Spirituelle Reise durch mehrere Ebenen

coverGleich zu Beginn möchte ich festhalten, dass Alcest aus Frankreich eine vollkommen eigene Nische im sehr variantenreichen Black Metal für sich beanspruchen. Was 1999 mit der Veröffentlichung des ersten Demo Tristesse hivernale noch recht roh und ungeschliffen begann, erfuhr im Laufe der darauffolgenden Releases einen fast schon transzendentalen Wandel hin zum, wie ich es nennen würde, Spiritual Shoegaze Black Metal. Um die Entwicklung nachvollziehen zu können, lege ich euch Souvenirs d´un autre monde ans Ohr.
Die zwei begnadeten Musiker Neige, seines Zeichens Gründungsmitglied von Alcest und Workaholic (die Liste seiner Nebenprojekte, in denen er spielt oder spielte ist endlos), und Winterhalter haben vor wenigen Tagen Ihr neues Opus Spiritual Instinct veröffentlicht. Mit großen Erwartungen machte ich mich also ans Rezensentenwerk. Ich versuche meine Eindrücke für euch mal in Worte zu fassen.

Die überaus gute Produktion lässt wirklich jede Finesse des Albums heraushören. Anders würde man der Musik auch nicht gerecht werden. Wie es bei Alcest mittlerweile Tradition geworden ist, bietet auch Spiritual Instinct wieder sechs herrlich lange Epen voller Dramatik und Natur (nein, dies ist noch nicht mein Fazit). Die Entscheidung „Le jardins de minuit“ als Eröffnung zu nehmen hätte man nicht besser machen können. Oft ist ein Album wirklich gut, und man denkt „wow, das ist der Wahnsinn“, aber noch nie ist mir dieser Gedanke so stark gekommen, wie in diesem Fall. Langsam geht es hinein in die Welt von Neige, der seine Band als Sprachrohr seiner Seele sieht. Ein Basslauf, der an eine schamanische Zeremonie erinnert, teilt sich die Sphäre mit einem betörenden Gesang bis man herabgerissen wird von der Black-Metal-Raserei. Diese wird beibehalten, nur immer wieder unterbrochen von groovigen Midtempo Parts. Die Riffs der langsamen Zwischenspiele sind wahrhaft melodisch arrangiert. Kommen wir zu dem, was mich am meisten gefreut hat: Es wird wieder gekeift, was das Zeug hält. Da denkt man an Demo-Zeiten der Band zurück. Das Gekeife in Kombination mit dem Klargesang ist einfach einzigartig. Alleine das Ende des Stücks könnte ich mir mehrere Stunden in Dauerschleife anhören. Atmosphärischer, pfeilschneller Black Metal in Perfektion! Das bereits als Single ausgekoppelte „Protection“ belegt eindeutig, das Alcest wieder einen härteren Ton anschlagen (was ihnen übrigens exzellent steht). Sehr wuchtig und hochmelodisch offenbart uns Neige hier seine düstersten Gedanken in Form von purer, schroffer Erhabenheit. Der für mich beste Song des Albums „Sapphire“ hat es vermocht, mir eine fünf Minuten andauernde Gänsehaut zu verpassen. Es wird wirklich alles in ihm vereint, wofür man diese Formation lieben muss: Eindringlicher Gesang, der schon fast nach Chören klingt, und die hoffnungslose und doch nicht ganz hoffnungslose Stimmung. Schließt mal ab Minute 4:10 eure Augen und lehnt euch zurück. Kaum Luft zum Verschnaufen! „L´ile de mort“ beginnt mit einem mordsmäßig stampfenden, vertrackt progressiven Part, der sich über das ganze Stück erstreckt. Diese Progressivität hatte man zuvor selten von ihnen vernommen. Der Mittelpart im Übrigen ist der gelungenste Knüppelpart, den ich in den letzten Jahren gehört habe. Diese von Resignation getriebenen Screams lassen mein Herz vor Freude bluten. „Le miroir“ versöhnt diejenigen, die die mittlere Phase der Franzosen bevorzugen. Viel Shoegaze, Epik und das alles mehr oder minder akustisch. Fast wie Balsam auf der Seele eben. Das titelgebende „Spiritual instinct“ am Ende des Albums klingt sehr kämpferisch. Man hat das Gefühl ein Licht zu sehen und alles dafür tun zu wollen, um an dieses zu gelangen. Die Gitarren überlappen sich und prassen ohne Filter auf den Hörer ein, und der Gesang ist so inbrünstig und mächtig.

Fazit: Was bitte soll jetzt noch von Alcest kommen? Diese Band schafft es von Album zu Album immer besser zu werden. Es ist in meinen Augen unmöglich noch eine Schippe draufzulegen. Aber warten wir es ab! Diese Veröffentlichung jedoch ist die Perfektion in Form von Noten. Episch, melancholisch, kämpferisch, verzweifelt und doch wieder positiv. Ein Spiel mit den Empfindungen (wenn man sich darauf einlässt), das ich so selten gehört habe. Super ist auch die Produktion (die Vorgänger waren auch gut produziert), die vom neuen Label Nuclear Blast sicherlich positiv beeinflusst war. Es fallen mir tatsächlich wenig vergleichbare Bands ein, also verlasst euch ruhig auf mein Urteil: Kaufen! Wer mag auch als Vinyl, wie ich.

Alcest: Spiritual Instinct
Nuclear Blast, Vö. 25.10.2019
16,99 € CD: https://www.nuclearblast.de/de/produkte/tontraeger/cd/cd-digi/alcest-spiritual-instinct.html
22,99 € Vinyl: https://www.nuclearblast.de/de/produkte/tontraeger/vinyl/lp/alcest-spiritual-instinct-black-vinyl.html

Tracklist
1 Les jardins de minuit
2 Protection
3 Sapphire
4 L´ile de morts
5 Le miroir
6 Spiritual instinct

Band: https://www.youtube.com/watch?v=69fnUZhV8SI

Facebook: https://www.facebook.com/alcest.official  

 

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