The ballad of Marianne Faithfull

Da war einst dieses blonde schöne Mädchen namens Marianne. Schon mit 17 Jahren lernte sie Mick Jagger kennen. Er ließ sie “As tears go by” singen, so rein, so schön. Leider ließ er sie fallen. Was darauf folgte war “Sister Morphine”. Die darauf folgenden Jahre waren nicht gut zu ihr. Sie verfing sich in Alkohol und Drogen, ihr wurde ihr Sohn genommen, sie lebte auf der Straße. 1979, sie war erst 33 Jahre alt und hatte schon ein ganzes Leben hinter sich, gelang ihr mit dem Album Broken English noch einmal ein Durchbruch. Das verletzliche „The ballade of Lucy Jordon“ kann einen in der entsprechenden Stimmung wirklich zu Tränen rühren. Marianne Faithfull überwand ihre Süchte, und zusätzlich zur Musikerin wurde sie zu einer anerkannten Schauspielerin. Dann kam es zu einer Zusammenarbeit mit Nick Cave und Warren Ellis und deren Musiker-Clique. Diese Leute haben sie nie mehr vergessen. She walks in beauty ist nicht erst ihre zweite Zusammenarbeit.

She walks in beauty ist Marianne Faithfulls 22. Album vor. Sie hat es aufgenommen mit Warren Ellis, u.a Mitglied von Nick Caves and the Bad Seeds. Dieser schrieb die Musik, sie rezitiert Gedichte der großen Literaten der britischen Romantik wie Lord Byron, John Keats, Percy Shelley, Lord Alfred Tennyson und William Wordsworth. Marianne Faithfull singt hier nicht, sie trägt die Gedichte gesprochen vor. Die Musik ist völlig unaufdringlich, es gibt keine richtigen Songstrukturen sondern Soundscapes, am ehesten ist es noch Ambient Musik, unterstützt von Klavier (gespielt von Nick Cave), Cello (Vincent Segal), Synthesizer (Brian Eno) und Warren Ellis (diverse Instrumente und Loops). Der Opener und Titelsong „She walks in beauty“ ist eine wunderschöne Klanglandschaft. Nach ein wenig Eingewöhnung, dass hier nur gesprochen wird, sind Klang und Stimme schnell im Einklang, nun muss man sich nur noch ein wenig konzentrieren. Möchte man mehr auf die Soundlandschaft hören oder mehr auf die Stimme? Bei Keats‘ Ode an den Herbst „To Autumn“ fällt Vincent Ségals feines Cellospiel auf, dazu gibt es noch ein Piano, das einzelne Töne wie Regentropfen einsetzt. Beim letzten fast zwölf Minuten langen Stück, der Ballade „The Lady of Shallot“ von Lord Alfred Tennyson, ist man schon so eingetaucht in die Romantik, dass die Rezitationen von Marianne Faithfull auch noch Stunden weitergehen könnten. Marianne Faithfull betont exakt und meisterlich jede Silbe, ihre rauchige Stimme steigt und fällt, immer dem Text angepasst. Lebenserfahrung spricht aus ihrer Stimme, die die jungen Dichter von damals beim Schreiben ihrer Texte noch gar nicht haben konnten. Doch auch wenn man das meinen könnte, alleine die Stimme macht das Album nicht aus. Es ist das Zusammenspiel auch mit den ausgewählten Textpassagen und den Musikern. Sie lassen Glöckchen läuten, Vögel zwitschern und Regentropfen fallen. Schön.

Was ihre Zusammenbrüche in jungen Jahren nicht geschafft haben, hätten in jüngster Zeit nun beinahe eine Krebserkrankung und zusätzlich Covid-19 geschafft. Aber Marianne Faithfull ist eine starke Frau, mit guten Freunden, starkem Willen und vielen Vorlieben, die ihr gut tun. Gedichte sind einige davon. Und die Art, wie sie diesen Leben einhaucht, ist ohnegleichen. Mal zart und verletzlich, mal jede Silbe betonend und bestimmt.

Ein bisschen so, wie das Foto am Ende des Booklets: Warren Ellis, der ewig Zeitlose, steht hinter einer sitzenden Marianne Faithfull, sie mit einem Gehstock an der Hand. Über ihnen mittig ausgerichtet ein Bild mit der Aufschrift „Eternity“.

Marianne Faithfull with Warren Ellis: She walks in beauty
BMG, Vö 30.04.2021
Musikstil: Ambient, Spoken Words
Gesamspielzeit: 46:32
CD + Mediabook
CD 17,99 Euro, Vinyl 29,99 Euro
z.B. bei JPC

Tracklist:
She walks in beauty
The bridges of sighs
La Belle Dame Sans Merci
Ode To A Nightingle
To autumn
Ozymandias
The Prelude: Book First Indroduction
Surprised by joy
To the moon
So we’ll go no more a roving
The Lady of Shallot

 
 

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