CD: Eliot Sumner – Information

I blame Gordon

Vergleiche mit ihrem Vater Sting (im bürgerlichen Leben Gordon Sumner) hört sie nicht gern, daher mache ich es kurz: Die Stimme und das musikalische Talent hat Eliot Sumner in die Wiege gelegt bekommen. Ihren eigenen Stil musste sie sich selbst über Jahre erarbeiten. 2010 erschien unter dem Namen I blame Coco das erste Album The Constant. Interviews von damals zeigen ein schüchternes, sich in der femininen Schminke und Frisur und der ganzen Situation sichtlich unwohl fühlendes junges Mädchen.
Jetzt, obwohl immer noch schüchtern, scheint Eliot ihren Stil gefunden zu haben: Am liebsten in schwarzem T-Shirt und Shorts, die langen Haare hinter die Ohren geklemmt, ohne Make-Up, beweist Eliot Sumner an Bass und Mikrofon eine außerordentliche Bühnenpräsenz (z. B. im Oktober 2015 im Münchner „STROM“) und Ausstrahlung. Ein Musterbeispiel für „Gender Fluidity“. Ein Coming Out hatte die mit dem österreichischen Model Lucie von Alten liierte 25-jährige nie – das war nicht notwendig. Sie selbst und ihre Familie wussten schon immer Bescheid.

Aber zurück zum wirklich wichtigen Thema, der Musik.

Information ist insgesamt geprägt von dichten, düster-atmosphärischen Arrangements mit viel Synthesizer. Dazu kommt Eliot Sumners prägnante, eindringliche und sehr präzise eingesetzte tiefe Stimme, die auch live ein absoluter Genuss ist. Beim Hören bleibe ich immer erstmal beim ersten Track hängen – „Dead Arms and dead Legs“ nimmt mich mit einem anfangs minimalistisch scheinenden Arrangement, das sich im Laufe des Songs immer weiter steigert und verdichtet, gefangen. Der Refrain ist auf un-poppige Weise eingängig und bleibt vor allem in seiner später mehrstimmigen Form tagelang im Ohr.

Eliot Sumner Information coverDirekt in die 80er katapultiert einen das Intro des Titeltracks „Information“. Ein Feuerwerk aus Schlagzeug und Synthesizer, in dem es um die einzig wichtige Information in der Datenflut geht: „I need to know you’re thinking of me, I need to know you’re there, I need the information now, I got to know you care“. Weiter geht es im nächsten Track mit zunächst kryptischen Computersounds, die sich nach einigen Sekunden aber in ein einzigartiges Arrangement einfügen. Und wieder: diese Stimme. „Let my Love lie on your Life“ kommt fast schon optimistisch-poppig daher.

„After Dark“ schaltet wieder einen Gang zurück, eingängig, mit geradlinigem Schlagzeugbeat. Dafür geht „Halfway to Hell“ in die Vollen: Der Track beginnt mit einem Glamrock-Intro aus Schlagzeug und Gitarre, das eines Gary Glitter oder einer Suzi Quatro würdig wäre. Auch der Rest des Songs ist rockig, aber eher in der Art eines Marilyn Manson. Das treibende Schlagzeug darf bei „I followed you home“ gleich weitermachen, während der Strophen nur von Eliot Sumners Bass begleitet, im Refrain setzt dann wieder der Synthie ein.

Etwas fröhlich-poppiger geht es weiter bei „What Good could ever come of This“, obwohl der Inhalt, wie schon der Titel zeigt, eher nachdenklich ist. Auch hinter „Come Friday“ vermutet man zunächst eine optimistische Wochenend-Hymne, bis man sich mal den Songtext durchliest …
Bei „Firewood“ fühlt man sich dann doch gelegentlich an The Police erinnert. „Say anything you want“ hat eher Singer-Songwriter-Anklänge, es ist der einzige Track, in dem eine Akustikgitarre im Vordergrund steht.

Damit ist es bei „Species“ gleich wieder vorbei – das Arrangement wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film, der Text zunächst auch. Eine kritische Auseinandersetzung mit Schubladendenken und Gender-Normen regt zum Nachdenken an. Als Gegensatz dazu bietet „In real Life“ einen poppigen Up-Tempo-Song zum Abschluss.

Nicht alle Songs auf dem Album bleiben gleichermaßen im Kopf hängen wie „Dead Arms and dead Legs“ und „Come Friday“, insgesamt sind die Arrangements aber stimmig und vielschichtig, und beim Hören mit Kopfhörern zeigt sich viel Liebe zum Detail (z. B. Stereo-Effekte und um einen herum wandernde Geräusche). Da ich auch live von Eliot Sumner begeistert war, bin ich auf jeden Fall gespannt, was wir von ihr in den nächsten Jahren noch zu hören bekommen!

Eliot Sumner – Information
Island Records, VÖ: 22. Januar 2016
ab 9,19 € erhältlich als CD, mp3 oder Vinyl

Tracks:
Dead Arms and dead Legs
Information
Let my Love lie on your Life
After Dark
Halfway to Hell
I followed you home
What Good could ever come Of This
Come Friday
Firewood
Say Anything You Want
Species
In Real Life

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