CD: Lindy-Fay Hella: Seafarer

Ein nordischer Engel

Lindy-Fay_CoverMeer, Felsen, Brandung, Gischt, eine kaum erkennbare Gestalt, über ihr ein Halbkreis aus Ästen, fast als wolle sie in eine andere Welt eintreten. Das ist das Cover und auch das Thema des Silberlings. Lindy-Fay Hella, bislang Sängerin der norwegischen Ambient-Folk-Formation Wardruna – allen spätestens seit der Serie „Vikings“ durch das wunderbare Titellied bekannt – wollte Neues ausprobieren. Seafarer ist ihr Debütalbum, und es befasst sich mit der Anderswelt, einer anderen Welt als der bekannten. 2017 hat Hella mit den Aufnahmen begonnen, anfangs alleine, dann kamen nach und nach Mitmusiker dazu, zuerst Herbrand Larsen, dann ihr Cousin Ingolf Hella Torgersen, und später wurden es immer mehr. Kristian Gaahl Espedal beispielsweise hat gesanglich unterstützt. Bedingung war für die Musiker nur, sich ein Instrument auszuwählen und mitzumachen, sodass es ein schönes, rundes, passendes Gesamtkunstwerk werden könnte. Wenngleich die Musik natürlich mit Stilmitteln und verschiedenen – spannenden – Instrumenten à la Einar Selviks Projekt Wardruna ausgestattet ist, so stehen im Mittelpunkt Stimmen, Frauenchöre, Männerchöre und allen voran die engelsgleiche und doch stimmgewaltige Lindy-Fay Hella selbst.

Gleich das erste Stück, „Seafarer“, stellt eine schöne, sehnsuchtsvolle Grundstimmung her. Anfangs Lindys Stimme alleine, während im Hintergrund geraunt und dezent getrommelt wird. Ein kleiner, zarter, mehrstimmiger Engelschor dazwischen, ein etwas lauterer Trommelschlag, dann wieder Lindy alleine. Man kann sich vorstellen, wie Seefahrerfrauen sehnsuchtsvoll am kargen Strand in irgendeiner Welt nach ihren Liebsten Ausschau halten, nur die hellen Sterne über sich. Am Schluss noch ganz kurz ein harmonischer Chor gesungen von Männern, sie singen genau das gleiche wie die Frauen. Sehnen sie sich in einer Parallelwelt ebenfalls nach ihren Frauen? „Two suns“ ist ein kleines zartes Lied mit leicht orientalischem Flair, Lindys Stimme zierlich, zerbrechlich, hauchend, sich in Höhen schraubend. Ein ganz klein wenig von Tori Amos ist dabei und noch mehr von einer verspielten, leicht verrückten Björk. „Skåddo“, natürlich auch getragen von Lindys Stimme, holt sich hier Unterstützung von Männerstimmen und hat ein paar kleine, putzige, experimentell angehauchte Kate-Bush-Momente. „Bottle of sorrow“ ist mit seinen Flötenklängen eher ein Folk-Stück und klingt dadurch nicht ganz so tragisch, wie der Titel vermuten lässt, die Wikinger-Schwermut liegt aber dennoch über allem. „Nåke du finn i skogen!, anfänglich nur gehaucht, wird zum fröhlichen Lied, zu einer Art Feier. Dann setzt Gaahls kratzende Stimme ein und macht das Ganze etwas tragischer und gewichtiger, fast als würde eine Gottheit angerufen werden. Hier kommt musikalisch alles zum Einsatz, was bereitstand: Holzbläser, Schlagzeug, Stimmvariationen. „Mars“ ist ein kleines verspieltes Lied, das fast ohne jegliche Instrumentierung auskommt. „Three standing stones“ erscheint in modernem Gewand. Sicher, Trommeln, Schlagzeug wie am Wikinger-Lagerfeuer, aber Stimme, Melodie, Chöre klingen hier sehr modern, dazu coole, leicht jazzige Anleihen, als würde Jan Garbarek hier kurz vorbeisehen. „Tilarids“ und auch der nächste Song kommen letztlich ausschließlich mit nordischen Klängen aus, hypnotisierende, vielleicht etwas herbei provozieren wollende Vokalspielereien, die aber kein einziges richtiges Wort brauchen. Dies erinnert mich sehr an die frühen Alben von Mari Boine. „Horizon“, das letzte Stück, hat dieselbe Grundmelodie wie „Nåke du finn i skogen“, ist aber etwas völlig anderes geworden. Daran sieht man, dass das Konzept, die Musiker dazukommen zu lassen und sich völlig eigenständig einzubringen, gänzlich aufgegangen ist.

Das Album ist ein gefühl- und sehnsuchtsvolles, hypnotisches Stück Musik geworden, in das man viel hineininterpretieren mag, was die innere Gefühlswelt anbelangt, die Welt draußen um einen herum und die sogenannte Anderswelt, das Thema des Albums. Dieses ist nicht Rock, nicht Pop, nicht Folk, nicht Ambient oder gar Metal. Es ist, obwohl es Wardruna-Anleihen hat, ein sehr feminines, fragiles und mysteriöses kleines Kunstwerk geworden. Alles ist sehr verspielt und verlockt zum Träumen und Entspannen. Während des erstmaligen Hörens zog ich unwillkürlich Vergleiche. Höre ich da Hagalaz Runedance heraus, Myrkur, Heilung? Diese Stimmt klingt ja wie Enya, Björk, Kate Bush? Wie Stina Nordenstam, Anna Ternheim, Agnes Obel und vielleicht sogar wie Lisa Gerrard? Diese Frau mit ihrer unverwechselbaren Stimme ist schon so lange in der Musikszene, und erst jetzt gibt es ein Soloalbum, auf dem sie so richtig glänzen kann? Warum mussten wir so lange warten? Die Art von Musik und Gesang dieser ätherisch und überirdisch wirkenden Frau kann ich eigentlich nur „Heavenly Voices“ nennen, diese wunderschöne Compilation-Serie, die es damals Anfang der 1990er Jahre gab. Lindy-Fay Hella muss, wie ihr Name schon sagt, eine Fee sein! Oder zumindest ein nordischer Engel!

Anspieltipp: Seafarer

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Lindy-Fay Hella: Seafarer
Ván Records, Vö. 20.09.2019
Länge: 35 Minuten
CD: 16,99 €, MP3: 9,99 €, Vinyl: 28,39 €

Tracklist:
1. Seafarer
2. Two suns
3. Skåddo
4. Bottle of sorrow
5. Nåke Du Finn I Skogen
6. Mars
7. Three standing stones
8. Tilarids
9. Horizon

 

 

 

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