken und Besichtigen lohnt. Einen Plan dazu gibt es auf den Seiten der Stadtverwaltung München.

Henrik Ibsen „Hedda Gabler“ – Residenztheater München

Gefühle auf dem Gefrierpunkt

 

Henrik Ibsen: Hedda Gabler

Residenztheater München

 

Wenn es um starke Frauenfiguren in der Theaterliteratur geht, dann kommt man keinesfalls an Henrik Ibsen vorbei. Mit der 1879 geschaffenen Nora sorgte er für einen Skandal, war es doch zu jener Zeit undenkbar, dass eine Frau sich von ihrem Ehemann trennte und ihn mitsamt den Kindern sitzenließ.

Doch wo es bei Nora um einen letztlich produktiven Selbstfindungsprozess ging, wendet sich bei der elf Jahre später entstandenen Hedda Gabler die emanzipatorische Energie nur ins zerstörerische. „Ich möchte ein einziges Mal in meinem Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal“ ist einer ihrer zentralen Sätze. Eine Sehnsucht, die sie in die Tat umsetzt, indem sie ihren einstigen Liebhaber Ejlert Løvborg gezielt in den gesellschaftlichen und beruflichen Ruin und schließlich in den Selbstmord treibt. Weiterlesen

Nikolai Gogol „Der Revisor“ – Residenztheater München

 Gogol im Fritsch-Panoptikum

Nikolai Gogol: Der Revisor

Residenztheater München

 

Wie schön haben sie es sich doch eingerichtet in ihrem Dorf irgendwo in der russischen Provinz: Vor allem die Stadtoberen – der Bürgermeister, der Richter, der Leiter des Krankenhauses, der Polizeichef und andere Honoratioren – pflegen eine Mischung aus vollkommener Pflichtvernachlässigung und „Leben und leben lassen“-Toleranz. Das einzige, was die Gemeinschaft noch am laufen hält, ist das von jedem jederzeit gern angenommene Schmiermittel Geld.

In diese korrupte Beschaulichkeit platzt auf einmal die Ankündigung, ein Revisor aus der Hauptstadt werde den Ort und seine Bewohner auf Herz und Nieren prüfen. Und es herrscht Einigkeit: Wer anders soll das sein als der vornehme Herr, der schon seit zwei Wochen mit seinem Diener im Gasthof wohnt, freilich ohne bisher auch nur eine Kopeke bezahlt zu haben? Dass der aber nur ein kleiner, mittelloser Beamter auf der Durchreise ist, der den Irrtum jedoch rasch erkennt und finanziell wie amourös weidlich ausnutzt, wird allen erst nach seiner Abfahrt klar.

Soweit das Grundgerüst von Nikolai Gogols 1835 entstandener Komödie. Daraus könnte man einen schön bebilderten, ebenso feinsinnigen wie harmlos netten Abend machen, doch wer die letzten Arbeiten von Regisseur Herbert Fritsch verfolgt hat, vor allem seine Oberhausener Nora aus dem Jahr 2010 und die zum Berliner Theatertreffen 2012 eingeladene(S)panische Fliege, der weiß, dass dies nicht seinem Stil entspricht.

Fritsch versucht nicht zu psychologisieren, er steht vielmehr für ein extrem körperliches, die Charaktere überzeichnendes Theater, bei dem alles erlaubt ist außer Langeweile. Und dementsprechend ist auch sein Revisor ein slapstickhafter Parforceritt in Hochgeschwindigkeit.

Das Bühnenbild, für das ebenfalls Herbert Fritsch verantwortlich ist, zeigt kein russisches Dorfidyll, sondern ein rundes Dutzend hintereinander gehängter durchsichtiger Plastikplanen in Hausform, die herauf- und hinuntergefahren werden können. Diese auf das Symbolische reduzierte Kulisse bevölkert ein bleich geschminktes Panoptikum fast schon zombiehafter Gestalten: die Männer verwahrlost anmutend mit strähnigen, gelblichen Haaren, gekleidet in schmutziges beige-grau, die Frauen schrille Püppchen mit monströsen Frisuren (Kostüme: Victoria Behr).

Die Nachricht von der Ankunft des Revisors löst Panik in dieser seltsamen Gesellschaft aus und macht aus ihr einen aufgescheuchten, hysterisch überdrehten Hühnerhaufen. Sebastian Blomberg als dieser (vermeintliche) Revisor Chlestakow ist ein tuntig wirkender Schönling im engen rosa Anzug, der seinem Diener Ossip (Stefan Konarske, der die vom Rezensenten besuchte Vorstellung bewundernswerterweise mit Bänderriss auf Krücken spielte) gerne mal den Hintern tätschelt, dennoch aber auch erfolgreich der lokalen Damenwelt nachsteigt (Barbara Melzl als lüsterne Gattin des Bürgermeisters, Britta Hammelstein als dessen piepsig-mädchenhafte Tochter).

Vor ihm buckeln und kriechen alle, und das im wörtlichen Sinne. Die Furcht vor der Enttarnung ihres korrupten Gemeinwesens macht aus den Obrigkeiten armselige Speichellecker, deren Angst sich in verzerrter Mimik und grotesk verdrehten und verrenkten, nahezu nie stillstehenden Körpern ausdrückt. Chlestakow nutzt jeden einzelnen gnadenlos aus und erleichtert ihn um sein Geld. Die Szenen mit ihm und seinen jeweiligen Opfern sind teils herrlich absurde Kabinettstückchen mit pantomimisch geschwungenen Säbeln oder skurrilen Spielchen mit einer von Mund zu Mund weitergegebenen Zigarre.

Das ist schräg, schrill und hemmungslos albern, und vor allem in der ersten Hälfte der Aufführung wird der Klamauk bis an die humoristische Schmerzgrenze (und mitunter auch darüber hinaus) getrieben. Dazu trägt auch die sehr freie, mit mal mehr, mal weniger originellen Wortspielen nicht geizende Textfassung von Sabrina Zwach bei.

Doch zwischendurch stoppt plötzlich das sich rasant drehende Komödienkarussell abrupt, und Fritsch schafft eines der eindrucksvollsten Bilder, wenn er im Bühnenhintergrund das gesamte Personal mit Chlestakow in der Mitte aufreiht und dort eine gute Minute lang stumm und bewegungslos stehen lässt, bevor es im Gleichschritt aufs Publikum zumarschiert. Da schleicht sich etwas unterschwellig Bedrohliches in die bisherige Komik.

Deren Doppelbödigkeit äußert sich auch, wenn schließlich Geld in Massen vom Bühnenhimmel regnet und von einer Schar maskierter Statisten, die das Geschehen bis dahin immer wieder stumm beobachtet hatten, gierig eingesammelt, aber auch von Chlestakow und Ossip ins Publikum geworfen wird – sind nicht auch wir ein Teil einer sich um des lieben Geldes willen selbst belügenden Gesellschaft?

Dieser Revisor ist sicher kein Abend für Freunde fein ziselierter Seelenanalysen, doch durchaus ein Vergnügen, wenn man sich auf den präzise choreografierten und vom famos aufgelegten Ensemble lustvoll gespielten, grellen Irrwitz einlässt. Über die eine oder andere Peinlichkeit oder Platitüde kann und muss man dann schmunzelnd hinwegsehen.

 

Residenztheater München

Elfriede Jelinek „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ – Münchner Kammerspiele

Wortrausch und Modewahn

Elfriede Jelinek: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.

Münchner Kammerspiele

 

100 Jahre alt sind die Münchner Kammerspiele vergangenes Jahr geworden, und eines der Geschenke zu diesem Jubiläum hat sich Intendant Johan Simons selbst gemacht, indem er bei Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Stück in Auftrag gegeben hat, das sich thematisch um die Heimat der Kammerspiele, die Maximilianstraße also, und damit unweigerlich auch um Mode, Nobelmarken und München an sich dreht.

Theaterstücke im eigentlichen Sinne, d. h. mit klar verteilten Rollen und einer erkennbaren Handlung, schreibt Jelinek aber schon seit langem nicht mehr, und so ist auch Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. erstmal nur einer der für die Autorin charakteristischen gut 100-seitigen Textbrocken, der übrigens in voller Länge auf ihrer Homepage nachgelesen werden kann.

Ein Minimum an Regieanweisung findet sich dann dort aber doch: Bei dem Sprecher / der Sprecherin der Textmassen handelt es sich nämlich um ein „Doppelgeschöpf“, einen „Mann, an den eine Frau angenäht ist“, aber: „Man kann auch was ganz andres machen, wie immer“.

Was ganz anderes, aber indirekt diese Idee aufgreifend, macht dann Regisseur Simons, indem er als groteske Travestienummer zunächst mal fünf Herren auf High Heels auftreten lässt: Hans Kremer in nichts als einem hautfarbenen Bauch-Weg-Höschen und mit Vuitton-Handtasche als Accessoire – Stefan Bissmeier in ähnlichem Outfit, aber zusätzlich noch mit Sonnenbrille und einer hüftkurzen Pelzjacke – Steven Scharf im goldglitzernden Kleidchen – später noch die aufgrund ihrer schulterlangen blonden Haare sowieso schon zwillingshaft wirkenden Marc Benjamin und Maximilian Simonischek in identischen roten Babydolls (Kostüme: Teresa Vergho).

Nacheinander steigen sie aus einem an einen U-Bahn-Zugang erinnernden Schacht in der Mitte der Bühne (von Eva Veronica Born), die ein gutes Stück ins Parkett hineingerückt ist, dessen erste Sitzreihen auf die andere Seite der Spielfläche verlegt wurden. Auf dieser hatten gleich zu Beginn Bühnenarbeiter säckeweise zerstoßenes Eis verteilt und sie so in eine Ebene aus knirschenden, rutschigen Bröckchen verwandelt. Ansonsten ist die Bühne leer, bis auf einen schaufensterartigen Glaskasten an der Seite, in dem eine fünfköpfige Band plaziert ist, die den Abend mit einer angeschrägten Mischung aus Jazz und Blues untermalt (Musik: Carl Oesterhelt).

„Ich habe gehört, es gibt jetzt eine Satzung im Gesetz, dass man Orgien feiern muss“, so lautet der erste Satz, der Auftakt ist zu einer auf die fünf „Herren Damen“ verteilten Tirade über gesellschaftliche Mode-, Marken- und Konsumdiktate. Später gesellt sich noch die einzige Frau des Abends dazu, Sandra Hüller, die gleich mit ihrem ersten langen Monolog zum unangefochtenen Kraftzentrum der Aufführung avanciert. Wie sie in Jelinek-typischen, schier endlos um sich selbst kreisenden Worten über den Kauf eines Rocks jammert („Ich nähere mich ihr an, dieser Frau auf dem Foto, nur ihretwegen habe ich diesen Rock gekauft … ich schaue, obwohl der Rock genau der gleiche ist wie auf dem Foto, niemals so aus, wie der Rock aussehen sollte, allerdings an jemand anderem, weil ich die bin, die ich bin … ich möchte mir nicht gehören, wenn ich der Rock wäre“), dabei aber ironische Distanz zu sich und zum Text bewahrt, das überzeugt auf ganzer Linie.

Nach der Pause kommt dann im letzten Teil des insgesamt rund dreistündigen Abends (das Eis ist inzwischen weitgehend geschmolzen und hat die Bühne in eine Wasserfläche verwandelt) noch der wohl prominenteste Überfallene der Maximilianstraße ausgiebig zu Wort. Benny Claessens lamentiert als äußerlich erschreckend perfekte Moshammer-Kopie über „seine“ Straße, die es wagt, auch ohne seinen Glanz weiter zu existieren („Mein Laden ist mit mir gestorben, und die Straße ist auch gleich mitgegangen, nur weiß sie es nicht“), über sein jämmerliches Ende und all die vermeintlichen Freunde aus der Münchner Schickeria, die am Tag seiner Beerdigung zum Skirennen nach Kitzbühel gefahren sind.

Die Wortkaskaden ziehen einen zwar in ihren Bann, doch die Kapitalismuskritik an der Oberflächlichkeit des in München im allgemeinen und auf der Maximilianstraße im speziellen zur Schau gestellten Reichtums wirkt auf Dauer etwas zu wohlfeil und inhaltsleer. Jelinek lässt hier die Bissigkeit und Bösartigkeit vermissen, mit der sie sonst gekonnt über Themen wie das Dritte Reich oder die Ausbeutung von Mensch und Natur räsoniert. Hat hier vielleicht ihre eigene Begeisterung für Mode den Blick ungewohnt milde gestimmt?

„Sie werden ins Nichts treten, wenn Sie rausgehen, ein Jüngstes Gericht für diese Straße, und ich habe es ihr bereitet“ heißt es im Stück, das selber im ganzen wie ein zwar unterhaltsames, aber letztlich doch nur buntschillernd verpacktes Nichts wirkt – und damit schließlich doch eigentlich prima zur Scheinwelt der Maximilianstraße passt.

 

Münchner Kammerspiele

Elfriede Jelinek

 

Review: Josef Wilfling – Warum jeder zum Mörder werden kann (VHS – Unterschleißheim)

Josef Wilfling, Münchner Mordkommission

 

07.12.2012, VHS-Unterschleißheim
Josef Wilfling, Unheil: Warum jeder zum Mörder werden kann
Unheil ist Josef Wilflings zweites Buch, 2010 erschien sein Erstling Abgründe. Beides sind seine Erfahrungsberichte.

Josef Wilfling war bis 2009 als Ermittler und zuletzt Leiter der Münchner Mordkommission tätig; hier hat er die höchste Aufklärungsquote aufzuweisen. Am 07.12.2012 sitzt mir ein fülliger Herr gegenüber, seine fränkische Sprachfärbung, die Art und Weise wie er meist offen über seine Arbeit spricht, kommen bei mir gut an.

Nach eigenen Angaben war Josef Wilfling zu gutmütig für die Verkehrspolizei und wurde daher bei der Mordkommission eingesetzt. Die „Faszination des Bösen“ trat damit in sein Leben. Wenn man das Böse kennengelernt hat, ist die Faszination allerdings weg und die Angst kommt zum Vorschein. Für den Zeitungsleser oder Nachrichtenhörer ist es auch nur faszinierend, wenn die Geschehnisse weit weg sind.

Obwohl der Polizist viel Schreckliches gesehen hat, verlor er nie den Glauben an die Menschheit, denn es gibt immer noch genug gute Menschen. Wilfling spricht auch davon, dass man ein intaktes (privates) Umfeld braucht und nach dem Dienst abschalten können muss sowie mit Kollegen über die beruflichen Schrecknisse sprechen soll, um sich dem Bösen immer wieder stellen zu können. Mit seiner Frau ist er seit über 40 Jahren verheiratet, aber zuhause wurde nie vom Dienst gesprochen. Er geht davon aus, dass seine Frau seine Bücher bisher nicht gelesen hat – obwohl sein Neuling bei ihr auf dem Nachttisch liege.

In der Zeit von 1987 bis 2009 gab es in München und im dazugehörigen Landkreis über 300 Morde und 800 Mordversuche. Bei der Mordkommission ist Teamarbeit angesagt, um die Fälle von Sexualmord, Raubmord und andere mit den ER-Tötungsarten (erschlagen, ersticken, erschießen) lösen zu können.

Die Motivlage der Täter wird unterschieden in emotional (aus Leidenschaft) und rational (eiskalter Mörder). Ebenso hat Wilfling drei Serienmörder-Fälle bearbeitet und aus jedem Fall gelernt. Diese Taten sind meistens sexuell motiviert. Eine besondere Kategorie sind für ihn die Ehrenmorde. Sechs davon musste er unter die Lupe nehmen, sie haben ihn sehr erschüttert.

Bei diesem Vortrag geht es um das Böse im Alltag. Was ist böse? Der Mensch kommt nicht als Mörder zur Welt. Jeder hat gute Seiten, wie auch böse, letztendlich ist das eine persönliche Entscheidung, für welche man sich entscheidet.

Ein Mörder will nicht gefasst werden, er würde ansonsten alles verlieren. Jeder probiert den perfekten Mord. Gibt es diesen? Nein, vollkommen, perfekt ist nur Gott (besagt eine philosophische Antwort). Fehlerfrei? Ja, fehlerfrei ist möglich. Es gibt viele unentdeckte Tötungsdelikte, vor allem in Zusammenhang mit älteren Menschen. Nicht umsonst fordern die Ermittler eine zweite Obduktion vor der Beisetzung der Opfer; allerdings sieht der Gesetzgeber dafür keinen Handlungsbedarf. Die Regierung will das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung nicht beunruhigen.

Es hat mich nicht überrascht, dass der Mörder meist im Nahbereich des Opfers zu suchen ist. In der Anfangsphase der Ermittlungen werden zuerst Ehemann, -frau, Lebensgefährte, -in verhört. Ein Ausspruch von Herrn Wilfling an diesem Abend ist: „Erst Rosamunde Pilcher, dann TATORT“.
Eine bedenkliche Entwicklung stellt der eskalierende Konflikt zwischen Eltern und Kindern dar. Man erkennt eine zunehmende Verrohung, und dass den Kindern keine Werte mehr vermittelt werden.
Einen weiteren Krisenherd birgt die Erbschaft. Wenn Gier, Neid und Missgunst aufkommen, die Enterbung droht, entwickelt sich das Böse. Das konnte Wilfling auch bei den Untersuchungen zum Mord des Schauspielers Walter Sedlmayr verfolgen.
Eine hohe Dunkelziffer gibt es in der Altenpflege. Nicht jeder Fall, bei dem ein/eine Altenpfleger(in) die zu pflegende Person tötet, wird entdeckt.
Nachbarschaftskriege (Orginalton Wilfling: „Gibt es eigentlich noch gute Nachbarschaften?“) werden auch vielfach blutig beendet. Auslöser kann der Ast sein, der über den Zaun hängt, und enden kann es bei dem großen Blumentopf, der auf dem Kopf von einem der Kontrahenten landet. Der Tod, das Gefängnis, die Zerstörung von Familien sind die Folge.
Mobbing hat sich mittlerweile zum riesigen Problem entwickelt. Nicht nur im Beruf und am Arbeitsplatz, auch an Schulen, vor allem Mädchenschulen, wird dank Internet anonym agiert.

Die schlimmsten Verbrechen in Bayern und Deutschland wurden durch Polizisten und Postboten verübt. Man nehme als Beispiel den BND-Mitarbeiter, der 2001 seine Frau grausam mittels zwei Hämmer tötete oder auch den Mädchenmörder von Krailling (Postbote), der seine zwei kleinen Nichten schrecklich zugerichtet hat (vom Täter wurden drei Tötungsmöglichkeiten angewendet).

An diesem Abend gibt es auch ein paar wissenswerte Zahlen:
Jährlich flüchten 45.000 Frauen in Frauenhäuser.
2011 wurden 146 Kinder umgebracht, das sind drei pro Woche! 2010 waren es noch 183; zweidrittel der Opfer waren jünger als sechs Jahre. 70.000 Kinder wurden schwer verletzt. Wo ist das passiert? In der Familie! Totgeschüttelt, erschlagen, verhungert …
Unter den Senioren gibt es 12.000 Opfer; wie oben schon beschrieben ist allerdings die Dunkelziffer groß.

Wie wird man zum Mörder? Leider reduziert sich die Hemmschwelle immer mehr, negative Emotionen kochen hoch, das Böse schwappt über – ein Schwelbrand.
Wer sind die Täter? 10 % sind Frauen, 90 % Männer.
Warum passiert ein Mord? Ein Hauptgrund ist die Verlustangst. Aus Neid, Hass und Rache, Habgier, Raffsucht oder zur materiellen Bereicherung: Dafür geht man über Leichen.

Laut Herrn Wilfling ist Deutschland die Insel der Glückseligkeit und München ist das Paradies! Als Gegensatz nennt uns der noch immer engagierte Ermittler Zahlen aus Honduras bzw. Mexiko: Jährlich passieren dort 80 bis 120 Morde.
In München gab es 37 Morde im Jahr 1987 – 15 Morde von Januar bis Juli, einer im Dezember 2005 – 2009 drei Morde, 2012 zwei.
Sind die Menschen besser geworden? Mag sein, aber die verbesserten sozialen Verhältnisse tun das ihre.

Könnte auch ich zum Mörder werden? Emotionen sind nicht kontrollierbar. Eine Empfehlung des Redners ist: Sollte man bei Hass- und Rachegedanken nach drei Tagen immer noch nicht frei davon sein, sollte man professionelle Hilfe annehmen.

Ich hoffe, demnächst Unheil hier rezensieren zu können.