CD: Nicole Sabouné – Miman

Siouxsie reloaded

nicole saboune

Wenn bei uns in Deutschland jemand eine Castingshow gewinnt, dann ist das entweder jemand so belangloses, dass man am Ende schon nicht mehr weiß, wer gewonnen hat oder ein Waldschrat, der danach zu feig zum Auftreten ist, oder ein Manga-Mädchen, das man dem Eurovision Song Contest opfert, mit dem Ergebnis, dass es für unser “Schland” den letzten Platz macht.
In anderen Ländern gibt es anscheinend noch andere Möglichkeiten. In Schweden ist 2012 bei The Voice eine 20 Jahre junge Dame namens Nicole Sabouné aufgetreten und gleich mit ihrer eigenwilligen Performance und Interpretation von Kate Bushs „Running up that hill“ positiv aufgefallen. 2014 erschien ihr Debüt-Album Must exist und 2015 dann Miman. Zu uns nach Deutschland kam es erst Anfang dieses Jahres.
Wie ist sie nun, die Musik dieses ehemaligen Casting-Sternchens?
Dass das Album nicht lieblich sein wird, zeigt schon die CD-Hülle. Vorne drauf ein kleines Mädchen, hinten das gleiche Motiv nur mit blutenden Augen, innen eine Frau in Weiß, die sehr an die junge, langhaarige Madonna – als sie noch dunkelhaarig war – erinnert, und zusätzlich eine düstere Fotografie, gedoppelt, wie frisch aus dem Brunnen von The Ring entstiegen.

Miman basiert thematisch auf dem Gedicht „Aniara“ des Nobelpreisträgers Harry Martinson von 1956 und reflektiert den Weg der Menschheit zur Selbstzerstörung. Ein sehr düsteres Thema also.

Das erste Stück, „The Body“, beginnt auch gleich düster, ein Chor, der Unverständliches singt, dunkel wie Fever Ray, als möchte es sich für das Intro der neuen Vikings-Staffel bewerben. Dann wird es kurz zu Hante, bevor die Stimme einsetzt, die ganz kurz Blondie ist, bevor sie, ja, es ist so, zu Siouxsie Sioux wird. Sie ist es! Die volle Stimme, die aus dem Off kommt, zwischendurch immer der beschwörende Chor, mit dem Hante`schen „In cold water“-Beat. Mitreißend! Nichts Braves sondern skandinavisch, so wie man auch einen Kluftinger-Krimi nicht mit Wallander vergleichen kann. Genau so geht es weiter: „Right Track“ legt an Tempo zu, hier gibt es keinen Chor, aber das Gesungene wird im Hintergrund mehrstimmig wiederholt. Geigen dazu, oder was, das nach Geigen klingt zumindest, außergewöhnlich instrumentiert auf jeden Fall. Song Nummer drei, „Bleeding Faster“, beginnt wie „Venus in furs“, jeder Velvet-Underground-Fan kennt diesen schwurbeligen Anfang, den die Geigen da hinlegen. Der Titel passt sehr gut zu diesem leicht an Sado-Maso-Szenen erinnernden Track. Sind das Kinderstimmen da im Hintergrund, die verzweifelt etwas ausschreien? Das macht das Stück einzigartig und verhilft ihm zu absolutem Wiedererkennungswert. „Under Stars (for the Lovers)“ ist etwas ruhiger, nicht so verzweifelt, dennoch aber eindringlich (nun, es handelt sich immerhin um ein Liebeslied). „Lifetime“ startet fast fröhlich, ein paar locker-luftig-helle Gitarrenklänge zwischendurch, aber Nicoles Stimme gibt dem Ganzen wieder die nötige Schwere – bis die Woohoo-Chöre am Ende einsetzen: eindeutig Gruselfilmmusik! „Rip this world“ wird nahezu mittelalterlich eingeführt, dann wird es aber zum klassischsten Musikstück des ganzen Albums. Und wieder diese Siouxsie-and-the-Banshees-Stimme! Ich schaudere vor Wohlwollen. „We are no losers“, absolut Cold Wave, Post Punk, Hante-Sound. Beim vorletzten Song schaut dann doch Kate Bush vorbei. Es ist eindeutig, diese Nicole Sabouné hat eine fantastische Stimme, so ein Klangvolumen, eine Ausdrucksstärke, einen Variantenreichtum, eine Verspieltheit. Bei „Withdraw“ könnte man wirklich denken, Kate Bush hätte es eingesungen. Sie hatte ja in ihren frühen Alben auch diese Lust am Spielen, die sich auch in ihren kleinen, schauspielerisch hochkarätig besetzten Videoclips niedergeschlagen hat. Als letzten Song hat sich Nicole Madonnas „Frozen“ aufgehoben. Es ist eine eigenwillige, gothige, new-wavige Interpretation des Songs, bei der man erneut sieht: Die Dame hat stimmlich gewaltig was drauf, der Sound ist toll.

Auf dieses Album bin ich rein zufällig gestoßen. Als ich Vergleiche zu Siouxsie and the Banshees, Dead Can Dance, Anna von Hausswolff, PJ Harvey und andere Helden von mir gelesen habe, WOLLTE ich so sehr, dass es mir gefällt. Das junge Talent und ihr zweites Album haben es mir aber leicht gemacht. Es GEFÄLLT mir. Sehr.

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Nicole Sabouné: Miman
Century Media Records (Sony Music), 6. Januar 2017
CD 13,99 €, MP3 8,09 €

Tracklist:
1 The body
2 Right track
3 Bleeding faster
4 Under stars (for the lovers)
5 Lifetime
6 Rip this world
7 We are no losers
8 Withdraw
9 Frozen

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