CD: New Model Army – Winter

Der Kult lebt!

New Model Army. Kult. Muß man diese Band eigentlich noch irgendwem vorstellen? Denn obwohl es nie zum ganz großen kommerziellen Durchbruch gekommen ist, sind New Model Army im Independent-Bereich nach wie vor eine feste Größe mit enormen Kult-Status. Wie bei kaum einer anderen Band hat sich schon früh in den Achtzigern eine treue Anhängerschaft gebildet, die „Family“, die Konzerte der Band „sammelt“ wie andere Briefmarken. Und bis heute wächst diese aller Besetzungswechsel zum Trotz, da immer wieder auch Menschen der jüngeren Generation diese Band für sich entdecken und, nach einer intensiven Liveerfahrung, fürs Leben angefixt sind.

Nach nun immerhin 36 Jahren Bandgeschichte präsentieren uns New Model Army NMA_WINTER_FRONT_COVERum Sänger Justin Sullivan das nach dem grandiosen Vorgängeralbum Between Dog and Wolf und dem dazugehörigen Between Wine and Blood mittlerweile 16. und heiß ersehnte neue Album Winter.
Natürlich hat die Band längst einen eigenen und etablierten musikalischen Stil, dennoch gibt es mit jedem neuen Album auch neue Facetten zu entdecken. Wie ist Winter also ausgefallen? Die CD ist auf jeden Fall wieder wunderschön und hochwertig wie ein kleines Buch gestaltet, und auch das Artwork von Joolz Denby ist wieder einmal eine Klasse für sich.

Winter beginnt sinnigerweise direkt mit „Beginning“ und startet mit einem düsteren Basslauf, begleitet von Justins ruhiger Stimme. Erst zum Refrain gesellt sich die Gitarre hinzu, und mit der zweiten Strophe setzt auch die Percussion ein, bevor der Gesang schließlich seinen Höhepunkt erreicht. Stark gemacht.
Der nächste Song geht deutlich rockiger los, um dann beim Refrain mit „Burn the Castle“ quasi zu explodieren, ähnlich wie „Here comes the War“ vom Album The Love of Hopeless Causes(1993). Pogo!
Der Titeltrack „Winter“ beginnt mit Akustikgitarre, die ein bischen an „51st State“ auf dem Album The Ghost of Cain (1986) erinnert und entwickelt sich mit dem Basslauf zu einer typischen New-Model-Army-Nummer. Das Keyboard erzeugt eine tolle Atmosphäre und sorgt mit Justins gefühlsbetonter Stimme dafür, dass es mich bei den Textzeilen „Bring me the snowfall, bring me the cold wind, bring me the winter“ tatsächlich fröstelt. Natürlich ist der kriegskritische Text allgemein zu verstehen, aber mit „Let all the sins of the past be buried in the frozen ground. Let the last of the vengeance fires die“ bereut Justin vielleicht seine alte Aussage „I believe in justice, I believe in vengeance, I believe in getting the bastard“ auf dem ersten Album Vengeance (1984).

„Part the Waters“ beschreibt den aktuellen Flüchtlingsstrom und zieht Vergleiche zu biblischen Zeiten, als Moses das Rote Meer geteilt hat, um seinem Volk die Flucht aus Ägypten zu ermöglichen. Ähnlich stehen die Menschen heute am Mittelmeer und hoffen auf eine sichere Überfahrt und eine Zukunft. Dem schwierigen Thema angemessen ist der Song eher ruhig angelegt, aber die Drums und Percussion erzeugen eine fast tribalhafte Atmosphäre, und die Gitarren wirken bisweilen recht psychedelisch.
„Eyes get used to the Darkness“ ist ein toller treibender Rocksong, der vor allem wegen der Gitarren und der Stimmung so auch auf dem Album Thunder and Consolation (1989) hätte erscheinen können. Vielleicht mein heimlicher Lieblingssong.
Dagegen ist „Drifts“ ist sehr ruhig angelegt. Von den Drums abgesehen nehmen sich die Instrumente zugunsten des Gesangs zurück, während das Keyboard für die richtige Atmosphäre sorgt. Justins Stimme kommt hier sehr intensiv rüber.
Der hymnenhafte Refrain von „Born feral“ erinnert mich an den von „Innocence“ vom AlbumImpurity (1990), aber die Drums sind absolut hypnotisch und zukunftsweisend, vor allem am Ende. Trotz des eher ruhigen Gesangs strotzt der Song vor Kraft.
„Die trying“ ist wohl der eindringlichste Track des Albums, beschreibt er doch das harte Leben der Flüchtlinge auf der Straße. Der Song beinhaltet im Prinzip nur Akustikgitarre und Gesang, aber mehr braucht es auch nicht, weil Justin mit seiner einzigartigen Stimme alles auszudrücken vermag. Der mehrstimmige Gesang beim Refrain sorgt für noch mehr Intensität. Dass mich die Gitarre eingangs an „Stupid Questions“ vom Album Thunder and Consolation(1989) erinnert, das mit „It’s not a Crime to be innocent“ beginnt, ist bestimmt kein Zufall.

Die Verlockungen von „Devil“ sind süß. Die Bassarbeit ist betörend, und die Drums/Percussions sind großartig. Die ganze Rhythmussektion erinnert mich bisweilen an Industrial-Rock, was hervorragend zu dem teilweise geflüsterten oder verzerrten Gesang passt. Vom sehr eingängigen Refrain einmal abgesehen verbreitet der Song eine sehr düstere Stimmung, vor allem im leisen Sprechgesang der letzten Strophe.
Ähnlich mystisch geht es weiter, denn „Strogoula“ besitzt eine ähnliche Grundstimmung wie „Disappeared“ vom Album Today is a good Day (2009), auch der Gesang hat eine ähnlich verzweifelte Note.
Vom Rhythmus und der Gitarrenarbeit geht „Echo November“ sofort in die Beine und regt zum Tanzen an. Der Refrain lädt schon beim ersten Hören zum Mitsingen ein. Insgesamt hätte der Song so auch auf dem Album The Ghost of Cain (1986) sein können.
„Weak and Strong“ besitzt einen treibenden Rhythmus, und nicht nur der Refrain erinnert mich an frühere New Model Army: „I was out the door before I had a chance to think ‚my god what have I done?'“ Ist eine Anspielung auf „No Rest“ vom Album No Rest for the Wicked (1985).
Winter endet schließlich mit „After something“, ein etwas ruhigerer Track, der von der Akustikgitarre dominiert wird, begleitet von Bass, Percussion, Keyboard und zweiter Gitarre. Die Lyrics sind ein bisschen kryptisch, eventuell blickt Justin Sullivan auf die Zeit zurück, in der die Band entstanden ist und die lange Zeit „on the road“ als Musiker.

Fazit: Winter ist von der Grundstimmung her wohl das bislang düsterste Album von New Model Army, das schwierige Probleme anspricht. Gleichzeitig ist es ein bärenstarkes Meisterwerk, das den auf Between Dog and Wolf eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgt und gleichzeitig aber auch eindeutig Reminiszenzen an die eigene Vergangenheit beinhaltet. Alte und jüngere Fans werden sich gleichermaßen darin wiederfinden.
Aber auch wer New Model Army nicht kennt, sollte sich schleunigst das Album besorgen und eines der Konzerte der Band im Oktober besuchen, um den Kult live zu erleben und damit Teil der „Family“ werden. Denn nicht zuletzt gilt New Model Army nach wie vor als eine der besten Livebands der Welt, von der auch wir im Webzine schon wiederholt berichtet haben. (20.10.13, 19.12.15)
Beim ersten Hören hatte ich immer wieder Gänsehaut, so stark hat mich das Album erwischt. Vor meinem inneren Auge lief dabei ein Film mit Szenen aus den zukünftigen Konzerten ab, das ist mir noch nie passiert. Ganz klar volle Punktzahl!

Ich hoffe nur, dass der Titel „Winter“ keine Analogie auf den Jahreszeitenzyklus ist, der nach Frühling, Sommer und Herbst eben mit dem Winter endet, und dass dieses Meisterwerk wohlmöglich das letzte Album in der langen Geschichte von New Model Army darstellt. Der Kult darf nicht sterben.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Anspieltipps: Burn the Castle, Winter, Die trying, Echo November (aber eigentlich kann man das Album blind kaufen)

New Model Army – Winter
Label: Earmusic (Edel), VÖ: 26.08.2016
MP3 Download 9,23 €, CD 11,55 €, LP 19,26 €, erhältlich über shop.newmodelarmy.org
Homepage: newmodelarmy.org, facebook.com/NewModelArmyOfficialjoolzdenby.co.uk/

 

Tracklist:
01 Beginning
02 Burn the Castle
03 Winter
04 Part the Waters
05 Eyes get used to the Darkness
06 Drifts
07 Born Feral
08 Die trying
09 Devil
10 Strogoula
11 Echo November
12 Weak and Strong
13 After Something

Tourdates:
30 Sept Maastricht (NL)
01 Oct Alkmaar (NL)
02 Oct Coesfeld (DE)
03 Oct Hamburg (DE) SOLD OUT!!!
04 Oct Berlin (DE)
05 Oct Leipzig (DE)
07 Oct Dresden (DE)
08 Oct Poznan (PL) VENUE CHANGED
09 Oct Prague (CZ)
11 Oct Warsaw (PL)
12 Oct Gdynia (PL)
13 Oct białystok (PL)
15 Oct Katowice (PL)
16 Oct Wrocław (PL)
17 Oct Nürnberg (DE)
18 Oct Wiesbaden (DE)
19 Oct München (DE)
20 Oct Hannover (DE)
22 Oct Stuttgart (DE)
23 Oct Luzern (CH)
24 Oct Winterthur (CH)
25 Oct Bern (CH)
26 Oct Strasbourg (FR)
28 Oct Barcelona (ES)
29 Oct Valencia (ES)
30 Oct Madrid (ES)

09 Nov Buckley (UK)
10 Nov Cambridge (UK)
11 Nov Manchester (UK)
12 Nov Leeds (UK)
13 Nov Birmingham (UK)
15 Nov Frome (UK)
16 Nov Brighton (UK)
17 Nov Reading (UK)
18 Nov Cardiff (UK)
19 Nov Exeter (UK)

10 Dec Nottingham (UK)
15 Dec London (UK)
16 Dec Paris (FR)
17 Dec Köln (DE)
18 Dec Amsterdam (NL)

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2 Antworten

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  1. […] vom richtig starken neuen Album Winter . Wer das noch nicht kennt, sollte diese Lücke mit unserer Rezension dazu schnellstens schließen. […]

  2. […] Veröffentlichung des 16. Studioalbums Winter (Link zur Review) kommen New Model Army auf der Winter-Tour auch für zwei Konzerte nach Süddeutschland, am […]

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