Richard Wagner „Siegfried“ – Bayerische Staatsoper München

Selbstfindung eines (Anti-) Helden

 

Richard Wagner: Siegfried
Bayerische Staatsoper München

 

Zwischen der düsteren Walküre und der apokalyptischen Götterdämmerung bildet Siegfried in Wagners Ring-Tetralogie eine Art heiteres Zwischenspiel, und nach der tendenziell etwas statisch geratenen Walküre durfte man nun gespannt sein, wie Regisseur Andreas Kriegenburg und sein Team dieses Spielmaterial nutzen würden. Und sie tun es ohne Scheu vor ausgefallener Bebilderung und zum Teil auch mit Mut zum fröhlichen Unfug.

Vor allem die im Rheingold für beeindruckende Bilder genutzte und in der Walküre arg an den Rand gedrängte Statisterie, choreographiert von Zenta Haerter, kommt in diesem Siegfried von Anfang an wieder voll zum Einsatz.

Zu den einleitenden Orchesterklängen des Grübelmotivs stehen die ganz in Weiß gekleideten Komparsen dicht beieinander auf der ansonsten leeren, dunklen Bühne und bewegen sich, wechselnd beleuchtet in orange-roten Farben, mal langsamer, mal schneller hin und her, lösen sich voneinander und finden wieder zusammen: Ein lebendes Feuer als Einleitung für den in Mimes Schmiede spielenden ersten Akt, das ästhetisch dem ebenfalls aus Menschenkörpern gebildeten wogenden Rhein am Beginn des Rheingold ähnelt.

Solche und ähnliche Ideen gibt es im Laufe des Abends häufig. Die Segmente von Mimes Schmiede, nicht mehr als eine kleine bronzefarbene Zelle, werden von den Statisten zusammengesetzt und immer wieder auseinandergenommen, um den Blick freizugeben auf das Hintergrundgeschehen, das szenisch verdoppelt und kommentiert, was vorne von den Protagonisten gesungen wird; weitere optische Einfälle sind zum Beispiel aufeinander stehende Statisten mit Zweigen in der Hand als Bäume, eine lebende Blumenwiese mit an Stangen hereingetragenen weißen Wölkchen und nicht zuletzt, besonders beeindruckend, der über der Bühne schwebende, rotglühende Drachenkopf aus Menschenkörpern.

Das hat in seiner unbekümmerten Fantasie beinahe etwas von Kindertheater und Weihnachtsmärchen; und wenn Siegfried die Trümmer von Nothung, dem Schwert seines Vaters Siegmund, wieder zusammenfügt, dann lässt Kriegenburg seinem Einfallsreichtum endgültig freien Lauf und kreiert ein lebendes Wimmelbild. Da wird vom Bewegungschor ein riesiger Blasebalg und allerlei weitere mechanische Maschinerie bedient, glitzerndes Konfetti zur Darstellung der sprühenden Funken in die Luft geworfen, Mime beim Kochen des Tranks unterstützt, mit dem er später Siegfried außer Gefecht setzen will – ein enormes Gewusel, das Witz hat, aber fast schon ein wenig von der Musik abzulenken droht.

Dieser Siegfried ist ein pubertäres Bürschchen, ein Adoptivkind, das die Selbstzweifel über seine Herkunft mit Kraftmeierei kompensiert, zum Muskelaufbau Werkzeugkästen stemmt und dem verhassten Ziehvater Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke grandios als schmieriger, machtgieriger Underdog) ganz im Wortsinne in die Suppe spuckt. Wahres Heldentum sieht anders aus – Siegfried stolpert in seiner Naivität eher unfreiwillig von einem Abenteuer zum anderen, von der Tötung Fafners über die Auseinandersetzung mit dem Wanderer (das heißt Wotan, wieder eindrucksvoll dargestellt und gesungen von Thomas J. Mayer) bis hin zur Erweckung und Befreiung Brünnhildes.

Und es ist beim großen, abschließenden Liebesduett durchaus amüsant und mit ironischer Brechung dargestellt, wie dieser Siegfried trotz allem Ungestüm, trotz aller Heldentaten ein Jugendlicher mit Angst vor dem „ersten Mal“ ist, der zunächst beim bangen Zurückweichen vor Brünnhildes Annäherungsversuchen von der Bettkante plumpst, dennoch aber in der Liebe zu ihr auch zu sich selbst findet.

Lance Ryan beweist, warum er derzeit einer der gefragtesten Wagner- und speziell Siegfried-Sänger ist: Ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen bewältigt er mit seinem kraftvollen, aber niemals metallisch harten Tenor diese Mammut-Partie, und das mit einer Textverständlichkeit, die umso mehr erstaunt, als Ryan Kanadier ist.

Großartig auch die stimmlich brillante und ausdrucksstarke Catherine Naglestad als Brünnhilde, hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu ihrem Retter Siegfried und dem Wissen, dass diese Liebe endgültig den Verlust ihrer einstigen Göttlichkeit bedeutet.

Nicht zu vergessen im exzellenten Sängerensemble der düstere und stimmgewaltige Alberich von Wolfgang Koch, der perlende Sopran von Elena Tsagallova als Waldvogel im weißen Tutu (der, auch einer dieser zahlreichen kleinen Gags, dem sterbenden Fafner mit einem energischen Klaps seines Flügels endgültig den Rest gibt), Jill Grove als einem aus Menschenleibern gebildeten Hügel entsteigende gruselig-bleiche Erda und Rafael Siwek als Fafner.

Kent Naganos Dirigat ist zwar weiterhin relativ langsam, aber nicht schleppend, und findet an den richtigen Stellen auch zur notwendigen Dynamik.

Fazit: Eine auf jeden Fall kurzweilige, wenn auch vielleicht manchmal etwas zu verspielte Inszenierung und musikalisch eigentlich schon der siebte Wagnerhimmel. Die Maßstäbe für die finale Götterdämmerung sind damit jedenfalls hoch gesetzt.

 

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Richard Wagner „Die Walküre“ – Bayerische Staatsoper München

Von Liebe und Tod

 

Richard Wagner: Die Walküre

Bayerische Staatsoper München

 

Endlich! Endlich haben Teile des gediegenen Münchner Opernpublikums die Möglichkeit, sich rebellisch zu geben und während der Aufführung durch „Buh“- und „Aufhören“-Rufe auf sich aufmerksam zu machen. Wie Regisseur Andreas Kriegenburg, der sich doch eigentlich mit provokanten inszenatorischen Einfällen zurückhalten wollte, das geschafft hat? Dazu gleich mehr …

Wir befinden uns nach dem gestrigen Rheingold-Vorabend am ersten Tag des Ring des Nibelungen, in Die Walküre. Mehr als bei allen anderen Teilen steht hier das Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren im Fokus, insbesondere die Liebe: die erkaltete zwischen Wotan und seiner Gattin Fricka, die enthusiastische des von Wotan gezeugten Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde und nicht zuletzt auch die väterlich-töchterliche Liebe zwischen Wotan und der Walküre Brünnhilde. Doch ist Liebe überhaupt noch möglich vor dem Hintergrund von Intrigen, Gewalt und Machtspielen? Vielmehr ist auch der Tod allgegenwärtig.

Wie schon im Rheingold ist das Bühnenbild geprägt von Harald B. Thors universellem Riesenkasten, der sich im ersten Akt zu Hundings Haus wandelt, das freilich alles andere als heimelig wirkt: In den Ästen der Esche hängen Tote, im Hintergrund sind Frauen damit beschäftigt, Leichen zu waschen oder zu präparieren. Die Bedrohlichkeit der Situation, in die Siegmund hier geraten ist, ist unterschwellig permanent fühlbar, nicht zuletzt auch durch das herrische Auftreten Hundings (Ain Anger), der seine Ehefrau Sieglinde eher als stets verfügbares Objekt zu betrachten scheint denn als Mensch. Immer wieder zieht er sie gewaltsam zu sich heran, und ihr Kleid muss auch schon mal zum Abwischen der Hände herhalten.

Was für ein kaum fassbares Glück, dass ihr verschollener, innigst geliebter Bruder sie aus dieser Ehehölle befreit! Die im Inzest endende Annäherung der beiden wirkt jedoch irgendwie statisch, auch wenn die Darsteller stimmlich mehr als zu überzeugen wissen.

Klaus Florian Vogt ist der vom Publikum frenetisch gefeierte Siegmund, und es ist ein Genuss, seinem samtweichen, hellen Tenor zuzuhören, auch wenn es ihm an den hochdramatischen Stellen vielleicht ein wenig an Durchschlagskraft mangelt. Nicht weniger umjubelt Anja Kampe als Sieglinde, die mit ihrem klaren Sopran mühelos sowohl die ruhigen als auch die leidenschaftlichen Momente dieser Partie bewältigt.

Für den zweiten Akt haben Kriegenburg und Thor die Bühne zunächst weitgehend leergeräumt. Nichts als ein Schreibtisch signalisiert, dass wir uns jetzt in Walhall, der Macht- und Schaltzentrale Wotans, befinden. Wirklich viel hat er allerdings nicht mehr zu melden, insbesondere wenn es um die von ihm eingefädelte, in der Zeugung des späteren Helden Siegfrieds mündende Begegnung Sieglindes und Siegmunds geht. Seine Frau Fricka (Sophie Koch, stimmlich weitaus prägnanter und präsenter als im gestrigen Rheingold) ist jedoch kein zänkisches Eheweib, sondern eine präzise Analytikerin und Realistin, die Wotan seine Grenzen aufzeigt und gleichzeitig ihr Anliegen als Hüterin der Ehe durchzusetzen vermag, indem sie erfolgreich den Tod des Ehebrechers Siegmund einfordert.

Wotan hingegen ist ein Verzweifelter und Getriebener, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch glaubhaft verkörpert durch Thomas J. Mayer, insbesondere in seinem langen Monolog, wenn er Brünnhilde seine Hoffnungslosigkeit über den unaufhaltsamen Gang der Dinge darlegt, sich lediglich das Ende herbeiwünscht und sich sogar deren Schwert an den Hals setzt. Die kurzfristig für die erkrankte Katharina Dalayman als Brünnhilde eingesprungene Iréne Theorin ist ein weiterer vokaler Glücksfall des Abends und beherrscht alle Facetten zwischen lyrischer Intensität und dramatischer Schärfe.

Für die anschließenden Szenen der Flucht Siegmunds und Sieglindes, die Todverkündung Brünnhildes (ein ergreifend intensiver Moment zwischen ihr und Siegmund) und den Kampf zwischen Siegmund und Hunding verengt sich der Bühnenkasten zu einem schmalen Spalt, einem bläulich beleuchteten und von Nebelschwaden durchzogenen, von Toten übersäten Schlachtfeld – eines der an diesem Abend leider insgesamt eher raren eindrucksvollen Bilder.

Und dann der dritte Akt … Der beginnt mit dem selbst den meisten Wagner-Unkundigen hinlänglich bekannten Ritt der Walküren, ein „Hit“ sozusagen, auf den jeder wartet. Doch Kriegenburg bricht mit dieser Erwartungshaltung und provoziert auf diese Weise die eingangs erwähnten Unmutsbezeugungen.

Denn statt des wohl berühmtesten aller Ring-Motive erklingt zunächst – nichts. Was wir hingegen sehen, ist etwa ein Dutzend junger Frauen in knielangen, silbernen Kleidchen und Springerstiefeln, die eine stumme Tanzperformance hinlegen, eine symbolische Darstellung der ungestüm auf ihren Einsatz wartenden Pferde der im Hintergrund bereits präsenten Walküren. Fünf Minuten Trampeln, Stampfen und Haareschwingen ohne jede Musik, zu dem gleichzeitig auf Pfählen aufgespießte Leichen vom Bühnenboden emporgefahren werden. Das hat durchaus Spannung und Dynamik, ist aber vielleicht ein wenig zu lang geraten und ein derart ungewöhnlicher Angriff auf die tradierten Hör- und Sehgewohnheiten, dass es dem einen oder anderen zuviel wird. Die Zwischenrufe halten sich allerdings die Waage mit demonstrativem Applaus, bevor schließlich die Töne des Walkürenritts aufbranden.

Wenn Wotan am Ende Brünnhilde als Strafe für ihren Ungehorsam in Schlaf versetzt und den Flammenring um sie legt, geschieht das auf komplett leerer Bühne. Einerseits ist die Abkehr von effekthascherischem Bühnenzauber erfreulich, und in der Tat geschieht ja auch nicht viel in dieser Schlusspassage, doch wirkt die Reduktion in diesem Fall eher wie eine Kapitulation des Regisseurs vor dem Stoff.

Szenisch ist diese Walküre sicher dennoch nicht schlecht, aber auch nicht der wirklich große Wurf; einzelne gute Einfälle bleiben voneinander isoliert, ohne sich zu einem abgerundeten Ganzen zu fügen. So tauchen die im Rheingold als originelle lebende Bühnenbilder fungierenden Statisten nur noch als etwas beliebig wirkende Staffage auf, beispielsweise als Butlerschar in der Götterburg Walhall, die Getränke servieren oder auch als Sitzmöbel für Wotan und Fricka herhalten muss. Im ungleich aktionsreicheren Siegfried gilt es hier einiges nachzuholen.

 

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Richard Wagner „Das Rheingold“ – Bayerische Staatsoper München

Der Anfang vom Ende

 

Richard Wagner: Das Rheingold
Bayerische Staatsoper München

 

Was für ein Unterfangen! Das Vorhaben der Bayerischen Staatsoper, innerhalb nur einer Spielzeit den gesamten Ring des Nibelungen, Richard Wagners opus magnum, auf die Bühne zu bringen, hat in dieser Form wohl noch kein anderes Haus gewagt. Normalerweise verteilen sich die Produktionen von Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung auf drei bis vier Jahre; hier in München gab es das Opernkleeblatt nun also ein Jahr vor Wagners 200stem Geburtstag innerhalb nur einer Saison, inszeniert von Andreas Kriegenburg zusammen mit Harald B. Thor (Bühne) und Andrea Schraad (Kostüme), die an der Staatsoper vor wenigen Jahren bereits eine beeindruckende Aufführung von Alban Bergs Wozzeck erarbeitet hatten.

Im Rahmen der momentan stattfindenden Opernfestspiele steht der Ring nun zweimal in einem Zeitraum von jeweils sechs Tagen auf dem Spielplan; den Auftakt zur zweiten Runde machte gestern der Vorabend Das Rheingold, heute gefolgt von Die Walküre, dem Siegfried am Freitag und der Götterdämmerung am Sonntag, die übrigens im Rahmen von „Oper für alle“ auch kostenlos auf einer Großbildleinwand auf dem Max-Joseph-Platz zu sehen sein wird.

Im Vorfeld hatte Kriegenburg zu seinem Inszenierungskonzept gesagt, er wolle nicht mit der x-ten Neuinterpretation oder opulenten Effekten aufwarten, sondern sich auf die Erzählung der Geschichte konzentrieren und diese mit Bildern versehen, die man so vielleicht noch nicht gesehen hat.

Zumindest zu Beginn wird diese Ansage voll eingelöst. Beim Betreten des Zuschauerraums fällt der Blick sofort auf den von Harald B. Thor geschaffenen riesigen, hellen Bühnenraum (ein Einheitsbühnenbild, das sich gleichwohl im Laufe der Aufführung durch verschieb- und kippbare Boden- und Deckenelemente als vielseitig veränderbar erweist), in dem sich in Picknickatmosphäre allerlei jugendliches Volk in weißer Sommerkleidung tummelt. Auf einmal beginnen diese Statisten sich bis auf die hautfarbene Unterwäsche auszuziehen, sich mit blauer Farbe zu beschmieren und im vorderen Bühnenbereich auf den Boden zu legen. Wenn sie dann mit dem Einsetzen der Klänge des Es-Dur-Vorspiels und während der gesamten ersten Szene Oberkörper, Arme und Beine auf- und abbewegen, ist das in der Tat eine faszinierende Bildfindung für die Darstellung des wogenden Rheins.

Auch später wird die Statisterie noch zu sehen sein, zum Beispiel als die Burg Walhall symbolisierende zinnenbewehrte Mauer – gewöhnliche Menschen (die ja im Ring ansonsten kaum vorkommen) als Bühnenbilder: eine interessante Idee, und es wird spannend sein zu sehen, wie diese in den noch folgenden Teilen fortgeführt werden wird.

Darüber hinaus gelingen noch weitere bestechende Bilder, etwa die auf gewaltigen Blöcken aus toten Körpern stehenden Riesen oder Alberichs Nibelheim-Bergwerk: ein düsteres Szenario aus Gewalt, Feuer und Tod, fast schon in einer Art Rammstein-Videoästhetik.

Kriegenburg interessiert sich erfreulicherweise wenig für den mythologischen Unterbau des Stoffes. Seine Figuren sind im zeitlichen Nirgendwo verortet, am ehesten noch im Hier und Jetzt, wozu auch die neutralen Kostüme von Andrea Schraad beitragen. Deren Charakterzeichnung bleibt zwar im Wesentlichen eher konventionell, verlangt den Sängern aber dennoch auch große schauspielerische Fähigkeiten ab.

Wotan (solide: Johan Reuter) ist zu Beginn ein mehr als selbstbewusster Chefgott, der entgegen mahnender Worte vor allem seiner Gattin Fricka (Sophie Koch, teilweise merkwürdig unsauber in den Tiefen) alles im Griff zu haben glaubt. So einer kann den Riesen (Thorsten Grümbel und Phillip Ens) auch schon mal die Göttin Freia (Aga Mikolaj) als Lohn für die Fertigstellung der Burg Walhall versprechen, die nach ihrer Befreiung aus der Geiselhaft Fasolts und Fafners als gebrochene Frau zurückbleibt. Am Ende ist von dieser Selbstgerechtigkeit jedoch nicht mehr viel übrig; der Verlust des Rings als Lösegeld für Freia hat die Katastrophe und den Anfang vom Ende in Gang gesetzt. Dessen ist sich Wotan bewusst, da gerät schließlich auch der Einzug in die neu geschaffene Götterburg wenig glorios.

Stimmlich und darstellerisch der Star des Abends und zu Recht mit stürmischem Beifall und Bravos bedacht ist Wolfgang Kochs Alberich. Wie dieser sich vom allseits abgelehnten Proleten nach dem Raub des Rheingolds und dem Schmieden des Rings zum eiskalten Machtmenschen wandelt und letztlich nach Verlust all dessen zum Enttäuschten und Erniedrigten mit Hass auf alles und jeden, das ist eine durchaus überzeugende Charakterstudie.

Ebenfalls eindrucksvoll der Loge des Stefan Margita: ein zynischer Dandy im roten Anzug, schwankend zwischen blankem Egoismus und Unterstützung der anderen Götter, die aus ihrer Ablehnung für ihn, den Halbgott, keinen großen Hehl machen.

Kent Nagano dirigiert das alles unaufgeregt und durchaus sängerfreundlich. Etwas mehr Energie und etwas weniger Lyrismus wären hier teilweise wünschenswert, aber dies bedeutet schon Jammern auf hohem Niveau.

Alles in allem eine Inszenierung des Vorabends, die man vielleicht als eine Art Exposé für die folgenden Teile verstehen kann. Wäre es eine Tätowierung, so könnte man eventuell von den Outlines sprechen, die es in den kommenden Tagen zu füllen gilt. Ich bin gespannt!

 

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Albrecht Dürer

Albrecht Dürer, Nürnberg.bayern-online.de

Albrecht Dürer, Nürnberg.bayern-online.de

Albrecht Dürer ist ein deutscher Künstler, der zur Zeit der Renaissance lebte und wirkte. Er ist mir schon so manches Mal in der Alten Pinakothek und in Zeitschriften begegnet. Angeregt und unterstützt durch das Buch „Albrecht Dürer – Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit“ von Anna Schiener und durch die neuesten Eindrücke aus meinem Besuch in der Alten Pinakothek, versuche ich hier einen Blick auf sein Leben zu werfen: Weiterlesen

Die Gotik

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Kölner Dom

Bei meinem letzten Besuch in Köln war ich mal wieder im Dom. Diese düstere Schönheit – in der Schule habe ich darüber mal ansatzweise etwas gelernt, aber es blieb nicht viel davon im Gedächtnis. Darum hab ich mir einen Vortrag zum Thema „Die Gotik als Gesamtkunstwerk am Beispiel französischer Kathedralen“ bei der VHS geleistet. Hier für Interessierte eine Zusammenfassung:

Die Gotik hat sich im Mittelalter entwickelt. Im Laufe des 12. bis 15. Jahrhundert wollte der Klerus die neu zu bauenden Kathedralen als eine Art „Bibel für Arme“ gestalten und das unwissende Volk dadurch belehren, u. a. wurden Geschichten aus dem Leben der Heiligen gezeigt und von kirchlichen Festen mittels Glasgemälde erzählt. Ebenso ausdrucksstark sollten die Portalstatuen sein.

Die Ausrichtung der neuen Bauwerke hatte in der Gotik von Ost nach West zu erfolgen. Der Kopf im Osten, in Richtung aufgehender Sonne. Den Außenfassaden an der Nordseite waren die Darstellungen des Alten Testaments, denen an der Südseite des Neuen Testaments vorbehalten; die Westfassaden sollten das jüngste Gericht darstellen und die Ostfassaden Todesszenarien vermitteln.

An den Kirchen bemerkt man den Höhendrang, die „Himmelssehnsucht“. Die vertikale Tendenz gotischer Bauten im Gegensatz zu mehr horizontalen Gebilden der vorausgegangen romanischen Baukunst zeigen den Unterschied der Architekturstile. Über den Portalen sind oftmals Heilige in Bogenform zu sehen. Ein hl. Papst bzw. König wurde bei dieser Anordnung erhöht und mittig abgebildet. Typisch ist auch die spitz zulaufende Fensterform.
Die Steinmetzmeister, die dem Äußeren der gotischen Bauten Gestalt geben sollten, wurden mit ihren umfangreichen Arbeiten an großen und unzähligen kleinen Skulpturen nur selten rechtzeitig fertig.
Das Gewölbe einer Kathedrale wird durch das Kreuzrippe getragen und leitet den Gewölbedruck zu den Pfeilern (s. a. Link). Dadurch ergeben sich auch die gegliedert aufgestellten Pfeiler.

In der Gestaltung der Figuren überwiegt eine gewisse Typisierung. Hierbei sollte das Wiedererkennen der Darstellungen gewährleistet werden bzw. für das einfache Volk erleichtert werden. Die Dreidimensionalität fehlt und Objektschatten werden nicht dargestellt. Die starre Haltung der Statuen sowie der sich wiederholende Gesichtsausdruck sind diesem Kunststil entsprechend, v.a. auch durch die Praxis der Bildhauer im Mittelalter, schön gestaltete Gesichtsdarstellungen als Muster an Steinmetze weiterzugegeben. Erst Ende des 14. Jahrhunderts bemühten sich die Künstler, den Gesichtern der Statuen Gefühlsausdruck zu geben.

Die Kunst war im Mittelalter eine Art Heilige Schrift mit festgeschriebenen Attributen. Zum Beispiel musste der Heiligenschein vertikal und symmetrisch angebracht sowie mit einem Kreuz versehen werden, das die Göttlichkeit kennzeichnete. Der Lichtschein, der die heilige Person umgibt, war am ganzen Körper anzuwenden.
Ferner sollten Gott, Jesus und die Engel barfuss gestaltet sein, aber nicht Maria und die Heiligen. Der Himmel wurde durch mehrere geschwungene, konzentrische oder manchmal auch gezackte Linien dargestellt.
Parallel verlaufende Linien bedeuteten Wasser, die Flüsse und das Meer.
Ein Turm und ein Tor stellten eine Stadt dar. Sah man zwischen den Zinnen einen Engel, war die Stadt Jerusalem gemeint.

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Kölner Dom – Glasfenster

Bei den (Glas-)Bildern musste der Künstler eine gewisse Rangordnung der Abgebildeten einhalten, z.B. wurde Petrus an die rechte Seite von Jesus gesetzt. Das resultiert auch aus der Ansicht des Klerus, dass links nur unwürdige Personen stehen und rechts die würdigen.

Die Symbolik ist in der Gotik weit verbreitet. Seit der Zeit des Urchristentums, soll heißen in den Katakomben Roms, wendet die christliche Kunst Symbole an. Zum Beispiel stellt ein Löwe, der neben dem Grab Christi steht, die Auferstehung dar, Stroh bezeichnet die Sünde. Damals wurde gesagt, dass jede Form in der Kunst durch den Geist, durch das Symbol belebt wird. Dazu gehören auch die Gestik, die Priestergewänder, die Gegenstände, die bei der Messe und anderen Zeremonien gebraucht werden, die Tiere und sogar die Pflanzen, die ein Künstler darstellt.

Das in der Gotik verwendete „Bestiarium“ ist eine mittelalterliche Tierdichtung. Es zeigt auch die Symboleigenschaft der Tiere in der mittelalterlichen Kirchenkunst, insbesondere in Frankreich. Evangelisten wurden z. B. durch den Löwen (Markus), den Stier (Lukas) und den Adler (Johannes) dargestellt.

Auch die Flora wurde symbolisch eingesetzt: die Rosen symbolisierten das Blut Jesu, Nesseln die brennende Glut des Lasters. Ein Gewächs konnte auch mehrere Bedeutungen haben, z. B. die Lilie. Sie bezeichnete erst den Heiland, später auch die Heiligen, die Menschheit oder die seligen Gefilde. Die Künstler mussten vorwiegend Frühlingsgewächse einsetzen, z. B. Sprösslinge, Ranken, Zweige, Reben. In Stein wurden Wegerich, Farn, Ginster, Efeu gemeisselt.

Adam und Eva wurde die Bearbeitung der Felder auferlegt. Deswegen finden sich in vielen Kirchen in Stein gemeisselte Jahreskalender. Die Feldbestellung, der Weinbau und die Ernte wurden von einem Tierkreis begleitet. Diese Bilder sind dem Heidentum entnommen und fanden nichtsdestotrotz ihren festen Platz in den Sakralbauten der Christen.

Für die Menschen im Mittelalter waren Heilige nicht nur Helden der Weltgeschichte, sondern auch ihre Fürsprecher und Schutzpatrone. Dementsprechend oft wurden große Heilige in der Glasmalerei der Kirchen verherrlicht. Im Rang der Heiligen nahmen die Apostel den ersten Platz ein, danach kam St. Nikolaus und der Hl. Jakobus.

Ein Irrtum der Handwerker in der Darstellung und Malerei oder eine Nichtbeachtung der vorgenannten Richtlinien der römischen Kirche galt als Ketzerei.

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Kölner Dom

In den Kunstwerken der Kathedralen waren auch Handwerker mit den von ihnen gestifteten farbigen Fenstern vertreten. Es wurden Glasbilder mit den Attributen der Stifter in Auftrag gegeben und ausgeführt: z. B. dem Webstuhl, dem Metzgermesser, dem Hammer, der Maurerkelle oder der Schaufel. Könige, Edelleute und Bischöfe nahmen in den Glasgemälden als Stifter nur einen bescheidenen Platz ein, meistens in Demut vor Jesus, Maria oder einem Heiligen.

Die großen Männer des Altertums sind in den gotischen Kirchen kaum dargestellt. Jedoch findet man in Frankreich die Taufe Clodwigs und die Geschichte Karls des Großen dargestellt.

Man kann die Gotik auch noch in weiteren deutschen Kirchen finden, z. B. im Regensburger Dom, dem Ulmer Münster, der St. Martins-Kirche in Landshut und dem Müncter zu Freiburg.

Wer sich für die Gotik interessiert, kann auch bei Wikipedia weitere Informationen nachlesen.

„We Worship The Black“ – Sonne Adam

Metal aus dem Untergrund

Man denkt nicht an Drums und E-Gitarren, wenn man „Sonne Adam“ liest. Viel besser könnte man sich darunter ein Wellness-Programm oder eine Glaubensgemeinschaft vorstellen. Erfährt man schließlich, dass „Sonne Adam“ aus Israel kommen, liegt jeder Gedanke an eine dunkle Musikrichtung fern.
Falsch gedacht! Denn Sonne Adam ist tatsächlich eine – leider noch unbekannte – Metal-Band aus Israel. Mit einer gewohnt dunkel-kratzigen Männerstimme, schnellen Drums und teilweise hörenswerten E-Gitarrenklängen blinkt ein neuer Stern am Metal-Himmel.
Sonne Adam gründete sich 2007 in Israel als Death-Metal-Band. Die vier Musiker Dahan (Bass und Gesang), Davidov (Gitarre), Mayer (Gitarre) und Steel (Schlagzeug) machen damit sozusagen Untergrundmusik, denn im jüdisch geprägten Staat gibt es nicht mal ein Dutzend auch nur annähernd bekannte oder öffentlich musizierende Bands dieses Genres. Ihr Debütalbum „Transformation“, das am 01.04.11 in Deutschland erschienen ist, macht dem Genre alle Ehre. Wer nun den Bandnamen wörtlich nimmt, sucht auf dem Cover vergeblich nach bunten Farben. Das ist nämlich in schwarz/weiß gehalten, mit herrlichen Dämonenköpfen unter anderem. Ebenso sind die neun Songs auf dem Debütalbum apokalyptisch angehaucht, religionsfeindlich (wenn man das kulturelle Umfeld im Auge behält) und wer sich damit auskennt, entdeckt die Liebe des Bandgründers Davidov zu Morbid Angel. Von ihnen inspiriert, hat sich Davidov zu Songs wie „We who worship the black“, „Through our eyes hate will shine“ oder “I claim my birth in blood” hinreißen lassen, die Bandkollege Dahan voller Verachtung ins Mikro brüllt.
Sonne Adam ist im Übrigen Hebräisch und heißt wörtlich übersetzt „Hass-Mensch“. Nomen est omen und Sonne Adam ist eine Band, die sich zu hören lohnt – und sicherlich in westlicheren Ländern großen Anklang findet. Tourdaten gibt es keine, eine richtige Band-Homepage fehlt auch und die Infos sind noch spärlich. Wer reinhören möchte, kann dies bei Myspace tun. Dort finden sich zwar nur vier Songs, aber die haben es in sich.

Sonne Adam – Transformation 
Release: 01.04.2011; Label: Century Me (EMI), UVP: 13,99 €
Trackliste:
01. We Who Worship The Black
02. I Sing His Words
03. Sonne Adam
04. Solitude In Death
05. Take Me Back To Where I Belong
06. Through Our Eyes Hate Will Shine
07. I Claim My Birth In Blood
08. Transformation
09. Apocalypse