I’m glad we’re not what you want us to be

Die 2014 gegründete mysteriöse Band (DOLCH) ist mit Sicherheit noch immer ein Untergrund-Phänomen, auch wenn die Tour 2017 zusammen mit The Ruins of Beverast und King Dude für mehr Bekanntheit gesorgt haben dürfte. Die Musiker halten ihre Identität geheim, es gibt noch nicht einmal eine Facebook-Seite. Nach den von Ván Records wiederveröffentlichten Demos I&II und der EP III: Songs of Happiness … Words of Praise ist mittlerweile das offizielle Debütalbum Feuer erschienen, das als Auftakt einer Trilogie mit Nacht und Tod angekündigt worden ist. Zumindest die Produzenten sind keine Unbekannten: Michael Zech (Secrets of the Moon) und V. Santura (Dark Fortress, Triptykon), was naturgemäß eine gewisse Nähe zu Black Metal impliziert.

Sinnigerweise beginnt Feuer mit „Burn“, doch von Black Metal sind wir hier musikalisch weit entfernt. Mit tiefen, gediegenen Klängen beginnt das Stück, und als in breiter Front die eigentlichen Instrumente einsetzen, bleiben sie doch hinter der weiblichen Stimme zurück. Die frühen Faith and the Muse kommen mir direkt in den Sinn oder gar Strange Boutique, einerseits von der musikalischen Stimmung her, andererseits weil die Stimmfarbe ähnlich ist wie bei Monica Richards. Mit leisen Sprachsamples empfängt „Halo (Afraid of the Sun)“ den Hörer, und wechselt in der Folge zwischen ruhigen und lauten Passagen. Die Saitenfraktion bekommt hier deutlich mehr Wucht, und ansatzweise sind richtige Riffs auszumachen. Die ätherische Atmosphäre wird aber insgesamt aufrechterhalten. Blitzt in der Anfangssequenz von „A Funeral Song“ etwa „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf? Zum Titel würde es jedenfalls passen. Doom wird hier mit Ambient angereichert, überhaupt kommt es zu einigen Experimenten im Sound wie Kehlgesang, der Einsatz einer Violine und Klängen, die mich an Kirchenglocken erinnern.
„I’m glad we’re not what you want us to be“, mit diesem repetitiven Sample wird „A Love Song“ quasi vollständig dominiert, und abgerundet wird das Ganze mit sich überlagernden Noise-Strukturen und (Black) Metal-Riffing. Wem das zu anstrengend ist, bietet „Psalm 7“ im Anschluss akustische Erholung, der wohl am ehesten zugängliche Song auf Feuer. Wie zähflüssige Lava wirkt das Doom-Grundgerüst, über dem wieder der betörende Gesang schwebt, der die Zeit vergessen lassen kann. Da steckt sicherlich eine Spur Dead Can Dance drin, oder vielleicht auch The Moon lay hidden beneath a Cloud. Das fast zehnminütige „Mahnmal“ wiederum überrascht mit schamanenartigen Gesängen, und auch die Drums dazu haben etwas Rituelles. Doch sobald man in Trance zu verfallen droht, reißen die Gitarren einen mit einer kurzen Lärmattacke wieder heraus. Auch „Feuer“ hat diese beinahe meditative Wirkung, egal ob das jetzt Post Rock, Post Industrial oder eben einfach nur (DOLCH) ist, zu dem der Kopf langsam rhythmisch nickt.

Fazit: „I’m glad we’re not what you want us to be“. Dieses Sample fasst meiner Meinung nach das Werk von (DOLCH) ganz gut zusammen, und damit auch das hier vorliegende Debütalbum Feuer. Die Entwicklung von I&II über III hinweg zu Feuer ist nachvollziehbar, aber nie vorhersehbar, da (DOLCH) ein sehr breites Einflussspektrum verarbeiteten, von dem das meiste nicht offensichtlich an die Oberfläche durchdringt. So entziehen sie sich ebenso von irgendwelchen Erwartungshaltungen wie allen gängigen Kategorien. Näherungsweise möchte ich Post Doom Ambient Wave als Beschreibung heranziehen, und damit lässt sich erahnen, wie obskur die Musik ist. Hier müssen sich alle Hörer selbst ein Bild machen. Mir persönlich geht es dabei wie mit Urfaust: Während der Sound mich live in andere Sphären beamt, kann mich das Album allein nicht richtig abholen.

Anspieltipps: Psalm 7
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

(DOLCH) – Feuer
Ván Records + Totenmusik, Vö. 22.11.2019
MP3 6,00 € erhältlich über Bandcamp, CD 13,00 €, LP 21,00 € erhältlich über Ván Records
Homepage: http://dolch-band.com/
https://dolch.bandcamp.com/
https://www.van-records.de/
http://totenmusik.com/

Tracklist:
01 Burn
02 Halo (afraid of the Sun)
03 A Funeral Song
04 A Love Song
05 Psalm 7
06 Mahnmal
07 Feuer

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