Dreampop mit Eruptionen

CHIVVY_AlbumCHIVVY – das ist ein Trio aus dem schwedischen Göteborg, das nach drei Singles mit dieser selbstbetitelten Scheibe sein erstes Album vorlegt. Erfahrung haben die drei schon als The Tape gesammelt und 2015 die EP Winter Cave veröffentlicht. Jetzt hat man den Sound ein wenig erweitert – vom reinen Indie-Dreampop hin zu mehr Bombast, mehr Elektronik, auch wenn der träumerische Ansatz bleibt – und beim schwedischen Label Novoton angedockt. Novoton ist übrigens eine hervorragende Adresse für alle, die das Besondere suchen, It’s for us und Memoria sind dort zum Beispiel unter Vertrag, Katharina Nuttall, aber auch ruhigere und schwer einzuordnende Sachen. Besondere Acts eben.
Die ersten drei Singles von CHIVVY haben in erweiterten Indie-Kreisen schon Aufmerksamkeit erregt, und ich bin jetzt sehr gespannt auf das vollständige Album.
Alexandra Tortosa, Ester Ingrid Sophia Hilmersson und Amorina Ahlsell spielen verträumten, oft zurückgenommenen, oft auch richtig bombastisch aufspielenden Dreampop, der Referenzen an alte Heldinnen wie Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins oder Siouxsie aufweist, daraus aber etwas Modernes macht. Nicht richtig Gothic, aber auch kein Pop. Mit Indie-Anleihen, aber vor allem ganz viel CHIVVY. Schon der erste Song „Deeper blue“ – die dritte ausgekoppelte Single – zeigt perfekt, wofür CHIVVY stehen: zarte, sphärische Töne, mal zurückgenommener, mal ausufernder, mit wunderschönem Gesang. Leider konnte ich nicht herausfinden, wer bei CHIVVY für was zuständig ist, daher gehe ich hier von einer ineinander verwobenen Gemeinschaftsarbeit aus. Auf jeden Fall will man nach „Deeper blue“ sofort mehr hören. Der Begleittext zum Video sagt: „Deeper blue is a song about looking back on something that has been lost. The relationship that never became, the plans that never became or the dreams that no longer exist. It is a nostalgia trip to something that one misses and tried to save, but which may never have been meant for you.“ Ein Song über Verluste, über das, was man nie bekommen oder erreicht hat, und um das man trauert. Wer kann das nicht nachfühlen. „In control“ – die zweite Single – baut sich etwas dramatischer und melancholischer auf und ist definitiv auch für Postpunk-Liebhaber beide Ohren wert, schon allein durch die markante Bassline am Anfang. Mein erster großer Ohrwurm der Platte, der genau die richtige Mischung aus Freude und ein bißchen Traurigkeit auslöst. Ein intensiver, abwechslungsreicher Song! Melatonin braucht unser Körper für einen gesunden Schlafrhythmus und um gut schlafen zu können. Das trifft auf den gleichnamigen nächsten Song allerdings nicht zu, denn einschläfernd ist hier gar nichts. Der zarte und trotzdem eindringliche Gesang lockt einen in den Song, der sich zu einer großen, sich aufbäumenden Soundlandschaft entwickelt. Muss man öfter anhören, und es lohnt sich.
„Red water“ – die erste Single – handelt laut YouTube-Text von Gefangenschaft und Flucht, ein Song voller Stärke, aber auch Verzweiflung. Musikalisch zurückgenommen, langsam, hier liegt der Fokus eindeutig auf den Lyrics. Auch hier lohnt sich das genaue Zuhören. „Coexist“ nimmt sogar noch mehr das Tempo raus, die Lyrics sind noch deutlicher zu verstehen, „It’s time to find a way to coexist“ – das lässt sich auf so vieles beziehen, und ja, es ist wirklich Zeit dafür. Die mächtige Soundlandschaft in der zweiten Songhälfte unterstreicht die Wichtigkeit doppelt. „Horrifying natural“ schleicht sich langsam, aber unerbittlich in die Gehörgänge ein. Der Text ist leider nicht gut zu verstehen, doch der betont süßlich gehauchte Songtitel „Horrifying natural“ jagt einem einen Schauder nach dem anderen über der Rücken, und man kann sich ausrechnen, dass hinter der lieblichen Fassade ein hartes Thema steckt. Auch „Fiction“ ist sehr viel härter, als die nette Melodie zuerst vermuten lässt. „Love me, I want you to love me“ verströmt Trauer und Bedauern, die musikalische Untermalung spiegelt den Aufruhr der Gefühle, das innere Chaos wieder. Puh. Das anschließende „Smile“ beginnt mit der wiederholten Aussage „I don’t belong“, führt das Motiv der Einsamkeit also weiter und verdichtet es noch. Man möchte sofort ganz dringend jemand in den Arm nehmen – oder selbst in den Arm genommen werden. Auch hier darf man sich nicht von wunderschönen Melodien und zartem Gesang täuschen lassen, es geht richtig zur Sache.
„WHY“ stellt die zentrale Frage: „What happened to us?“ Verzweifelt herausgerufen, der Schmerz ist hörbar, die Gitarrenläufe aufgewühlt, die Sängerin zeigt, was ihre Stimme kann, legt so viele Emotionen hinein, dass man hier auch ohne den Text versteht, worum es geht. „React“ schließt das Album kämpferisch und in Aufbruchstimmung ab: „What are we waiting for? We have to react!“, skandieren alle drei CHIVVYs am Ende, und nach den vielen schweren Emotionen, die bisher verarbeitet wurden (in zauberhafte Musik verpackt), tut dieser Aufruf sehr gut. Natürlich entspringt auch er der Frustration und Wut über Zustände, aber der Wille, etwas zu tun, zu reagieren, ist da, und das ist wichtig. Also, worauf warten wir noch?

Ich bin ja bekanntermaßen ein großer Fan von Bands aus Skandinavien, wo es in quasi jedem Genre unzählige Perlen gibt, und besonders viele Neuentdeckungen und neue Lieblingsbands gab es für mich in den letzten Jahren bei schwedischen Labels aus dem Gothic-, Synth/Electro- und Indiebereich. CHIVVY machen hier keine Ausnahme. Obwohl ich sonst nur selten Zugang zu Dreampop und anderer sphärisch-verträumter Musik finde, haben mich CHIVVY mit ihrer Eindringlichkeit, ihrer mal unter der Musik verborgenen, mal durch die Musik ausbrechenden Emotionsvielfalt und vor allem der beeindruckenden Stimme der Sängerin sofort in ihren Bann gezogen. Die Lieder unterscheiden sich musikalisch nicht so arg voneinander, was in diesem Fall zum Gesamtbild passt, man wird einfach hineingezogen und mitgerissen, die Songs bilden eine Einheit. Dem Trio ist es gelungen, verschiedene Referenzen – mir fällt zum Beispiel noch Austra ein, auch wenn deren Sound elektronischer und oft auch tanzbarer ist, aber das Grundgefühl hat mich stark an die Kanadierin erinnert – zu etwas ganz Eigenem zu verschmelzen, das all diejenigen ansprechen könnte, die sich zwischen Gothic, Postpunk, Indie und einfach schöner Musik bewegen. CHIVVY klingt ausgesprochen fast wie „shivers“, und ich hatte mehrmals beim Hören Gänsehaut und Schauder über dem Rücken.

Anspieltipp: In control, Deeper blue, Smile

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CHIVVY: Chivvy
Novoton, 07.05.21
Länge: 39 Min.
Kaufen: Auf der Bandcamp-Seite – 70 SEK für die digitale Variante (etwa 7 €), 155 SEK für die CD, 195 SEK für Vinyl

Tracklist:
1. Deeper blue
2. In control
3. Melatonin
4. Red water
5. Coexist
6. Horrifying natural
7. Fiction
8. Smile
9. WHY
10. React

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