Nicht was es einmal war

nightwish-human-nature-coverFünf Jahre haben sich Nightwish Zeit gelassen seit ihrem letzten Album Endless Forms Most Beautiful, das das Debüt von Floor Jansen mit der Band darstellte. In dieser Zeit hat sich die Band auch von Gründungsmitglied und Drummer Jukka Nevalainen verabschiedet, der aus gesundheitlichen Gründen endgültig die Drumsticks weitergegeben hat. Desweiteren kündigte Bandkopf Tuomas Holopainen an, dass er plante, für das neue Album „einen anderen Gebrauch des Orchesters“ zu machen. Einige Veränderungen also, und hier ist es nun, das neue Werk Human. :||: Nature. – aber ist „anders“ auch „gut“? Einen kurzen Einblick hat euch torshammare in ihrem Interview mit Listening Session gegebem – hier nun meine Gedanken zu Human. :||: Nature.

Human. :||: Nature. beginnt atmosphärisch mit „Music“, in dessen Intro ein Schnelldurchlauf der Entwicklung der Musik gegeben wird – von purem Geräusch über Trommeln zu mehrschichtigen Instrumenten und komplexerem Klang. So weit, so gut. Die Gesangsmelodie ist für Nightwish allerdings ungewöhnlich unsanglich. Komplex, mit viel Bewegung und vielen, großen Sprüngen, die Floor zwar (zumindest im Studio) sauber und mit scheinbarer Leichtigkeit meistert, aber die Melodie klingt einfach nicht, als wäre sie für Gesang komponiert. Der Refrain ist plakativ, nichts was mir langfristig im Ohr bleibt, aber instrumentale Zwischenteile rufen Erinnerungen an Wishmaster und Century Child zurück. Auch „Noise“, die erste Singleauskopplung des Albums, zeichnet sich wieder durch diese unsangliche Gesangsmelodie aus, für die ich Floor zwar bewundere, die aber einfach nicht im Ohr bleiben will. Textlich ist „Noise“ eine Kritik an der Welt des Internets und der Sozialen Medien. An sich ein legitimes Thema, aber es wird dem Hörer für meinen Geschmack ein bisschen zu offensichtlich unter die Nase gerieben.
„Shoemaker“ ist für mich das erste Highlight auf Human. :||: Nature., trotz der Gesangsmelodie, die wieder danach klingt als wollte sie eigentlich ein Klavierpart werden. Gitarre und Schlagzeug mit ihren treibenden stakkato Riffs, rhythmische Wechsel und der Kontrast zwischen Strophe und Refrain machen das Stück interessant, vermeiden Langeweile und werden von einem epischen Finale aufgelöst, der Floor an die Grenzen ihres (ziemlich stattlichen) Tonumfanges bringt. Jenes epische Finale führt dann leider zum nächsten Track, „Harvest“, der anfängt wie eine billige Imitation von Benny Goodman’s „Sing Sing Sing“, nur dass Benny Goodman mit seiner Klarinette mehr Metal war. „Harvest“ klingt im besten Fall wie ein schlechter Disney Song und im schlimmsten Fall wie Christen-Pop, den man bei amerikanischen Televangelisten hört, mit allem Drum und Dran von A Capella Refrain bis Happy-Klatschen. Immerhin gibt es einen folkigen Mittelteil, der schon eher an frühere Songs erinnert und „Harvest“ ein bisschen rettet.
„Pan“ beginnt mit einem Intro das endlich wieder „echt Nightwish“ klingt, obwohl der Chor im Hintergrund so leise abgemischt ist, dass er im Grunde überflüssig wird. Textlich ist es offenbar unter anderem inspiriert von Pan’s Labyrinth, allerdings klingt der Text zuweilen holprig auf der Melodie, und das Stück dümpelt gegen Ende etwas vor sich hin. „How’s the Heart“ ist ein Lied, das relativ unbeeindruckend an mir vorbei zieht. Es ist ein bisschen poppig, repetitiv, mit einem weiteren schmalzigen a-capella-Teil am Ende, aber es enthält muskalisch wenig Nennenswertes. Ein niedliches Detail ist jedoch, dass einige Zeilen des Textes wohl Floor und ihrer Familie gewidmet sind – geschickt verpackt in einer Anspielung auf „Elan“ vom letzten Album.
„Procession“ beginnt mysteriös nur mit Gesang und einigen sphärischen Synthie-Sounds, baut langsam Kraft auf, doch gerade als man erwartet, jetzt mit vollem Bandeinsatz weggeblasen zu werden, fährt es wieder zurück in ein atmosphärisches Instrumental. Es ist ein Ruhepunkt im Album, aber nicht langweilig, spielt geschickt mit Erwartungen und bildet eine nette thematische Verbindung zum Vorgängeralbum.
Der erste Teil von Human. :||: Nature. neigt sich dem Ende entgegen, doch erst hören wir noch „Tribal“. Der clevere Einsatz von stark akzentuiertem Schlagzeug und ungewohnten Skalen verleiht dem Stück einen rohen und exotischen Charakter, insbesondere im instrumentalen Zwischenteil. Ob ich mir das ständig anhören möchte ist eine Sache, aber zumindest ist es interessant und gut gemacht. Der „Human“ Teil von Human. :||: Nature. schließt mit „Endlessness“, dessen Strophe schon wieder eine Melodie hat, die einfach nicht klingt, als wollte sie gesungen werden, aber zum Glück nimmt sich Bassist Marco genug Freiheiten, um sie ansprechend zu gestalten. Alles in Allem zieht es sich leider, vor allem durch den Refrain, der mit langen Noten in der Melodie versucht, epischer zu klingen, als er eigentlich ist.

Der zweite Teil des Albums, obwohl in einzelne Stücke unterteilt, ist meiner Meinung nach eher als Gesamtwerk zu betrachten. Er ist hauptsächlich orchestral gehalten, mit einigen eingesprochenen Passagen und Chor. Im Allgemeinen liegt der Schwerpunkt allerdings sehr auf dem Klangteppich, Momente mit komplex verwobenem Zwischenspiel verschiedener Instrumente sind selten. Dadurch wird der gesamte zweite Teil mit ein paar Ausnahmen zu einem einheitlichen Hintergrundgeräusch, bei dem man nur selten aufhorcht, abgesehen von ein paar wunderbaren Solomomenten im Cello. Das große Finale „Ad Astra“ ist musikalisch fantastisch, enthält endlich die Komplexität und die kunstvoll verwobenen Instrumentalparts, die mir auf dem Rest des Albums so fehlen. Die Sprecherin erzählt mit Würde und Gravitas, auch wenn der Text mir persönlich wieder etwas zu sehr unter die Nase gerieben wird, aber die Stimmung ist atmosphärisch und passend.

Bis auf zwei, drei Stücke ist Human. :||: Nature. für mich eine Enttäuschung. Es ist plakativ – wo es subtil sein sollte, naiv – wo es weise sein sollte und wirkt allgemein unrund und lieblos.
Nightwish’s Melodien waren nie simpel und immer eine gesangliche Herausforderung, aber sie waren zumindest immer eindeutig geschrieben, um gesungen zu werden. Viele Stücke auf Human. :||: Nature. klingen dagegen wie Klavier-Demos, an denen einfach nicht mehr weiter gefeilt wurde. Das gilt nicht nur für die Gesangsparts, auch Gitarre und Orchester spielen überwiegend generische Harmoniefolgen, insbesondere während der Refrains, die lieblos und ohne große Finesse unter die Melodie geklatscht klingen. Ich habe nichts gegen simple, manchmal sogar „poppige“ Harmonien, aber ein Stück muss sich durch irgendetwas Besonderes auszeichnen, und dieses gewisse Etwas fehlt leider viel zu oft auf den Stücken von Human. :||: Nature. Orchester und Chor sind auf der ersten Hälfte des Albums quasi überflüssig, weil sie nicht nur vollständig in den Hintergrund gemischt wurden, sondern auch kompositorisch einfach irrelevant sind. Wenn 60 Streicher und Bläser das ganze Stück lang dasselbe spielen, hätte man sie auch einfach durch ein virtuelles Orchester ersetzen können. Selbst auf der zweiten Hälfte, die quasi nur Orchesterstücke enthält, hat man oft den Eindruck, dass man einen mäßig aufregenden Hans Zimmer-Soundtrack hört statt eines eigenständigen Albums.

Was mich bei all dem am meisten ärgert, dass Nightwish das besser können. Sie schafften auf früheren Alben die perfekte, gleichberechtigte Vereinigung von Band und Orchester, mit komplexen, aber gesanglichen Parts und tiefgründigen, manchmal nahezu kryptischen Texten. Genau diese Aspekte waren in der Vergangenheit das, was sie vom größten Teil der restlichen Bands im Symphonic Metal Genre abgehoben hat. Natürlich will und soll sich eine Band auch weiter entwickeln, aber für mich haben Nightwish dabei sämtliche Stärken ihrer alten Werke aufgegeben. Human. :||: Nature. ist für sich genommen ein sauber produziertes, anständig gemachtes Album, aber sticht durch nichts Besonderes mehr aus dem Einheitsbrei des Symphonic Metal heraus.

Anspieltips: Shoemaker, Tribal, Procession

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Nightwish: Human. :||: Nature.
Nuclear Blast Records, Vö. 10.04.2020
9,99 € – 34,99 € je nach Anbieter und Medium
Nuclear Blast

Tracklist:

CD1
1. Music
2. Noise
3. Shoemaker
4. Harvest
5. Pan
6. How’s the heart?
7. Procession
8. Tribal
9. Endlessness

CD2:
1. All the works of nature which adorn the world – Vista
2. All the works of nature which adorn the world – The blue
3. All the works of nature which adorn the world – The green
4. All the works of nature which adorn the world – Moors
5. All the works of nature which adorn the world – Aurorae
6. All the works of nature which adorn the world – Quiet as the snow
7. All the works of nature which adorn the world – Anthropocene (incl. „Hurrian hymn to Nikkal“)
8. All the works of nature which adorn the world – Ad astra

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